Pakt mit dem Feuer

An dem alten Kamin in meinem alten Haus hab ich viel Freude. Das Feuer – meist verbrenne ich Kiefernholz aus den benachbarten Wäldern – ist ein Hingucker und bietet mit Flammenmustern, Glut-Teppichen und changierenden Funkenbildern auf dem Russ an der Wand der Kaminkammer so viel Abwechslung, dass ich aufs Fernsehen leicht verzichten kann, zumal es in den Flammen auch knistert und knackt oder flüstert. Schornsteinfeger und andere Fachleute versuchen, mir das Kaminfeuer auszureden. Der Heizwert sei minimal, die Feinstaubbelastung der Umwelt enorm, sagen sie. Wenn es ein passendes Verbot gäbe, würden sie mir das Feuer verbieten, in dessen wohltuenden Wärmestrahlen ich mich suhle, zumal im Winter, nach einem Gang draussen durch den eisigen Wind. In seiner auf Kniehöhe in die Wand gemauerten Kaminkammer haust es wie ein Tier in seinem Käfig. Ein wildes Tier, – es ist ja der letzte Rest authentischer Wildheit, der in den Wohnungen einiger Glücklicher noch gestattet ist. Zu diesen gehöre ich, weil ich vor einem Dutzend Jahren bereit war, in einem 250 Jahre alten Haus zu wohnen, .

Kinder beobachten das Verbrennen der Holzscheite in den Flammen mit Ausdauer. Meist wollen sie Holz nachlegen, und die Art und Weise, wie sie das tun, sagt einiges über ihre Art, in der Welt zu sein: Vorsichtig, zögerlich, oder beherzt zupackend. Manchen ist die Flamme nicht geheuer, und sie füttern sie wie ein wildes Tier, das nach dem Holzscheit schnappen könnte, das sie aus sicherer Entfernung in den Kamin werfen. Andere gehen tastend versuchend vor, sie ergänzen den Scheiterhaufen mit einem neuen Scheit so, dass die Flamme gleich darauf übergreifen kann. Zwei zehnjährige Jungen verbringen einen Teil des Abends damit, einen Haufen Anmachholz Stab für Stab in das Feuer zu füttern – fasziniert von der der Verwandlung des Holzes in Licht und Wärme, studieren sie den Umgang mit diesem gefährlich wilden Wesen und ergötzen sich an dessen Reaktionen. Die meisten Kinder sind begierig zu lernen, wie man Papier und Stöckchen und Scheite so aufstapelt, dass das Feuer rasch brennt. Sie vernehmen den Anspruch in dem Satz „Ich kann Feuer machen“. Anscheinend taucht hier bruchstückhaft ein Lehrplan auf, der zurückreicht in die lange lange Phase der Entwicklung unserer Spezies, bevor Schulen erfunden waren, aber das Überleben vom Feuermachen-Können abhing.

Australopithecus africanus ist der Name eines fernen Vorfahren, der vor dreieinhalb bis zwei Millionen Jahren in Südafrika lebte und dann abgelöst wurde von Paranthropus robustus, der bis vor einer halben Million Jahren da war, und dem Homo erectus, der im Lauf der Zeit mit ihren Herausforderungen womöglich mutierte zum Homo sapiens, der hoffentlich nicht das Schlusslicht dieser Entwicklung darstellt, die unsere eigene Familiengeschichte ist. Dies alles ist an und für sich nicht gerade von dringender Aktualität, ich würde die Geschichte gar nicht erwähnen, wenn darin dem Feuer keine entscheidende Rolle zufiele. Denn die Arbeit der Forscher, die in den Höhlen der Dolomitlandschaft des Transvaal den harten Breccien-Boden über Jahrzehnte hin zerlegten und jedes winzige Knochenteilchen aussiebten und bestimmten, zählten und ordneten und die Puzzleteile zu einem Gesamtbild fügten, das die Gegend nordwestlich von Johannesburg heute offiziell als „Wiege der Menschheit“ („cradle of humankind“) bekannt gemacht hat, – diese Arbeit war langweilig, und die meisten Vermutungen, die dabei diskutiert wurden, konnten nicht einmal überprüft werden. Zum Glück gibt es das Buch „Traumpfade“ von Bruce Chatwin („Songlines“ 1987). Anscheinend haben es alle, die ich darauf anspreche, gelesen. Gegen Ende des Buchs, das hauptsächlich das Verhältnis der australischen Ureinwohner zu ihrem Land beschreibt, schüttet Chatwin bekanntlich einen ganzen Sack voller Argumente für die nomadische (und gegen die sesshafte) Lebensweise vor uns Lesenden aus. Eines dieser Argumente vertieft sich in das Leben der Australopithezinen vor 2 Mio. Jahren (S. 320 ff.). Die Nächte in der Steppe waren kalt, kälter als heute, die Nahrung war knapp, man musste dauernd unterwegs sein, um etwas zu finden. Und es gab ein Ungeheuer, auf Affen und Menschenähnliche als Hauptnahrung spezialisiert. Dies Untier hauste tief im Innern der Höhlen, in denen Paviane und Australopithezine Schutz suchten, es tauchte aus dem Dunkel auf, um das nächstbeste Opfer mit extrem langen, dolchartigen Zähnen am Kopf abzugreifen, ins Höhleninnere fortzuzerren und dort zu fressen.

Chatwin bezieht viele Informationen aus einem Buch von C. K. Brain, „The Hunters or the Hunted?“ (1981), und der nennt den Namen einer Raubkatzenart, Dinofelis („Schreckenskatze“), die wie der Säbelzahntiger ausgestorben ist. Chatwin zitiert Brain: „Die Hypothese, dass Dinofelis ein auf Primaten spezialisierter Mörder war, hat einiges für sich“, und fährt fort: „Könnte es sein, so möchte man fragen, dass der Dinofelis unser ‚wildes Tier‘ war? Ein wildes Tier, das sich von allen anderen Inkarnationen der Hölle unterschied? Das Tier aus der Apokalypse, der Erzfeind, der uns heimlich und hinterlistig folgte, wohin immer wir gingen? Den wir am Ende jedoch zu Fall brachten?“ (S. 344)

Reste von Tierarten aus den Höhlen im Sterkfontein-Tal, Horizont 4 (in der Nähe von Pretoria). Die Nummern hinter den lat. Namen geben die Zahl der jeweils gefundenen Individuen an

Zu meinem Glück stellt sich heraus, dass mein Freund Ulrich Vollmers die Geschichte vom Kampf gegen den Dinofelis ebenso aufregend findet wie ich, und dass er auch noch ein Exemplar des Buches von C.K. Brain besitzt, und es mir überlässt. Es ist ein wunderbares Buch, Ganzleinen, teures Papier, aufwändig illustriert, mit Hunderten von Graphiken und Tabellen und verfasst im Stil eines Experten auf der Höhe des Wissens seiner Zeit, der verschiedene Hypothesen vorträgt und vorsichtig abwägt: Totales Understatement. All das gibts heut nicht mehr, und ich geniesse den Luxus, dies Buch immer wieder in den Händen und vor Augen zu haben: Charles Kimberlin Brain: The Hunters or the Hunted? An Introduction to African Cave Taphonomy. Chicago and London: The University of Chicago Press 1981

Die Schattenrisse der Tiergestalten auf der Tabelle geben einen ungefähren Eindruck von unserem Vorfahren, dem Australopithecus africanus (links oben der erste), und informieren darüber, dass die Knochenfunde zu mindestens 45 verschiedenen Individuen gehörten. Wir sehen, dass der Dinofelis (zweite Reihe, erster) von relativ plumper Gestalt war mit Fangzähnen fast so lang wie die des neben ihm abgebildeten Säbelzahntigers (Megantereon), aber eher dolch- als säbelförmig.

Die sorgfältige Analyse der Knochenreste aus den Breccienschichten der Höhlen auf dem Gebiet namens „Wiege der Menschheit“ bringt eine überraschende Wende ans Licht, die um etwa zwei Millionen Jahre zurückliegt und mit einer Klimaänderung hin zur trockenen Kälte zusammengeht. Der Australopithecus verschwindet, und der Mensch taucht auf in Gestalt des Homo erectus mit einem viel grösseren Hirnvolumen und einer irgendwie veränderten Ernährungsweise, – nicht nur Wurzeln und Blätter und Früchte, sondern auch Reste von Tieren. Und etwa gleichzeitig mit dem Erscheinen des Menschen verschwinden Dinofelis und Megantereon aus dem Fossilienbestand.

Und dann, wenige Jahr später, wird ein weiterer Beleg entdeckt, der Licht wirft auf das für den Fortgang der Geschichte entscheidende Moment: Im Jahre 1988 analysiert Brain 59488 Knochenteile aus dem dritten Horizont der Swartkrans-Höhle und findet, dass 270 davon Brandspuren zeigten. Die verbrannten Knochen sind über die gesamte Tiefe des Horizonts verstreut, Feuer war also ein „regelmässiges Ereignis“, und Brain zog den Schluss, dass hier „der früheste direkte Beweis für den Gebrauch von Feuer in der gesamten fossilen Überlieferung“ vorliegt.

Kurz vorher – 1981 – hatte Brain hatte seine Untersuchung „The Hunters or the Hunted?“ mit einer wunderbar einleuchtenden Auflösung des Rätsels abgeschlossen, die lediglich einem Punkte vage geblieben war:

Die Gejagten werden zu Jägern Der Überschneidungsbereich zwischen dem oberen Horizont 4 und dem unteren Horizont 5 in Sterkfontein repräsentiert eine für die menschliche Entwicklung entscheidende Zeitspanne. Während dieser Zeit verschwanden die grazilen Australopithezinen aus Transvaal und die ersten Menschen tauchten auf. Und im gleichen Zeitraum bewältigten die Menschen jene Bedrohung ihrer Sicherheit, die von grossen Höhlenkatzen über zahllose Generationen hin ausgegangen war. In den Horizont 4 Zeiten hatten die Katzen offensichtlich die Sterkfontein Höhle unter ihrer Kontrolle gehabt und ihre australopithezinen Opfer in die dunklen Hinterkammern gezerrt. In Horizont 5 Tagen jedoch hatten die neuen Menschen nicht nur die Killer vertrieben, sondern selber genau in den Kammern Wohnung bezogen, in denen ihre Vorfahren gefressen worden waren. Wie die Leute das geschafft haben, ist nicht überliefert, aber erreicht werden konnte es nur durch zunehmende Intelligenz, die sich in Form neuer Techniken niederschlug. Es liegt nahe anzunehmen, dass die Herrschaft über das Feuer bereits erworben war und dass diese, zusammen mit der Entwicklung grobschlächtiger Waffen, das Machtgleichgewicht zu Gunsten der Menschen verschob. Diese Verschiebung des Gleichgewichts war ein entscheidender Schritt hin zur fortschreitenden Manipulation der Natur, die den Fortgang der Menschengeschichte kennzeichnet. Es war ein Schritt, den die robusten Australopithezinen (Paranthropus robustus) offenbar zu gehen versäumten, deren Aussterben zweifellos durch Raubtiere beschleunigt worden ist, die sie nicht zu kontrollieren vermochten.“ (p. 273, Übers. H.S.)

Menschen bewachen die Höhle, aus der sie den Dinofelis vertrieben haben, um dort selber Zuflucht zu finden und ein Feuer zu unterhalten. Zeichnung aus Brain, The Hunters or the Hunted?, S. 273 zur zitierten (übersetzt) Textpassage S. 273

Was 1981 noch ein wenig vage klang, nämlich die Annahme, dass die Menschen vor zwei Millionen Jahren bereits die Herrschaft über das Feuer erworben hatten, war 1988 nachgewiesen. Die Auflösung des Rätsels ohne Wenn und Aber hat im Lichte des sonst so vorsichtig argumentierenden Wissenschaftlers C.K. Brain fast etwas Überraschendes. Da ist es beruhigend, wenn er zum Schluss darauf besteht, dass diese ersten Menschen zwar das Feuer beherrschten, aber nicht auf die Jagd gingen. Sie waren noch keine professionellen Karnivoren, wie er formuliert. Wir müssen sie uns vorstellen als Aas-Sucher, die den Flug von Geiern zu lesen verstanden und mit einem Faustkeil umgehen, aber auch die ergatterten Fleischfetzen über dem Feuer grillen konnten.

Noch mal das Skript so weit, knapp zusammengefasst : Vor fast zwei Millionen Jahren erscheinen Homo erectus Menschen, grosse Hirne, Läufer und Wanderer, Hüter des Feuers. Dinofelis und Megantereon, dieser doppelte Fluch, diese Fürsten der Finsternis für unsere Vorfahren – die haben sie ausgerottet. Hallelujah!

Dies ist nur der Anfang einer Geschichte des Zusammenwirkens von Mensch und Feuer. Wir sehen unsere eigene Rolle gern als die des Werkzeugmachers und Problemlösers, der sich des Feuers (wie so vieler anderer Dinge) für seine Zwecke zu bedienen versteht. Gemäss dieser Vorstellung bleiben wir selbst im Umgang mit den Dingen, die wir als unsere Instrumente gebrauchen, in unserem Wesenskern unberührt. Wir sind ja die Manager unserer Transaktionen. Die Idee, dass wir beim Umgang mit dem Feuer selber als Erscheinung und Wesen in unserem Kern – sowohl beim Körperbau als auch bei dem von uns hoch verehrten Zugang zur geistigen Welt mit Hilfe unseres Grosshirns – gewissermassen erst erschaffen worden sein könnten, mutet erst einmal befremdlich an. Mir hat die Lektüre eines Buches des Harvard-Palöontologen Richard Wrangham die Augen geöffnet. (Wrangham: Feuer fangen. Wie uns Kochen zum Menschen machte – eine neue Theorie der menschlichen Evolution. München: Deutsche Verlags Anstalt 2009)

Vor der Lektüre war mir zwar bekannt, dass Menschen im ausdauernden und hingebungsvollen Umgang mit einem Gegenstand sich selber verändern. Ich hatte zum Beispiel gesehen, wie eine Cello-Spielerin mit ihrem Instrument beim Spielen derart verschmolz, dass es berechtigt schien, von einem einzigen Organismus zu sprechen. Aber Wranghams Argument geht weiter, so weit weiter, dass sich eine neue Dimension auftut, mit Möglichkeiten, die ich vorher nicht einmal geahnt hatte.

Der Schlüssel des Arguments ist das Kochen. Feuer bot an, alles Essbare zu kochen, und indem wir uns auf dies Angebot eingelassen haben, hat das Feuer unsere Körper gebildet: Unsere Münder und Rachen sind schmal geworden, unsere Zähne kleiner, unsere Därme sind geschrumpft, unsere Arme verkürzt, unsere Beine verlängert, unser Hirnvolumen vergrössert. Dass wir unbehaart sind, hängt mit dem Kochen zusammen (des Feuers wegen konnten wir es uns leisten, unsere dichte Behaarung zu verlieren, die uns bei langen Läufen im heissen Klima behinderte), und unser aufrechter Gang damit, dass wir die alte Lebensweise in den Bäumen wegen des Kochens abgelegt haben. Feuer ist so gesehen die Ursache für die besondere Eleganz unserer menschlichen Bewegungen, für die besondere Schönheit menschlicher Körper, aber auch für den besonderen Reichtum an Gedanken, Erinnerungen und Gefühle, den ein grosses Hirn bereit hält.

Wie erklärt Prof. Wrangham, dass Kochen diese Wirkungen erzielte? Wie sind die angedeuteten enormen Veränderungen unserer menschlichen Anatomie durch blosses Kochen zustande gekommen? Tiere wie wir können nicht alles restlos verdauen, und manches gar nicht. Die Verdauung gewinnt Energie für den Organismus, aber sie verbraucht auch Energie. Die Verdaubarkeit aller Nahrung wird durch Kochen erhöht. Manche neueren Untersuchungen belegen dies durch verblüffende Resultate. Wussten Sie, dass ein gekochtes Ei 40 Prozent mehr Energie liefert als ein rohes Ei? Der Unterschied ist „roh“ und „gekocht“, nicht „pflanzlich“ und „tierisch“. Kartoffel roh liefert weniger Energie als Kartoffel gekocht. „Wir sind eher Köche als Fleischfresser“, sagt Wrangham. Er erklärt: „Feuer übernimmt Arbeit, die wir sonst selbst zu leisten hätten.“ (S. 80) Im Vergleich zu uns verbringen Schimpansen am Tag vier Stunden mehr als wir mit dem Kauen der Nahrung. Sie haben sehr weite Münder und Rachen vom mehrfachen Volumen des unseren, um sie mit Früchten, Blättern und Wurzeln vollzustopfen, die sie dann (bei Tageslicht, nachts ist Schluss) sechs Stunden lang kauen. Besonders lange brauchen sie zum Kauen von rohem Fleisch, auch wenn sie nach Fleisch gieren. Wir dagegen sparen Kauzeit, kommen mit kleineren Zähnen aus und verdauen unsere gekochte Nahrung rascher und gleichzeitig effektiver (wir „holen mehr raus“).

Grosse Hirne sind ein besonderer Luxus, denn sie verbrauchen derart viel Energie, dass es Forschern lange ein Rätsel war, wie der menschliche Organismus sich überhaupt einen solchen Energiefresser leisten kann. Die Antwort: Der menschliche Organismus spart dafür an anderer Stelle. Der Verdauungsapparat ist (verglichen mit dem vergleichbar grosser Tiere) reduziert, der Dickdarm (Kolon) ist im Verlauf der menschlichen Evolution kürzer geworden. Dank der leichten Verdaubarkeit gekochter Nahrung liefert er trotzdem Bestleistung. Die kürzere Darmlänge gestattet dem Organismus ein grösseres Hirnvolumen.

Homo erectus Menschen, die Bezwinger des Dinofelis, hatten im Vergleich mit den Australopithecus und Homo habilis Leuten kleinere Zähne, einen engeren Rippenkäfig und ein schmaleres Becken (Resultat des kürzeren Dickdarms), und ein (um 42 Prozent) grösseres Hirnvolumen. Am auffälligsten war der Unterschied der Körpergrösse: Diese Menschen überragten die kindergrossen Australopithezinen und Habilinen um zwei Kopfeslängen. All das erläutert Wrangham ausführlich. Es fehlt nichts, was seine Hypothese plausibel werden lässt, auch wenn man neugierig etwas über die Funktion der auffälligen Augenwülste des Homo erectus erfahren hätte. Aber was Wrangham aufzählt, deutet gemäss seiner Argumentation darauf hin, dass die Homo erectus Menschen ihre Nahrung kochten. Es ist schwer, den ersten Gebrauch von Feuer nachzuweisen – die bei wikipedia aufgelisteten Fundstellen nennen z.B. als älteste die Wonderwerk-Höhle in Südafrika mit einer Million Jahren – und offenbar noch schwerer, sich vorzustellen, dass die ersten Feuernutzer das Feuer zum Kochen nutzten. Ich habe in einer Reihe von Quellen immer wieder die Behauptung gefunden, dass Kochen als letzte Anwendung (nach Schutz und Wärme) erst vor wenigen Zehntausenden von Jahren in Gebrauch gekommen sei.

Homo erectus. Rekonstruktion des Kopfes aus der Abteilung Human Origins des Smithsonian National Museum of Natural History in Washington D.C.

Kühn aber plausibel, wie Wrangham den Spiess umdreht und feststellt, dass der Anfang der Kochkompetenz vor den durch das Kochen verursachten anatomischen Veränderungen des Körpers der Köche liegen müsse. Nicht die Feuerstelle verrät den Koch, sondern dessen eigene Anatomie. Wir können uns dementsprechend vorstellen, dass die gleichen Menschen Dinofelis und Megantereon aus der Höhle vertrieben, in der sie anschliessend ein Festmahl kochten und tanzten.

Schimpansen schlafen auf Bäumen, und wahrscheinlich auch die Australopithezinen und Habilinen, – ihre langen Arme und die fürs Klettern geschaffene Einrichtung von Schulter, Arm und Leib deuten darauf hin. Die Homo erectus Leute waren zu gross, zu schwer, ihre Arme zu kurz, zu wenig angepasst, ihre Füsse zum Greifen völlig ungeeignet. Sie mussten auf dem Boden schlafen. Aber das Feuer, an dem sie – wohl in Familien oder Gruppen – übernachteten, bot ihnen Schutz.

Das Hirnvolumen des Homo erectus (zwischen 1100 und 1200 Kubikzentimeter) stieg im Lauf der ihnen gegebenen Zeit weiter an, was nach Wrangham auf zunehmende Kochkompetenz zurückzuführen ist: Man habe gelernt, Verdaubarkeit der Nahrung, Energiegehalt und Wohlgeschmack zu verbessern. Neuesten Daten zufolge sind die Homo erectus Menschen erst vor etwa 100 000 Jahren ausgestorben. Ob wir ihre direkten Nachfahren sind, ist eine noch offene Frage. Sie haben neun Mal so lang die Erde bewohnt wie wir seit unserem ersten Auftauchen bis heute. Das Hirnvolumen von Homo sapiens liegt meist zwischen 1400 und 1500 Kubikzentimetern. Wrangham meint, dass es sich mit der Fortentwicklung der Kochkunst weiter steigern lasse. Eine sympathische Vorstellung, obzwar der Fortschritt der Kochkunst wie die Idee des Fortschritts an sich nicht immer leicht zu verdauen ist.

Wrangham selbst berichtet von einer alten Art der Speisenzubereitung, die unter sog. Naturvölkern auf verschiedenen Kontinenten immer noch bekannt, aber aus den vorherrschenden Küchen verschwunden ist. (Ein Bekannter aus Texas erzählt, dass seine mexikanischen Landarbeiter Fleisch auf diese Weise zubereiten, und dass er niemals etwas Besseres gegessen habe.) Man hebt eine Grube aus, füllt sie mit Brennholz und zündet es an; ist das Holz herabgebrannt, legt man grosse runde Kieselsteine (vom Ufer des Flusses oder der See) hinein bis sie glühen; sie werden mit einer Schicht Blätter abgedeckt, auf denen man Wurzeln, Zwiebeln und Gewürzpflanzen ausbreitet, und darüber in Blätter gewickelte Fleischpakete; das Ganze wird mit Wasser begossen und dann mit Erde bedeckt. Man lässt den Speisen einen ganzen Tag Zeit, in der abgedeckten Grube zu garen.

Ich frage mich: Wäre es nicht interessant, sich auch einmal so viel Zeit zu gönnen und diese uralte Zubereitung auszuprobieren? Draussen ist es schon jetzt um halb fünf wieder dunkel geworden. Der November eignet sich bestens zum Pläneschmieden für Projekte des Sommers.

Eine interessante Ergänzung (15. Februar 2021): Dr. Katrin Hille weist auf einen Artikel im „New Scientist“ vom 16. Dezember 2020 hin: „The reason we love to gather around the TV lies in Stone Age embers“ – „Der Grund dafür, dass wir so gern vor dem Fernseher zusammen sitzen, liegt in den Feuern der Steinzeit.“ Anthropologen berichten, dass die Kommunikation bei Jägervölkern tagsüber auf überlebensnotwendige Tätigkeiten bezogen sei, während abends am Feuer Geschichten erzählt werden. Diese Erzählungen seien für den Zusammenhalt der Gruppe auf ihre Weise ebenso überlebensnotwendig. Der zweite Teil der Argumentation des Artikels überträgt das Wohlgefühl im Schein der flackernden Flammen und die Erzähl-Disposition auf das Fernsehen. Man möchte an dieser Stelle Genaueres erfahren, z.B. darüber, welche Folgen es hat, dass wir beim Fernsehen alle auf die Zuschauer- oder Zuhörer-Rolle festgelegt sind, während die Aktivität und Kunst des Geschichten-Erzählens notwendiger Teil der Feuer-Kultur war. Möglicherweise hat das Feuer die Neigung der Menschen zu Nachdenklichkeit und Phantasieren über viele, lange Abende hin vorangebracht, und uns nebenher zu vorbildhaften Fernsehzuschauern erzogen.

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