Ein Spaziergang in der Elbtalaue

Die untere Mittelelbe zwischen Wulfsahl und Damnatz, Blick vom niedersächsischen auf das gegenüber liegende mecklenburgische Ufer. Bei genauer Betrachtung ist die Viehherde (helle Charolais) rechts von der Mitte des Fotos in der Bucht neben der höchsten Weidenbaumgruppe zu erkennen.

Der Weg ist vertraut: Vom Deich durch die Auewiesen zum Fluss und dann am Ufer entlang stromauf bis in das Wäldchen hinein und zurück über den Kuhpfad auf der Bodenwelle zwischen den wassergefüllten Rinnen des Weidelandes. Bei meinem Bummelgang brauche ich dafür knapp zwei Stunden. In den letzten zwölf Jahren hab ich die Strecke sommers wie winters immer wieder abgeschritten. Heute ist ein warmer Junitag ohne Wind und voller Wolken, Mittagszeit. Ich klettere die Aussenseite des Deiches empor und stehe auf dem Radweg. Kein Mensch weit und breit. Vor mir erstreckt sich das Binnendeichgebiet der Elbtalaue, und ich bleibe eine Weile stehen, lasse meine Augen in die Ferne schweifen und versuche dabei, zu hören was zu hören ist.

Ziemlich weit hinten in dem durch verschiedene Grüntöne gestaffelten Vegetationsband leuchtet, immer wieder durch Uferbäume verdeckt, der helle Streifen des Flusses, und dahinter, schmal und dunkel, die Silhouette des Horizonts. Mir fallen Gespräche über Landschaften und Landschaftsunterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland ein: Wie oft habe ich gehört, dass man in der norddeutschen Tiefebene viel weiter sehen könne als im Bergland! Das deckte sich nicht mit meiner Erinnerung an den Ausblick auf ganze Landstriche mitsamt Wäldern und Dörfern, die sich im Gebirge auftun wie ein aufgeschlagenes Buch. Hier auf dem Deich sehe ich das Nächstliegende sehr präzise, aber erkenne doch auch, wie die Fläche meines Blickfeldes alles zusammendrängt, was ferner liegt. Das weiter entfernte wird gleichsam aufgestaut, und der Horizont schliesst den Ausblick mit einer freihändig, aber einigermassen waagerecht gezogenen Linie ab.

Der Geograph Johannes Gabriel Granö hat in seiner „Reinen Geographie“ (Helsinki 1929, ein vergessenes, aber interessantes Buch) gezeigt, dass die Zone des Nahbereichs beim Ausblick auf die Fläche eines Sees oder des Meeres die Strecke bis zur Hälfte der Horizontlinie einnimmt. Der Nahbereich reicht stets nur ungefähr 20 Meter weit. Eine Möwe, die in 20 Metern Entfernung auf dem Wasser schwimmt, befindet sich ziemlich genau in der Mitte zwischen Auge und Horizont. Den Rest der Strecke nehmen wir als immer stärker sich selbst stauchende und verdichtete Entfernung wahr.

Was aber hier auf dem Deich statt der exakten Registratur des Landes hervortritt, ist der sich darüber ausbreitende Himmel. Dem leuchtenden Bild der Himmelskuppel über flachen, niederen Landschaften kannst du nicht ausweichen. Und das schiere Volumen des Himmelsgewölbes informiert auch sozusagen den Rest. Das Land und der Himmel darüber beeinflussen miteinander unsere Aussicht. Heute dominieren Wolkenschaften aus weichen Nebeldunstgebilden. Leicht verliert man sich in den friedlichen Anblick ihres perlmutt- oder lachsfarbenen Schimmers.

Noch sind es zwei Kilometer bis zum Ufer des Flusses, und es läuft sich bequem auf dem Weg, vor allem dort, wo Passagen mit fein eingezeichneten Krakelé-Mustern bedeckt sind, – überall da, wo Lehmanteile im Sand überwiegen.

Schon nach vier oder fünf regenfreien Tagen trocknet die Schlammdecke an den Stellen, an denen die Wege im Binnengelände des Deiches nicht von Sand bedeckt oder von Gras überwuchert sind

Beim Gehen höre ich das familiäre Rufen von Kranichen, und meine Augen finden die Scherenschnittfiguren der unter den Wolken kreisenden Schar, die wie torkelnden Schwingen-Bewegungen der einzelnen Vögel beim Innehalten und Bremsen. Dann sehe ich, dass ein kleiner Trupp mit grauen Schwingen vor einer grünen Bodenwelle in einem verborgenen Wasserarm verschwindet, und schliesslich seh ich zwei, die als Paar eine Art Lufttanz aufführen: Weit oben abgesondert und winzig klein. Ich registriere den Schwan am Rand eines Wassergrabens, Graureiher, Silberreiher, Weissstorch, die laut singend sich emporschwingende Lerche, Gänse und Enten, stets im Plural, über Pappeln und Weiden oder auf Tümpeln, aus denen das unablässige Schnarren der Frösche heraus schallt und eine Art Hintergrund-Rhythmus liefert. Zu weit hergeholt wahrscheinlich, hier gleich eine Melodie zu vernehmen, aber das zusammen genommen, was meine Ohren hören und meine Augen sehen, stellt doch eine Art Gewebe dar, in das viele der hier lebenden Organismen ein landschaftstypisches Muster eintragen. Für sich wäre das schon als Teppich zu fassen, und wahrscheinlich braucht es dazu nicht einmal meine Wahrnehmung. Aber ich vernehme doch einen verhaltenen Anspruch, – etwas, das an mich adressiert ist, und es verstärkt meine Lust an diesem Gang. Aber der innere Monolog, der nicht abzustellende, findet überall ein Haar in der Suppe.

Auenland: Grasland

Ausgerechnet das wunderschöne Gras der Auenwiese, das dies ganze Beckengelände ausfüllt, diese unzählige Masse von Halmen aus blühenden Rispenschwengeln und grazilen Doldengebilden, liefert den Anlass zur Verfinsterung meiner Gedanken. Denn um diese Zeit des Jahres sind fast alle Wiesen fast überall längst gemäht und als Heubündel oder Futter fürs Silo abgefahren. Nur hier im innersten Bereich, in der Schutzzone des Biosphärenreservats, steht das Gras noch hüfthoch und bietet den erst vor Tagen geborenen Tieren noch eine schützende Vegetationsdecke. In einem Zeitungsartikel vom 4. Juni („Tod am Mähbalken“ EJZ S. 4) erfahre ich, dass trotz Abschreiten und Drohnen unterstützter Suche „jedes Frühjahr in Lüchow-Danneberg viele Rehkitze durch landwirtschaftliche Grasernte sterben“. Der Vorschlag legt sich wie von selber nahe, das Gras erst Mitte Juni zu schneiden, dann, wenn die jungen Tiere das Gelände verlassen haben. (Die neu „gesetzten“ Rehkitze flüchten noch nicht, sondern ducken sich nur instinktiv vor heranlärmenden Messerbalken und -kreiseln.) In der Zeitung steht, dass „die Landwirte das aber nicht können und wollen“. Aus wirtschaftlichen Gründen: „Alles, was wir auf der Wiese ernten, müssen wir nicht an Kraftfutter zufüttern“, wird eine Bäuerin zitiert. Am Ende des Artikels kommt die gleiche Person abschliessend zu Wort: „Und dass es trotzdem noch tote Kitze gibt, bedauert keiner mehr als wir Landwirte.“ Ich ahne die Giftigkeit des Geflechts, in das die Mehrzahl der Landwirte mit ihrer Arbeit geraten ist, und eine Spur Bitterkeit bleibt mir auf der Zunge.

Die letzten hundert Meter führt der Weg zwischen zwei Weideflächen hindurch zum Elbufer. Die Rinderweide rechterhand erscheint endlos, kein Tiere ist zu sehen, aber linkerhand drängen sich Pferde (Hannoveraner) im Schatten der Uferbäume.

Sie sind schön, die Färbung des Felles changiert bei einigen zwischen kastanienbraun und schwarz, man sieht unwillkürlich die 17000 Jahre alten Pferdebilder aus den Höhlen von Lauscaux vor sich. Aber der Fluss ist nah, das Ufer lockt und ruft.

Die Rinde der Baumstämme am Ufer ist von den Eisschollen lädiert

Der Streif zwischen dem Auenland und dem Wasser bietet eine neue Welt. Der Blick geht über die heute ungewöhnlich glatte Wasserfläche zum Ufer auf der andern Seite, fällt dann zurück auf die Sandfläche unter den Füssen. Zwischen den Buhnen (von Dresden bis Geesthacht sind in den 1880er Jahren mehr als 3000 Stück in den begradigten Flusslauf hineingebaut worden) lagert der Fluss seine Sandfracht ab. Der Sandstrand ist voller Spuren, Schleifspuren von Biber und Nutria, und Trittsiegel von Waschbär und Reh, mein Fussabdruck erscheint mir daneben recht plump. Ab und zu liegt da das vollständige Gehäuse einer toten Wollhandkrabbe. Pappeln und Weidenbäume schicken lange Ausläufer ihrer Wurzeln über den Sand ins Wasser. Die Stämme sind öfters an den Stellen borkenlos, an denen bei Eisgang die Schollen scheuern. Plattbauchlibellen schweben über den Riedgras- und Schilfstreifen, in denen auffallend viele Schösslingen der Flatterulme siedeln, und aus den Zweigen schallen laute Kadenzen, die ich sonst nicht zu hören kriege. Diese Abfolge von Trillern, Schluchzern, Rufern, Piepsern, Seufzern und Anspielungen von Tonfolgen aus der klassischen Musik (Beethovens neunte) ist mir doppelt verschlossen: Weder vermag ich zu bestimmen, welcher Vogel singt (ob es nicht doch der Teichrohrsänger ist?), noch kann ich das ganz Andere dieser Musik „verstehen“ wie ich sagen wir Antonio Vivaldi oder Paul Desmond verstehe. Die Unzugänglichkeit sitzt tief und ist womöglich nicht überwindbar. Selbst einem wie David Rothenberg, der die Nachtigallen in Berlin mit seiner Klarinette begleitet hat, ist ihre Art des Musizierens am Ende fremd geblieben. (David Rothenberg: Stadt der Nachtigallen. Berlins perfekter Sound. Hamburg: Rowohlt 2020) Vögel sind wie andere Kontinente, vielleicht kommt mal einer wie König Salomo oder der Heilige Franz, der sie wirklich zu verstehen vermag. Und doch ist der Vogelgesang auch eine Wohltat und ein Trost, und das nicht nur für mich. Trotz all der unüberwindlichen Andersheit spricht uns das Trillern und Pfeifen an und diese in Schluchzer mündende Tonfolge. Ist es nicht eines unserer Privilegien auf dieser Erde, dass uns der Gesang der Vögel durch den Sommer begleitet? Das alles entzieht sich dem Verstand: Logische Widersprüche, wohin man schaut! Und wer soll diese Widersprüche lösen, wenn nicht wir selber, die wir mit ihnen leben, und das gar nicht schlecht?

Im Uferschilf
Trittsiegel im Ufersand: Waschbär, Hund (Wolf?) und Reh
Das Wurzelwerk einer alten Uferweide: Sie hält den Uferboden fest und verwandelt ihn gleichzeitig mit Hilfe von Pilzen in eine organische Substanz, die Nährstoffe herstellt und transportiert

Hier nun als nächste Attraktion die Biberburg, eine Anhäufung von Ästen in der Achsel zwischen Buhne und Sandstrand, darunter versteckt der Zugang zum Wasser: Ich nähere mich so leise ich kann, in meiner Erinnerung sehe ich den flachen Kopf so weit aus dem Wasser der Elbe herausragen, dass die Augen des Bibers mich aufmerksam verfolgen, bis er plötzlich wegtaucht. Ich war lange nicht hier. Die Burg ist verlassen, der Haufen von Ästen hat seine feste Gestalt verloren und beginnt, sich aufzulösen. Keine Schleifspur, kein Trittsiegel auf dem Sand, keine Frassspur an Zweigen und Baumstämmen.

Reste der Biberburg

Oben auf der Uferkante liegt der mächtige Weidenstamm, den das Tier im vergangenen Jahr gefällt hat. Deutlich die Schnittspuren seiner Zähne, aber schon halb verdeckt vom Grün der diesjährigen Vegetation.

Weidenstamm, vom Biber im Vorjahr gefällt

Wenige hundert Meter weiter stromauf wechselt die Landschaft, man betritt eine neue, ganz anders dekorierte Kulisse, in der die Erinnerung an die Weichholzaue tonangebend wirkt, -der Weichholzaue, die mit ihren Weiden- und Pappelbäumen einst den noch ungezähmt mäandrierenden Elbstrom mit seinen vielen Wasseradern ausfüllte. Drusus, der Sohn des Kaisers Augustus, war vor zweitausend Jahren irgendwo in dieser Gegend mit seinen Legionären an die Elbe geritten und kehrte angesichts des stellenweise zwanzig Kilometer breiten Weichholzdschungels um. Das Wäldchen aus Weidenbäumen im Ufersand, in das ich hier gerate, ist nur ein zahmer Abglanz der alten Wildheit, nur noch hübsch und dekorativ.

Uferwäldchen aus Weidenbäumen

Und hier finde ich neue Spuren vom Biber: Direkt an der Wasserlinie hat er zwei Bäume gefällt. Sollte der Traum von Naturfreunden in der Elbtalaue wahr werden, und sollte die Elbe, nachdem sich die Schiffahrt ja erwiesenermassen nicht mehr rechnet, ein Gebiet werden, in dem der ursprüngliche Zustand der Natur wieder Einkehr halten soll: Der beste und tüchtigste Verbündete wäre da der Biber. Strategisch würde er grosse Bäume so fällen, dass sie beim nächsten Hochwasser Sperren bilden, hinter denen neue Wasserzonen entstehen. Er würde Flachwasserbereiche schaffen, ideale Laichgebiete für Fische, und Vegetationsinseln herstellen, ideale Brutgebiete für Vögel. Die Renaturierung der Elbe wäre ein dicker Brocken, aber ein Trupp fleissiger Biber könnte diese Aufgabe bewältigen, wenn man sie nur gewähren liesse und ihnen ein paar Jahrzehnte Zeit zugestehen wollte.

Zwei vom Biber gefällte Weidenstämme am Elbufer

Mein Weg stromauf führt jetzt durch eine Art Hain mit grossen Bäumen: rechts, fünfzig Meter vom Ufer, ein Wall, vielleicht der alte, direkt am Fluss gelegene und immer wieder bei Hochwasser überflutete Deich, gekrönt von einem Kamm aus mächtigen Eichen, darunter Buschwerk, Schwarzdorn, Weissdornverhaue, und in der Senke zum Ufer hin hier und da ein Wasserloch, drumherum Berge von Schlackensteinen von der gleichen Art, aus der die Buhnen aufgeschüttet wurden. Rötlich blühender Beinwell und gelbblühender Senf, von Wolfsmilch besiedelte Flecken und vom Verhauen des Buschwerks her die melodiösen Verlautbarungen von Nachtigallen. Auf dem Wall ein toter Baum mit silbergrauen Ästen und da, direkt von meinen Füssen, eine Adlerfeder im Sand.

Wäre dies nicht ein Bericht, oder jedenfalls ein realitätsgläubig und tatsachenorientiert verfasster Text, sondern ein fantasievolles Narrativ, so wäre es gerechtfertigt, diesen Stolperstein von einer Passage als übertrieben zu bezeichnen, als an den Haaren herbeigezogen oder kitschig. Aber in der Wirklichkeit unserer Erfahrung können Dinge passieren, die mit den Mustern unserer literarischen Bildung nicht übereinstimmen. Die Feder ist riesig, dunkel, im unteren Bereich von einem Büschel weisser Daunen umspielt, entlang dem Kiel mit zwei angedeuteten langen helleren Flecken markiert. Die Bilder, die ich mit der alten Nikon aufnehme, sind unscharf, vielleicht bin ich zu aufgeregt. Ich werde den Federfund eh zu Hause scannen. Dass es sich um eine Adlerfeder handelt, ist angesichts ihrer majestätischen Erscheinung unverkennbar.

Mein Federfund: 30 cm lang, 6 cm breit. Die hellen Längsstreifen sind helle Farbflecken, keine reflektierenden Stellen

Mir fällt Günter Eichs Gedicht vom Eichelhäher ein, mit der Frage nach dem Sinn des Ganzen, die ihn umtreibt, und der Abschluss mit dem unglaublich gekonnten Reim: „Der Häher warf seine blaue/ Feder in den Sand/ Sie liegt wie eine schlaue/ Antwort in meiner Hand“. Ich denke an die Hauben aus Adlerfedern, die ich vor Jahrzehnten bei dem Powwow der Crow Indianer in Montana bewunderte, und an einen Text von Linda Hogan, den ich vage im Gedächtnis habe. Zu Hause dann das Buch der Indianerfrau mit dem Feder-Kapitel und der Passage: „Im Traum sagte ich ‚Schau nach oben‘, und wachte vom Klang meiner eigenen Stimme auf. Vor dem offenen Fenster meines Zimmers flog ein grosser Weisskopfadler vorüber. Seine dunklen Augen betrachteten mich, bevor er sich emporschwang und im Aufwind über das Hausdach segelte. Ich sprang auf und rannte barfuss raus, um seinen Flug zu verfolgen. Wenn ich euch sagen würde, dass der Adler verschwunden war, dass aber auf der Strasse eine Feder lag, würdet ihr es wahrscheinlich nicht glauben. … Aber an jenem Tag meines Traumes, lag eine Feder da. Die Gabe des Adlers, sanftweiss mit einer dunkleren runden Spitze, lag vor mir auf dem Boden.“ (Linda Hogan: Dwellings. A Spiritual History of the Living World. New York: Simon & Schuster 1995, S.16)

Ich bin nicht sicher, ob ich meinen Federfund als eine „Gabe“ betrachten kann: Sie ist auf einer Seite lädiert, da ist eine Lücke, als ob ein Stück der Federfläche herausgehackt oder abgebissen wurde. Möglicherweise mit Gewalt ausgerissen. Und doch lässt der glückliche Fund mir meinen Rückweg über die Prärie leicht werden, und gibt mir das anhaltende Gefühl unadressierter Dankbarkeit.

Mein Weg biegt jetzt nach rechts oben ab, weg vom Fluss, den Damm hinauf. Hinter dem Gürtel aus mächtigen Eichen und dichten Hecken öffnet sich die weite Prärie des Deichvorlands. Ich nehme den von Kühen angelegten Pfad, der mich auf dem Kamm der Bodenwelle in einer Schleife zurückführt. Mit zunehmender Entfernung von Büschen und Bäumen hört der Vogelgesang in den Ohren auf, auch das Summen der Autoreifen dringt von der weit entfernten Strasse nicht hierher, kein Flieger am Himmel, nur die Sonne, die sich aus den Wolken herausschält, es ist windstill, Mittagszeit, die Stunde, in der Pan schläft. Der schmale Wiesenpfad ist fest, er geht sich gut. Ich schreite in die weite Stille hinein.

Der innere Monolog meldet sich. Ein Memo zu den Dioxin- und Quecksilberablagerungen in den Sedimenten unter dem Gras, hierher gebracht über Jahrzehnte, eingelagert in den angeschwemmten Böden und remobilisiert mit jeder Flut. Ja, ich weiss, dass ich über dichtgepackte Giftschichten gehe. Aber in dieser Stunde schrillen keine Alarmsirenen. Dies ist nicht die Zeit, um „wokeness“ zu zeigen für die Gefahr der Unbewohnbarkeit der Erde. Dies ist die Zeit, die Grosszügigkeit der Welt hier in diese grandiosen Auenland-Natur zu loben.

So geh ich im Grasland, gedankenlos und zufrieden, die Feder in der Hand. Ein Kuckuck hebt zu rufen an und scheint die weite Aue „einzuwiegen im friedevollen Gleichklang seiner Klage“, wie Mörike formuliert hat. Als die Büsche und Bäume an den Wasserrinnen näher rücken, fallen zwei, drei Nachtigallen ein, und dann flattert aufgeregt ein Fasanenhahn dicht über den Saum von schwankenden Gräsern.

Der Wiedehopf in alten Mythen und aktuellen Träumen

Wiedehopf, Upupa epops (Wiki Commons)

Ende Mai, viel zu kühl und nass für unseren Geschmack, aber die Vegetation färbt das Land grüner als je zuvor, und die Vögel weben einen Stimmenteppich, der in diesem Jahr besonders viele Nachtigallen-Kadenzen enthält. Und vor einer Woche mischte sich dann dies unerhörte „hup-hup-hup“ hinein. Elisabeth hörte es zuerst und meinte, es sei das seltsame Bellen eines seltsamen Hundes. Aber dann sah sie den Vogel auf dem alten Birnbaum, die auffälligen schwarzweissen Bänder auf den Flügeln und die Federhaube: Wie ein Indianerhäuptling. Seither hören wir ihn täglich. Er treibt sich hier herum, ist vielleicht dabei, sich für die Nistzeit hier anzusiedeln. Uwe sagt, er habe zwei verschiedene aus verschiedenen Hörwinkeln gleichzeitig rufen hören. Er kenne den Vogel aus Portugal. Ein Allerweltsvogel sei der da. Und hier erscheint er uns als Sensation, so selten taucht einer auf. Heinrich, der 91 Jahre hier gelebt hat, kann sich nicht daran erinnern, je einen Wiedehopf gesehen zu haben.

Die Namen des Vogels malen, so wikipedia, meistens sein Rufen nach, das lateinische Upupa wie das griechische epops der ornithologischen Bezeichnung, das englische Hoopoe und das arabische hudhud. Sogar im deutschen „Hopf“ scheint es anzuklingen. Die Art ist weit verbreitet, auch wenn sie die warmen Länder um das Mittelmeer bevorzugt. Der Vogel war noch vor 70 Jahren in Deutschland häufig. Ich erinnere Wanderungen mit meinem Grossvater in den Fuldawiesen und die hohlen Kopfweiden, aus denen es stank, weil Wiedehopfweibchen ihr Nest unter Einsatz einer Stinkdrüse verteidigen. Inzwischen, so die Bestandsaufnahme des NaBu, sind in Deutschland nur noch 310 bis 460 Brutpaare zu finden, während in Polen zwischen 10.000 und 15.000 Brutpaare siedeln. Ursache des Rückgangs hierzulande ist die flächendeckende Ausbreitung der sog. intensiven Landwirtschaft. Sie verändert die Gestalt des Landes und besorgt durch hohe Pestizideinträge das Verschwinden der Insekten (Hauptnahrung des Wiedehopfes).

Wahrscheinlich liesse sich berechnen, wie lange es dauert, bis die Zahl der Brutpaare in Polen auf das Niveau Deutschlands zurückgefallen sein wird. Offenbar handelt es sich um eine Variante der längst vertrauten Geschichte vom Artensterben im Anthropozän. Wir können dabei zuschauen, wie der Lebensweg dieser besonderen Spezies allmählich ausläuft. Kürzlich stiess ich in einem Buch über den Rhein auf die Fotografie eines Wiedehopf-Fossils. Der Kommentar macht deutlich, wie viel länger seine Art die Erde bewohnt als wir Menschen. 47,8 Millionen Jahre alt ist der Ölschiefer der Grube Messel bei Darmstadt, wo der mit unheimlicher Präzision bewahrte Wiedehopf-Rest zutage gebracht wurde. Seien wir beim Vergleich mit unserem eigenen Wesen grosszügig, greifen wir ein besonders bekanntes der ältesten Belege auf: „Lucy’s“ Skelett repräsentiert den Australopithecus afarensis, unseren auf Bäumen lebenden fernen Vorfahr, meist als „Affenmensch“ bezeichnet. Dieser Urahn lebte vor 3, 18 Millionen Jahren in Ostafrika. Homo sapiens in seiner archaischen, dem Homo erectus noch nahen Gestalt erscheint dort vor 500.000, und in seiner moderneren Gestalt erst vor 200.000 Jahren auf.

Fossil eines dem Wiedehopf ähnlichen Vogels (Messelirrisor grandis) aus dem Ölschiefer der Grube Messel: heraus präpariert 47,8 Millionen Jahre alt (Foto aus: Hans Jürgen Balmes: Der Rhein, Biographie eines Flusses, Bild 8, nach Gruber, G., Micklich, N. (Hrsg.): Messel – Schätze der Urzeit. Darmstadt: Hessisches Landesmuseum 2007, S. 131)

Wenn der Wiedehopf ausgestorben wäre, ginge nicht nur sein Beitrag im ökologischen Gewebe verloren (das „Dienstleistungsäquivalent“, im Öko-Jargon das, was seine Spezies direkt und indirekt zum physischen Erhalt der Gesellschaft beiträgt), sondern allmählich aber unwiederbringlich auch das mit seinem Namen verbundene Geflecht von Geschichten, die seit Jahrtausenden unsere kulturelle Welt bereichern.

Diesen Faden aufzugreifen und hier ein wenig fortzuspinnen reizt mich eher, als eine neue Variante des deprimierenden Narrativs vom Artensterben auszubreiten, zumal in alten Geschichten jener Hang zum Optimismus steckt, der die stärkste Kraft unserer Spezies ausmacht.

Höre ich das Wort „Wiedehopf“, sehe ich die Felder in der Nähe von Al Jandawil vor mir, einem Vorort der Stadt Amman, dem alten Philadelphia, im heutigen Jordanien, wo ich wohl ein halb Dutzend Male für jeweils ein paar Wochen gelebt habe. Ein Weg führte um die – damals in den Jahren um die Jahrtausendwende – noch unbebauten Liegenschaften, und ich ging dort fast jeden Tag meine Runde. Es gab eine felsige Kante, die einen weiten Ausblick über das Land bot, und überall den lehmigen, extrem fruchtbaren Boden, der mit Steinen und Felsbrocken übersät war, aber im Sommer kräftiges Getreide hervorbrachte, das mit Sicheln von ägyptischen Wanderarbeitern Handvoll für Handvoll zwischen den Steinen abgesichelt und zu Bündeln gebunden wurde, und es gab – zu jeder Jahreszeit – Scharen von Wiedehopfen, die auf den Feldern herumsuchten oder mit ihrem schmetterlingshaften Gaukelflug über die breiten, mit Tausend blutroten Mohnblüten abgedeckten Feldränder taumelten.

Der Job in Jordanien verlangte u.a. den Entwurf von Lehreinheiten für „Environmental Literacy“. Dabei fiel mir auf, dass Kollege Qasem Al Shannaq den Wiedehopf immer wieder ins Spiel brachte (beim Thema „Energieströme in Nahrungsnetzen“ wie bei „Einflüsse der Landschaftsmorphologie auf Verhaltensmuster“). Er erzählte mir die Geschichte von der „Konferenz der Vögel“, in der selbstverständlich der Wiedehopf die Rolle des Anführers spielt, und machte mich neugierig, die Sure über Salomon – „Suleyman“ im Arabischen – dessen Wiedehopf-Botschafter und die Königin von Saba im ehrwürdigen Koran selber nachzulesen. Für Qasem war der Wiedehopf eine mythische Gestalt und die Wiedehopf-Geschichten gewannen in seiner Darstellung eine seltsam präsente Wirkung, als ob sie tiefe Wahrheiten enthielten, die anders nicht zur Sprache zu bringen seien.

Die Königin von „Reicharabien“ besucht nach der biblischen Überlieferung (1. Könige 10 und wortgleich 2. Chronik, 9) den legendären König Salomon, stellt ihm Fragen, die er klug und weise beantwortet, zeigt sich von Reichtum und Macht seiner Herrschaft beeindruckt, tauscht Geschenke mit ihm aus und hinterlässt offenbar viel mehr, als sie selbst empfängt. Im Koran wird diese Geschichte einer Soft-Power-Überwältigung zur Geschichte einer Unterwerfung ausgestaltet (27. Sure), bei der die Sonnenanbeterin Balquis (muslimischer Name der Königin von Saba) durch Suleymans Raffinesse, letztlich jedoch durch die überlegene Macht Allahs bezwungen wird. Dabei spielt der Wiedehopf den entscheidenden Part des Initiators und Vermittlers. Wir sind Zeuge der Szene, in der Suleyman, dem ausser untergebenen Menschen auch die Dschinn (Geister) zu Diensten sind, und der die Sprache der Vögel spricht, zornig wird auf den Wiedehopf, der nirgends zu finden ist. Aber der Vogel hat seinerseits einen Auftrag für Suleyman: „Ich gewahrte, was du nicht gewahrtest, und ich bringe dir von Saba gewisse Kunde. Siehe, ich fand eine Frau über sie herrschend, der von allen Dingen gegeben ward, und sie hat einen herrlichen Thron. Und ich fand sie und ihr Volk die Sonne anbeten an Stelle Allahs; und ausgeputzt hat ihnen der Satan ihre Werke und hat sie abseits geführt vom Weg, und sie sind nicht recht geleitet. Wollen sie nicht Allah anbeten, der zum Vorschein bringt das Verborgene in den Himmeln und auf Erden, und welcher weiss, was sie verbergen und offen kund tun?“ (Der Koran. Übersetzung a.d. Arabischen Max Henning. Leipzig: Reclam o. J.) Der Wiedehopf überbringt Balquis das Schreiben Suleymans mit der Herausforderung zum Kräftemessen. Sie antwortet mit einem Geschenk, aber die Rolle des Wiedehopfes ist damit schon am Ende. Der Vogel hat mit dem anschliessenden Raub ihres Thrones, mit ihrem Besuch und ihrer Unterwerfung, dem Glaubensbekenntnis zu Allah, nichts mehr zu schaffen.

Hoffentlich ist es für fromme Muslime nicht unerträglich, wenn man ihren heiligen Koran als Maschine zur Erzeugung weiterer Geschichten und Legenden betrachtet, aber tatsächlich gibt es darin wohl kaum einen Vers, der die Phantasie nicht beflügelt und nicht zu weiter verästelten Erklärungen in Geschichtenform geführt hätte. Die Königin von Saba ist wie Suleyman besonders populär, und in dieser Aura gewann der Wiedehopf als Königs-Bote in den islamischen Ländern Popularität und Ansehen. Im Persischen heisst er morgh-e Soleyman: „Salomonvogel“.

Es ist interessant, dass dieser Vogel, der ja in der biblischen Fassung der Geschichte von Salomo und der Königin von Saba gar nicht vorkommt, im Jahre 2008 in Israel zum öffentlichen „Nationalvogel“ gewählt wurde. Der Journalist Jonathan Rosen kommentierte diese Wahl und die ihr vorangegangenen Diskussionen in der Tageszeitung Haaretz mit einem schönen Text: „Die Israelis, die den Nationalvogel gewählt haben – darunter Kinder, Soldaten, Akademiker und Knesset-Abgeordnete –, lehnten die Wahl eines Raubvogels (vor allem des vom Aussterben bedrohten Gänsegeiers) ab, da sie nicht an einem kämpferischen Image interessiert waren. Und auch die Eule wurde abgelehnt, da sie nach arabischem Glauben Unglück bringt. Die Idee, dass Vögel als Boten in einer geschundenen Welt fungieren können – wie die Taube und der Rabe, die von Noah ausgesandt wurden –, hat Israels Entscheidung motiviert, als Teil des Gedenkens an die Staatsgründung vor 60 Jahren einen Nationalvogel anzunehmen. Auf Hebräisch lautet der Name des Vogels ‚duchifat‘, auf arabisch ‚hud hud‘. Und sein englischer Name ‚hoopoe‘ klingt, wie Emily Dickinson bemerkt hat, nach ‚hope‘ (Hoffnung).“ (Jonathan Rosen, Haaretz, 13. Juni 2008, zitiert nach wikipedia)

Vielleicht bilden die verschiedenen Spielarten der biblisch-koranischen Geschichte insgesamt ein eigenes Gebilde, ein eigenes Wiedehopf-Syndrom. Aber möglicherweise übertrug Mohammed das Image des Vogels aus einem viel älteren Kontext in die Koranfassung der Bibelgeschichte hinein. Es ist nicht auszuschliessen, dass er Aristophanes` Komödie „Die Vögel“ kannte.

Dies satirische Stück wurde erstmals 414 v. Chr. in Athen aufgeführt. Es könnte aber wie andere altgriechische Texte im Persischen und Arabischen Kulturraum wohl über tausend Jahre hin aufgehoben worden sein. Bei Aristophanes ist der Wiedehopf König der Vögel, die sich mit Unterstützung zweier zwielichtiger Athener und des ehrgeizigen Titans Prometheus daran machen, die Weltherrschaft zu erobern, die sie angeblich einst schon einmal innehatten. König Wiedehopf hat eine üble Vorgeschichte. Die Zuschauer von Aristophanes` Stück kannten diese Geschichte womöglich aus einem Drama des Sophokles mit dem Titel „Tereus“, das seither schon lange verschollen ist, oder sie waren mit dem folgenden Mythos von Tereus, Prokne und Philomela vertraut, einer entsetzlichen Geschichte, die uns vor allem aus Ovids Nachdichtung im sechsten Teil der „Metamorphosen“ überliefert ist, jenem Buch voller Geschichten der Verwandlung von Menschen in Pflanzen und Tiere:

Tereus, König der Thraker, verheiratet mit Prokne, Tochter des Königs von Attika, holt auf Verlangen seiner Frau deren Schwester Philomela nach Thrakien. Er führt sie in ein abgelegenes Versteck, wo er sie vergewaltigt. Sie schreit, er schneidet ihr die Zunge heraus. Seiner Frau Prokne erzählt er, Philomela sei unterwegs gestorben, und er fährt fort damit, ihr weiter Gewalt anzutun. Philomela webt ihr Leid als Botschaft in ein Tuch, das eine Dienerin zu Prokne bringt. Prokne liest die Botschaft des Tuches und befreit Philomela. Die beiden Schwestern sinnen auf Rache, schlachten und kochen den vierjährigen Sohn von Tereus und Prokne, und setzen das Fleisch Tereus zum Essen vor. Dann erscheint Philomela und wirft ihm den Kopf seines Sohnes ins Gesicht. Im Klagegeheul des Vaters, der Mutter, der an Leib und Seele verstümmelten Schwester verwandeln die Götter Prokne in eine Schwalbe und Philomela in eine Nachtigall, aber Tereus in einen Wiedehopf.

Philomela, die ohne Zunge, erscheint in der romantischen Dichtung öfters als Synonym der Nachtigall, deren Gesang ja manchmal an eine triumphierende Klage erinnert; und „Progne“ ist der biologische Gattungsname von neun amerikanischen Schwalbenarten. Wieso wird aber der Übeltäter, dessen Lust und Brutalität die Rachekette ausgelöst hat, in einen Wiedehopf verwandelt? Ovid vergleicht den langen Schnabel des Vogels mit einem krummen Schwert, womöglich war auch der Gestank der Wiedehopfnester Anlass. Jedenfalls blieb der Schatten des königlichen Verbrechers Tereus an diesem Vogel hängen, und dass Aristophanes ausgerechnet ihn zum König der Vögel macht, ist ein ziemlich deftiger satirischer Schachzug.

Die vielleicht tiefsinnigste und schönste Wiedehopfgeschichte stammt von dem persischen Dichter Fariduddin Attar. Sie ist unter dem Namen „Die Vogelgespräche“ oder „Die Konferenz der Vögel“ bekannt. Attar („der Apotheker“, 1145 – 1221 in Nishapur, Khorasan, Persien), einer der grossen Sufi-Meister, schildert in einem langen Gedicht, wie der Wiedehopf, weisester der Vögel, die ganze Vogelschar dazu überredet, den Führer zu suchen, der ihnen fehlt. Dessen Name sei „Simorgh“, und auf der beschwerlichen Reise gelte es, sieben Täler zu überwinden. Tausende machen sich mit dem Wiedehopf auf den Weg.

Buch-Illustration zu Attars „Gespräch der Vögel“ – der Wiedehopf (Bildmitte rechts) überredet die Vögel, den Simorgh zu suchen. Ca. 1600, Safavid, Iran (Isfahan),gedeckte Aquarellfarbe, Tinte, Silber und Gold auf Papier, 25.4 x 11.4 cm; http://www.metmuseum.org/art/collection (hier nach wiki commons)

Schon im ersten Tal, dem Tal der Suche, bleiben viele auf der Strecke; es gelingt ihnen nicht, die Illusion dogmatischer Vorstellungen hinter sich zu lassen. So geht es weiter im Tal der Liebe, wo sich der Verstand als Illusion gegenüber der Liebe erweist, im Tal der Erkenntnis, wo die Unbrauchbarkeit alles Wissens erkannt wird, im Tal der Genügsamkeit, wo das Verlangen nach den Dingen als Irrweg entlarvt wird, im Tal der Einheit, wo die Reisenden erkennen, dass alles zusammenhängt, im Tal des Staunens, wo die Reisenden erschüttert finden, dass sie nie etwas verstanden haben, und schliesslich im Tal der Auflösung, wo das Selbst im Universum verschwindet. Am Ende sind nur noch 30 Vögel übrig geblieben.

Die iranisch-amerikanische Dichterin Sholeh Wolpé hat das lange Gedicht übersetzt („Conference of the Birds“ Norton 2017) und dazu bemerkt: „Als die Vögel die Beschreibung der Täler hören, lassen sie furchtsam die Köpfe hängen; einige sterben sogar vor Angst auf der Stelle. Aber trotz ihrer Ängste machen sie sich auf die grosse Reise. Unterwegs verdursten viele, andere kommen wegen der Hitze oder einer Krankheit um, und andere werden zur Beute wilder Tiere ihrer eigenen Panik und Gewalt. Am Ende gelangen nur 30 Vögel zum Aufenthaltsort Simorghs, und dort lernen sie, dass sie selbst der Simorgh sind. Auf Persisch bedeutet „Simorgh“ dreissig (si) Vögel (morgh). Sie begreifen die Majestät des gesuchten Führers als Sonne, deren Licht in einen Spiegel fällt: Wer hineinschaut, sieht nur sich selber.“

Dass Gott nur eine Illusion ist, und dass im Lauf des Lebens der einzelnen wie unserer ganzen Art immer deutlicher hervortritt, dass wir selber für uns und unser Tun verantwortlich sind, ist kein neuer Gedanke. Gotthold Ephraim Lessing hat ihn in seiner kleinen Schrift „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ vorgetragen (für das christlich geprägte, aber nicht mehr blind gläubige Publikum der Aufklärungszeit am Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland). Noch näher liegt die Übertragung der Lehre des Simorgh auf die säkulare Gesellschaft: Liefert Attars „Konferenz der Vögel“ nicht eine schöne Begründung demokratischer Muster?

Der Wiedehopf, der sich am Ende der Fabel selbst überflüssig macht, bleibt mir im Sinn. Es ist wahrscheinlich eine Marotte, aber ich denke oft an Israel und fühle mich von dem Schlamassel beim Zusammenleben von Juden und Arabern sozusagen persönlich betroffen, und da finde ich das Symbol vom Image des Wiedehopfes in meinen Träumen tröstlich.

Einmal traf ich an der Universität Irbid den Biologen Dr. Sabbatini, einen von vielen palästinensischen Gelehrten an arabischen Hochschulen. Peinlicherweise begrüsste ich ihn mit „Shalom“. Vielleicht lag es an den ghettoartigen Flüchtlingslagern, die ich bei der Autofahrt nach Irbid gesehen hatte. Der Anblick hatte mich daran erinnert, dass drei Millionen von den zehn Millionen Einwohnern Jordaniens aus Palästina vertriebene Flüchtlinge sind, und die Vorstellung hatte eine Kette von Assoziationen ausgelöst, die mir vielleicht das „Shalom“ auf die Zunge legte. Dr. Sabbatini lachte: Das sagen die Israelis, – und ich beeilte mich, ein „Salaam“ (mit besonderem Nachdruck) nachzuschieben, und mich mit der Ähnlichkeit der beiden Wörter herauszureden. Wir waren unter vier Augen, und er griff meine Ausrede freundlicherweise auf. Die Ähnlichkeit der Sprache sei nicht alles, sagte er. Auch die Geschichte sei überraschend ähnlich. Was den Juden widerfahren sei, Vertreibung und Zerstreuung über die Welt, das sei auch ihnen, den Palästinensern genau so ergangen. „Wir sind die neuen Juden der Welt“, sagte er. Selbst die Neigung zu intellektuellen Tätigkeiten wiederhole sich, an arabischen Universitäten würden überproportional viele palästinensische Lehrer arbeiten. Und die alte jüdische Sehnsucht nach Jerusalem werde von der neuen palästinensischen Sehnsucht nach al-Quds abgelöst.

Gestern las ich in der „New York Times“, dass in Israel junge Juden zusammen mit jungen Arabern gegen die Regierungspolitik öffentlich gemeinsame Proteste veranstalten. Da kommt, so meine ich, die Aktualität der Vorschläge zum Vorschein, die von den frühen jüdischen Siedlern vor nicht ganz hundert Jahren vorgetragen wurden. Ich denke an Martin Buber, dem das Zusammenleben von Juden und Arabern als einzige Option erschien. Wäre es nicht einen Versuch wert gewesen? Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Träume haben immer Saison. Der Nationalvogel Wiedehopf möchte sich als Gefährte bei der Suche nach dem Simorgh entlarven.

Nach Peter Sís: Die Konferenz der Vögel. Aus dem Englischen von B. Jakobeit. Hamburg: Aladin Verlag 2013

Übrigens ein Buch mit wunderbaren Bildern: Die Übersetzung von Attars „Die Konferenz der Vögel“ durch Peter Sís, übersetzt aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, erschienen im Aladin Verlag, Hamburg 2013. Sís zeigt unter anderem, wie sich der Dichter Attar in den hier abgebildeten Wiedehopf verwandelt.

Visionen des Wilden in unserer gezähmten Welt

Uhufeder, Fundstück von den Elbwiesen

Manchmal blitzt das Wilde auf wie das Gold im Fell des Bären aus dem Märchen von Schneeweisschen und Rosenrot: Unverhofft aber doch nicht völlig unerwartet. Im Wildpark Eekholt hatten meine Enkelkinder Louisa und Daniel vor allem den Klettergarten erkundet. An den in ihren Gattern dösenden Wildschweinen und Rehen und an den Volieren, wo grosse Vögel in den Winkeln wie ausgestopft kauerten, zeigten die beiden nur mässiges Interesse. Am hinteren Ende des Parks bei der Picknick-Anlage mit Holzbänken und Holztischen kam eine junge Frau mit ledernen Stulpenhandschuhen aus dem Eulenhaus. Sie trug einen riesengrossen Uhu auf der Hand und setzte dies Wesen auf die Querstange des Geländers rechterhand, sagte, wir sollten bitte nicht stören und schritt dann zur linken Seite hinüber, durch Reihen hölzerner Hochtische und Bänke hindurch. Nach etwa 20 Metern hielt sie inne und wandte sich um. Das Uhuweibchen hockte vollkommen reglos auf dem Geländer. Zwischen dem Vogel und dem ausgestreckten Arm der Frau standen die hohen Tische wie Hindernisse. Aber im selben Augenblick, als die Falknerin eine zappelnde Maus am Schwanz emporhielt, fiel der Nachtgreif von der Stange, umfuhr mit einer einzigen Bewegung wie ein dunkler Gedanke die hölzernen Gestelle und ergriff die Maus aus dem Lederhandschuh der Menschenhand. Das komplexe Bewegungsmuster war von unheimlicher Präzision, lief wie im Handumdrehen aus einem Guss und war in Sekundenbruchteilen passiert.

Kürzlich erschien ein ökologisch zuversichtliches, den Wasserläufen des Odenwalds gewidmetes Buch. Ich entnehme eine Passage über die Bewegungen einer jagenden Forelle. Der Verfasser Torsten Schäfer hat den Abschnitt mit „Gepardenforelle“ überschrieben:

Wie ein gelbgrüner Sternenschweif ist sie unter der Brücke hervorgeschossen, knapp unter der Brotflocke vorbei, die ich herabgeworfen hatte, in unglaublichem Rasen unter Wasser, aus dem sie dann nach einer blitzartigen Drehung kurz herausschiesst, um das Stück zu packen, sich dann aber in der gleichen Bewegung mit noch grösserer Schnelligkeit, wie ein programmiertes Katapult, wendet und auf die beiden Brotstücke zuschiesst, die zwei, drei Meter hinter ihr schwammen. Sie kann die beiden Flocken nicht wieder ganz neu angepeilt haben; zu schnell ging alles, zu weit waren die Brotstücke weg, zu sehr schwammen sie im toten Winkel der Forelle. Nein, es war eine andere Leistung, die sie vollbrachte. Ich verstehe erst hinterher, was da ablief… Nach dem ersten gültigen Schluss hat sie den zweiten vollzogen und muss sich dann innerhalb von Millisekunden die Silhouette hinter ihr gemerkt haben; die Stellen, an denen die beiden Brotstücke in der nächsten Sekunde treiben werden, damit sie gepardengleich dorthin schiessen und sie abräumen kann. (aus: Torsten Schäfer: Wasserpfade. Streifzüge an heimischen Ufern. München: oekom verlag 2021, S. 166/167)

Am 31. Mai des Jahres 1850 notierte Henry David Thoreau folgende Sätze in seinem Tagebuch:

Heute wurde eine rotweisse Kuh unruhig, brach von der Dampfmühlenweide aus und überquerte die Brücke zu Elija Woods Gelände. Der versuchte, sie am Geländer zurück zu treiben, aber sie rannte mutwillig aufs Wasser zu, watete zuerst durch die Gräben auf den Wiesen und schwamm dann über den Fluss, der zu dieser Zeit an die zweihundert Meter breit war, und gelangte wieder zu ihrer eigenen Weide. Sie war zum Büffel geworden und durchschwamm ihren Mississippi. Diese Leistung verlieh in meinen Augen ihrer schon immer würdevollen Herde noch mehr Würde, wovon sich auch etwas im Fluss spiegelte, den ich als eine Art Bosporus wahrnahm. Welch schöner Anblick, zu sehen, dass domestizierte Tiere sich ihrer angeborenen Rechte versichern – wie schön der Beweis dafür, dass sie ihre ursprünglich wilde Art und Kraft nicht verloren haben. (Henry David Thoreau: The Journal 1837 – 1861. New York: New York Review of Books Classics 2009, Übers. H.S.)

– In der Art und Weise, in der ein Uhu eine Maus greift, in der eine Bachforelle drei schwimmende Krümel schnappt, in der eine Kuh einen Fluss durchschwimmt, kommt das Wilde zum Vorschein. Für Menschen, die es wahrnehmen, blitzt dabei eine Vision auf: Ein elegantes Muster, in dem das ursprüngliche Wesen von Uhu, Forelle und Kuh aufscheint. Wahrscheinlich ist dies Auftauchen des bewundernswert Wilden nicht allen wahrnehmbar. Der Psychiater Robert Coles schildert in seinem Bericht über Begegnungen mit Kindern, deren Religiosität und Spiritualität ihn bewegt hat, auch die Gespräche mit einem Hopi-Mädchen namens Natalie, deren spirituelle Welt ihm unzugänglich ist. Er fragt sie geradeheraus: „Was ist dieser ‚Geist‘, den du so oft erwähnst?“ Sie schweigt, sagt schliesslich „Ich weiss nicht, was ich sagen soll“, steht auf, tritt mit ihrer Hündin Blackie in die heisse Nachmittagssonne, schreitet ihr und Coles in Richtung des Tafelbergs voran, bleibt stehen und beginnt ihren Arm im Kreis herumzudrehen, dreht sich dann wie eine Diskuswerferin um sich selbst, und schleudert schliesslich einen imaginären Diskus weit ins Gelände hinaus. Blackie schiesst los und rennt in einer geraden Linie davon. Nach einer ziemlich langen Strecke dreht sich die Hündin um, kommt zurück zu Natalie, die sie tätschelt und drückt und „Danke“ zu ihr sagt. Dann erklärt sie dem Psychiater: „Der ‚Geist‘ ist, wenn du so sehr du selber bist wie du nur sein kannst. Als Blackie gerannt ist, war ihr Geist da, und du und ich haben ihn sehen können!“ Beim Lesen finde ich, dass Coles eine Art amüsierte Distanz wahrt. Er bekennt sich als gläubiger Katholik; in die Glaubenswelt von Mohammedanern, Hindus und Pietisten kann er sich hinein versetzen, aber Natalies Heidentum bleibt ihm fremd. (Robert Coles: The Spiritual Life of Children. Boston: Houghton Mifflin 1990, pp. 156/157)

Einer der ersten und womöglich auch der Einflussreichste von denen, die eine spirituelle Dimension des Wilden im Unterschied und Gegensatz zu der in der zivilisierten Welt vorherrschenden Gezähmtheit herausstellten, war Thoreau. Sein wohl bekanntestes Zitat lautet: Im Wilden liegt der Erhalt der Welt. („In Wildness is the Preservation of the World“) Manchmal finde ich auch die Übersetzung von „preservation“ als „Heilung“ oder als „Rettung“. Das Rettende ist in der ursprünglichen Beschaffenheit der Welt vor der Zurichtung und Zähmung durch Menschen enthalten. Spuren dieser Thoreauschen Auffassung lassen sich in der amerikanischen Weltsicht an vielen Stellen finden. (Eine umfassende und tiefschürfende Studie zu diesem Thema: Roderick Nash, „Wilderness And The American Mind“, New Haven: Yale, 3rd ed. 1982) Dutzende von schreibenden, politisch handelnden und Institutionen gründenden Persönlichkeiten haben den Faden gewissermassen weiter gesponnen, den Thoreau mit seiner radikalen Hinwendung zum Wilden begann. Sein Versprechen einer heilenden Wirkung des Kontakts mit der Wildnis wird immer weiter wiederholt. In Nashs Buch finde ich folgendes Zitat aus einem vom Sierra-Club herausgegebenen Kultbuch über den Grand Canyon: „Aus der Wildnis kam das Wesen unserer Kultur, und mit einer lebenden Wildnis werden wir eine lebensvolle, lebensfähige Kultur erhalten, eine dauerhafte Zivilisation mit gesunden und glücklichen Menschen, die sich ständig selbst verjüngen durch ihren Kontakt mit der Erde.“ (Nash p. 233)

Auch den grossen amerikanischen Nationalparks wohnt dieser Gedanke insofern inne, als sie der Natur eine öffentliche Bühne zur Darstellung von „Wildnis“ bieten, denn „Wildnis“ – „wilderness“ – ist dabei gleich bedeutend mit „frei von menschlichen Eingriffen“. Der Versuch, menschliche Einflüsse auszuschliessen, unterscheidet den amerikanischen Wildnis-Gedanken am stärksten von den Vorstellungen, die europäischen Naturparks zugrunde liegen. – Er ist ein unerreichbares Ziel auf diesem Planeten in dieser Zeit des Anthropozän, in der selbst der abgelegendste Ort der Antarktis und die tiefste Stelle der Ozeangräben voll sind von menschengemachten Partikeln, die Luft und Wasser überall hin verfrachten. Unerreichbar ist es und auch paradox, weil die Zurschaustellung der Wildnis selber Massen von Menschen anzieht. Am Grand Canyon erzählte mir ein Ranger, dass an „guten Tagen“ 20 000 Fahrzeuge in den Naturpark hineinfahren.

Ein Poster aus dem Jahre 1934

Und doch wird es vielen dieser vielen Besucher ähnlich ergehen wie mir: Viele werden sich verzaubert finden, in Bann geschlagen durch die grandiose Kulisse; die Stille, die vom Boden des Canyon wie eine Wolke emporsteigt und sie umfängt, wird ihnen eine unerhört neue Erfahrung sein, und vielleicht werden sie jene bedingungslose Überwältigung spüren, die Kant „das Erhabene der Natur“ nannte, – etwas, das der Welt allenthalben innewohnt, aber hier vor unseren Augen sinnlich machtvoll zutage tritt.

Derart berauschend ist das Wildnis-Erlebnis, dass man darüber den Preis an menschlichem Leid vergisst, den die Einrichtung der Nationalparks für die indigenen Völker bedeutete, die in diesen Landschaften lebten oder das Land, wie im Fall des Grand Canyon, als Bauern besiedelten. Eine Schlüsselszene der Vertreibungen ist überliefert: Im Sommer 1905 – die Nebenstrecke der Santa Fé Railroad zum Südrand des Grand Canyon war gerade fertig gebaut – trifft Präsident Theodor Roosevelt mit einem Sonderzug ein und reitet vom Rand den Pfad hinunter, der in den Canyon führt. An der Stelle, die auf den Karten immer noch mit „Indian Gardens“ bezeichnet wird, gelangt er zu zwei einfachen Hütten. Er steigt vom Pferd und spricht die Bewohner an. Ein gross gewachsener Havasupai namens Swedeva, den die Weissen „Big Jim“ nennen, begrüsst den Präsidenten. Der Indianer versteht nur wenig Englisch, und so übermittelt ihm Roosevelt über einen Dolmetscher seinen Befehl: Der Präsident beabsichtigt, auf dem Land der Indianer einen Park für das amerikanische Volk einzurichten. Deswegen müssen die Indianer das Land verlassen.

So fing eine Vertreibungsgeschichte an, die sich über Jahrzehnte hinzog. Als ich in den 1990er Jahren vier oder fünf Tage in der Havasupai-Siedlung verbrachte, die etwa 40 Kilometer unterhalb des Nationalparks am Colorado liegt, war dieser Ort schon seit Jahrzehnten als Reservat ausgewiesen worden. Ich erinnere die im Dorf vorherrschende lethargische Stimmung. Ein Entwicklungsland-Syndrom, hervorgerufen durch endloses Warten, das ich ähnlich im ländlichen Uganda und im Tschad gefunden hatte. Im Kontrast dazu allerdings bei diesen Indianern die vielen aktiven Kinder, die im Wasser der Bewässerungskanäle spielten oder zu mehreren auf dem Rücken von Ponies herumritten. Es gab Verkehrsschilder „Don’t run horses“, und in der Kantine morgens, mittags und abends „Fry Bread“. Eine Lehrerin an der Schule empfahl mir das Buch von Stephen Hirst „Life in a Narrow Place“ (New York: David McKay Company 1976), das die Kämpfe der Indianer vor allem auch gegen den Sierra-Club in vielen Einzelheiten schildert. Die Begehrlichkeiten des Club auf das Indianerland waren trotz der Einrichtung des Reservats weiter gewachsen, – geleitet von dem Verdacht, dass die Havasupai, die dies Land seit wahrscheinlich 600 Jahren besiedelten, nichts von Wildnis verstünden. Es kam zu politischen Auseinandersetzungen, bei denen die Repräsentanten des Nationalparks den Indianern unterstellten, eine Art Canyon-Disney-World errichten zu wollen, und die Vertreter der Havasupai – viele waren geborene Redner – entgegneten, dass sie selbst der Canyon seien, und dass sie den Geist des Canyon besser zu bewahren verstünden als irgendwer sonst. Anfang der 1970er Jahre kam es zu einem Propagandafeldzug des Sierra Club, was auch politisch mächtige Unterstützer der Sache der Indianer auf den Plan rief. (Überraschend für deutsche Beobachter ist etwa, dass der ultrakonservative Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Barry Goldwater, für die Rechte der Havasupai eintrat.) 1975 unterzeichnete Präsident Ford das Gesetz, das diesen Ureinwohnern ihr Winter-Land auf dem Südrand des Canyon zurückgab., – dem riesigen Gebiet, auf dem sie seit Jahrhunderten den Winter jagend überlebten, und das der Nationalpark für sich reklamiert hatte.

Vielleicht passt es in eine Reihe von Visionen des Wilden, wenn ich hier eine der Geschichten einflechte, die unter den Havasupai erzählt wird. Ich entnehme sie Stephen Hirsts Buch („Life in A Narrow Place“), das auch in den USA relativ unbekannt geblieben ist, im Sinne einer Ergänzung des Narrativs vom Grand Canyon, das uns die meisten Reiseführer präsentieren. Als der Sierra Club 1974 in Washington den Beginn seiner Kampagne gegen die Rückgabe des Havasupai-Landes bekannt gegeben und damit begonnen hatte, die Indianer zu beschuldigen, Schnellstrassen und einen Hotel-Komplex errichten zu wollen, schickten die Indianer drei rhetorisch gewandte Repräsentanten als Lobbyisten ihres Volkes nach Washington. Sie sollten die Abgeordneten und Ausschussmitglieder für ihre Sache gewinnen. Eine der drei war Ethel Jack, und hier ist ihre Geschichte:

Im Winter 1942/43 hatte der Park Service den Havasupai Clark Jack damit beauftragt, den bekannten Bright Angel Trail – einen der Hauptpfade zum Grund des Canyons hinab – in Ordnung zu halten. Clark brachte seine Frau Ethel mit, und die beiden wohnten in einer Hütte am Südrand. Ethel wurde im Lauf des Winters schwer krank. Der Heiler Allen Akaba wurde gerufen, und er versuchte, Ethels Krankheit mit seinem Gesang von ihr zu nehmen. Als er zum vierten Mal kam, band er Ethel eine Adlerfeder ins Haar und sagte, dies sei das letzte, was er tun könne. In der Nacht spürte Ethel ihren Tod herannahen und verlor das Bewusstsein. Sie hörte, wie von unten bei den Wasserfällen Pferde den Canyon heraufkamen. Sie sah sie vor dem Haus, einen Braunen und einen schlanken Grauschimmel. Ihr Mann ging hinaus und rief ihr zu, auf den Grauen zu steigen. Er sagte, sie solle langsam gehen, ohne Hilfe. Als sie zu dem Grauschimmel kam, ging der in die Knie wie eine Kuh und sie stieg auf seinen Rücken. Das Pferd erhob sich in die Lüfte und flog durch den Himmel nach Osten. Nach langer Zeit sah sie unter sich einen Ort mit vielen Häusern und Lichtern. Überall war Gras, waren Bäume. Sie fand sich auf dem Gras zwischen den Bäumen, und fühlte sich heiter und leicht. Als sie erwachte, war sie gesund. Jetzt, einunddreissig Jahre später, im Frühjahr 1974, war Ethel auf dem Flughafen in Washington, D.C., gelandet, ein Taxi hatte die kleine Delegation abgeholt und zum Eingang des Capitol Hill Hotel gebracht. Ethel stieg aus und schaute sich um. Auf der anderen Strassenseite erblickte sie den Park, in dem sie schon einmal vor 31 Jahren zwischen den Bäumen auf dem Rasen gestanden hatte. Plötzlich wurde ihr klar, weshalb sie damals am Leben geblieben war, und sie wusste, dass Havasupai bleiben sollte.

Die Geschichte der Besiedlung der Vereinigten Staaten von Amerika durch Einwanderer ist stets auch die Geschichte der Vertreibung und Vernichtung der Ureinwohner des Landes. Bevor wir über diese dunkle Seite, darüber, wie die Einrichtung von Nationalparks zur brutalen Angelegenheit wird, allzu selbstgerecht urteilen, ist es vielleicht hilfreich, sich daran zu erinnern, dass hier in Deutschland, während ich diese Zeilen eintippe, Landschaften mitsamt seit Jahrhunderten bewohnten Orten vernichtet und mit gigantischen Baggern abgetragen werden, nachdem man die Menschen aus ihren Häusern geklagt und umgesiedelt hat – was ist eine Umsiedlung anders als die zahme Umschreibung einer Vertreibung? – nur um Braunkohle abzubauen, ein höchst dubioses Produkt, das fürs Überleben Deutschlands gar nicht notwendig wäre.

Auch um den Hamburger Hafen herum ist es öfters zur Vertreibung (im Zuge des Baus der Speicherstadt in den 1870er Jahren) und zur Umsiedlung der Bewohner ganzer Ortschaften (beim Ausbau des neuen Hafenbeckens Anfang der 1980er Jahre) gekommen. Ich erinnere eine deprimierende Exkursion mit Studierenden zu den leergeräumten, zum Teil schon demolierten Häusern von Altenwerder im Jahr 1983. Indes hat, so weit ich weiss, noch keiner wegen der Einrichtung eines Naturschutzgebiets hierzulande sein Haus verlassen müssen.

Titelblatt der 2020 erschienenen Broschüre, die unter „Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue“ als pdf heruntergeladen werden kann. (Bildrechte: Jürgen Borris)

Ursprüngliche Wildnis-Regionen sind in Europa kaum zu finden, und das legt es womöglich nahe, diesen Mangel als Vorzug zu betrachten und daraus sogar eine Tugend zu machen: Mensch und Natur nicht als Gegner verstanden, sondern als Pole eines Zusammenhangs und Wechselspiels, das sich in vielfältigen Konkurrenz- und Kooperationsformen niederschlägt, die alle interessant genug sind, um bewahrt und studiert zu werden. Geographisches und psychisches Zentrum bleibt dabei das möglichst Wilde. Die Nähe zu einem als ursprünglich und wild unterstellten Zustand in einem vergleichsweise dünn besiedelten Landstrich liefert der von der UNESCO betriebenen Biosphären-Initiative die ideale Mitte zur Einrichtung von Biosphären-Reservaten. Jeder dieser Landschaftsräume ist in konzentrisch (um die Mitte herum) angeordnete Zonen eingeteilt. Die Kernzone soll in ihrem Zustand erhalten bleiben (im Foto entspricht das den beiden Uferzonen der Elbe), für die etwas weiter gefasste Pflegezone gelten Auflagen für die Landwirtschaft, und die am weitesten ausgedehnte Entwicklungszone kann vielleicht als eine Art Wildnis-Erwartungsland bezeichnet werden. Ich selber wohne in einer solchen Entwicklungszone und kann auf Anhieb keinen Unterschied zu einer ausserhalb des Reservats gelegenen Bewirtschaftung finden, was den Einsatz von riesigen Erntemaschen, Düngemitteln und Pestiziden in der Landwirtschaft oder von forstwirtschaftlichen Maschinen in den plantagenartigen Wäldern angeht. Der ursprüngliche Zustand der Elbe ist durch Begradigung und tausendfache Buhnensetzung in den 1870er Jahren lädiert und durch Giftfrachten (Dioxin, Quecksilber usw.) im Deichvorland arg belastet. Trotzdem bietet dies Gelände Hunderten von Vogelarten und vielen nach Solitude suchenden Menschen ein Refugium. Der Biber breitet sich aus, wenn auch die ungestörten Zeiträume, die das Tier bräuchte, um in den Flussniederungen eine lebensfreundlichere, ursprünglichere Welt zu schaffen, nicht verfügbar sind. Aber das, was da ist, erscheint doch kostbar genug, um bewahrt zu werden.

Ob uns die menschenleere Wildnis eine tiefere, womöglich heilsamere Erfahrung bietet als die von Menschen genutzte und womöglich menschlich verformte Landschaft? Freunde, die ihre Sommer in den Wäldern kanadischer Naturparks zu verbringen pflegen, erklären mir, dass sie dort während ihrer Wanderungen, ihrer Übernachtungen im Zelt, zu anderen, wacheren und ja, „besseren“ Menschen werden. Freunde, die ihre Sommer in einer hoch gelegenen Almhütte (in der Nähe einer Ortschaft) im Berner Oberland zu verbringen pflegen, erklären, dass sie dort von einer tiefen Freude durchdrungen und, ja, „Gott näher“ seien. Ich glaube beiden. Es ist, bei Lichte betrachtet, schwierig, menschliche Einflüsse ganz draussen zu halten aus unserer Wildnis-Erfahrung, nicht nur, weil die Spuren von Homo sapiens überall sind, sondern auch umgekehrt, weil das Wilde in uns selber steckt. Wir würden es nicht wieder erkennen, wenn wir es nicht kennen würden. Selbst da, wo wir die natürliche Welt zerstören, bleiben wir Teil der Natur: Das ist u.a. ablesbar daran, dass wir mit der Natur uns selber schaden und uns mit ihr am Ende selbst vernichten.

Das Wilde als Qualität der Natur begegnet uns sogar inmitten der grossen Städte. Auf meinem Weg vom Dammtorbahnhof zum Campus in Hamburg sah ich an vielen strahlenden Sommermorgenden Scharen von Mauerseglern, die über den Dächern der vier und fünf Stockwerke hohen Häuser in weiten, kühnen Bögen über den Himmel zogen und sich in Sturzflügen mit unglaublicher Geschwindigkeit umeinander schraubten und dabei, wie mir schien, lustvoll jauchzten. Im Seminar, bevor die erste Präsentation begann, fragte ich die irritierten Studierenden, wer von ihnen die Mauersegler wahrgenommen hatte, die uns einen wunderbaren Sommertag anzeigten. In der Aufführung, die diese Vögel bieten, kommt ein Wildes zum Ausdruck, das mich immer noch anspricht und fasziniert. Kürzlich las ich in Helen Macdonalds Essaysammlung „Abendflüge“, dass die Mauersegler ihre Feierabendflüge nicht alle beenden: Nur ein Teil von ihnen kehrt zum Nistplatz und bleibt die Nacht über bei den Jungen, aber viele steigen schwarmweise in der warmen Luft auf und schrauben sich in eine Höhe von 2000 bis 2500 Metern empor, um die Nacht auf den thermalen Sommerluft-Strömungen zu verbringen. Sie gleiten und segeln und halten ein Auge offen, eines geschlossen, und schalten dabei ihre Hirntätigkeit entsprechend herunter. Vielleicht, schreibt Macdonald, „treiben sie dabei auch in einen REM Zustand hinein, in dem beide Augen geschlossen sind und ihre Flugmanöver automatisch ablaufen.“ Derartige Informationen heizen nur meine Neugierde an: Wie wäre es, die Luft so vollkommen zu bewohnen wie diese perfekten Flugwesen? Wovon sollten sie in den REM-Phasen ihrer Nachtsegelflüge träumen wenn nicht von noch mehr Flügen? Die Freiheit allein darin, sich in alle Richtungen bewegen, schweben, so schnell wie ein Gedanke dahinschiessen zu können, – wie sollte ich das nicht als berauschend erleben? (Helen Macdonald: Abendflüge. Berlin: Hanser 2021)

Auch wenn Füchse und Nachtigallen in grossen Städten siedeln, so gibt es hier auf dem Lande doch, so meine ich, mehr Begegnungsmöglichkeiten mit wilden, grossen Tieren. Hier im Wendland brüten Seeadler und Kraniche, und es gibt seit zehn Jahren wieder mehrere Wolfsrudel in den Wäldern. Als ich vor sechs Jahren bei meinen Spaziergängen über Feld und Flur einen Wolf sah, war das für mich ein sozusagen feierlicher Augenblick. Drei- oder vierhundert Meter entfernt von mir rannte das Tier vom Ende des Dorfes Klein-Gusborn über die kahlen Felder zum Buchenwald des Seybruch, vielleicht zweitausend entlang einer schnurgeraden Linie gezogene Meter, ein pausenlos und ebenmässig rasch vorrückender dunkler Körper. Die Scherenbewegung der Beine schien unabhängig vom langen Leib, da war kein Auf und Ab, kein angedeutetes Wippen, der geradlinige Dauersprint lief bewundernswert „wie am Schnürchen“ ab, aber als das Tier im Unterholz des Waldrandes verschwunden war, dachte ich nur: Ein Wolf! Du hast einen Wolf gesehen!

Umriss einer Wolfsfährte (Quelle Wikipedia Commons) Barry Lopez hat bei seinen Forschungen in Alaska eine ähnliche Wolfsspur abgezeichnet und in seinem Wolfsbuch in Originalgrösse abgedruckt: 11 cm breit, 13 cm hoch

In den Nachkriegsjahren war der Wolf schon einmal plötzlich wieder aufgetaucht, auf alten Wolfsstrassen war er rudelweise aus dem Osten gekommen, um auf den Viehweiden in Westfalen ganze Rinderherden zu reissen. Die Fotos der toten Rinder auf den Titelseiten der Tageszeitung sehe ich noch vage vor mir, die Gespräche der Besucher meiner Grosseltern über Wolfsplagen und die oft im gleichen Atemzug genannten Autobahnräuber habe ich noch im Ohr. Es müssen Massen von Wölfen gewesen sein, die damals in das ihnen irgendwie bekannte Land zurückkehrten, während den Deutschen der Besitz von Schusswaffen durch die Besatzungsmächte verboten war. Nach den ersten Lockerungen des Verbots 1950 und seiner Aufhebung für die Bundesrepublik durch den Deutschlandvertrag 1952 waren die Wölfe bald restlos verschwunden.

In der Bundesrepublik beeinflussten die Studien des Wolfsforschers Erik Zimen (1941 – 2003) das Bild, das sich die meisten Zeitgenossen vom Wolf machen. Seine Bücher, seine in den Abruzzen und im Nationalpark Bayerischer Wald aufgenommenen Filme und Fernsehbeiträge luden dazu ein, den Wolf nicht als mörderische Bestie, sondern als potentiellen Mitbewohner des Landes wahrzunehmen. In einem Bonmot spricht Zimen indirekt die ursprüngliche Wildheit des Wolfes an: „Ob wirklich Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf, möchte ich in Anbetracht des Ergebnisses bezweifeln. Daß der Mensch aber den Hund nach seinem Ebenbild schuf, das steht fest.“ (Erik Zimen: Der Hund. Goldmann 1992) Der wilde Wolf war wohl ursprünglich (bevor er sich mit Menschen einliess) für ein Verhalten disponiert, das Zutrauen und Scheu zugleich an den Tag legte. Nachdem Menschen aus ihm den Hund gezüchtet haben, scheint der Wolf eher seine unzähmbare, wilde Seite zu zeigen. Vielleicht bietet sich Canis lupus aufgrund seines ambivalenten Verhältnisses zu uns Menschen dazu an, als tückisch und doppelzüngig diffamiert zu werden. Seine Wildheit ist nicht absolut, nicht bedingungslos und total, wie die des Tigers oder des Krokodils, sondern gewissermassen vom Spieltrieb gelockert und durch die Neigung gefährdet, sich mit Menschen einzulassen. Öfters schon erschienen in der hiesigen Lokalzeitung („Elbe-Jeetzel-Zeitung“) Beschwerden von Menschen, die sich von jungen Wölfen beim Spaziergang belästigt fanden. Eine Joggerin berichtete von der Verfolgung durch Wölfe (offenbar Jungtiere), die ihre Hände beleckten und an ihren Fingern zu knabbern versuchten. Mir fällt in diesem Zusammenhang auch die schreckliche Anekdote ein, die Barry Lopez in seinem Bericht über die Wolf-Vernichtungs-Kampagne im amerikanischen Westen erzählt:

„Ein Fallensteller hatte in einer Tellerfalle einen grossen Wolfsrüden gefangen. Als sich der Mann näherte, hob der Wolf seinen eingeklemmten Fuss, streckte ihn ihm entgegen und wimmerte leise. ‚Ich hätte ihn frei gelassen, wenn ich das Beutegeld nicht so schrecklich dringend gebraucht hätte‘, sagte er ruhig. „ (Barry Lopez: Of Wolves And Men. New York: Scribner’s 1978, p. 198)

Ein anderer Fallensteller namens Lawrence Carson, der seinem Kopfgeld-Gewerbe in Alaska nachging, beschreibt im Rückblick auf seine Rolle bei dem Feldzug gegen Wölfe überraschenderweise die Attraktivität des Wilden, wie sie wohl unsere Vorstellung des Wolfes trotz des Image als teuflischer Übeltäter seit langer Zeit prägt:

„Als ich die lebenslose Form betrachtete, überkam mich ein Gefühl von Bedauern. Obwohl er ein willkürlicher Zerstörer des friedlichen Wildes war und keine Gnade verdient hatte, tat es mir leid, dass er tot war. Ich fragte mich, ob die grossen Berge und die tiefen stillen Täler, wo er gejagt hatte, ihn wohl vermissen würden. Ich fragte mich, ob nachts, wenn der Mond tief über dem Land hängt wie ein Feuerball, die dunklen Tannenbäume sein wildes, tiefkehliges Geheul vermissen würden. Da ist etwas aus der Gestalt der Welt weggenommen worden, das nie wieder zurückkehren wird. Irgendwie kam es mir vor als nicht wieder gut zu machender Verlust. So hatte sich der alte Spruch einmal mehr bewahrheitet: Spass und Sport liegen nicht im Töten, sondern im Jagen.“ (p. 163)

Deutsche Jäger, mit denen ich in dieser Zeit der Wiederkehr der Wölfe rede, tragen den Spruch „Der Wolf gehört ins Jagdrecht“ wie ein Mantra in jedes Gespräch. Die Fotos von Wolfsrissen, in der Regel Kadaver von Schafen, auf den Titelseiten von Zeitungen erinnern mich an die Nachkriegsjahre. Irgendjemand schürt Wolfsängste, die mir übertrieben erscheinen. In einem Dorf des Wendlands begleiten Erwachsene die Kinder morgens zur Bushaltestelle, um sie, wie sie sagen, vor Wolfsangriffen zu schützen. Die Fronten zwischen Wolfsfreunden und Wolfsgegnern sind, wie man sagt, „verhärtet“. So sehr, dass der Austausch von Argumenten zum Abtausch von längst bekannten Klischees wird. Bei der Begegnung mit einem Jäger, der auch Besitzer eines ausgedehnten Waldgebiets ist, merken er und ich rasch, wie das Erquickliche eines Gesprächs in dieser unausweichlichen Sackgasse abhanden kommt. Ich sage, ob es ihm auch so ginge, dass ein Wald mit Wölfen anders aussieht als ein Wald ohne Wölfe. Für einen Augenblick erscheint er erstaunt, dann sagt er: „In meinen Wäldern ist das durch die Uhus da. Ich habe acht Uhus. Willst du wissen, wie ich die Uhus gezählt habe?“ Er erklärt, dass jeder dieser Vögel einen leicht unterschiedlichen Ruf in die Nacht schickt, und wie er zusammen mit seinen Söhnen die verschiedenen Vögel zu identifizieren und den verschiedenen Waldgebieten zuzuordnen lernte. „Der Uhu ist so wild,“ schliesst er, „der greift auch mal ein Rehkitz oder ein Lamm. Da würde mancher Tierschützer zur Jagd blasen. Aber ich lasse auf meine Uhus nichts kommen“. So rettet die Idee vom Wert des Wilden unser Gespräch.

Das Wilde als Name des Unverfügbaren, des Nicht Kontrollierbaren, des unbegreifbar Anderen der Natur: Dieser Begriff lässt sich leicht auffächern in tausend Geschichten, die alle von der vergeblichen Liebe zu einer attraktiven Erscheinung erzählen, die wirklich greifbar in der Welt ist, und die uns nicht zugänglich bleibt. Weder das tastende Versuchen der Annäherung noch die tiefe Frustration der Zurückweisung sind obsolet. Vielleicht haben Visionen des Wilden die Funktion, uns an das Ungeheuerliche zu erinnern, das darin liegt, hier zu sein.

Vorschlag für einen neuen Namen Gottes

Einer der vielen Sprüche aus dem Buddhismus behauptet, dass die Welt ihren Sinn erfüllt habe und zu Sein aufhöre, sobald alle Namen Gottes genannt worden seien. Es gibt keine Kommission, die zutreffende von unzutreffenden Namen trennen würde, aber ich stelle mir vor, dass nicht alles, was jedem zufällig in den Sinn kommt, bereits als Name Gottes qualifiziert ist. Ich meine, es sei nur recht und billig, wenn jeder Name Gottes so erarbeitet wird, dass sich der, der ihn vorschlägt, damit vollkommen selber identifizieren kann. In Italien sah ich ein Buch mit Interviews des Papstes, und der Titel lautete: Il nome di Dio e Misericordia (Der Name Gottes ist Barmherzigkeit). Ja, sagte ich zu mir selber, das ist ein guter, treffender Name, und er passt, finde ich, zu dem, der ihn vorschlägt. Im Lauf der Jahre habe ich die Idee für einen anderen Namen Gottes verfolgt, den ich für angemessen halte. Das Problem ist, ich finde kein einzelnes Wort, das als Name geeignet wäre. Und doch ist das, was ich meine, auf sehr konkrete Weise in der Welt.

Lassen Sie mich erklären, – ich fange an mit einem Blick in meinen Garten und erzähle dann von der Wahrnehmungstheorie eines irischen Bischofs aus dem 18. Jahrhundert. Am Schluss setze ich das, was ich vor Augen habe, an die Stelle, an der er das Wort „Gott“ setzte.

Ringeltaube bei der Ernte im Felsenbirn-Bäumchen vor meinem Fenster 1. Juli 2012

In diesen Tagen, Ende April, Anfang Mai steht die Felsenbirne (Amelanchier ovalis) in Blüte, noch bevor sich die Blätter entfaltet haben. Die Zweigschirme leuchten in einem Weiss, das von der Haustür her gesehen ein wenig filzartig erscheint und an Edelweissblüten erinnert. Schon Anfang Juli werden zwischen dem dichten Blattwerk hagebuttengrosse Früchte rot und reif locken. Ihr weiches Fruchtfleisch schmeckt süss und weich, die winzigen Kerne spucke ich aus. Die Früchtchen stehen traubendicht beieinander und jedes erinnert an einen kleinen Apfel, und tatsächlich soll der botanische Name Amélanchier (laut Wikipedia) keltisch-französischen Ursprungs sein und „Äpfelchen“ heissen. Ich bin nicht der einzige, der an ihnen Interesse zeigt. Tatsächlich ernten Jahr für Jahr die Ringeltauben (vor allem sie, obwohl ich auch Stare und Amseln beim Zupfen und Schlucken beobachte) mit ihrer eigenen Systematik die Früchte des Bäumchens. Dabei hängen die schweren Vögel manchmal kopfunter an einem dünnen Zweiglein mit weit ausgebreiteten Schwingen, um Balance zu halten. Selbst jetzt, zur Zeit der Blüte, landen sie auf den stärkeren Ästen um, wie mir scheint, den Wachstumsfortschritt zu inspizieren.

Ich habe meine Freude daran, ihnen bei der Ernte zuzuschauen, ähnlich, wie ich Krähen und Eichhörnchen gern bei der Walnussernte im Herbst beobachte und die Raspelarbeit der Holzwespen an Gartenbank und Gartentisch mit Interesse verfolge. Die Teilhabe anderer Lebewesen an den Reichtümern der kleinen grünen Welt meines Gartens ist willkommen. Ihr Anblick erinnert mich an die grandiosen Zusammenhänge des Lebens auf dem Planeten, die sich unter ökologischer Perspektive öffnen. Ich denke an das Bild, das Alexander von Humboldt von der Erde als einem Organismus entworfen hat. Seine Zeichnung zur „Geographie der Pflanzen in den Tropen-Ländern“ mit den vielen Einträgen zu den verschiedenen Lebenszonen in den Anden erscheint als Ausschnitt, den ich versuche, in Gedanken fortzuführen über den ganzen weiten Planeten hin und bis in die tiefsten Tiefen der Ozeane hinein: Ein Netz interagierender Lebewesen, das sich selbst erhält, so lange die Sonne scheint.

Und irgendwie ist mir beim Anblick der Natur auch gegenwärtig, was ich aus der Auseinandersetzung mit Charles Darwin gelernt habe. „Evolution“ ist ein Begriff, der für meine Weltsicht zwei knapp zu formulierende, aber wirkmächtige Folgen bezeichnet: Erstens, dass nichts bleibt wie es ist, und zweitens, dass wir Lebewesen alle miteinander verwandt sind.

Wenn ich die Ringeltauben im Garten sehe, kann ich nicht sicher sein, dass sie im Lauf der Zeit weiter da sein werden. Ganz abgesehen davon, dass ich selber wohl nur noch wenige Jahre habe, könnten diese Vögel verschwinden wie die Laubfrösche, die seit einigen Jahren verschwunden sind, aber es steht nach Darwin auch keineswegs fest, dass die Menschen als Gattung ewig da sein werden. Wichtiger noch als die Vorstellung vom allgegenwärtig möglichen Ende finde ich die Vorstellung meiner Verwandtschaft mit anderen Lebewesen. Zugegeben, mit der Ringeltaube bin ich über nähere Ahnen verwandt als mit der Felsenbirne, aber das sind bloss graduelle Unterschiede: Tatsächlich teilen wir gemeinsame Vorfahren, nähere und fernere, auch wenn wir sie über die langen Zeiträume der seither verlaufenen Entwicklung längst aus den Augen verloren haben. Wohin wird die Reise des Lebens weiter gehen? Keiner weiss es, und ich finde eben jetzt kein Interesse an Spekulationen darüber. Aber ein Gefühl der Gefährtenschaft mit Pflanzen und Tieren ist stets gegenwärtig. Die Natur wahrnehmen und sagen „Alles meine Verwandtschaft!“ – das geht mir leicht über die Lippen.

Ich nehme an und hoffe, dass ähnliche wissenschaftlich informierte Einstellungen sich weiter ausbreiten, ja, dass womöglich bereits viele nachdenkliche Zeitgenossen davon infiziert sind. Vielleicht erfahren auch andere ähnlich wie ich beim Lesen in den Schriften alter Philosophen einen inneren Abstand, den ich auch beim besten Willen (schliesslich handelt es sich bei Philosophen wie Plato, Aristoteles, Descartes und Kant um vermeintlich absolute Autoritäten, deren Aussagen uns sozusagen zeitunabhängig ansprechen sollten) nicht zu überbrücken vermag. Sie alle gehen doch davon aus, dass es möglich ist, Gewissheiten zu finden und zu formulieren. Parmenides, einer der frühen griechischen Seher und Denker, hat den Weg beschrieben, der von der alltäglichen Welt mit ihren Ansprüchen auf Bewältigung von Problemen und ihrer Vergänglichkeit emporführt zum Einblick in die unveränderlichen abstrakten Muster, welche die Welt im Innersten zusammenhalten. Diese offenbaren die ewigen Gesetze des Kosmos, und ein Mensch, dem solch eine Vision nach den Mühen des Nachdenkens, aber auch aus Gnade zuteil wird, gewinnt selber den Nimbus eines Sehers.

Immer wieder finde ich beim Lesen abendländischer Philosophen die unausgesprochene Unterstellung, Sätze von zeitloser Gültigkeit seien formulierbar. Die Werke der alten Denker bestehen in der Regel aus solchen Sätzen. Dann frage ich: Wie ist es überhaupt möglich, in einem Universum der andauernden Veränderung, in dem nichts bleibt wie es ist, nach ewig gültigen Wahrheiten zu suchen?

Wenn mir eine Ausnahme begegnet, also ein Philosoph, der die Illusion zeigt, die im Ewigkeits- Geltungsanspruch von Begriffsdefinitionen steckt, freue ich mich. Der wichtigste unter diesen Philosophen ist wohl John Dewey (1859 – 1952), der in dem Buch „Die Suche nach Gewissheit“ den Stier sozusagen bei den Hörnern gepackt hat und ganz plausibel die Geschichte der abendländischen Philosophie als Geschichte eines Irrwegs beschreibt. (John Dewey: Die Suche nach Gewissheit. Frankfurt a.M. 1998 – am. Erstausgabe 1929)

Es gab schon vor dem 20. Jahrhundert Vorläufer, skeptische und eigenwillige Denker, denen die vorherrschende Tradition nicht geheuer war. Bereits im 18. Jahrhundert hat zum Beispiel George Berkeley (1685 – 1753) die Brauchbarkeit des Begriffs „Materie“ hinterfragt und es unternommen, das lateinische „percipere“ an dessen Stelle zu setzen, auf Deutsch – und sehr schön genau das treffend, was Berkeley vorschwebte – „wahrnehmen“. Hier möchte ich Berkeleys Theorie der Wahrnehmung kurz vorstellen, weil sie ein weites Tor aufstösst, durch das andere Lebewesen Einzug halten können in unser Universum und sogar in die Studierstuben der Philosophen, in denen es sonst nur um den Menschen geht und – oft als Lückenfüller für den abwesenden Rest der Welt – um das Wort Gott.

Das deutsche Wort „wahrnehmen“ enthält die Philosophie des irischen Bischofs und Philosophen George Berkeley gleichsam in der Nussschale. Ausser etwa „Anschauen und Beobachten“ bedeutet es ja auch eine Art Daseinsbescheinigung: Was ich mit Hilfe meiner Augen (oder anderer Sinne) als präsent erkenne, halte ich für wahr: So bringe ich den Baum vor meinem Fenster in die Welt. Das Sein des Baumes ist so gesehen von meiner Wahrnehmung abhängig. Das heisst, an die Stelle der objektiven, universellen Wahrheit der Existenz eines Objekts (Felsenbirne) tritt dessen Abhängigkeit von der Existenz eines anderen Objekts (von mir), meine Wahrnehmung ruft das Bild des Baumes hervor. Für Berkeley galt, dass all die Dinge, die ich mit Augen sehen und mit Händen betasten kann, tatsächlich existieren. Er stellte indes die Existenz von philosophischen Begriffen wie „körperliche Substanz“ oder „Materie“ in Abrede. Man bezeichnet diese Sicht im Jargon als „Immaterialismus“. Berkeley fasste seinen Immaterialismus in dem Satz (lateinisch) zusammen „esse est percipi (aut percipere)“: Sein ist Wahrgenommen-Werden oder Wahrnehmen.

Dass die Objekte – also Dinge, aber auch andere Menschen – einfach aufhören zu existieren, wenn sie keiner mehr wahrnimmt, ist wohl für die meisten eine absurd klingende Behauptung. Wer sie ohne jeden Zusatz glaubt, landet folgerichtig beim Solipsismus. Das ist die Vorstellung, dass nur ich ganz allein wirklich auf der Welt bin, und dass alles andere eine Show ist, die mir mein Hirn vorführt. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein neigte bekanntlich dieser Vorstellung zu. Und die Quantentheorie, nicht wahr, verzichtet ebenfalls auf Aussagen über das Sein oder Nichtsein eines Objekts unabhängig vom Beobachter. Bei einem Mittagsspaziergang fragte Albert Einstein, der selbst ein Mit-Begründer der Quanten-Mechanik war, aber immer stärker an deren Übertragbarkeit auf die Realität zweifelte, seinen Freund, den Quanten-Physiker Abraham Pais: Glaubst du wirklich, dass der Mond nur dann da ist, wenn du ihn anschaust? Pais antwortete ein wenig umständlich, dass die meisten Vertreter der Quantentheorie wohl ähnlich wie er meinten, dass die Existenz eines Gegenstands in Abwesenheit eines Beobachters kein gesichertes Faktum ist. Bestenfalls sei die Annahme eine Mutmassung, die zutreffen oder auch nicht zutreffen könne. (Nach Abraham Pais: „Raffiniert ist der Herrgott…“ Albert Einstein. Eine wissenschaftliche Biographie. Erstaufl. 1982, neu: Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag 2009)

Berkeley selbst hatte demgegenüber eine denkbar knappe und eigentlich ziemlich naheliegende Antwort auf eine ähnliche Frage wie die Einsteins parat (- er war ja Bischof der anglikanischen Kirche in Nordirland -): Wenn jemand einen Raum verlässt und dabei aufhört, den Raum wahrzunehmen, existiert dieser Raum dann nicht mehr? Der Raum ist weiter da, antwortete Berkeley, – er wird ja immer noch wahrgenommen von Gott.

Was als Ausweg erscheint, entbehrt doch nicht einer gewissen Eleganz des Fechtens mit Worten. Kein Wunder, dass das überraschende Auftauchen des allwissenden, allgegenwärtigen Gottes als Problemlöser zur Vorlage einiger hübscher Texte gedient hat. Ich finde den folgenden Limerick-Dialog besonders charmant. Verfasst hat ihn der Journalist Ronald Knox in den 1920er Jahren:
A There was a young man who said „God / Must find it exceedingly odd /To think that the tree / Should continue to be / When there’s no one about in the quad.“ 
 B „Dear Sir: Your astonishment’s odd; /I am always about in the quad. /And that’s why the tree/ Will continue to be / Since observed by, Yours faithfully, God.“

(A Ein junger Mann sagte „Gott muss es höchst seltsam finden, zu denken, dass der Baum, immer noch da ist, wenn keiner dabei ist im Hof.“ B „Sehr geehrter Herr, Ihr Erstaunen ist seltsam; ich bin immer dabei im Hof. Und darum wird der Baum weiter da sein, unterm Auge von, Hochachtungsvoll, Gott.“)

(zitiert nach: https://www.goodreads.com/quotes/261761-there-was-a-young-man-who-said-god-must-find)

Weit verbreitet als Vorlage für philosophische Gespräche ist eine ähnlich konstruierte Baum-Frage, die manchmal Berkeley zugeschrieben wird, aber wohl eher aus einem Berkeley-Philosophier-Club stammt: Wenn im Wald ein Baum fällt und niemand ist da – gibt es ein Geräusch?

Die Frage ist verschiedenen Internet-Foren gestellt worden (z.B. https://beruhmte-zitate.de/zitate/860987-george-berkeley-if-a-tree-falls-in-a-forest-and-no-one-is-around-t/). Da sind recht viele Stellungnahmen eingegangen, und unter ihnen dominiert die physikalische Erklärung, derzufolge Schallwellen, die beim Aufschlag des Baumes auf den Boden ausgelöst werden, einen Empfänger brauchen, dessen Ohren sie aufnehmen: Erst dann komme ein Geräusch zustande. So weit ich den Kommentaren entnehmen kann, ist darunter kein einziger, der Berkeleys Antwort (Gott hörts ja) aufgegriffen hätte.

Mir erscheint es seltsam, dass keiner den folgenden naheliegenden Tatbestand erwähnt: Der Baumfall wird sehr wohl wahrgenommen von nichtmenschlichen Lebewesen. Insekten, vor allem Käfer und Holzwespen, die womöglich bereits die Schwachstellen des Baumes angebohrt hatten, machen sich jetzt über den Stamm her, und injizieren dabei Bakterien und Pilze, die den Zersetzungsprozess als Hauptagenten vorantreiben, der den Baum über Jahre hin in fruchtbaren Boden zurück verwandelt. Der Biologe Bernd Heinrich berichtet davon, dass Bockkäfer, die er noch nie auf einer gesunden Kiefer sah, augenblicklich Bäume anflogen, die er selber gerade gefällt hatte. Offenbar verfügen sie über ein Ortungs-Wahrnehmungssystem, das noch unerforscht ist. Ein umgefallener Baum bildet ein eigenes Ökosystem für Spinnen, Käfer und Hautflügler, auf stehende tote Bäume ist jeder dritte Waldvogel angewiesen. Die meisten der den toten Baum besiedelnden und ihn zersetzenden Lebewesen sind hochspezialisiert und mit entsprechenden Wahrnehmungsfähigkeiten ausgestattet. Heinrich berichtet von Holzwespen (Siricidae), deren Weibchen ihren Zentimeter langen, nadeldünnen Legestachel in das Holz hineintreiben und dann, wenn sie spüren, dass das Holz die geeignete Beschaffenheit aufweist, ein Ei hineindrücken, zusammen mit Pilzen und Nährschleim, der das Wachstum des Pilzmycels vorantreibt, so dass sich die Larve davon ernähren kann. Es gibt eine Schlupfwespenart (Megarrhyssa ichneumon), die darauf spezialisiert ist, die Larven dieser Holzwespe aufzuspüren und mit ihrem eigenen Ei zu injizieren, so dass die Schlupfwespenlarve die Holzwespenlarve frisst. Eine der schrecklichen Beobachtungen, denen keiner entgeht, der sich auf das Studium der Natur einlässt. Völlig unbegreiflich ist aber das Wahrnehmungsvermögen der Schlupfwespe, die ihren zehn Zentimeter langen fadenartigen aber harten Legeapparat über den Rücken in das Holz hineinzutreiben und die Larve der Schlupfwespe tief im Innern des Stammes zu treffen und ihr eigenes Ei in dieser abzulegen versteht.

(Ein Buch, das mich fasziniert hat, weil Bernd Heinrich einer der grossen Biologen dieser Generation ist, und weil er tiefe Einsichten über unser Leben mit Humor vorträgt: Bernd Heinrich: Leben ohne Ende. Der ewige Kreislauf des Lebendigen. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Berlin: Matthes & Seitz 2019)

Die Wahrnehmung all dieser Lebewesen ist von der unseren sehr verschieden. Da aber der Bischof Berkeley keine Bedingungen für die Art der Wahrnehmung formuliert hat, von der die Existenz eines Objekts abhängt, so reicht doch wohl auch die Wahrnehmung einer Schlupfwespe hin, um das Sein eines Baumes in die Welt zu bringen. Zumal die Wahrnehmung Gottes, falls wir darüber spekulieren dürfen, eher von einer unendlich umfassenden Qualität sein sollte, die wohl auch die spezielle Spielart der Schlupfwespe und das Ortungssystem von Bockkäfern für gerade ebene gefallene Bäume mit einschliessen dürfte.

Vielleicht charakterisiert es die Wahrnehmung durch andere Lebewesen, dass dabei kaum je ein einzelner Zeuge identifiziert werden kann. Man hat es typischerweise mit einer Community zu tun, die wohl am besten als vernetzte Interessengemeinschaft zu begreifen wäre. Dass all diese Wesen sich daran machen, einen verfügbar gewordenen Organismus sich selbst einzuverleiben und ihn gleichzeitig – in einem über Jahre andauernden Prozess – wieder verfügbar zu machen für weitere Lebewesen, deutet einen Kreislauf an, der uns Menschen einschliesst. Ich meine, das schöne Wort „wahrnehmen“ trifft hier in einem noch weiteren und tieferen Sinn den Sachverhalt. So lange Lebewesen da sind, die andere Lebewesen in diesem Sinn wahr-nehmen, ist unsere Existenz gesichert.

Ich zögere nicht, diesen Zusammenhang von Lebewesen, in den wir selber eingewoben oder verstrickt sind, als Äquivalent all dessen wahrzunehmen, was „Gott“ genannt wird. Allein, mir fehlt ein treffender Name, der beide Seiten unserer Erfahrung – die konkrete und die spirituelle – einschliesst.

Was wir sehen, wenn wir Reste verschwundener Kulturen sehen

Es ist eine alte Geschichte: Kulturen gehen unter und verschwinden. Die Reste, die von ihnen bleiben, fallen ins Auge und sprechen uns an. Manche sehen aus wie Kunstwerke der Land Art-Bewegung und erinnern an Andy Goldsworthys Projekte. Aber die alten Reste wirken authentischer. Ihre Verbindung mit dem Land ist intimer und zwingender, und ihr Anspruch ist älter, interessanter, philosophischer. Jede dieser Reste-Installationen spricht uns auf andere Weise an und bietet eigene neue Anspielungen auf alte Fragen, die wir stellen, auch wenn keine Aussicht auf eine endgültige Antwort besteht. Trotzdem gibt es – abgesehen von der Erotik – kaum eine Begegnung, die faszinierender wäre als die Begegnung mit den Spuren untergegangener Zeiten, und trotzdem, so scheint mir, haftet diesen etwas Tröstliches an, das den weiteren Zusammenhang als Ahnung vor Augen führt, in dem wir selber aufgehoben sind.

Hier eine Auswahl von Beispielen, die mich besonders angesprochen haben.

Rerik

Hügelgrab bei Rerik, Januar 2020

Eines der steinzeitlichen Hügelgräber bei Rerik an der Ostsee, nur wenige hundert Meter von der Ortseinfahrt, an der Strasse bei der Bushaltestelle sind die Gräber linkerhand unübersehbar. Der Pfad führt durch die grün aufgelaufene Saat über das Feld: Ein nicht wegzudiskutierender Beweis für die Attraktivität der Steinhaufeninsel mit ihren Schlehdornhecken und Pflaumenbäumchen mitten im Winteracker. Wahrscheinlich überwiegt die ästhetische Anziehungskraft das historische Interesse, auch wenn beide Momente da sind und unsere Phantasie ansprechen. Womöglich haben schon die Leute, die diese Gräber vor drei- oder viertausend Jahren anlegten (wie haben sie den Transport der Hinkelsteine bewerkstelligt?), neben dem Anlass und dem Willen, eine sozusagen historisch bedeutsame Spur zu hinterlassen, dies Projekt bereits auch als eine Art Kunstwerk wahrgenommen: Sie haben gesehen, wie sie das Land verändern, dass sie ihm sozusagen ihren Stempel aufdrücken. Dass sie sich selbst als Besitzer des Landes verewigen und die nach ihnen kommenden Fremden daran erinnern, dass dies ihr Land war und ein wenig bleiben wird, so lange, als der in Steingestalt aufgerichtete Anspruch den Nachgeborenen vernehmbar bleibt.

Züschen

Steinkammergrab bei Züschen, Zustand 1955. Heimatmaler Burkhard Niebert

Ich erinnere mich an meine Jahrzehnte zurückliegenden Besuche am Steinkammergrab bei Züschen in Nordhessen, als das magische Monument noch nicht für den Tourismus in Szene gesetzt und tatsächlich ziemlich unbekannt war. Damals gab es noch kein Dach über dem Grab, noch keine Handläufe, angelegten Wege und keine Informationstafeln. Im Internet finde ich das wiedergegebene Bild, das der Szene in meiner Erinnerung gleicht. Ich sass am Rand der offenen Kammer, liess die Beine über die schnurgerade Kante der Steinplatte am Rand baumeln und stellte mir vor, wie eine Leiche durch das kreisrunde Eingangsloch in die lange Kammer hineinbugsiert wurde. Von den Leuten, die dies Grab angelegt hatten, fehlt den Archäologen sonst jede Spur. Man vermutet, dass sie aus dem westeuropäischen Raum stammten, dem heutigen Portugal, und dass diese Art Gräber – ein Dutzend davon ist in Mittel- und Westeuropa verteilt – etwa 5000 Jahre alt sind. Sehenswert, weil der Anblick vielfältige Fragen hervorruft: Sind die Leute völlig verschwunden, oder tragen wir ihre genetischen Spuren in uns? Die kreisrunde Öffnung, durch die sich heute jedenfalls kaum einer hindurchzwängen könnte: Wozu hat die gedient? Wie haben sie es geschafft, die mächtigen Steinplatten so genau rechtwinklig und geradkantig und plan zu behauen? Ich fand auf keine dieser Fragen eine Antwort, aber der Anblick dieses widerständigen Restes einer verschwundenen Kultur inmitten der völlig ländlich-idyllischen Hügellandschaft mit Weiden und Äckern und Hecken und Forsten blieb zauberhaft.

Uffington

Das weiss in den grünen Hügel geritzte Pferd von Uffington – es stammt aus der Bronzezeit vor etwa 3000 Jahren – bezeichnet wahrscheinlich keine Grabstätte. Wir wissen nicht, in welcher Absicht es in den grünen Hügel der heutigen Oxfordshire-Landschaft so hineingekratzt worden ist, dass das riesige Scharrbild eines überraschend modern-abstrakten Pferdes aus weisser Kreide erscheint. Allerdings ist die 110 Meter lange Gestalt nur aus der Luft vollständig zu erkennen. Um sie als Ganzes wahrzunehmen, musste man sie abschreiten und sie sich zusammenreimen, bis Flugzeuge und Drohnen uns Heutigen den Überblick präsentierten. Das Scharrbild erscheint uns als Kunstwerk, und es ist nicht auszuschliessen, dass die Leute, die das Pferdemuster in den Hügel scharrten, von ganz ähnlichen Motiven getrieben waren wie die, von denen heutige Künstler angetrieben sind, selbst wenn sie womöglich die nordische Mythologie mit Odins Pferd Sleipnir illustrieren wollten. Das Scharrbild wird seit mindestens tausend Jahren von den Bewohnern der umliegenden Ortschaften in freiwilliger Arbeit alljährlich in strahlendem Kreideweiss aufs Neue hergestellt. Man kratzt den Schmutz vom Kreidefels ab und mischt den Bodengrund aufs Neue zu makellosem Weiss. So wird das Kunstwerk in gemeinsamer Tätigkeit stets erneuert, wieder hergestellt und von den Bewohnern dabei gewissermassen als Symbol der eigenen lokalen Identität wieder angeeignet. Die Form trägt bereits die abstrakten Tendenzen der Moderne in sich, und so hat diese alte Scharrspur etwas zeitvergessen und künstlerisch dauerhaft Aktuelles.

Mesa Verde

Der so genannte Cliff Palace, eine der verlassenen Anasazi-Siedlungen von Mesa Verde in der Nähe der „Four Corners“ im Grenzgebiet der Staaten Neu Mexico, Colorado, Utah und Arizona

Ob es die Trockenheit der Luft ist oder die Weite der Hochebene: Das Licht im Westen Nordamerikas leuchtet greller als anderswo, als ob es über dem Land liege wie eine durchscheinende Schicht von Röntgenstrahlen. Man meint, hundert Meilen weit in den leeren Raum zwischen dem dürren Boden und dem wolkenreichen aber regenverschlossenen Himmel hineinzuschauen. In der Gegend um „Four Corners“, wo die Staaten Colorado, Neu Mexiko, Utah und Arizona zusammentreffen, ragt der mächtige Tafelberg namens „Mesa Verde“ voller Vegetation wie ein gewaltiges grünes Schiff aus der Ebene. Auf seiner Höhe fällt im Sommer manchmal Regen, im Winter oft Schnee, und so bietet er Menschen so etwas wie eine halbe Chance, als Siedler zu überleben. Im August 1982 verbrachte ich zum ersten Mal einen Tag dort auf Mesa Verde damit, die vielen Siedlungsreste aufzusuchen und mich an den unterschiedlichen Arrangements von Felsenklippen und Hauswänden in Beige- und Rot- und Russtönen, und an den olivfarbenen Drapierungen der Büsche und Bäume zu ergötzen. Es gibt Dutzende verlassene Orte, – grosse wie der Cliff Palace, und auch abgelegene, kleine, nur durch eine Kletterpartie zugängliche. Wir fuhren damals wie besessen von einem zum andern Siedlungsort, kletterten auf schmalen Pfaden zu den Felsvorsprüngen mit den Behausungen hinunter und in die Kivas hinein. Auf den balkonartigen Plateaus kam ich mir vor wie ein Vogel, der gleich die Arme ausbreiten und in den Canyon hinabsegeln sollte. Ob die Leute Drogen gegen Vertigo nahmen? Seit jenem Augusttag 1982 bin ich drei Mal nach Mesa Verde zurück gekommen, – das Foto des Cliff Palace habe ich an einem Regentag 2007 aufgenommen, der Ort hatte über 25 Jahre kein Deut seiner magischen Anziehungskraft verloren.

Auch die kaum bekannten so genannten Aztec Ruins in Farmington gleich hinter der Grenze von Colorado nach Neu Mexiko sind faszinierend: Ein ausgedehntes Labyrinth im Flachland, das an eine Bienenwabe mit (für Bienen) extrem grossen Kammern erinnert und aus Steinwällen errichtet worden ist, nicht aus den lehmartigen Adobe-Ziegeln wie die Wände unter den Klippen des grünen Berges. Der Name (Aztec Ruins) irritiert, weder stammen die Bauten von den Azteken noch sind es eigentlich Ruinen. Zur Instandhaltung stellenweise ausgebessert von Archäologen, haben all diese Gebäude – das Steinlabyrinth in Farmington, die vielen Adobe-Bauten auf Mesa Verde und die ausgedehnten Anlagen von Chaco Canyon – in dem extrem trockenen Klima der Region im grossen Ganzen genau den Zustand erhalten, in dem sie vor etwa 700 Jahren von ihren unbekannten Erbauern und Bewohnern verlassen worden sind. Wir nennen diese Leute „Anasazi“, mit einem Wort der Navajo, die Jahrhunderte später aus dem Norden einwanderten und bei ihren Streifzügen auf die unzerstörten und unbewohnten Siedlungen stiessen. Jared Diamond, der den Anasazi ein Kapitel in seinem Buch „Kollaps“ widmet, übersetzt das Wort mit „die Alten“. In der deutschen Version von wikipedia heisst es „die alten Feinde“. Tatsächlich waren die Navajo Eindringlinge im Land der Hopi und Zuni, mit denen sie alsbald in Streit gerieten, und die meisten Fachleute nehmen die Pueblo-Kultur der indigenen Ackerbauern (Hopi, Zuni, Taos) als Nachfolge und Fortführung der Anasazi-Kultur wahr.

Ausschnitt aus der Anlage der Aztec Ruins mit den hintereinander gebauten Zellen in Farmington, NM

Weshalb haben die Anasazi ihre Wohnstätten vor 700 Jahren im Stich gelassen, weshalb sind sie einfach davongegangen? Die Park Ranger hatten 1982 drei Antworten auf diese Frage parat: A Ein mächtiger Feind bedrohte die Anasazi und trieb sie schliesslich in die Flucht; B Ihre Landwirtschaft richtete die Böden zugrunde, das Land konnte sie nicht mehr ernähren; C Eine Dürreperiode, die sich über mehrere Jahre hinzog, zwang die hungernden und verzweifelten Menschen, ihr Glück anderswo zu versuchen. Ich fand damals keine dieser Erklärungen vollkommen überzeugend. Sie widersprachen einander zum Teil, waren durch die Funde in den verlassenen Siedlungen nicht immer gedeckt und schienen mir allzu leicht über die Tatsache hinweg zu gehen, dass die Anasazi über den langen Zeitraum von 600 Jahren hin in ihren verschiedenen Zivilisationsnestern in der Four Corners-Region überlebt, ja sogar eine prosperierende Zivilisation mit eigenen Strukturen aufgebaut hatten. Die Arbeitsteilung ist etwa im Chaco Canyon, einem weiteren Zentrum der Anasazi-Kultur, besonders deutlich, wo die Menschen ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem mit Staubecken und Kanälen angelegt hatten, was auf Mesa Verde nicht notwendig war, weil es dort meist hinreichend Regen gab, ein Luxus, der durch die alljährliche Winterkälte aufgehoben wurde, die wiederum im Chaco Canyon kein Problem darstellte.

Jared Diamond hat in „Kollaps“ einen Erklärungszusammenhang für das Verschwinden der Anasazi entwickelt, der mir am ehesten plausibel erscheint. (Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Frankfurt a.M.: S. Fischer 2005) Er zeigt, dass die Lebensgrundlage von Feldbau, Jagd und Truthahnhaltung in der vom Kontinentalklima geprägten ariden Zone des Hochplateaus im Westen Amerikas vor allem abhängig war vom Wasser: Rhythmus und Häufigkeit der Niederschläge bestimmten Bild der Landschaft und Tiervorkommen, die Verfügbarkeit des Wassers war der Schlüssel zur Bewirtschaftung von Gärten und Feldern, aber eben auch das Hauptproblem. Eine besondere Schwierigkeit für die Anlage von Bewässerungskanälen bieten etwa die typisch heftigen Niederschläge, die im ausgetrockneten Gelände tiefe Flutgräben – Arroyos – ausspülen, deren Wasserspiegel dauerhaft unterhalb des Bodenniveaus zu liegen kommt. Diamond beschreibt den Erfolg der Siedler über die ersten Jahrhunderte hin, was ein Anwachsen der Bevölkerungszahl nach sich zog, was wiederum komplexere Siedlungsstrukturen und Muster des Zusammenlebens ermöglichte, aber die Möglichkeit einer nachhaltige Bewirtschaftung der verfügbaren Ressourcen mit tragischer Unausweichlichkeit zerstörte. So kommt es zu dem Szenario des Untergangs, das Diamond ähnlich für die Wikingerkultur auf Grönland zeichnet, wo das Einsetzen einer klimatischen Kälteperiode zur Ausbreitung von Hunger und Not führt, was wiederum interne Streitigkeiten hervorruft und externe Feinde (die gleichzeitig mit den Norwegern nach Grönland eingewanderten Eskimo) anzugreifen ermutigt. Möglich, dass im Four Corners-Gebiet eine über zwei oder drei Jahre anhaltende Dürreperiode genügte, um die Lage derart zu kippen, dass selbst die Spuren von Kannibalismus, die man an Knochen aus den verlassenen Feuerstellen fand, erklärbar werden als letzte Notlösung. Dass man keine Reste unbestatteter Leichen fand, deutet womöglich darauf hin, dass die Letzten, die fortgingen, um anderswo neu anzufangen, vorher noch ihre Toten bestatteten. Kürzlich wurde in einem Science-Magazin vom Ergebnis einer genetischen Untersuchung berichtet, derzufolge die Knochen domestizierter Truthähne aus Anasazi Siedlungen die enge Verwandtschaft zu den Tieren belegen, die heute in den Pueblos gehalten werden. Ein Anzeichen dafür, dass die Vermutung zutreffen könnte, dass die Bewohner der Pueblos der Hopi und Zuni und Taos als Nachfahren der Anasazi gelten dürfen. Manche der Pueblos bestehen seit dem 14. Jahrhundert, also seit 700 Jahren.

Taos Pueblo 2007

Das Pueblo in Taos in Neu Mexiko ist eines davon, es wird in Fremdenverkehrs-Broschüren die „älteste durchgängig bewohnte Siedlung Nordamerikas“ genannt. Die bis drei und vier Stockwerke hohen Bauten sind aus (luftgetrockneten) Lehmziegeln mit Lehmverputz – „Adobe“ – errichtet, die Wände sind bis zu einem Meter dick. Im Vergleich mit den vielfältigen Techniken und Türmchen und Rundbauten und eingeschobenen Veranden und Adobe-Bänken der Anasazi Siedlungen wirkt der Stil des Taos Pueblo ein wenig plump und simpel, aber auch stark und grosszügig. Die Geschichte der Taos-Leute kann als Geschichte Jahrhunderte andauernden Widerstands gegen Spanier, Missionare und Anglo-Amerikaner beschrieben werden. Natürlich war es auch eine Geschichte der Aufnahme und Integration der fremden Einflüsse, aber wenn man bedenkt, dass diese Leute nach 700 Jahren ihre eigene Sprache sprechen und ihre eigene selbstbestimmte Lebensweise führen, mit ihren unverwechselbaren Häusern und mit religiösen Ritualen, zu denen kein Aussenstehender Zutritt hat, dass sie beträchtliche Teile der riesigen Ländereien auf dem Taos-Bergland und um ihren heiligen See, die ihnen im 19. Jahrhundert genommen waren, inzwischen wieder besitzen und behüten – dann erscheint es gerechtfertigt, den Triumph des Widerstands zu betonen. Meine Besuche im Pueblo waren stets wohltuende Pausen vom Lebenstempo ausserhalb. Die Zeit fliesst langsamer als jenseits dieses Bannkreises. Es gibt keine Autos, und obwohl die Bewohner u.a. von den Verkäufen ihrer Bilder und ihrer Folklore-Kunst leben, fehlt jede aufdringliche Reklame.

Ein Mann, der im kühlen Inneren eines Hauses einen Stuhl zusammenbaut, zeigt sich gesprächsbereit und lässt sich sogar auf meine Fragen über das Spielkasino ein, das die Taos auf ihrem Gelände (ähnlich wie andere Indianer auf ihrem Gebiet, das den Spielverboten der Staaten nicht unterliegt) errichtet haben. „Was werdet ihr mit dem vielen Geld anfangen, das da rein kommt?“ – Er führt mich zur Tür: „Siehst du die Berge? Das ist unser Land. Und weiter hinten ist mehr Land, das uns gehört. Aber andere haben es genommen. Und das kaufen wir zurück.“

Diese Leute haben ihren Platz in der Mitte ihrer Welt gefunden und über 700 Jahre hin behaupten können. Wie zum Ausgleich dafür, dass sie ihren wohl eingerichteten Lebensraum vorher nach 600 Jahren aufgeben mussten.

Merw

Dass mich der Anblick des Ruinenlandes von Merw als Schock traf, hängt wohl mit der Anreise zusammen. Wir – die kleine turkmenische Reisegruppe, mit der ich im Sommer 2012 unterwegs war – hatte den Weg vom mächtigen Amur Darja durch die Karakum Wüste genommen, ähnlich wie die Karawanen, die zur Zeit der Seidenstrasse von Samarkand her kamen und die Hitze ertrugen – sie waren tagelang unterwegs in dieser seltsamen Wüste, in der selbst die Eidechsen Lauftunnel in den Sand graben, um die Hitze zu überleben, und in der trotzdem Bäume wachsen, deren Wurzeln in das Grundwasser hinunterreichen, das in dem schwammartigen Boden dieses Landes hier und da zeitweise zutage tritt oder auch so wegsacken kann, dass ganze Flüsse verschwinden. Die Stadt Merw muss den Reisenden wie ein Erholungs-Traum der Rast, der Kultur mit Musik und Tanz und leiblichen Genüssen vor Augen gestanden haben. Damals, tausend Jahre vor unserer Zeit, bei einer Einwohnerzahl von einer Million wahrscheinlich die grösste Stadt der Welt (zum Vergleich: Paris hatte damals 75 000 Einwohner), bot sie alles, was eine blühende Metropole bieten kann, – Völker vieler Sprachen und Religionen lebten miteinander, es gab Moscheen und Synagogen und Kirchen und buddhistische Klöster und zoroastrische Tempel. Der Sultan Sanjar von Chorasan, der im Jahr 1118 unserer Zeitrechnung Herrscher des Seldschukenreichs geworden war, zeigte sich als Freund der Künste und Wissenschaften, er gewährte dem berühmten aber unter rechtgläubigen Muslimen umstrittenen Mathematiker, Astronomen und Philosophen Omar Khayyam auf dessen alte Tage Refugium. Merv verfügte über alles, was er brauchte: Observatorien, um die Sterne zu beobachten, Bibliotheken, um alte und neue Schriften zu studieren, prachtvolle Anlagen mit Wasserspielen, um in Gärten zu lustwandeln und Lauben und schattige Bäume, um lange Nachmittage bei Wein und Gespräch zu verbringen.

Als das Mongolenheer unter Tolui Khan, einem Sohn von Dschingis Khan, die Stadt im Jahr 1221 einnahm, überlebten nicht viele Bewohner. Die Mongolen plünderten, was zu plündern war, nahmen auch das Grab von Sultan Sanjar in seinem Mausoleum auseinander, und zerstörten und verbrannten, was sich zerstören und verbrennen liess. Angaben über die Zahl der Ermordeten schwanken zwischen 700 000 und „mehr als eine Million“ (man nimmt an, dass Hunderttausende Flüchtlinge in der Stadt Schutz gesucht hatten). Zu viele für die Überlebenden, um einen Wiederaufbau physisch und psychisch bewerkstelligen zu können. Man baute Teile wieder auf, die von den Truppen Timurs 1380 geplündert und zerstört wurden. Im 17. Jahrhundert hatte der Ort jede Bedeutung verloren. Die Lehmziegel-Gebäude zerfielen und bildeten eine von Hügelreihen geprägte Landschaft.

Die verlorene Grossstadt Merv :Horizont aus Ruinen 2012; rechts die Kuppel des Sultan Sanjar Mausoleums

Als wir im August 2012 nach Merw hineingefahren waren, stiegen wir auf einen höher gelegenen Hügelkamm, der sich im grossen Bogen um eine Senke herumzog, die mir als zoroastrischer Tempel erklärt wurde. So weit ich sehen konnte, sah ich ringsum Ruinenketten wie hintereinander gestaffelte Reihen endlos langer Mauerlücken. Es war ein ungeheurer Anblick. In meinen Ohren vernahm ich ein dumpfes Dröhnen. Aus der Reihe ragte ein wohlerhaltenes Stück hervor, das Sultan Sanjar-Mausoleum (rechts im Foto).

Rest einer runden Anlage inmitten der Ruinen von Merv, möglicherweise eines Zoroaster-Tempels (2012)

Die Wege durch das Ruinenland sind lang, zu viele erosionsgeschliffene Ruinen, man ermüdet ein wenig. Umso willkommener erscheint dann das völlig intakte Mausoleum. Es ist, unterstützt durch Mittel der türkischen Regierung, instand gesetzt worden, an der Seite ist sogar eine Wendeltreppe für den Aufstieg zum Umgang der inneren Balustrade installiert.

Das Mausoleum des Sultan Sanjar 2012

Wir stehen um die Grabplatte im Zentrum der Halle im Innern und schauen in die mächtige Kuppel empor. Aleksandr, der sich hier auskennt, meint, das Pantheon in Rom sei ein Vorbild für die Architekten von Merw gewesen. Dann erzählt er eine der Sagen über Sultan Sanjar, der auch unter Turkmenen ein grosser Name geblieben ist: Als der Sultan alt war, verliebte er sich in eine sehr schöne Frau. Sie sagte: Du darfst mich niemals beobachten, wie ich gehe, und wie ich mir die Haare kämme. Sonst muss ich dich verlassen. Er schaute, wie sie ging, und sah, dass ihre Füsse den Boden nicht berührten, und er spionierte ihr nach und sah, wie sie den Kopf abnahm, ihre Haare kämmte, und den Kopf wieder aufsetzte. Sie sagte: Ich muss dich verlassen, denn du hast gesehen, was du nicht sehen durftest. Aber ich kann dich besuchen, wenn du eine riesengrosse Halle baust, mit einer Kuppel und einem kleinen Loch in der Mitte der Kuppel, und wenn du genau unter dem Loch liegst und schläfst, dann komme ich jeden Freitag nach Sonnenuntergang dich besuchen. Aleksandr brach die Geschichte ab und sagte: Aber heut ist Freitag, und schaut nur, die Sonne geht unter: Lasst uns rausgehen.

Draussen sah ich eine Frau mit einer Plastiktüte in der Hand und zwei Kindern, die zwischen den Hügeln herumsuchten. Aleksandr erklärte: Wenn es geregnet hat, oder wo es viele Ameisen gibt, da findest du manchmal einen Ohrring oder eine Perle, und danach suchen die Leute.

Inneres des Mausoleums mit der Grabstätte; die Kuppelmitte ist genau darüber

Ich habe lange danach gesucht, welcher der Vierzeiler (Rubayyat) von Omar Khayyam zu dem endgültigen Untergang der Stadt Merw am ehesten passt, und weder in Bodenstedts Übersetzung von 1880 noch in der von Rosen 1912 jene harsche und doch elegant formulierte Aussage gefunden, die Edward Fitzgerald in seiner 1859 zuerst (und seither hundertfach nachgedruckten) erschienenen englischsprachigen Fassung herausgebracht hat:

The Moving Finger writes; and, having writ,

Moves on: nor all your Piety nor Wit

Shall lure it back to cancel half a Line,

Nor all your Tears wash out a Word of it.

(Der Finger bewegt sich, schreibt, und fährt, nachdem er geschrieben hat, mit Schreiben fort. All deine Frömmigkeit und all dein Witz werden ihn nicht zurücklocken, eine halbe Zeile zu löschen, and all deine Tränen kein einziges Wort davon wegwaschen.)

Über den Winter kommen

Krokuswiese vorm Haus am 25. Februar 2021

Die Krokuswiese erschien im Februar; ich nahm sie wie eine Verheissung und fotografierte das Bild am Tag unserer ersten Impfung gegen das Coronavirus. Inzwischen sind die Krokusse verblüht, durch eine Welle blauer Szillablüten und Dutzende von gelben Narzissen-Nestern ersetzt. Obzwar, der Insektenflug blieb doch mager, Bienen und Hummeln machten sich rar, und auch die schönen Zitronenfalter liessen sich nur kurz blicken, um wieder zu verschwinden. Vorgestern sah ich eine Rauchschwalbe über dem Dach in der leeren kalten Luft, sie hat ihren Testflug anscheinend sofort abgebrochen und ist zu wärmeren Himmeln davongeflogen. Gestern versuchten Elisabeth und ich einen Osterspaziergang unten am Fluss, kehrten aber in eiskalten Sturmwinden um und waren kopfschüttelnd froh darüber, dass wir nicht in das einsetzende Schneetreiben hinein geraten waren. Die arretierte Entwicklung des Frühlings passt ins Bild wie die ausbleibende Erderwärmung: Dass sich der Winter weiter fortschleppt, entspricht irgendwie unserem seelischen Zustand.

Man erwartet die Nähe von andern Menschen wie die Wärme des Sommers. Doch die Selbstverständlichkeiten des Lebens sind uns abhanden gekommen. Die Distanz, von der wir glaubten, dass sie leicht einzuhalten sei, zeigt ihre Toxizität immer deutlicher. Wir sagen: Wir sind privilegiert hier auf dem Lande. Schau nur, wie frei wir uns draussen bewegen können. Aber die Freiheit des Raumes ist menschenleer und voll unsichtbarer Grenzen, an die wir stossen wie an gläserne Wände eines gläsernen Käfigs. Man lernt, das Wesen der Distanzierung von Masketragen und Abstandhalten zu übertragen auf jede Begegnung, und diese Importe lassen das, was wir Gemeinschaft nannten, allmählich erstarren. Sind Vielfalt und Frequenz der Kommunikation eingeschränkt, so leidet das Gespräch, das wir doch sind. Man ahnt, wie es sein würde, wenn da alles zum Stillstand käme: Wie am Südpol, wie auf dem Mars. Da sind wir noch nicht, noch können wir die Vorstellung wegwischen, dass wir unser Solo-Dasein auf individuellen Isolierstationen verbringen werden müssen. Wer das an die Wand malt, übertreibt. Aber es liegt ja in der Luft. Sommer und Winter: Beide liegen in der Luft.

Im Winter ist der Tod näher als im Sommer. Viele sterben, und vielleicht stirbt auch in uns manche alte Gewohnheit, manche fixe Idee, die nicht wiederkehren wird. Ich weiss nicht, welche meiner Muster, in der Welt zu sein, verschwinden werden. Aber Veränderungen sind spürbar. Neues drängt hervor. In meinen Träumen tauchen Dinge auf, die ich vorher noch nie gesehen habe. Ich versuche, sie festzuhalten, weil sie mir Glück verheissen, und weil dies ihnen zudenken die zivilisierte Art ist, meine Reverenz zu erweisen.

Einmal bin ich an einem Spätsommernachmittag in einer grünen Arena, auf der Bühne bewegt sich eine Gruppe von Figuren, ich weiss nicht, worum es geht, aber es herrscht eine freundliche und anregende Atmosphäre. Rechts von mir sitzt John Dewey, der Philosoph, dessen Schriften ich über Jahrzehnte hin studiert und geliebt habe. Er ist klein, aber schick in seinem lässigen Sommeranzug, und wir fangen an, über das Wetter zu reden. Ich versuche, eine Bemerkung zu Alexander von Humboldt’s Ökologiebegriff anzubringen (am Tag vor der Nacht dieses Traums hatte ich in Andrea Wulfs Biographie herumgelesen), aber John Dewey spricht weiter über Belanglosigkeiten, und ich lerne im Traum, dass die Tiefe der Dinge in dem verborgen ist, was ich für belanglos halte. Dabei schaut er mich an, es ist das erste Mal, dass er mich anschaut, seine Augen sind hell, sein Blick ist freundlich, und ich bin im Traum für einen Augenblick glücklich.

Das zweite Traumbild findet mich an einem regnerischen Novemberabend im eher städtischen Umfeld auf einer Strasse, von der aus der Blick sich nach rechts öffnet und auf ein kastenförmiges Gebäude fällt, vor dem eine Handvoll dunkel gekleideter Menschen sich zu versammeln scheint. Mir ist, als ob die Atmosphäre der im Hain am Falkensteiner Ufer im Westen Hamburgs gliche. Ich bin mit anderen zusammen, wohl Kollegen, die ich jetzt vergessen habe. Denn plötzlich erschallt ein lautes Trompeten, aber es ist kein Trompeten, sondern eher ein langgezogenes Pfeifen und Tuten und Alarmieren, irgendwie sehr alt und urtümlich, und ich weiss sofort, was es ist, obgleich ich dies Geräusch im wachen Leben noch nie gehört habe: Schofarblasen ist es, und ich höre es, und sehe jetzt auch, wie die Versammlung der dunkel gekleideten Menschen vor dem Haus zu einem Massenauflauf angeschwollen ist. Das sind meine Leute, sage ich, die Juden. Und im Traum fühl ich mich an dieser Stelle sozusagen wohl aufgehoben und bin zufrieden.

Mit Träumen wie diesen, finde ich, kann man den Winter überstehen. Die Bilder, die sie mir vor die Seele stellen, nehme ich als Versprechen. Es kommt etwas Neues, Unerhörtes, und was es auch sein wird, es dürfte interessant sein und dem Leben neuen Schwung geben.

Wahrscheinlich bin ich im Zusammenleben mit Elisabeth wirklich privilegiert im Vergleich zu denen, die den Winter tatsächlich solo durchstehen müssen. Es wäre hilfreich, wenn alle ab und zu einen Traum träumen könnten, der unerhört Neues und Beglückendes zeigt. Aber, bei Lichte betrachtet, gehen wir dem Sommer auch ohne Traum unaufhaltsam entgegen. Es liegt an der Neigung der Erdachse und am Einfallswinkel der Sonnenstrahlen, und die allsommerliche Erwärmung des Planeten wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten. Wie lange der Winter der Seele anhält, hängt wohl auch von uns selber ab. Das akzeptieren, was an Verlusten und Aussichten begegnet, kann man lernen. Immerhin ein Horizont, auch wenn die Fähigkeit, sich zu öffnen, nur eine andere Formulierung für „Lebenskraft“ wäre.

Gaben: Das Beste ist käuflich nicht zu erwerben

Die besten Dinge, die du im Leben haben kannst, sind umsonst, sagte mein Grossvater beim Pilzesuchen im Wald zu mir. Im Lauf meines Lebens habe ich manchmal an den Spruch gedacht und gefunden, dass er stimmt, zum Beispiel angesichts der grandiosen Bergwelt, des Nachthimmels, der Sterne über einer Meeresbucht und so weiter: Ich schaffe es nicht, diese Art Anblick von mir abperlen zu lassen, finde mich überwältigt und bin am Ende mit meiner Verwundbarkeit einverstanden. Vielleicht ist es eine Art Zweckpessimismus, die mir immer wieder Überraschungen beschert, weil in meiner Erfahrung das tatsächlich stattfindende Leben viel reicher und stärker und schöner auftritt als jeder mir zugängliche Traum.

„Umsonst ist der Tod“, sagt ein Typ in einem Krimi, den ich vor Zeiten gelesen habe; „und der kostet das Leben“, antwortet darauf ein anderer. Mir ist es zum Spiel geworden, den Faden dieses Dialogs weiter zu spinnen. Also die verborgenen Kosten zu entdecken, die alles mit sich bringt, was wir anstellen, auch wenn sie nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Ich war mir zwar sicher, dass mein Grossvater manchmal recht behielt mit seinem Spruch, aber eben nur in Fällen, deren Kosten ich noch nicht genau durchkalkuliert hatte.

Dann, vor etwa 30 Jahren, las ich Lewis Hydes Studie „Die Gabe“, und fand im Text eine Sicht, die mir die Augen öffnete und dazu führte, dass ich das Problem der Möglichkeit eines grosszügigen, Geschenke verteilenden Universums , das mich seit der Kindheit beschäftigt hatte, für endgültig gelöst hielt und es sozusagen ad acta legte. Hydes Buch ist eines von denen, die man immer wieder aufschlagen möchte. Als ich vor kurzem wieder darin herumlas, fiel mir auf, wie aktuell es ist für unsere Gesellschaft, deren Hilflosigkeit im Umgang mit Künstlern und mit der Kunst gerade in diesen Zeiten der Virus-Pandemie zum Vorschein kommt. Und, für meinen Weg des Naturlesens noch wichtiger die Vermutung, dass der Passe-Partout zum angemessenen Umgang mit der Natur im Gabentausch stecken könnte.

Darf ich Sie einladen, einen Blick auf die Zusammenfassung von Hydes Text zu werfen, die ich hier versuche?

Lewis Hydes „Die Gabe“: Gabentausch in Kunst und Wissenschaft

Die aktuell vorherrschende Form des Handels läuft wie bekannt darauf hinaus, die Dinge des Lebens als Waren zu verkaufen. Dabei geht es um die Anhäufung von Profit. Eine ältere Form des Handels ist der Gabentausch, bei dem man einander Geschenke macht. Diese Form haben Ethnographen am Beispiel von sog. primitiven Gesellschaften studiert und gefunden, dass der Gabentausch eine andere Form von Gemeinschaft begründet als der Handel mit Waren: Das höchste Ansehen hat in der Warengesellschaft derjenige, der es versteht, am meisten anzuhäufen; umgekehrt in der Gabengemeinschaft derjenige, der am meisten weggibt. Reichtum ist in der Warengesellschaft eine Sache von einzelnen, in der Gabengemeinschaft die Sache der gesamten Gemeinschaft: Durch die Gabe wird die Gemeinschaft bereichert und in gewissem Sinn hergestellt. Erwähnenswert ist folgende Bedingung für die Breitenwirkung der Gabe: Es muss eine Art Ringtausch entstehen, der den Gabentausch zwischen zwei Personen überschreitet; erst wenn ein dritter und vierter Partner in den Zirkel der Weitergabe von Gaben einbezogen ist, kommt eine gemeinschaftsbildende Vernetzung von Emotionen und Erinnerungen, Dankbarkeitsgefühlen und Schuldigkeiten zustande.

Als Beispiel für die Komplexität dieser Wechselseitigkeit zitiert Hyde das Schema des Tauschs von Hochzeitsgeschenken unter den Tikopia, aus einer Untersuchung über Primitive Polynesische Ökonomie (Hyde S. 113).

 

Der Austausch von Hochzeitsgeschenken unter den Tikopia. Aus: Raymond Firth: Primitive Polynesian Economy. London 1939

Der gemeinschaftsbildende Gabentausch folgt in den Gesellschaften, die ihn üben, genauen Regeln. Im Zuge der Ausbreitung des kommerziellen Handels mit Waren, der die Welt selbst warenförmig zubereitet, sind diese alten Formen in unseren sog. zivilisierten Gesellschaften längst an den Rand gedrängt worden. Hyde erklärt, dass jedoch Nischen für die Gabengemeinschaft inmitten der kommerzialisierten Warengesellschaft weiter bestehen, allen voran in Kunst, Literatur und Wissenschaft, und er zeigt, dass eine Kommerzialisierung dieser Bereiche, die ja fortwährend unternommen wird, zum Zusammenbruch dieser Gemeinschaften führen muss. So besteht die Aktualität von Hydes Buch für unsere Gesellschaft vor allem darin, dass er die Notwendigkeit der alten Gabengemeinschaft für den Fortbestand von Kunst, Grundlagenforschung und Literatur nachweist. (Die Gaben der Literatur sind vor allem die literarischen Kunstwerke selbst, nicht das Verlagswesens und der durch das Verlagswesen kontrollierte Literaturbetrieb: Auf einer Buchmesse geht es ums Geschäft, nicht um Gaben). 

Sein Hauptargument fasst er selber in den Worten zusammen: „Eine Gruppe kann sich bilden, zusammenhalten und bestehen, solange Eigentum als Gabe zirkuliert, und sie zerfällt, sobald der Gabentausch unterbrochen wird oder wenn die Gaben in Waren verwandelt werden.“ (S. 99) Ein Beispiel aus dem Bereich der Wissenschaft ist die Gemeinschaft von Forschern, die ihre Hypothesen und Experimente für den gemeinsamen Erkenntnisgewinn untereinander austauschen; sobald Privateigentum an den Ergebnissen des Erkenntnisprozesses ins Spiel kommt, wenn es etwa in Form von Patenten angemeldet wird, ist es mit der Forschungsgemeinschaft an dieser Stelle vorbei.

Entscheidend ist der Ausgangspunkt des Gabenzyklus: Hyde sieht die ursprüngliche Gabe, die Kunst und Wissenschaft in Gang setzt, als mysteriöse Grösse, die dem einzelnen, dem sie begegnet oder widerfährt, nicht „gehört“ wie dem, der eine Ware erworben hat, diese Ware gehört. Der Künstler sieht sich begabt und drängt danach, die Gabe, die er als visionäres Ausgangsmaterial empfangen hat, als vage, aber intensive Idee, in feinerer und vollkommenerer Gestalt auszudrücken und weiterzugeben. Künstler sind demzufolge das Medium ihrer Gaben, sie müssen sich darauf verstehen, die Gaben zu vermehren und als fertige Werke zu präsentieren.

Das fertige Werk vermehrt seinerseits den geistigen Reichtum der Gemeinschaft. Hyde verdeutlicht dies am Beispiel der Wirkung von Gedichten:

„Wir empfinden in Gedichten einen Geist, der weder unser eigener noch der des Dichters ist, sondern einer dritten dazwischen liegenden Grösse zugehört. Wo eine lebendige Tradition besteht, geraten wir in ein Liebesverhältnis mit den Geistern der Toten. Wir bleiben die Nacht über auf mit ihnen. Wir halten ihre Gaben am Leben, indem wir sie ins Wesen unseres eigenen Daseins hineinnehmen und unsere Herzen mit ihnen füttern.“ (S. 253)

Die Kunst der Dichtung ist ein Beispiel, analog könnte man die Wirkung der Musik, der Malerei beschreiben.

Diese Darstellung der Kunst als Funktion der Gabengemeinschaft macht ihre Fremdartigkeit in der kommerziellen Warengesellschaft plausibel. Man erkennt, dass es mehr als blosser Zufall ist, wenn Mozart, dessen Musik millionenfach verbreitet und gewinnträchtig ausgeschlachtet wird, selber in einem Armengrab verscharrt wurde, oder wenn Vincent van Gogh, dessen verzweifeltes Bild „Sternennacht“ heute einen Warenwert von schätzungsweise 100 Millionen USD  darstellt, sein Leben bis zum Ende in bitterster Armut verbringen musste: Es handelt sich um ein gewissermassen strukturelles Problem, die Welt der Kunst gehört zur Sphäre des Gabenaustauschs, die Welt als Handelsware ist ihrem ursprünglichen Wesen fremd. 

Vincents Sternennacht, 1889

Schematisch ist der Zusammenhang der Gabengemeinschaft als eine Kette darstellbar: Künstler greifen Gaben auf, die ihnen in Visionen zuteil werden, entwickeln sie zum Kunstwerk und reichen sie weiter hinein in eine Gruppe, die die Gabe ihrerseits aufnimmt und in den Gabentausch so einbezieht, dass eine Gemeinde entsteht oder bestärkt wird, deren Reichtum sich durch die Weitergabe der Kunstwerke vermehrt.

Nach Hydes Darstellung haftet dem Ursprung der Gabe – also dem Impuls für den Menschen, der bereit dazu ist, ihn zu empfangen – etwas Numinoses an. „Die ursprüngliche Gabe ist das, was dem Selbst verliehen wird – durch Wahrnehmung, Erfahrung, Intuition, Imagination, einen Traum, eine Vision, oder durch ein anderes Kunstwerk.“ (S. 248) Als Beispiel erzählt er die Inition des Dichters Allen Ginsberg, der in einem Moment absoluter Glücklosigkeit und Verlassenheit auf seinem Bett in Spanisch Harlem liegt und in einem Band mit Gedichten von Blake herumblättert und plötzlich Blakes Stimme hört, die das Gedicht „Ah sunflower, weary of time…“ laut spricht.  Ginsberg hat später erklärt: „Fast alles, was ich seither getan habe, ist durch diesen Augenblick angestossen worden.“ Und Hyde erläutert Ginsbergs Annahme der Gabe: „Ginsberg hätte sich sagen können ‚Du meine Güte, jetzt fange ich an, Stimmen zu hören‘, und hätte ein Sedativ einnehmen können. Aber wenn wir das ablehnen, was dem leeren Herzen angeboten wird, wenn mögliche Zukünfte eingespielt und nicht aufgegriffen werden, dann verblasst ihr Bild. Und ohne solche Bilder können wir nichts anderes tun als die Zukunft aus der Logik der Gegenwart fortspinnen; nie werden wir in ein neues Leben gelangen, weil wir nur mit dem Altbekannten weitermachen können. Aber Ginsberg reagierte wie ein Künstler reagiert. Der Künstler vervollständigt den Akt der Bildvorstellung dadurch, dass er die Gabe annimmt und daran arbeitet, sie der realen Welt weiter zu geben.“ (252/253)

Ein Exkurs: Geschenk und Gabe – zweierlei, ähnlich oder dasselbe?

Vielleicht mutet es ein wenig spitzfindig an, über den möglichen Unterschied von „Gabe“ und „Geschenk“ zu philosophieren. Ich gebe zu, dass ich dazu neige, auf derartige Erörterungen zu verzichten. Aber in diesem Fall gibt es zur Illustration eine Geschichte, die ich so schön finde, dass ich sie einspielen muss. Es handelt sich um eines der Gedichte des alten Merwin, die als Geschichte verkleidet sind – in diesem Fall als eine Ergänzung der Geschichte der so genannten Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Möglicherweise ist es angemessener, nicht von einer Geschichte, sondern von einem Rätsel zu sprechen. Aber schauen Sie selbst. Ich mache einfach etwas Verbotenes und übersetze das Gedicht in einen Satz fortlaufender Prosa:

Als sie den Garten verliessen, beugte sich einer der Engel zu ihnen herab und flüsterte „Ich soll euch dies hier geben, wenn ihr den Garten verlasst. Ich weiss nicht, was es ist, oder wozu es nützt, und was ihr damit machen werdet. Ihr werdet es nicht behalten können. Aber ihr werdet ohnehin nichts behalten können.“ Doch sie griffen beide sofort nach dem Geschenk, und als ihre Hände zusammenstiessen, lachten sie.

Was ist das Geschenk? Der Engel weiss es nicht, und er wird nie wissen, was es ist, denn er kennt nur die himmlische Variante der Liebe. Aber wir, verstossen aus dem Garten, leben für das Geschenk. Es ist keine Gabe, denn wir können sie nicht weitergeben. Oder doch? Beim Nachdenken bleibt vieles in Schwebe, das wir durch das Verhör des Verstandes hier- oder dorthin einordnen möchten.

The Present

As they were leaving the garden/ one of the angels bent down to them and whispered/ I am to give you this/ as you are leaving the garden/ I do not know what it is/or what it is for/ what you will do with it/ you will not be able to keep/but you will not be able/ to keep anything/ yet they both reached at once/ for the present/ and when their hands met/ they laughed

(W.S. Merwin: Garden Time. Hexham, Northumberland 2016, p. 69

Die Gaben der Natur aufnehmen und der menschlichen Gemeinschaft zuführen

Hyde hat sich in seiner Gaben-Philosophie auch mit der Möglichkeit befasst, die Naturerfahrung als Gabe wahrzunehmen. Um seine Idee vorzustellen, dass wir uns an der Schnittstelle, an der die ursprüngliche Gabe als Vision oder Wahrnehmung oder Erfahrung erscheint, also gewissermassen an der Stelle, an der Allen Ginsburg die Stimme des Dichters Blake hörte, ein Baum steht. Da setzt die Andersheit der Natur in Gestalt eines Baumes setzt eine Kette von Gaben in Gang. Der Baum präsentiert die erste Gabe, die dem künstlerisch oder wissenschaftlich geneigten Menschen als Vision begegnet und ihn zur Ausformulierung des Werkes treibt. Es ist eine Ausformulierung, die auch als Übersetzung verstanden werden kann: Die Kunst entfaltet sich dabei, den stummen Anspruch der Natur in Menschen-Worten auszudrücken. Diese Variante der Gaben-Weitergabe stellt Hyde anhand des Werkes der beiden amerikanischen Dichter Walt Whitman und Ezra Pound ausführlich dar. 

Pound beschreibt in einem frühen Gedicht seine Erfahrung, in einen Baum verwandelt worden zu sein („I stood still and was a a tree among the wood, Knowing the truth of things unseen before; …“) In dieser frühen, verstörenden, aber vom Dichter angenommenen Erfahrung erblickt Hyde den entscheidenden Ausgangspunkt für die Annahme der Lebensarbeit als Dichter:  „Und es scheint nicht unwahrscheinlich, dass er, im vollen Gefühl des Werts dieser Erfahrung mit seinem ganzen Sein, sich daran schickte, im Dienst dieser Verwandlung oder dieses Bildes oder dieses Lichtes ans Werk zu gehen.“ (S. 295)

Deutlicher noch tritt der Einfluss der Natur (und zentral der von Bäumen) im Werke Walt Whitmans hervor, der als alter Mann jeden Morgen eine mächtige, 30 Meter hohe Pappel am Bach besucht. Er schwärmt von dem Baum: „Auf stumme Weise, wie beredt sie ist! Sie drückt Unbeirrbarkeit aus und das Sein selbst, anders als die menschliche Weise, die nur den Anschein erweckt… Wie sie stark und gleichförmig so in sich ruht, dass alle Wetter von ihr abperlen, und auch dies windwendige Lüftchen namens Mensch…“ (zitiert nach Hyde, S. 280) Whitman sang das der Natur innewohnende Lied mit seiner eigenen Stimme, auch wenn die Hinwendung zur Natur aus der Enttäuschung dieses liebevollen Dichters durch Menschen hervorgegangen sein mag, wie Hyde nahelegt.

Der entscheidende Akt ist die Überwindung der Sprachlosigkeit: Der Künstler absorbiert ein lebendes Naturwesen, erklärt Hyde, aber damit das Wesen in der menschlichen Gemeinschaft Leben gewinnen kann. ist seine sprachliche Artikulation notwendig. Ein Geist, der nicht beim Namen genannt wird, vermag uns nichts zu geben. Da wird ein Sinnzusammenhang erkennbar, den Hyde als Gabentausch zwischen Natur und Kultur beschreibt:

Künstler, Literaten, Wissenschaftler können der stummen Natur Namen und Stimme geben und sie auf diese Weise in die Gemeinschaft des Gabentausches so einführen, dass Wechselseitigkeit und Austausch mit der Natur legitimer Teil der menschlichen Transaktionen werden und eine Verankerung der Menschen im Ganzen der Natur in den Horizont der Gemeinschaft tritt. Der Zirkel der Kultur wird so ausgeweitet, dass er die Natur mit einschliesst.

Es ist damit aber auch vorstellbar, wenn man einen kleinen Schritt weitergeht, dass wir gleichzeitig als Mitglieder mehrerer Gemeinschaften unterwegs sind. Tätig in einer Gesellschaft, die durch kommerzielle Transaktionen geprägt ist, nehmen wir unfreiwillig-freiwillig am Geschäft des Konsums teil und leben insofern in einer als Ansammlung von Handelswaren zugerichteten Welt. Aber unser Leben braucht sich darin nicht zwangsläufig zu erschöpfen. So weit, wie wir offen sind für die Gaben von Kunst und Wissenschaft, in denen die verwandelte Naturbegegnung enthalten ist, haben wir Anteil an einer Gemeinschaft, deren Reichtum in der Beschäftigung mit der Natur gründet. Es ist ein geschenkter Reichtum, den wir dadurch vermehren, dass wir ihn weiter verschenken und den Gabentausch in Gang halten. 

Natürlich erscheint mir diese Vorstellung deswegen als besonders hilfreich, weil sie mir in meiner Lage hilft, weiter zu leben, ohne eine radikale Änderung meiner Lebensgewohnheiten vornehmen zu müssen. Vielleicht ist ja der totale Bruch nicht notwendig, vielleicht ist der „geharnischte Windstoss der Umkehr“ (Celans Wort) das Echo eines protestantisch-kirchlichen Impulses, vielleicht geht es nicht darum, erlöst zu werden, sondern vor allem darum, zu überleben, und zu retten, was zu retten ist. Etwa die Erfahrung vom Anhauch dieses heutigen Frühlingstages mit seiner Ahnung davon, dass das Universum zwar ungeheuer ist, aber keineswegs kleinlich und knauserig, sondern derart freigebig, dass es immer möglich bleibt, vom Leben als einem Fest zu träumen .

(Es geht um folgendes Buch: Lewis Hyde: The Gift. Creativity and the Artist in the Modern World. New York 1979. Viele Neuausgaben. Die deutsche Ausgabe erschien unter dem Titel „Die Gabe. Wie Kreativität die Welt bereichert“ 2008 bei S. Fischer in Frankfurt a.M.)

Sind Sie ein Fuchs, oder sind Sie ein Igel? Das Echo ferner Wahlverwandtschaften

„Allegorie der Häresie“ Beatus von Arroyo, Kastilien, Anfang des 13. Jhs., Paris, Bibliothèque nationale de France. Aus: Christian Heck, Rémy Cordonnier: Bestiarium. Das Tier in mittelalterlichen Handschriften. Aus dem Französischen von Gisella Vorderobermeier. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2020, S. 588

Am besten fange ich am anderen Ende an und schwärme Ihnen von einem kurzen wunderbaren Text vor (gerade mal 100 Seiten), den der Philosoph Isaiah Berlin über den grossen Schriftsteller Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi im Jahre 1953 geschrieben hat. Berlin zeigt, mit welchem Scharfsinn Tolstoi die Schwächen all der grossen Ideen zu entlarven verstand, die im 19. Jahrhundert im Schwange waren, und wie dieser Scharfsinn nie ohne Zynismus auftrat, und wie man darin eine Art Verzweiflung erkennen konnte. Der Roman „Krieg und Frieden“ decke die Hilflosigkeit zumal der Generäle auf, die beim Verlauf der Schlachten des Krieges keinen Überblick haben konnten, nicht mehr und nicht weniger als die einzelnen Soldaten beim Geschäft des Tötens und Sterbens, und diese bewahrten manchmal doch wenigstens eine Ahnung von etwas Anonymem, einem kaum zu greifenden Sinn, in dem das Geschehen irgendwie aufgehoben war. Am Ende seines Essays fasst Berlin sein vernichtendes und (mich jedenfalls) sehr berührendes Porträt Tolstois zusammen:

„Gleichzeitig von irrwitzigem Stolz und von Selbsthass angefüllt, allwissend und alles und jedes bezweifelnd, kalt und von gewalttätiger Leidenschaft zugleich, voll Verachtung gegenüber anderen und voll Erniedrigung seiner selbst, von Schmerz getrieben und im Abstand verharrend, von einer ihn bewundernden Familie, ihm ergebenen Anhängern, ja von der Bewunderung der gesamten zivilisierten Welt umgeben, und doch fast vollständig isoliert, ist er der tragischste aller grossen Schriftsteller, ein verzweifelter alter Mann, über jede menschliche Hilfe hinaus, selbstgeblendet unterwegs in Kolonos.“ (Isaiah Berlin: The Hedgehog and the Fox. An Essay on Tolstoi’s View of History. Chicago: Ivan R. Dee 1993, S. 81; übers. H.S. Die deutsche Ausgabe erschien im Jahr 2009: Der Igel und der Fuchs. Essay über Tolstojs Geschichtsverständnis. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2009, 105 Seiten)

Berlins Essay gehört längst zur Pflichtlektüre des Literaturstudiums an den Hochschulen der englischsprachigen Welt. Das liegt auch an der genial einfachen Frage, auf die der Philosoph seine Untersuchung zugespitzt hat: Igel oder Fuchs? Die Frage ergibt einen Sinn erst im Licht der Aussage des altgriechischen Dichters Archilochos (680 – wahrschl. 645 v. u. Z.): „Der Fuchs weiss vieles, doch der Igel weiss eine grosse Sache.“ Berlin sieht da die Möglichkeit, einen tatsächlich generell bedeutsamen Unterschied unter den Dichtern und Denkern zu treffen. Die einen führen alles, was ihnen begegnet, „zentripetal“ auf eine einzige bedeutsame Mitte zurück (Igel). Die anderen finden in sämtlichen Erscheinungen und Überlegungen einen eigenen Anspruch, der sie „zentrifugal“ davon abhält, eine zusammenfassende Schau zu entwickeln (Fuchs). Berlin gibt folgende Beispiele für auf Anhieb einzuordnende Geistesgrössen: Dante, Plato, Lukrez, Pascal, Hegel, Dostojewski, Nietzsche, Ibsen, Proust seien in unterschiedlichem Grade jeweils Igel, Shakespeare, Herodot, Aristoteles, Montaigne, Erasmus, Molière, Goethe, Puschkin, Balzac, Joyce auf ihre Weise jeweils ein Fuchs gewesen. Diese Aufzählung lädt zur Weiterführung ein. Man beginnt unwillkürlich damit, die eigenen Favoriten durch diese Lupe zu betrachten. Und von dort aus ist es nur ein kleiner Schritt weiter zu einer Art Gesellschaftsspiel, bei dem man Freunde und Bekannte als Igel oder Füchse analysiert.

Die Grösse von Berlins Text liegt darin zu zeigen, wie tief das so spielerisch erscheinende Hilfsmittel zu schürfen vermag. Tolstoi ist ihm durch und durch ein Fuchs, der tausend Wege im Kopf hat, auf allen Hochzeiten zu tanzen versteht und auch alle Tricks kennt, mit denen sich Menschen in die eigene Tasche lügen, und doch auch einer, der sich verzehrt in uneingestandener Sehnsucht nach einer Wahrheit, einer religiösen Mitte, die zu finden ihm verwehrt ist. Ich stelle mir vor – so viele Jahre nach dem Erscheinen von Berlins Essay 1953 taucht der aktuelle Gedanke geradezu wie von selbst auf – , dass dieser Fuchs sich ähnlich danach sehnt, ein Igel zu sein, wie ein im falschen Körper geborener Mensch danach, ein Mann oder eine Frau zu sein.

Ich bin nicht sicher, ob die Frage „Igel oder Fuchs?“ überall, wo sie gestellt wird, mit dem tiefen Engagement Berlins bearbeitet wird. Aber inzwischen tritt sie in der Literaturkritik immer wieder zutage, und nach dem Erscheinen des Büchleins auf Deutsch hat sie auch flugs in den deutschen Literatur- und Lehrgangsbetrieb Eingang gefunden. (Das Internet ist voller Beiträge.) Eine interessante Anwendung von Berlins Analyse-Instrument auf meine hoch geschätzte Annie Dillard hat der amerikanische Literaturkritiker William Deresiewicz 2016 in einem Artikel der Zeitschrift Atlantic vorgelegt, der im Anhang der Neuausgabe von „Pilgrim am Tinker Creek“ in Auszügen abgedruckt worden ist. (William Deresiewicz: Wo bist du geblieben, Annie Dillard? In: Annie Dillard: Pilger am Tinker Creek. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Karen Nölle sowie einem Essay von William Deresiewicz. Berlin: Matthes & Seitz 2016, S. 339 – 347) Die Überschrift „Wo bist du geblieben, Annie Dillard?“ spielt auf das Verstummen der Schriftstellerin an, die seit dem Roman „The Maytrees“ (2007) nichts Neues mehr veröffentlicht hat. Ich habe darüber in meinem Blog (s. oben) „Fossil Love“ berichtet. Anders als Berlin bei Tolstoi, verfolgt Deresiewicz die Fuchs-Igel-Affinität nicht als Leit-Thema über den Text hin, sondern kommt erst zum Schluss unvermittelt darauf zu sprechen:

„Dillard ist ein Igel, der sich als Fuchs verkleidet. Sie vermittelt den Eindruck, viele kleine Dinge zu wissen – über die unzähligen Naturphänomene, die sie so fantastisch zu sehen und zu beschreiben versteht -, aber sie weiss in Wirklichkeit ein grosses Ding. Sie weiss, dass wir mit Seelen geboren werden, aber in Körpern sterben. Das ist etwas sehr Grosses. Das Grösste. Sie ist die Königin der Igel. Doch es ist und bleibt nur ein Ding. Und ich denke, das könnte eine Erklärung für ihren Übergang in Schweigen sein.“ (S. 346/347)

Dies Schlusswort überrascht mich. Es ist das erste Mal, dass die Gegenüberstellung von Seelengeburt und Körpersterben auftaucht. Ein solcher Schlüssel ist dem vorhergehenden Deresiewicz-Text nicht zu entnehmen, und ich habe auch in Annies Schriften nichts entdecken können, das hier kompatibel wäre. Noch problematischer finde ich den Vorschlag, in der Igelheit Annies die Erklärung „für ihren Übergang ins Schweigen“ zu suchen oder zu finden. Will Deresiewicz etwa sagen, dass ältere Igel irgendwann ihr Pulver verschossen haben?

Die Analyse erscheint mir wenig gründlich und lässt mich einigermassen ratlos, aber im Bemühen, konstruktiv zu bleiben, möchte ich daran erinnern, dass Annie in ihren Schriften das Problem der Rechtfertigung Gottes („Theodizee“) immer wieder ins Spiel bringt. Wäre es nicht eine interessante Frage, wie weit diejenigen, die zur Anklage Gottes wegen des Leides der Kreatur neigen, Füchse sind, und die anderen, welche dazu neigen, ihren Frieden zu schliessen, trotzdem sie vergeblich nach der Antwort suchen müssen, eher Igel? Man müsste die Anwendungen des Berlinschen Analyse-Instruments aus den literaturwissenschaftlichen Essays sammeln und die Plausibilität der Ergebnisse insgesamt untersuchen. Womöglich hängt deren Erkenntniswert eher von der hermeneutischen Kompetenz und der Sachkenntnis derer ab, die das Igel-Fuchs-Schema anwenden, als von dessen blosser Anwendung.

Wilhelm von Kaulbach: Illustration zu Goethes „Reineke Fuchs“ 1846 (nach der Ausgabe im Hasso Ebeling Verlag, Wiesbaden 1973

Archilochos‘ Spruch – im Griechischen noch kürzer als im Deutschen Πόλλ᾽ οἶδ᾽ ἀλώπηξ, ἀλλ‘ ἐχῖνος ἕν μέγα (sprich: Polloid alopix, all echinos hen mega) – stellt lediglich das Vielwissen dem Wissen einer grossen Sache gegenüber. Der Dichter war Berufssoldat. Es ist nicht auszuschliessen, dass er an zwei unterschiedliche militärische Strategien dachte. Dem Spruch ist jedenfalls keine moralische Einfärbung zu entnehmen, weder auf den Igel bezogen, etwa als „bewaffneter Friedensheld“ im Sinne des bekannten Gedichts von Wilhelm Busch, noch auf den Fuchs gemünzt, dessen Verschlagenheit wohl angesprochen ist, aber nicht beurteilt wird. Beim genauen Lesen kann ich dem Spruch auch nicht entnehmen, dass die Strategie der einen grossen Sache der Strategie der vielen Wege stets überlegen sei: Archilochos gibt lediglich zu bedenken, dass beide Modi verfügbar sind.

Offensichtlich hat der Fuchs (Vulpes vulpes) in dem Zeitraum, der seit dem Tod des griechischen Soldatendichters vergangen ist (2380 Jahre), Ansehen verloren, und wahrscheinlich hängt sein schlechter Ruf mit kulturellen Einflüssen zusammen, die womöglich auch das Urteil ungewollt trüben, das zeitgenössische Literaturkritiker über Dichter und Denker anhand der Igel-Fuchs-Gegenüberstellung fällen. Während des Mittelalters hat die vom Christentum bestimmte Sicht das Bild der Tierwelt in Europa geprägt. Die Verschlagenheit von Füchsen machte sie zum Sinnbild der Ketzerei und führte dazu, dass sie regelmässig mit einem geraubten Hahn im Maul dargestellt wurden. Das „Bestiarium“ (Bestiarium. Das Tier in mittelalterlichen Handschriften. Aus dem Französischen von Gisella Vorderobermeier. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2020) enthält wunderschöne Illustrationen aus mittelalterlichen Handschriften, die diese Wahrnehmung des Fuchses belegen. Und die weltliche Literatur, sobald sie unter der kirchlichen Decke hervorlugen konnte, übertrug die Vorstellung vom skrupellosen Lügner und Betrüger auf die Erzählungen von „Reinaert“ (1487) und „Reinke de Vos“ (1498), dem Helden in einer moralisch verdorbenen, gewalttätigen Welt. Goethes „Reineke Fuchs“ (1794) beschreibt vordergründig den Triumph der Hinterlist und Brutalität des Fuchshelden in einer Gesellschaft, die diese Wesenszüge belohnt. Aber da ist noch etwas anderes. Eine Leichtigkeit, die Goethe selbst als psychotherapeutische Wirkung angesichts der Greuel der Französischen Revolution erklärt:

„Auch aus diesem grässlichen Unheil suchte ich mich zu retten, indem ich die ganze Welt für nichtswürdig erklärte, wobei mir denn durch eine besondere Fügung ‚Reineke Fuchs‘ in die Hände kam. Hatte ich mich bisher an Strassen-, Markt- und Pöbelauftritten bis zum Abscheu übersättigen müssen, so war es nun wirklich erheiternd, in den Hof- und Regentenspiegel zu blicken; denn wenn auch hier das Menschengeschlecht sich in seiner ungeheuchelten Tierheit ganz natürlich vorträgt, so geht doch alles, wo nicht musterhaft, doch heiter zu, und nirgends fühlt sich der gute Humor gestört.“

Die erheiterte Toleranz gegenüber der füchsischen Verschlagenheit in einer brutalen Welt, die hier zutage tritt, mag manche befremden. Aber die Freude am Schelmenhaften durchzieht die Literatur wohl überall und von Anfang an. Es ist eine Melodie, die uns Heutigen auch die positive Einschätzung näher bringen kann, die etwa indigene Kulturen in ihren Schöpfungsmythen für das trickreiche Verhalten trickreicher Lebewesen zeigen. Barry Lopez hat einschlägige Schelmen- und Schöpfungsgeschichten in einer Sammlung vorgelegt, die 1996 unter dem Titel „Der listige Coyote. Was sich Indianer am Lagerfeuer erzählen“ auf Deutsch erschienen ist (Göttingen: Lamuv; der englischsprachige Titel sagt es genauer: Giving Birth to Thunder, Sleeping with his Daughter. Coyote builds North America. 1977) Und in einer wunderbar ausführlichen, gründlichen und umsichtigen Studie hat Lewis Hyde (Verfasser von „Die Gabe“) die weltweite Verbreitung des Vorstellungsmusters verfolgt, wonach es die Figur des „Tricksters“ ist, des Verschlagenen, welche die Welt erschafft, indem sie der hermetischen Verschlossenheit der Dinge gewissermassen das Licht und das Leben abluchst, – Hermes in Griechenland, Eshu in Westafrika, Krishna in Indien, Koyote in Nordamerika und so weiter. (Lewis Hyde: Trickster Makes This World: Mischief, Myth and Art. 2010). Der Fuchs ist der Trickster, bei Archilochos wie bei Goethe, aber seine Verschlagenheit findet in unserem moralischen Universum keinen Platz mehr, obgleich sie doch immer in der Welt war und womöglich in dem fortwährenden Entstehungsprozess des Lebens eine entscheidend wichtige Rolle spielen könnte.

Man mischt kulturelle Einflüsse in das Bild von Lebewesen, die tatsächlich da sind und ein eigenes, von uns nicht begriffenes Leben führen. Das Bild, das wir uns machen, erspart uns die Mühe, das abgebildete Lebewesen selbst zu betrachten. Der Fuchs erscheint gegenwärtig vielen Zeitgenossen zwar als ästhetisch besonders ansprechende Gestalt, wird aber gleichzeitig misstrauisch als Tollwutverdächtiger und möglicher Träger des Fuchsbandwurms wahrgenommen, der einem das Blaubeersammeln im Walde vermiest. Das mieseste Image hat er wohl unter Jägern. Man darf hoffen, dass die Darstellung Alfred Brehms im „Thierleben“ (1876) nicht mehr die heute vorherrschende Einstellung spiegelt. (Vielleicht hat inzwischen der wieder im Land sich ausbreitende Wolf die Rolle des Hauptbösewichts übernommen, aber das könnte sich bei der nächsten Tollwut-Kampagne rasch ändern.) „Reineke ist der Jägerei ungemein verhasst, steckt deshalb jahraus jahrein im Waldbanne und ist vogelfrei: für ihn gibt es keine Zeit der Hegung, keine Schonung. Man schiesst, fängt, vergiftet ihn, gräbt ihn aus seinem sicheren Baue und schlägt ihn mit dem gemeinen Knüppel nieder, hetzt ihn zu Tode, holt ihn mit Schraubenziehern aus der Erde heraus, kurz, sucht ihn zu vernichten, wo immer nur möglich und zu jeder Zeit. Wäre er nicht so gescheit und schlau: der Mensch hätte ihn längst vollkommen ausgerottet. Bei allen Jägern gilt es als Evangelium, an welchem zu rütteln unverantwortliche Ketzerei ist, dass der Fuchs eines der schädlichsten Tiere des Erdenrunds sei und deshalb mit Haut und Haar, Kind und Kindeskind vertilgt werden müsse. Das sonst offene Weidmannsgemüt schreckt vor keinem Mittel zurück, nicht einmal vor dem gemeinsten und abscheulichsten, wenn es sich darum handelt, den Fuchs zu vernichten“ (Brehm’s Thierleben. Die Säugetiere 2. Nachdruck der Ausgabe von 1876 Frankfurt/M. – Berlin – Wien: Ullstein 1980, S. 38)

Es fällt mir schwer, das vielleicht diplomatisch Erwünschte zu tun und die Brehmsche Darstellung als übertrieben zu bezeichnen. Während der Tollwutepidemie in den Sechzigerjahren – der Fuchs galt als „Hauptüberträger“ – war die so genannte Begasung von Mutterbauen verbreitet. Bei meinen Streifzügen in den Hessischen Wäldern stiess ich in jener Zeit auf einen Hügel, der mir als eine Art Monument erschien, das ich noch vor mir sehe: Eine Fuchsburg mit einem Dutzend verschiedener Eingangslöcher, die alle versperrt waren mit mehreren in die Höhlen hinein getriebenen Stangenhölzern: Kein Entkommen. Drei dunkelblaue Gaskartuschen von gleicher Form wie die für Campinggas lagen entleert, mit geöffneten Ventilen, vor den am tiefsten gelegenen Höhleneingängen. Ich griff eine auf und las auf dem Etikett „Cyanosil“, den, wie ich damals vermutete und heute weiss, neuen Namen für „Zyklon B“, das in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau zur Ermordung von zehntausenden Menschen benutzte Gas.

Igel (Erinaceus europaeus) Illustration aus Brehm’s Thierleben. Die Säugetiere 1. Nachdruck Ullstein 1980, S. 37

Der Igel, nach Brehm „ein drolliger Gesell“, erscheint im Vergleich zum Fuchs als Sympathieträger. In dem bekannten Gedicht von Wilhelm Busch ist er klug genug, um sich gegen den Fuchs durchzusetzen und die Stachelrüstung nicht abzulegen.

Und also bald macht er sich rund,
zeigt seinen dichten Stachelbund
und trotzt getrost der ganzen Welt,
bewaffnet, doch als Friedensheld.

Ich beobachte amüsiert, dass die Schlusszeilen des Gedichts gegenwärtig zur Rechtfertigung der Atomwaffenaufrüstung des Iran auf ganz ähnliche Weise dienen wie in den Fünfzigerjahren zur Einrichtung der Bundeswehr in Westdeutschland. Damals war Mecki, der Igel, das Maskottchen der in jedem Haushalt vorhandenen Zeitschrift „Hör zu“, fast eine Art bürgerliche Leitgestalt. Friedlich, ein wenig spiessig, aber auch selbstbewusst, selbstzufrieden und ein wenig selbstbezogen. In der Schule sahen wir einen Dokumentarfilm vom Kampf des Igels gegen eine Kreuzotter. Der Igel zuckte blitzartig mit der Stirnhaut, so dass sich die Stacheln genau in dem Augenblick aufrichteten, in dem die Otter zustiess. Immer wieder versuchte es die Schlange, und immer wieder holte sie sich eine blutige Nase, bis sie so geschwächt war, dass sie der Igel hinter dem Kopf mit seinen Zähnen packte und ihr den Hals zerbiss. Ein Friedensheld!

Das eine Grosse, das der Igel weiss, ist wohl die Strategie des Sich-Einigelns. Leider bietet diese keinen Schutz davor, auf den Strassen von Autoreifen überrollt zu werden. „Jährlich fallen etwa eine halbe Million Igel dem Strassenverkehr zum Opfer“ berichtet die aktuelle Webseite der Deutschen Wildtier Stiftung. Wir sind es, die diese kleinen Tiere einer sehr alten Art (Igel lebten schon vor den Dinosauriern und lange vor den Hominiden) dem Gott des Strassenverkehrs opfern. Jedenfalls haben wir die Welt so eingerichtet, dass sie als Maschine des Artensterbens auch dann funktioniert, wenn unsererseits gar keine ausdrückliche Tötungsabsicht besteht.

Ein kühner Schritt, mit dem Archilochos die Kompetenz, sich einzuigeln, als „eine grosse Sache“ herausgestellt hat. Ein Schritt, der nur gangbar wird im Kontrast zu dem vielgewandten Fuchs, so dass die Figur des gegen die Vielheit bestehenden Einen als erklärende Formel erscheint. Und dann der vielleicht noch kühnere Schritt, mit dem Berlin diese Formel hernimmt als Lampe, um ein wenig Licht in die Abgründe des Lebens und Denkens der grossen Schriftsteller zu bringen. Wie weit wir da gekommen sind! Die Tiere verblassen in der Ferne, während ihre Namen komplexe Wege unserer eigenen Existenzen bezeichnen. Und doch, liebe Leserin, lieber Leser, ist es einer Person mit entsprechend ausgebildetem Hörsinn möglich, eine gewissermassen auf homöopathische Masseinheiten verdünnte Verbindung zu denken und das sehr ferne Echo eines Grusses über Spezies und Äonen hin zu vernehmen.

Das Akanthus-Kraut und die „Urformen der Kunst“

Wahrer Bärenklau (Acanthus mollis), blühend (Foto: WIkimedia Commons)

Auf dem Weg von der Piazza del Popolo in Rom hinauf zum Pincio, zum Ausblick von der Balkonterrasse und den dahinter liegenden weitläufigen grandiosen Parkanlagen, steigt man zuletzt im willkommenen Halbschatten der Bäume einen steilen Zickzack-Pfad empor, der von knie- bis hüfthohen Akanthussträuchern gesäumt wird. Mir erscheint diese attraktive Pflanze als Dekor der Stadt mit ihren antiken Ruinen aufs Schönste passend, weil ich dem stilisierten Abbild hier an allen Ecken auf und Enden in Stein gemeisselt begegne.

Gern hätte ich diesen Akanthus (den „Wahren Bärenklau“ – Acanthus mollis -) in meinem Garten, auch deshalb, weil die Pflanze zum Philosophieren einlädt. Vor allem über die Frage, ob zwischen Pflanzen und Kunst eine Art Wechselwirkung besteht. Aber trotz des Klimawandels scheinen ihr die norddeutschen Winter noch zu kalt zu sein.

Eine erste hübsche Geschichte über den Einfluss der Pflanze auf das Schaffen von Architekten stammt von Vitruv, dem berühmten Architektur-Theoretiker, der u.a. Leonardo zur Skizze des „Vitruvianischen Menschen“ angeregt hat, die z.B. heutzutage unsere Krankenversichertenkarten schmückt. (Vitruv hatte – etwa 30 Jahre v. u. Z. geschrieben, dass die Gestalt eines aufrecht stehenden Menschen sowohl in einen Kreis als auch in ein Quadrat passt, und Leonardo hat dies im Jahr 1490 mit seiner Skizze demonstriert.) Dieser selbe Vitruv erzählt, wie der Akanthus zum typischen Schmuck der korinthischen Säule geworden ist.

Kapitell einer Korinthischen Säule mit Akanthus-Ornamenten (Foto: Wikipedia)

In der Stadt Korinth starb ein junges Mädchen, dessen alte Amme in tiefe Trauer verfiel. Sie stellte ihrer Toten deren Lieblings-Spielzeug in einem Korb aufs Grab, und deckte den Korb zum Schutz mit einer Steinplatte ab. Dass der Korb über einer Akanthuspflanze stand, wusste die Alte nicht. Übers Jahr hatte der Akanthus den Korb umwuchert, und die Triebe hatten sich nach aussen gewölbt. Kallimachos, der berühmte Bildhauer, wurde von diesem Anblick dazu inspiriert, das korinthische Kapitell und die korinthische Säulen-Ordnung zu entwickeln, die unter den drei klassischen Säulenordnungen – dorisch, ionisch, korinthisch – als schwebend-leichteste erscheint und am organischsten wirkt.

Illustration eines unbekannten Graveurs zur Erzählung Vitruvs über den Ursprung des korinthischen Akanthus-Dekors, in Claude Perraults Vitruvius, 1684 (gemeinfrei)

An dieser Stelle passt die eine wenig belehrende Illustration der Anekdote mit dem hier eingefügten Stich aus dem Jahre 1684. Man erkennt den Korb, der mit der Steinplatte abgedeckt ist, und die ihn umwuchernde Akanthuspflanze, und darüber, als Dokument dessen, was Kallimachos aus diesem Arrangement für die Architektur gewonnen hat, die Zeichnung des regelrechten Kapitells der korinthischen Säulenordnung mit der Skizze ihres Durchschnitts. Gleichzeitig führt uns dies Bild auch die wahrhaft lange Spur der alten Erzählung in der europäischen Kulturgeschichte vor Augen: Von Kallimachos‘ Erfindung der korinthischen Säulenordnung im letzten Viertel des fünften Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung über Vitruvs Schriften zur Architektur aus den dreissiger Jahren v. u. Z. bis hin zu dem dazu angefertigten Stich aus dem Jahr 1684 ( – und dabei ist Karl Blossfeldt mit seinen Arbeiten zum Akanthus gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht einmal erwähnt). Das zündende Moment des langen Prozesses liegt wahrscheinlich am Anfang, es muss im Blick des Kallimachos enthalten gewesen sein. Ganz gleich, ob er auf der Suche nach einem beschwingt erscheinenden Ornament war und den Akanthus als Lösung des Problems erkannte, oder ob die Pflanzenform ihn von sich aus gleichsam ansprach – die Blätter der Pflanze, an die 60 Zentimeter lang und 15 breit, fallen ja als wuchtiges Statement ins Auge – und sich ihm anbot: Er griff das Angebot auf und importierte die Pflanzengestalt als massgebliches Ornament in die Architektur. Damit hatte er die Grenze zwischen dem Mineralischen und dem Organischen überschritten und eine neue Gestalt – den Akanthus aus Stein – ins Spiel gebracht. Dieser Schritt beflügelte gleichsam die immer neuen Varianten von in Stein gehauenem Pflanzenschmuck und festigte das allgemeine Interesse an beobachtungsgetreuen Pflanzenbildern auf den Wänden von Innenräumen.

Die Gemälde zumal luden dazu ein, die unterschiedlichsten Pflanzen-Gestalten zu studieren und abzubilden. Ein hervorragendes Beispiel geben die wandgrossen Bilder aus dem Sommerpalast von Livia, der Gattin des Kaisers Augustus, die – vor gut 2000 Jahren gemalt – über Jahrhunderte hin verschüttet waren, aber auf bewundernswerte Weise in einen Raum des Römischen Nationalmuseums übertragen worden sind. Die Genauigkeit der Wiedergabe der Vegetation mit ihren unterschiedlichen Formen (und Farben) belegt den gewissermassen botanischen Blick der römischen Maler.

Wandbild aus dem Sommerpalast der Livia Drusilla 59 v. u. Z. – 29 n. u. Z.), Gattin des Kaisers Augustus. (Römisches Nationalmuseum, Foto H.S.)

An dieser Stelle tritt auch der tiefe Unterschied deutlich zutage, der zwischen der Malerei und der Kunst der Ornamentik besteht. Ornamente – von den Bändermustern auf den Urnen aus steinzeitlichen Gräbern bis hin etwa zu den geschnitzten Akanthus-Ornament-Wänden im Masswerk des Klosters Lamspringe (um ein besonders aufwändiges Beispiel zu nennen) – haben, anders als die Malerei, eine schmückende, dekorative Funktion. Sie dienen dazu, die Bedeutung eines Bauwerks oder eines Gefässes zu heben und durch ihre komplexe Regelbindung und ihre Nähe zu abstrakten Formen eine Art spielerisch-erfreulicher Leichtigkeit zu vermitteln.

Geschnitzte Akanthusornamente in der Klosterkirche Lamspringe 1690 (Wikiwand)

Die Tapete, die der grosse Designer William Morris 1875 aus Akanthus-Elementen entwarf, kann man sich leicht als Hintergrund einer passend möblierten und von Menschen besiedelten Wohnlandschaft vorstellen, einer stilisierten Waldkulisse. Die bewegten Formen der verschlungenen Akanthus-Ornamente wirken auf uns Betrachter animierend und belebend, und die Serie der Wiederholungen ihres Musters bringt zugleich einen beruhigenden Rhythmus hervor.

William Morris: Akanthus-Tapete 1875 (Wikimedia Commons)

Möglicherweise lässt es das Design des Ornaments zu, die besondere Form der biologischen Pflanzengestalt als Vorlage nicht genau nachzubilden, sondern stattdessen typische Elemente herauszugreifen und daraus neue Muster mit eigenen kulturellen Anklängen zu entwickeln, wie etwa das oben abgebildete barocke Masswerk aus Lamspringe, oder die bekannten „Arabesken“ aus dem islamischen Kulturkreis. Tatsächlich tauchen in Ornamenten an altägyptischen und anderen Bauwerken aus vorgriechischer Zeit Motive auf, die – noch vor dem Erscheinen des Akanthus – an Gestaltmerkmale von Papyrusstauden, Lotusblüten, Palmetten, Rosetten, Pinienzapfen, Granatäpfeln erinnern. Die Frage, ob ornamentales Design stets genaue Studien der dabei angedachten Pflanzen voraussetzt, liegt hier nahe, auch wenn sie für das gegenwärtige, dem Ornament eher abgeneigte Kunstverständnis von lediglich randlichem Interesse ist. Aber vor 120 Jahren war die Frage der botanischen Vorbilder Gegenstand einer erbitterten Kontroverse unter (damals massgeblichen) Kunsttheorikern. Dabei mutierte der Akanthus zum Zankapfel. Die Geschichte mag uns ein wenig skurril erscheinen, ist aber spannend wie ein Krimi und einigermassen aufschlussreich, was die Kunst der fotografischen Manipulation angeht.

In der aufgeladenen Atmosphäre der damals Gesprächs-beherrschenden Diskussion um Darwins Evolutionstheorie legte die Partei der Anti-Darwinisten Beweisstücke für eine von Pflanzenstudien unabhängige Entwicklung der Kunst vor. Man wollte Kunst als ganz und gar geistige Angelegenheit verstanden wissen, deren Weg allein aus den ihr selbst innewohnenden Kräften bestimmt wurde, und nicht etwa durch Nachahmung von präzise zu befolgenden Vorlagen botanischer Studien. Als ob man die Kunst vor einer Vermischung mit der Naturwissenschaft (und einer womöglichen Kontamination durch die Lehre Darwins) bewahren wollte. Einer der Wortführer dieser Partei, Alois Riegl, hatte 1893 in einem Buch mit dem Titel „Stilfragen“ das „Unwahrscheinliche des Vorgangs, dass man plötzlich das erste beste Unkraut zum künstlerischen Motiv erhoben haben sollte“ angeprangert. Das ging nicht nur gegen Vitruvs Erzählung von der Erfindung des korinthischen Kapitells durch Kallimachos, sondern vor allem gegen die damals einflussreiche Schule des Kunsttheoretikers Moritz Meurer, der die Idee verfolgte, Pflanzenbilder als Vorbilder der dekorativen Kunst für die Ausbildung von Ornament-Designern verbindlich zu machen. 1889 war sein Buch mit dem Titel erschienen: Das Studium der Naturformen an kunstgewerblichen Schulen. Meurer arbeitete mit Karl Blossfeldt zusammen, einem brillianten Fotografen, der damals mit dem Fahrrad in Rom unterwegs war (sein Mentor Meurer lebte in Rom) und zahlreiche Schwarzweissfotos von Pflanzen aufnahm, die als Vorlage für das Projekt geeignet erschienen. Ich stelle mir vor, wie er das Fahrrad die steilen Strassen und Pfade zum Pincio emporschiebt und auf das Akanthusfeld am oberen Hang trifft: Welche Teile der Pflanzen wählte er wohl als „typisch“ für seine Vorlagen-Fotos aus? Dass Blossfeldt der einzige unter den Agenten des Akanthusstreits ist, der heute noch hier und da erinnert wird, liegt an seinem Fotoband „Urformen der Kunst“, der 1928 erschien und zum Weltbestseller wurde.

Einzelne seiner Fotos werden immer noch als Postkarten nachgedruckt. Ich selbst widme mich dem Thema, weil mir ein Freund aus Berlin ein neu erschienenes Buch geschickt hat mit der Bemerkung, ob ich mich nicht dazu anregen lassen wolle, meine Naturdruckerei durch Fotokunst im Sinne Blossfeldts zu ergänzen: Ulrike Meyer Stump: Karl Blossfeldt. Variationen. Zürich: Lars Müller Publishers 2021 Eine 515 Seiten umfassende Studie mit vielen Illustrationen, die Blossfeldts Leben und Werk nachgeht, seinen kunst- und kulturgeschichtlichen Einfluss zeigt und damit auch die programmatisch betriebene Missachtung der Ornamentik in Frage stellt. Ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt die technische Raffinesse aufbringen könnte, die Blossfeldts Fotografien auszeichnet.

Als Beweis für die Unabhängigkeit der Ornamentkunst von Naturvorlagen wies Riedl 1893 auf den Fries im Erechtheion hin (Name des Tempels mit dem Anbau der sechs das Dach tragenden Frauengestalten – Karyatiden – auf der Akropolis in Athen). Da sind abwechselnd Lotusblüten, Palmblätter und Akanthusranken abgebildet. Die Rippen der in Stein gemeisselten Akanthusblätter laufen hier parallel zueinander, während die Rippen auf den Akanthus-Blättern der lebenden Pflanze von einer starken Mittelrippe ausgehen und beidseitig gegenständig schräg zum Rand hin streben. Riedl folgerte, dass die akanthusartigen Formen auf dem Fries gar nicht den Akanthus abbilden, sondern als Variationen des Palmetto-Motivs verstanden werden müssen. Tatsächlich zeigen auch die Akanthus-Dekorationen der korinthischen Kapitelle parallel verlaufende Rippen. Auch wenn da das Palmetto-Motiv nicht in greifbarer Nähe auftaucht, so ist doch jedenfalls kein Akanthus-Blatt wiedergegeben. Damit, so Riedl, sei die „naturalistische Herkunft des Akanthusornaments gänzlich widerlegt“.

1895 – zwei Jahre nach Erscheinen von Riedls „Stilfragen“ mit der „gänzlichen Widerlegung“ – unternahmen Meurer und Blossfeldt eine Griechenlandreise, bei der sie den Fries im Erechtheion untersuchten und die Akanthus-Pflanze aufs Neue studierten. Sie finden die Parallelität der Blattadern auf den antiken Ornamenten bestätigt, und damit auch den Gegensatz zur wechselseitigen Aderung der Blätter des Akanthuskrautes. Aber sie finden auch, dass die Akanthuspflanze zwei verschiedene Blattformen hervorbringt: Ausser den Laubblättern erscheint entlang dem Blütenschaft eine Serie von Stützblättern mit einem Muster, in dem kräftige parallel laufende Adern hervortreten. Dies Stützblatt, so bringen sie vor, sei die eigentliche Vorlage der Akanthus-Dekoration etwa der korinthischen Säule. Schon 1895 – noch im Jahr der Griechenlandreise – erscheint Meurers Publikation „Pflanzenformen. Vorbildliche Beispiele zur Einführung in das ornamentale Studium der Pflanze“ mit den eingearbeiteten neuen Erkenntnissen. Die von Blossfeldt angefertigten Fotos lieferten gewissermassen die Beweisgrundlage, aber aus pädagogischen Gründen hielt man gezeichnete Vorlagen für praktikabler. Heute erscheint uns das Foto interessanter.

Karl Blossfeldt: Akanthus, Wahrer Bärenklau (Acanthus mollis) Nur Stützblätter, die Blüten sind entfernt, in 4facher Vergrösserung aus „Urformen der Kunst“ (1928), Tafel 92. Hier nach dem Abdruck in Stump: Karl Blossfeldt Variationen. Zürich 2021, S. 318

Man erkennt das auch auf den Stützblättern vernetzte Adergeflecht, bei dem allerdings die parallel zu den Blattspitzen verlaufenden Adern dominant erscheinen. Dieser Eindruck ist seitens des Fotografen unterstützt worden. Blossfeldt zupfte die überhängenden Blüten aus den Stützblättern heraus, entfernte alle Reste, arrangierte das Motiv vor einem neutralen Hintergrund, nahm es in vierfacher Vergrösserung auf und verstärkte dann auf dem Negativ einzelne Linien oder retuschierte sie: Alles ad usum delphini wie man früher sagte (zum Nutzen des sehr geehrten Schülers). Zweck der Übung war es, eine Vorlage herzustellen, die es dem Designer ermöglichte, Elemente für einen Entwurf zu kopieren, ohne deshalb die Pflanze selbst studieren zu brauchen. Die Manipulationen der Fotos sollten das jeweils Typische der abgebildeten Pflanze herausstellen.

Karl Blossfeldt: Steinbrech (Saxifraga willkommniana), Blattrosette in 8facher Vergrösserung. Aus „Urformen der Kunst“. Berlin: Wasmuth 1928, Tafel 47. Hier nach dem Abdruck in Ulrike Meyer Stump: Karl Blossfeldt Variationen. Zürich: Lars Müller Publishers 2021, S. 312

Das Typische an den Pflanzen zu finden und es mit der Fotografie herauszuarbeiten, war Blossfeldts Lebensprojekt. Um das Typische aus dem Strom der individuellen Ausprägungen herauszufischen, brauchte er keine Philosophie. Die Intuition, die unsereinem etwa angesichts der Funde eines Waldspaziergangs zum Pilzesammeln den schönsten typischen Steinpilz auf Anhieb bestimmen hilft (auch wenn ich möglicherweise eine andere schöne Pilzgestalt aussuchen würde als Sie), gibt eine erste Eingrenzung. Dazu kam für Blossfeldt die klare Aufgabenstellung aus dem Kunstgewerbe: Das Typische war das als Vorlage für den Entwurf eines Ornaments Geeignete.

Blossfeldts Bilder erscheinen wie stark vergrösserte Skulpturen kleiner und winziger Pflanzenteile. Wie Monumente eines vergessenen Vermächtnisses. Kein Wunder, dass sein Buch „Urformen der Kunst“ (1928) mit den 120 Bildtafeln – die oben gezeigte Blattrosette des Steinbrechs ist eine davon – zum Weltbestseller wurde. Die Dokumentation belegte eine neue, faszinierende Ansicht der Pflanzenwelt, und womöglich half es, dass der Band keinen störenden Text enthielt. Blossfeldt hatte das Werk als Vorlagenbuch für die dekorativen Künste konzipiert, aber es wurde von den meisten als Meilenstein der Fotografiegeschichte wahrgenommen.

Die Ornamentik war zur Zeit des Erscheinens der „Urformen“ längst von einer ornamentfeindlichen und schnörkellosen Ästhetik verdrängt worden. Die Formideen des Bauhauses prägten die Kunst der Zeit, die Devise „form follows function“ gab den Ton an. Die Verbannung des Ornaments war nicht nur Folge der Verdrängung durch andere Maximen, sondern auch Ergebnis einer Art Feldzug mit bissiger Polemik. Ein Beispiel: 1908 war der Aufsatz von Werner Loos (er gehörte zur Wiener Avantgarde) mit dem heftigen Titel „Ornament und Verbrechen“ erschienen. Erst mit der Postmoderne ist gegen Ende des 20. Jahrhunderts wieder eine neue Ornament-Toleranz erstanden, die wahrscheinlich auch mit der ganz ungebrochen fortbestehenden weltweiten Verbreitung dekorativer Kunstformen zusammenhängt.

Die faszinierende Wirkung von Blossfeldts Pflanzenfotos wird u.a. durch die starke Vergrösserung von meistens übersehenen kleinen und winzigen Pflanzenformen hervorgerufen. Ich empfinde die Bilder auch als morbide. Die Pflanzen auf seinen Aufnahmen sind erstarrt, manche beschnitten, einige wie versteinert, andere wie in Metall gegossen. Als ob man ihre Leichen zur Totenwache ausstellen wollte. Dieser Eindruck ist den Manipulationen des Fotografen geschuldet, der nicht die lebende Pflanze darstellen, sondern den Typus der Pflanzenart verfügbar machen wollte zum Nutzen des Kunstgewerbes. Blossfeldt hat sein Tätigkeitsfeld theoretisch nicht begründet. Vielleicht ist es meine unbegründete Unterstellung, doch ich fände es provozierend, das Typische einer Art als Monument etablieren und es als unveränderliche Idee aus dem Strom des dauernden Wandels heraushalten zu wollen. Der Typ würde dabei zu einer Ausnahme geraten, die nicht ins naturwissenschaftlich informierte Bild der Welt passt, in der ich lebe.

Die Wolken an meinem Himmel verändern sich dauernd. Das Bild, das ich heute von ihnen aufnehme, wird so nie wieder erscheinen. (Ähnlich vielleicht, aber nicht mehr exakt so wie ich es heute gesehen habe.) Wörter wie „Cumulus“ und „Cirrus“ schreiben keine Zustände fest, sondern helfen, den Fluss des Vorübergehenden zu skizzieren. Die Pflanzen, deren Keimen und Wachsen und Reifen und Welken und Sterben ich in meinem Garten verfolge, sind sämtliche individuelle, einmalige Gestalten. Mutationen und Hybridformen mischen sich dauernd ein. Ich finde es zunehmend schwierig, die morphologische Erscheinung aus ihrer ökologischen Verflochtenheit herauszulösen und vom Zusammenleben mit kaum sichtbaren Pilzen und Flechten zu trennen. Der Fingerabdruck auf einer Tonscherbe aus einem steinzeitlichen Hügelgrab gleicht keinem einzigen der Fingerabdrücke von später Geborenen, und auch unter den Zeitgenossen gleicht kein Muster dem anderen. Denn die Hautrillen jeder Fingerkuppe kommen nur einmal vor in dieser Welt, ähnlich wie sich das genetische Muster im feinsten Bereich der Organismen unverwechselbar einmalig zeigt, um in anderen Organismen in dieser Gestalt nie wieder aufzutreten. Von den wahrscheinlich in die Millionen Tonnen gehenden Blätterfall, der die Böden der Nordhalbkugel im Herbst bedeckt, gleicht kein einziges Blatt einem anderen vollkommen. Es genügt, dass jede Erscheinungsform ein einziges Mal in der Welt war.

„Das fliessende Licht der Gottheit“ lautet eine schöne Formulierung aus der Zeit der deutschen Mystik. Nicht eigentlich ein Begriff, eher eine sprachliche Wendung, aber die Verhältnisse treffend, was die Erscheinung des Lebens mit seinen Gestalten angeht, im doppelten Sinn des nicht abreissenden, dauernd sich verändernden Stromes, den Darwin „Evolution“ nannte, und mich als Betrachter mit einschliessend, weil mir als Mysterium erscheint, was Mechthild von Magdeburg im 13. Jahrhundert „das fliessende Licht der Gottheit“ nannte.

Blossfeldts Fotografien kommen mir nicht wie Momentaufnahmen des Lebensflusses vor, sondern eher als versteinerte Produkte eines Versteinerungsbestrebens, das mich lebensfern dünkt, und ich werde mich für mein Empfinden nicht entschuldigen. Wahrscheinlich hängt die Härte meines Urteils mit der Kontroverse um Darwins Theorie von der Entstehung der Arten zusammen, die mir immer wieder in meinem langen Leben in verschiedenen Formen begegnet ist. Um die Aktualität dieser Spur für die Blossfeldtsche Fokussierung auf Typen zu erkennen, hilft es, einen philosophischen Text aus dem Jahr 1909 mit dem Titel „Der Einfluss des Darwinismus auf die Philosophie“ in Erinnerung zu bringen. (John Dewey: Der Einfluss des Darwinismus auf die Philosophie. In: Dewey, Erfahrung, Erkenntnis und Wert. Hrsg. und übers. von Martin Suhr. Frankfurt a.M.; Suhrkamp 2004, S. 31 – 43)

Dewey führt vor Augen, dass Veränderungen natürlicher Organismen schon immer von Menschen wahrgenommen wurden. Aus verschiedenen Samen wachsen Gräser oder Bäume, aus Raupen werden Puppen und aus diesen Schmetterlinge. Die griechischen Philosophen stellten die Muster der Verwandlungsprozesse heraus, die Zielvorgaben folgen und auf Höhepunkte zulaufen. Raupe und Puppe kulminieren in Gestalt des Schmetterlings (in der biologischen Fachsprache „imago“ genannt: „Bild“). Ist es nicht so, dass den Lebewesen eine Art Codierung eingezeichnet ist, und ist diese nicht – ausgehend von den Pflanzen und Tieren, auch im Menschen und schliesslich im gesamten Kosmos zu finden? Diese Codierungen schlagen sich unter den Lebewesen in Gestalt von „Arten“ nieder, und das lateinische Wort für „Art“ ist „species“, und das griechische Wort für „species“ ist „eidos“, was wir bei der Lektüre von Plato und Aristoteles mit „Idee“ übersetzen. Der sprachliche Zusammenhang ist kein Zufall: Alles dreht sich ums Bild. Alles dreht sich um die Unveränderlichkeit von Bildern, deren ewige Geltung ihnen im Bereich des geistigen Lebens der Menschen, wo sie als Ideen erscheinen, erst den Anspruch der Gewissheit verleiht.

Dewey weist darauf hin, dass bereits der Titel von Darwins Hauptwerk, „Der Ursprung der Arten“ („The origin of species“ 1859), als skandalös erscheinen musste: Wie sollte ein Muster, eine Codierung, die in der Art ihren gültigen Ausdruck fand, einen Ursprung oder Anfang haben, wo sie doch als völlig zeitunabhängig zu denken war? Dewey folgerte logisch messerscharf: „Der Einfluss Darwins auf die Philosophie beruht darauf, dass er die Erscheinungsformen des Lebens für das Prinzip der Wandelbarkeit erschloss.“

Vielleicht reicht diese kurze Pointe hin, um im Umfeld der Akanthus-Erzählungen mein Unbehagen bei der Typen-Fixierung der Blossfeldtschen Fotos plausibel zu machen. Ich sehe die Nähe zwischen dem typischen Typus, den der Fotograf herstellte, und den Kategorien „Spezies“, „Imago“, „Idee“, deren zeitlosen Geltungsanspruch von Darwin als unbegründet nachgewiesen worden ist.

Dewey übrigens hat sich damit nicht begnügt, die Folgen Darwins für unser Naturbild zu zeigen. Er ging den entscheidenden Schritt weiter in die Geistesgeschichte hinein, und folgte der Spur des Wortes „Idee“, das ursprünglich einfach „Bild“ bedeutete, bevor es zur Bezeichnung für ewig gültige Wahrheiten mutierte. (Vor allem in „Die Suche nach Gewissheit“, dt. 1998) Könnte es sein, dass auch unsere Leitvorstellungen, unsere tiefen, anscheinend angeborenen Neigungen zu Liebe, Freundschaft, Fairness und Barmherzigkeit nur vorübergehend wirksame Instrumente sind dafür, als Spezies weiter da zu sein im fliessenden Licht der Gottheit?

Wolken: Sie erinnern an die unveräusserliche Schönheit des Landes

Wolken über Mazedonien, Foto aus dem Flieger im Juli 2014

Weiss leuchtende Gebirgstürme und abgrundtiefe Schluchten: Die phantastischen Wolkenlandschaften, die ich über die Jahre hin aus dem Flieger-Fenster sah, waren hinreissend schön, und oft auch erstaunlich rätselhaft. Wie auf dieser Aufnahme vom Juli 2014 dunkle sich unvermischt in helle Massen drängen, und wie der falsche Horizont zwischen Ober- und Unterhälfte zustande kommt, ist mir ein Rätsel geblieben. (Nach der Landung in Kavala war der Himmel noch stundenlang klar, bis nach Sonnenuntergang ein gewaltiger Gewitterregen einsetzte, der die Nacht über andauerte.)

Unwetterwolken über den Bäumen am Gartenzaun, 22. Juni 2017

Und was wollten mir diese Gebilde sagen, als ich im Juni 2017 den Himmel über dem Gartenzaun fotografierte? Es war ein Jahr voller orkanartiger Stürme, und sie gaben die eindrucksvollsten atmosphärischen Schauspiele. Ich fragte mich damals, ob das Wort „Wolken“ überhaupt zu diesen unheilvollen Signalen passte.

Von oben wie von unten betrachtet, liefern sie immer wieder unerwartete Ansichten. Sie sind die Zufallsgeneratoren des Himmelsbildes, ständig in einem Zustand des Wandels und Wechsels. Ich werde ihres Anblicks nicht satt. Das Jahr 2001 fand ich für meine Wolkenguckerei besonders ergiebig. Die GTZ hatte mich nach Südafrika geschickt, und der Himmel über Johannesburg war eine Augenweide. Leider war den Leuten, die ich ansprach, Joni Mitchells Song „Both Sides Now“ unbekannt, damals schon (zuerst erschienen 1966), und so sang ich die Zeilen allein.

Rows and flows of angel hair
And ice cream castles in the air
And feather canyons everywhere
I’ve looked at clouds that way

Der Song zählt nach den Wolken, die man nicht verstehen kann – sind es Wellen aus Engelshaar, Eiscremeschlösser, Federschluchten, oder blockieren sie bloss die Sonne und regnen auf uns herab? – die Liebe und schliesslich das Leben selbst her, das man nach allen Erfahrungen doch nicht so kennengelernt hat, dass man behaupten könnte, man verstehe es. In Joni Mitchell’s Worten „It’s life’s illusions I recall. I really don’t know life at all.“ Damit sagt sie auch etwas über das Wesen der Wolken, über ihre Flüchtigkeit, ihre Verwandlungsfähigkeit und Anschlussfähigkeit: Welche andere Bezeichnung von Gegenständen wäre derart leicht zu verbinden mit ganz grossen Wörtern wie Liebe und Leben? Das Illusionäre und Rätselhafte, das ihnen innewohnt, entspricht den Illusionen und Rätseln der Liebe und denen des Lebens selbst. Die Ungreifbarkeit der Wolken korrespondiert seiner ultimativen Unfassbarkeit. Welch poetisches Potential! „Wer wüsste je das Leben recht zu fassen?“, fragte der Dichter August Graf von Platen in einem seiner Gedichte. Es war und bleibt eine rhetorische Frage.

Folgt man dieser Spur, so gerät man auf philosophisches Gelände, das von der Meteorologie weit entfernt erscheint. Aber die Erforschung der Wolkenformen und ihres Zustandekommens – ein eigenes Feld mit eigener Faszination – liegt nur auf den ersten Blick im Abseits. Die Ansichten überschneiden einander, wir kommen auch von B nach A, wenn wir hier mit B anfangen, um die Wolkenmalerei ins Visier zu nehmen. Da erscheinen sie am Himmel als Formen und Gestalten, die zwar sichtbar sind und die Phantasie hervorrufen, und in Regen und Schnee sogar auf greifbare Weise mit der Welt interagieren, aber sich doch nicht konkret fassen lassen wie die vertrauten Gegenstände und Lebewesen unserer Umwelt, vom Berg zum Tisch und vom Baum zur Freundeshand. So sind sie eine Art Scharnier zwischen dem Anfassbaren und dem Phantastischen oder zwischen den dinglichen Manifestationen der Welt und ihren fliessenden, im Wandel begriffenen Zuständen, womöglich ein Zwischenglied der Zustände von Prozess und Produkt.

Was noch nicht ganz konkret da ist und was schon nicht mehr ganz da ist: Das ist das Gebiet der Wolken. Und genau dies Niemandsland zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten hat John Berger, der Kunsthistoriker und Schriftsteller, zum Grenzbereich der Ölmalerei erklärt: Einer Ölmalerei, die den ungeschriebenen Vertrag erfüllte, alles das, was man als sein Eigentum bezeichnen und besitzen kann, so genau und lusterweckend als möglich abzubilden. Die Wolken gehörten nicht dazu. Wer Wolken malte, katapultierte sich demzufolge aus dem Geschäft der Ölmalerei heraus. Und wir fragen, weshalb es trotzdem Maler gab, die sich diesem Sujet widmeten. Aber der Reihe nach.

Die Epoche der Ölmalerei setzt ein mit der Neuzeit – Berger nennt das Jahr 1500 – und endet mit ihrer Auflösung in viele Formen, von denen die Fotografie die vielleicht auffälligste ist, um das Jahr 1900. (Ways of Seeing, based on the television series with John Berger. BBC, Penguin Books: London 1972) Ölgemälde zeigen oft Dinge, und die Technik der Ölmalerei gestattet es, die Sinnlichkeit der Oberfläche von Dingen – Stoffe aus Seide und Samt, gläserne Pokale und Perlenschmuck, die schimmernde Haut und die bedeutsamen Blicke aus dunklen Augen, den Glanz von Haar oder Fell und die Pracht der Interieurs und Paläste – so wiederzugeben, als seien sie greifbar da. Die Dinge selbst zu besitzen, sei der vorherrschende Antrieb gewesen, der den Blick der Sammler wie den der meisten Maler auf die Kunstwerke geprägt habe. Und in der Tat, der Besitz des Bildes war exklusiv, das Bild war ja an einem bestimmten Ort und sonst nirgendwo anders, es sehen zu dürfen, war Privilegierten vorbehalten. Berger zeigt die Funktion von Ölgemälden für das mit dem Handel, den Bankgeschäften, der Ausbeutung der Kolonien reich werdende Bürgertum und belegt den Zusammenhang anhand der einzelnen Genres von Ölbildern. Die Demonstration der Delikatessen, die der Besitzer des Genres „Tafelstück“ aufzufahren pflegt, oder der prachtvollen einzelnen Zuchttiere, deren Stammbaum den sozialen Status ihres Züchters spiegelt, oder einzelner kostbarer Objekte, die als „objets d’art“ ihrem Sammler huldigen, oder die Pracht der grossen Häuser und Landsitze der Familie und so weiter. Auch, was als „Genre-Malerei“ im engeren Sinn gilt, Szenen aus dem Leben der Landbewohner und Armen, diente dem Wohlgefühl der wohlhabenden Betrachter, wenn ihnen Tavernen-Szenen oder Bauerntänze vormachten, dass die Armen glücklich seien.

Am interessantesten ist die Stelle, an der Berger auf die Landschaftsmalerei zu sprechen kommt. Mit der Aufzählung der verschiedenen Genres gelingt es ihm, den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Ölmalerei durchgängig auf überraschend plausible Weise zu belegen. Aber die Bilder der Kategorie Landschaftsmalerei lassen sich dieser Idee nicht dienstbar machen. Landschaften galten damals – abgesehen von den Gärten und Parks im Umfeld von Schlössern und Herrenhäusern – noch als allen verfügbare Szenerie, die manchmal auf Gemälden zur Dekoration des Hintergrundes eingesetzt wurde (etwa bei Leonardos Mona Lisa). Sie waren den Besitzansprüchen, die das Geschäft der Ölmalerei prägten, unzugänglich und auf ganz ähnliche Weise entzogen wie die Wolken am Himmel, die auf Landschaftsbildern unausweichlich auftauchen. Der Zusammenhang von Wolken und Landschaften war kommerziell unverfügbar und damit ein unverkaufbares Sujet. Die ersten Landschaftsmaler, Niederländer wie Ruisdael, der sich im 17. Jahrhundert auf Seestücke konzentrierte, hungerten, und manche gaben das Malen auf. Andere wie Tintoretto oder Rubens widmeten sich sozusagen am Rande ihrer Haupttätigkeit hier und da einem Landschaftsbild. Unter wirtschaftlicher Perspektive ist nicht zu erklären, dass sich überhaupt ein Interesse an Landschafts- und Himmelsgemälden erhielt. Berger betont allerdings die innovative Rolle dieser Bilder für die Malerei insgesamt:

„Jedes Mal, wenn die Tradition der Ölmalerei einschneidend verändert wurde, ging die Initiative von der Landschaftsmalerei aus. Vom siebzehnten Jahrhundert an waren die hervorragenden Neuerer der Sichtweise und damit auch der Technik Ruisdael, Rembrandt (der Einsatz des Lichtes in seinem Spätwerk war die Folge seiner Landschafts-Studien), Constable (in seinen Skizzen), Turner und, am Ende der Periode, Monet und die Impressionisten. Es kam hinzu, dass diese Innovationen wegführten vom Substantiellen und Greifbaren hin zum Unbestimmten und Ungreifbaren.“ (Ways of Seeing, S. 105, übers. H.S.)

Auch E.H. Gombrich in seiner enorm weit verbreiteten „Geschichte der Kunst“ beschreibt die Landschaftsmalerei als einen „Nebenzweig der Kunst“. Landschaftsmaler seien die längste Zeit über „nicht als vollwertige Künstler angesehen“ worden. (E.H. Gombrich: Die Geschichte der Kunst. 16. Ausgabe. Frankfurt a.M.: S. Fischer 1995, S. 492) Erst der im späten 18. Jahrhundert aufkommende „romantische Geist“ habe dazu geführt, dass grosse Künstler ihr Leben der Aufgabe widmeten, „dieser Gattung von Malerei eine neue Würde zu verleihen.“ (ebenda).

Ist es nicht ein interessanter Befund, dass weder Berger noch Gombrich den Aufschwung der Landschafts- und Wolkenmalerei schlüssig erklären können? Aus Bergers Perspektive ist der Ölmalerei als Teil der conspicuous consumption (Geltungskonsum) Manier eines Besitz-besessenen Bürgertums zu verstehen. Da lässt sich das Interesse an der Darstellung von nicht erwerbbaren Dingen nur als eine Art freak accident – unwahrscheinlicher Unfall – erklären. Und Gombrichs Vorschlag, demzufolge sich grosse Künstlerpersönlichkeiten der Natur annahmen, sobald die Romantik den Geist der Zeit zu beeinflussen begann, erklärt nicht, weshalb auch schon vorher grosse Künstler (Ruisdael, Tizian, Tintoretto, Rembrandt, Rubens, Lorrain) sich auf Landschaftsmalerei einliessen. Abgesehen davon, dass ein Künstler erst im Lauf seines produktiven Lebens gross wird (oder klein bleibt). Dass sich eine Person auf die Malerei von Landschaften und Wolkenlandschaften einlässt, bringt ja erst zum Vorschein, was Gombrich als „grosser Künstler“ bezeichnet. Das Rätsel besteht gerade darin, dass das Tätigkeitsfeld der „nicht als vollwertige Künstler angesehenen“ Maler auf einmal Ausnahme-Erscheinungen hervorbringt.

Dass ich auf dem unerklärten Ursprung der Landschaftsmalerei herumreite, hängt mit der Rätselhaftigkeit jener Hinwendung zur Natur insgesamt zusammen, die mit der Neuzeit – also etwa um das von Berger vorgeschlagene Jahr 1500 herum – einsetzte. Es ist wahr, dass die neu gewonnenen Erkenntnisse der Militärtechnik (z.B. Galileos Berechnung von Flugbahnen für die Artillerie) und global angelegten Ausbeutungsfeldzügen (Botanik und Geographie als Grundlagen für Plantagenbau und Sklavenhaltung) dienten. Aber von Anfang an bestand daneben und separat dazu ein nicht profitbezogenes Interesse an den Natur-Erscheinungen, und dies ging Hand in Hand mit einer ästhetischen Faszination, welche sich in Begriffen des Finanzwesens oder der gesellschaftlichen Anerkennung nicht auszahlte und unter diesen Aspekten nicht einmal sichtbar wurde. Allenfalls vielleicht ironisch als Gleichnis von den vorüberziehenden Wolken, die nicht gewinnbringend umzumünzen sind, aber doch unbestreitbar den Himmel bevölkern und wenigstens die Aufmerksamkeit von Kindern und Künstlern und Wissenschaftlern auf sich ziehen. Das Interesse dieser Minderheit war den Erscheinungen ohne Profitinteresse gewidmet im Sinne der schönen Redewendung eines „Lohnes in sich selbst“.

Landschaftsmalerei ist eine Facette dieser wie ich meine über die Zeit hin wie ein Grundton anschwellenden Neigung. Im gegenwärtigen Zeitalter des Anthropozän gewinnt sie allerdings eine gewissermassen überlebensnotwendige Bedeutung. Hölderlins ermutigender Spruch kommt in den Sinn: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ So gesehen, ist die Landschafts- und Wolkenmalerei auch politisch aktuell als Ausdruck einer nicht vom Ausbeutungsinteresse bestimmten Einstellung zur Natur. Es wäre doch interessant, sich diese anfangs brotlose Kunst vorzunehmen, um jenen unveräusserlichen Wert womöglich genauer zu erkennen, den Künstler (und manche Wissenschaftler) da finden.

Ein Beispiel liefert der englische Maler John Constable (1776 – 1837). Er wird öfters in einem Atemzug mit seinen Zeitgenossen William Turner (1775 – 1851) und Caspar David Friedrich (1774 – 1840) genannt, ebenfalls grosse Landschaftsmaler, die andere Akzente setzten als Constable. Er verfolgte die genaue Wiedergabe des Zusammenspiels von Landschaft und Himmel. Die Welt schien ihm zauberhaft genug, wie sie war, er brauchte keine symbolhafte Überhöhung und keine epiphanieartigen Sensationen, und er war unter den Dreien derjenige, welcher Wolken in ihren Gestalten planvoll festzuhalten suchte. In den Jahren 1821/22 zog er täglich hinaus in die Heide von Hampstead in der Nähe von London, um seine Wolkenstudien draussen – auf ungewöhnliche Weise – mit Ölfarbe auf Papier zu skizzieren. Diese Skizzen dienten als Vorarbeiten für seine Landschaftsgemälde und er dachte nicht daran, sie zu verkaufen. Später, zur Zeit des Impressionismus, nannte man sie „naturgetreu und brilliant“, und im 20. Jahrhundert fand man in ihnen Vorläufer der abstrakten Malerei. Diese Skizzen haben inzwischen eine beachtliche kommerzielle Wertsteigerung gewonnen, die meisten sind als besondere Schätze im Victoria und Albert-Museum in London ausgestellt. Wie öfters angesichts der kaum nachvollziehbaren Entwicklung des Marktwertes von Kunstwerken kann man den Künstler nur posthum beglückwünschen: Gratulation, Sir John!

John Constable: Studie von CIrruswolken, 1821/22. Öl auf Papier 10,4 x 17,8 cm Aufschrift Constables auf der Rückseite „?cirrus“
John Constable: Wolkenstudie 1822, Öl auf Papier, 24,5 x 27, 7 cm; Aufschrift Constables auf der Rückseite: Sept. 6 1822, Mittag. Sanfter WInd von Westen. heiss und gut.

Constable verfolgte die Entwicklung der seinerzeit gerade gegründeten Meteorologie, vor allem die Wolken-Klassifikation, und studierte Landschaftsbilder seiner Vorgänger nicht nur von Ruisdael – von dessen Gemälden er eines sogar kopierte – sondern auch von Tizian, Tintoretto und Rubens, die neben ihren bekannten Gemälden ebenfalls Landschaftsbilder malten. Er hielt Vorträge über Malerei und endete einen davon mit der Aussage: „Malerei ist Wissenschaft und sollte als Untersuchung der Naturgesetze betrieben werden. Weshalb kann man also eine Landschaft nicht als naturphilosophischen Gegenstand auffassen, und die Landschaftsbilder als Experimente?“
(zitiert nach Mark Evans: Constables’s Skies. Paintings and Sketches by John Constable. London: Victoria and Albert Museum, Thames & Hudson 2018, p. 11/12 übers. H.S.)

Seine Bekanntheit als Künstler und sein kommerzieller Erfolg hielten sich bei Lebzeiten in Grenzen. Er wurde erst mit 59 zum Mitglied der Royal Academy ernannt, und sein wohl bekanntestes Gemälde, „Der Heuwagen“, fand 1821 in England keinen Käufer, wurde dann aber 1824 in Paris gefeiert. Es führt uns eine Lebendigkeit und Fülle vor Augen, die durch Wechselwirkung zwischen den bewegten Wolken am Himmel und der mittäglichen Landschaft zustande kommt. Ein von drei schwarzen Pferden mit roten Halftern bespannter unbeladener Holzwagen steht im flachen Wasser des Flüsschens Stour. Linkerhand am Ufer inmitten eine Gruppe hoher Bäume ein helles Cottage mit steilen Giebeln, nach rechts öffnet sich der Blick auf eine mit Sonnenflecken ausgeleuchtete Parklandschaft aus Wiesen und Baumgruppen, darüber die zunehmend aufhellende Bewölkung. Im Wagen zwei Männer, einer mit weissem Hut und hellem Hemd hält die Peitsche und dreht uns den Rücken zu, der andere mit dunklem Hütchen gestikuliert zu dem zottigen Hund am diesseitigen Ufer. Erst bei genauem Hinschauen sieht man das Mädchen, das auf dem hölzernen Steg kniet, der von dem Haus her zum Fluss führt. Hinter ihr steht ein grosser Krug, und sie ist dabei, Flusswasser zu schöpfen. Mir fällt auf, wie genau die dunklen Farbtöne der hölzernen Planken im Wasser wiedergegeben sind, als ob Constable sie ebenso eingehend studierte wie die Wolken und deren Wirkung als Schatten und Licht. Man weiss, dass der Maler in dieser Landschaft zu Hause war. Flatford Mill, die Mühle seines Vaters, in der er aufwuchs, lag ganz in der Nähe am gleichen Fluss. Das Gebäude ist als Willy Lott’s Cottage identifiziert worden, es sieht auch heute noch so aus wie auf dem Bild, nur die Bäume fehlen. Man vermutet, dass der Wagen mit den Pferden ins Wasser gestellt wurde, um das Holz der Wagenräder aufzuquellen, das im Sommer in den Eisenreifen schrumpfte, und um den Pferden Kühlung zu gewähren. In Gombrichs „Geschichte der Kunst“ finde ich folgende Anschauungshilfe für das Bild: „Man muss sich in so ein Bild versenken. Man muss das Sonnenlicht auf den Wiesen im Hintergrund empfinden und das Ziehen der Wolken am Himmel; man muss den Windungen des Baches nachgehen und bei der Mühle verweilen, die mit so anspruchsloser Schlichtheit gemalt ist, um die unbedingte künstlerische Aufrichtigkeit zu verstehen, den Verzicht des Künstlers, effektvoller zu sein als die Natur, und das Fehlen jeglicher Pose.“ (S. 496)

John Constable, The Hay Wain (ursprgl. „Landscape: Noon“), 1821, Öl auf Leinwand, 130,2 x 185,4 cm

Constable gilt als Wolkenspezialist unter den Malern. Er liebte aber auch das Wasser und war von Dingen fasziniert, die das Wasser veränderte und prägte. Einem Freund schwärmt er in einem Brief von der grossen Freude vor, die er „am Geräusch des Wassers an Mühlenbächen hat, an Uferweiden, an alten verrotteten Wällen, an verschlammten Pfosten und Mauern. Ich liebe solche Dinge. So lange ich male werde ich nie damit aufhören, solche Orte zu malen.“ (B. Beckett (ed.), John Constable’s Correspondence. Ipswich, Suffolk, vol. VI, 1968, p.77) Vielleicht ging diese besondere Neigung auf die vom Wasser geprägte Welt seiner Kindheit zurück. In seiner Korrespondenz bekennt er, dass seine „sorglose Kindheit“ („my careless boyhood“) mit all dem verbunden war, „was an den Ufern des Stour lag. Sie haben mich zum Maler gemacht. Ich habe mir Bilder von ihnen vorgestellt, bevor ich noch einen Bleistift hielt.“ (Beckett, p. 78)

Das Bild „The Lock“ von 1824 ist dieser Wasserwelt gewidmet. Dedham Lock am Fluss Stour – der normannische Kirchturm von Dedham am Horizont – Flatford Mill gleich nebenan: Constables Kindheitsland. Eine Schleuse von der technisch schlichten Art, in der etwa auch die sieben Schleusen im Oberlauf der Alster über Jahrhunderte hin von Hamburg unterhalten wurden. Ein Tor mit zwei Flügeln sperrt den Lauf des Flüsschens, das Wasser wird zu einer Art See aufgestaut. In den Torflügeln sind auf Höhe der Hochwasserlinie „Schütten“ für den Überlauf eingebaut. Die Schleuse ist ein Wasser triefender Ort. Man hört immerzu sein leises Geflüster oder sein lautes Gestrudel. Eine Schute, die flussabwärts unterwegs ist, wird vom Schiffsführer (helles Hemd) mit einem Tau in Wartestellung gehalten, bis der Schleusenwärter (Mann im roten Wams) das Tor mit der Torwinde geöffnet hat, und reitet dann gewissermassen auf dem Wasserberg der Flutwelle den Fluss hinunter zur nächsten Schleuse. Neben dem Schleusentor wartet ein Junge in Hockstellung mit seinem Hund auf den spannenden Augenblick des Ausbruchs der Flutwelle, sobald der Schleusenwärter die Torwinde mit einer langen Brechstange geöffnet haben wird. (Er strengt sich mächtig an und drückt ein Knie auf den Querbalken des Torflügels.)

Der Himmel ist fast zur Hälfte von einem Weidenbaum mit auffallend bewegtem Ast- und Laubwerk bedeckt, und auch die dunklen und hellen Wolkengebilde darüber sind voller Bewegung: Die Landschaft scheint zu leben, und dies Leben scheint sich in der linken unteren Bildhälfte zu konzentrieren, wo das Wasser die Schleusenanlage, die es gleich überschwemmen wird, bereits jetzt in Bewegung hält. Man meint das Strudeln zu hören. Die Balustrade aus alten Pfosten und Bohlen hat es im Lauf der Zeit dezimiert und abgetragen, und dabei auf jene Weise verwandelt, die John Constable liebte. Schilf, Pestwurz und Lattich haben den Steilhang besiedelt, und auf dem hohen Ufer zersetzt der feuchte Boden die hölzernen Befestigungs-Balken.

John Constable: The Lock, 1824, Öl auf Leinwand, 142,2 x 120,7 cm

Ich erinnere mich an meine Kinderjahre, durch die ein Flüsschen namens „Geis“ strömte, und daran, wie mich jene Wasserwelt faszinierte, – der Geruch des Lebermooses, das die nassen Mauersteine an der Brücke bedeckte, die Dutzende weisser und grünlicher Wellenkämme des strömenden Wassers. Manchmal sprang unvermittelt eine Forelle empor, manchmal hob ich einen Stein und fand darunter einen sich windenden Blutegel. Im Sommer standen die schweren Kaltblutpferde des Speditionsbetriebs von nebenan im Wasser, die Kastanienbäume warfen ihre dichten Schatten über ihre mächtigen Leiber, und wir Kinder streichelten ihnen die samtenen Mäuler. Solcher Erinnerungen wegen denke ich, dass mir ähnliche Bilder in die Kindheit hineinschienen, wie sie der grosse Maler John Constable gesehen und festgehalten hat. Und dann gehe ich noch einen Schritt weiter und stelle mir vor, dass er die Vernichtung dieser Welt ähnlich wie ich als persönlichen Verlust erleben würde. Die Leistung moderner Ingenieure, die das Flüsschen Geis in eine lange Röhre leiteten und darüber einen Parkplatz bauten, hätte er, so stelle ich mir vor, bekämpft, vielleicht weniger aussichtslos als ich, aber sie am Ende mit Zorn und Mitleid betrachtet wie ich.

Dies Schleusen-Gemälde brachte Constable endlich Erfolg. Schon am ersten Tag der Ausstellung 1824 in London kaufte es ein bekannter Sammler für 150 Pfund. Damals nicht wenig, wenngleich der Wert weiter stieg und dies selbe Bild bei einer Auktion im Jahr 2012 den Besitzer für 22 441 250 Pfund wechselte. 22 Millionen! Sollte hier ausser den Marktgesetzen für die Wertsteigerung bestimmter Kunstgegenstände womöglich auch ein Anstieg der Wertschätzung von Landschaftsbildern abzulesen sein? Vielleicht sogar die Zunahme einer unvermittelten Freude an Landschaften und Wolken? Oder ist es eher umgekehrt so, dass auch die letzte Zuflucht vor der um sich greifenden Kommerzialisierung der Welt, die unschuldige Schönheit des Landes, auf dem Weg ist, veräussert zu werden? Was kostet eine nicht von Kondensstreifen durchkreuzte Wolkenwelt?