Hototogisu und Whippoorwill: Vogelruf und Menschenklage

Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage,
Dem Kukuk horchend, in dem Grase liegen;
Er scheint das Tal gemaechlich einzuwiegen
Im friedevollen Gleichklang seiner Klage.
(Eduard Mörike, 1804 – 1875)

Wenn der Sommer anhebt, sind Kuckucksrufe allenthalben im Gras- und Buschland der Elbtalaue zu hören, manchmal in endlosen Wiederholungsschleifen. Unausweichlich fällt mir dabei stets Mörikes Sonnet ein. Ich bewundere, wie er „friedevoll“ und „Klage“ so in den Vers setzt, dass nichts Widersprüchliches bleibt. Im Gleichklang ist es vollkommen aufgehoben. Leicht, sich mit der Gleichförmigkeit des Kuckucksrufs in eigenen Gedanken zu verlieren und „die Fratzen der Gesellschaft“ hinter sich zu lassen. Das Klingklang des Rufs scheint genau die Textur zu erzeugen, vor deren Hintergrund Sehnsüchte und Neigungen auftauchen, die man sonst unter Verschluss hält.

Das Lied der Nachtigall mit seinen Fortissimo-Passagen und den hingeschluchzten Wendungen ist viel zu alarmierend, und das aufbrandende Geschnatter der Wildgänse, die in diesen Tagen wieder aus dem hohen Norden im Auenland ihre Winterquartiere einnehmen, viel zu uneben und wolkig, und selbst das kehlige Trompeten, das die in den Lüften kreisenden oder im Nebel über dem Gelände auftauchenden Kranichtrupps ausstossen, zu massiert und zu parzelliert, um das eintönige Muster des endlos wiederholten Rufs übertreffen zu können, was dessen Wirkung auf unsere Seele angeht, dies Hervorlocken der innersten Befindlichkeit, als ob es möglich sei, das intimste Innere mit dem Gegaukel einer Vogelstimme zu verflechten.

Wie alle unsere Reaktionen auf die Natur ist auch diese kulturell bestimmt, durch unterschiedliche Traditionen und kollektive Erinnerungen geprägt. Interessant, zwei Ausformulierungen an zwei ganz verschiedenen (und doch auf höherer Ebene miteinander verwandten) Beispielen zu betrachten.

Hototogisu

Wie der Kuckuck, trägt der Gackelkuckuck in Japan den Namen, den er ruft: Das fünfsilbige „Hototogisu“ (Cuculus poliocephalus, „Gackelkuckuck“, „Kleiner Kuckuck“, „lesser cuckoo“) anstelle unseres zweisilbigen Kuckucksrufs. Sein endloses Klagen wird im japanischen und anscheinend vorher schon im chinesischen Kulturbereich als Ausdruck der Sehnsucht einsamer Herzen vernommen. Dem so genannten Volksglauben zufolge spuckt der Vogel, dessen beim Rufen weit aufgerissener Schnabel rot erscheint, dabei Blut. Nach 8008 Rufen, so heisst es, muss er sterben. Der berühmte Haiku-Dichter Masaoka Shiki (1867 – 1902) nannte sich nach dem chinesischen Namen des Vogels „Shiki“, gab eine (bekannte und einflussreiche) Poesie-Zeitschrift namens „Hototogisu“ heraus, und identifizierte sich auch wegen seiner Tuberkulose mit dem Vogel. Schon als Zwölfjähriger hatte er, selbst lungenkrank und Blut hustend, das folgende Gedicht verfasst:

Der Schrei des Hototogisu / Ein Schrei im Mondschein, / unerträgliches Husten von Blut. / In tiefer Nacht such ich umsonst das Kissen; / fern über Wolken liegt mein Heimatland. (zitiert nach Eckehart Wiedemann, Shiki und der Kleine Kuckuck: https://haiku.de 71-Wiedemann)

Hiroshige 1830 (Wikipedia gemeinfrei „Hiroshige lesser cockoo“)

Der Maler Utagawa Hiroshige (1797 – 1858) hat den Hototogisu 1830 dargestellt, und genau dies Bild später – 1857in Tafel 62 seiner „Hundert berühmten Ansichten von Edo“ gewissermassen als Selbstzitat eingesetzt. Dies Buch ist als dreisprachige Ausgabe in Neuauflage gerade beim Taschen-Verlag (Köln) erschienen. Ich finde die Begleittexte überaus informativ und lerne beim Lesen und Betrachten Neues über die Möglichkeiten der Bildgestaltung durch Anspielungen auf ein regional oder national geprägtes kollektives Gedächtnis: Die Bilder bleiben dem Fremden, der zu diesen Anspielungen keinen Zugang hat, hermetisch verschlossen. Ist die Codierung entschlüsselt, öffnet sich eine neue Lesart und man blickt in die Tiefe.

Die Tafel zeigt, und ist entsprechend benannt, eine „Halle“ namens Komakatado – das Dach schaut links unten ins Bild – und eine Brücke namens „Azumabashi“ – der vordere Brückenkopf liegt hinter dem Pagodendach. Sie quert den Fluss „Sumidagawa“ mit Blick auf das jenseitige Stadtviertel „Asakusa“. Das alte Edo ist das moderne Tokio. Wir betrachten den Ausschnitt eines historischen Panoramas. Boote sind auf dem Fluss unterwegs, der Himmel ist trüb und mit Regenwolken verhangen. Eine rote Fahne flattert im Wind, schreiend fliegt der Gackelkuckuck über die Szene hinweg.

Utagawa Hiroshige: Hundert berühmte Ansichten von Edo, Tafel 62, Komakatado Azumabashi 1857 (Taschen-Verlag, Köln: 2021)

Das Gebäude „Komakatado“ bezeichnet ein Tempelchen, das einst eine Statue des Bodhisattva Kannon – eines Buddha mit Pferdekopf – barg. Dies sei, so lese ich, aber nicht die Geschichte, auf die das Bild anspielt. Schlüssel der Ansicht sei vielmehr der schreiend fliegende Hototogisu, den der Name des Tempels beim eingeweihten Betrachter ohnehin hervorrufe. Dahinter stecke die tragische Geschichte einer jungen Kurtisane namens Takao (1640 – 1659), die sich als Geliebte eines Feudalherren in Liebe zu diesem Mann verzehrte. Sie hinterliess, als sie mit 19 Jahren starb, ein kurzes Gedicht, das über Kabuki-Theaterstücke und „Legenden“ in den folgenden Jahrhunderten Teil des nationalen literarischen Erbes wurde. Takaos Gedicht ist an Date Tsunamune gerichtet, den Feudalherrn, der in der Gegend von Komakata eine Residenz besass. Der Text des Taschen-Buchs gibt es in vier Sprachen wieder:

(Deutsch) „Seid Ihr, mein Herr, schon bis Komakata gekommen? (Hört den Ruf des) Hototogisu!“ (Englisch) „Are you now, my love, near Komakata? Cry of the Cuckoo!“ (Französisch) „Etes-vous, Seigneur, déjà venu jusqu’à Komakata? (Entendez-le cri du) hotogisu!“ (Japanisch) „Kima wa ima, Komakata atari, Hototogisu“ (Auszüge aus Hiroshige. Köln: Taschen 2021, S. 344/345)

Interessant, dass die Ansprache des Geliebten in den Übersetzungen von „mein Herr“ bis „my love“ changiert, und aufschlussreich, dass in den europäischen Sprachen Ergänzungen – „Hört den Ruf“ und ähnlich – notwendig sind, die im Japanischen wegfallen. „Hototogisu“ genügt da als Signal für Einsamkeit und Sehnsucht. Tatsächlich erscheint der schreiende Vogel auf dem Bild im Lichte dieser Informationen als genaues Äquivalent zur Sprache: abrupt eingesetzt. Auch die flatternde rote Fahne, die im Begleittext als Reklame eines Kosmetik-Geschäfts gedeutet wird, erscheint grell und alarmierend, als ob sie die Verzweiflung des Signals unterstreichen sollte. Die Regenwolken wirken jetzt sinister, die sieben Boote auf dem Fluss werden von fleissigen Ruderern vorüber geführt, als ob sie der Gegend rasch entkommen wollten. Keiner kümmert sich, und der Betrachter begreift das Ausmass des Verlassenseins in Komakata.

Whippoorwill

Aus meinen Sommern in Ost-Texas ist mir vor allem der traurige Ruf der Trauertauben („Carolinataube“ Zenaida macroura) im Ohr geblieben, und nachts das rhythmische Zirpen der Grillen, sowie – als Höhepunkt der Nachtmusik – das tiefe und sehnsuchtsvolle Heulen der Lokomotiv-Pfeife. Den Namen des Whippoorwill kannte ich aus Country-Songs, meine Freunde sagten, der Ruf des Vogels sei unverkennbar, sollte ich einen hören, so wüsste ich sofort, dass es einer ist.

Bei YouTube unter „Whip-poor-will Song“ können Sie sich die drei Silben anhören, die mir eher als „All is well“ denn als (das ziemlich brutale) „Whip poor Will!“ eingehen wollen. Die Vogelstimme ist sehr klar und klirrt leicht, vor allem bei der mittleren, weniger betonten Silbe. Ein ziemlich lauter und nahezu endlos wiederholter Ruf – die höchste bisher ermittelte Zahl der Wiederholungen des Rufes eines einzelnen Vogels: 1088. Manchem wird das die Nachtruhe verderben, aber vielen macht der gestickte Klangteppich erst das besondere Flair einer Nacht in den Südstaaten komplett.

Aber auch einer Nacht im neuenglischen Massachusetts. Henry David Thoreau schrieb im September 1851 in sein Tagebuch: „Die Whip-poor-wills fangen jetzt etwa eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang mit unablässigem Singen an, als ob sie die kurze Zeit, die ihnen noch bleibt, möglichst gut nutzen wollen. So weit ich es verfolgt habe, singen sie in der ersten Nachthälfte mehrere Stunden lang. Ihr Gesang könnte vieles bedeuten, entsprechend der Fülle von Mythen um diesen Nachtvogel. Mir ist der Klang des Whippoorwill-Rufes über den Feldern die Stimme, mit der mich die Wälder und das Mondlicht verzaubern.“

J. J. Audubon: The Birds of America, From Drawings Made in the United States and Their Territories. Plate 42. New York: 1839 – 1840

Thoreau spielt auf den so genannten Volksglauben an, der öfters auch Geschichten der Ureinwohner aufgriff. Die Mohikaner etwa glaubten, dass kleine Zauberwesen des Nachts in Gestalt von Whippoorwills im Walde unterwegs waren, und die meisten nahmen den Ruf des Vogels in der Nähe eines Hauses als böses Omen. Man munkelte, dass die Nachtvögel die Häuser von Sterbenden in der Absicht umflattern, die Seelen, die den Körper verlassen, zu fangen.

Aber Caprimulgus vociferus, wörtlich „der lautstarke Ziegenmelker“, fängt mit seinem enorm breit aufgerissenen Schnabel des Nachts grosse Insekten, etwa Nachtfalter, wie auf Audubons schöner Farbzeichnung dargestellt. Tagsüber ruht er bewegungslos auf dem Waldboden, der seinen braun und grau gemusterten Körper bestens kaschiert. Ich hatte das Glück, einen Whippoorwill in Windsor, Ontario, einmal auf einem Holzschindel-Dach zu beobachten, wo vollkommen bewegungslos ein Stück Holz nachahmte. Der Besitzer des Hauses vermutete, dass „sie“ jetzt zurückkommen, nachdem „wir“ sie aus ihrem Land verjagt hatten. Es klang nicht wie ein Willkommen. Der Vogel ist ein Verwandter der europäischen Nachtschwalbe, die ebenfalls Ziegenmelker genannt wird, lateinisch Capri (Ziege) Mulgus (Melker), – eine der frühen Legenden, wonach er nachts den Ziegen ans Euter gehe, wurde von Aristoteles aufgegriffen und ist im ornithologischen Namen immer noch konserviert. Was ihn von der europäischen Verwandtschaft unterscheidet und zu einem besonderen Vogel macht, ist sein nachweislich bis zu 1088 Mal pausenlos wiederholtes Rufen, dies „All is Well“ oder „Whip-poor-Will“ (europäische Ziegenmelker schnarren laut und lange). Allerdings nicht ohne die Tradition der Country-Musik, die ihm eine vergleichbare Rolle zugesungen hat, wie die japanische Dichtkunst dem Hototogisu. Etliche Belege in der amerikanischen Literatur betonen die dämonische Seite des Nachtvogels. Dass Verlassenheit und Sehnsucht mit der Textur des Rufs dieser Nachtschwalbe wie verwoben erscheinen, ist wohl auf die vielen Country-Songs zurückzuführen, in denen der Whippoorwill vorkommt.

Am bekanntesten sind die vier Strophen von Country-Star Hank Williams aus dem Jahr 1949, die seither immer wieder neu interpretiert worden sind. Johnny Cash sang sie zusammen mit Nick Cave als eine seiner letzten Aufnahmen, Elvis Presley, B. J. Thomas, Norah Jones, Dolly Parton, Randy Travis, Leon Russell und viele andere hielten das Lied im dauernd erneuerten Repertoire des so genannten „American Songbook“.

1. Hear that lonesome whippoorwill

He sounds too blue to fly

The midnight train is whining low

I’m so lonesome, I could cry

2. I’ve never seen a night so long

And time goes crawling by

The moon just went behind the clouds

To hide its face and cry

3. Did you ever see a robin weep

When leaves begin to die?

Like me, he’s lost the will to live

I’m so lonesome, I could cry

4.The silence of a falling star

Lights up a purple sky

And as I wonder where you are

I’m so lonesome, I could cry.

Das „like me“, mit dem bei Hank Williams die dritte Zeile der dritten Strophe anfängt, ist allerdings in den Cover-Versionen zu „that means“ abgeändert. Das „wie ich“ erschien wohl als übertrieben oder zu entmutigend. Die Texte der Country-Musik entfalten einen enormen Einfluss auf weite Teile der Bevölkerung Nordamerikas, die oft kaum andere Musik hört. Im Unterschied zur deutschen Volksmusik kann man sie nicht als „gesunkenes Kulturgut“ abtun, das die musikalische Kultur der feudalen Oberschicht nachzuahmen versucht. Vielmehr entstammen diese Lieder der Erfahrung von so genannten einfachen Leuten. Die sprachlichen Wendungen aus Country-Songs sind darauf angelegt, „geflügelte Worte“ zu werden. Man identifiziert sich mit dem Vortrag der Singenden, singt mit und taucht in die dabei hervorgerufenen – meist traurigen – Gefühle ein.

„I’m so lonesome, I could cry“ spricht eine typisch amerikanische Verlassenheits-Erfahrung an. Viele der im 19. Jahrhundert nach Amerika Eingewanderten waren durch das endgültige Verschwinden der ihnen vertrauten Welt ähnlich traumatisiert, als ob sie auf dem Mars gelandet wären. In Kanada erzählte die Mutter einer befreundeten Familie, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg aus Siebenbürgen nach Nordhessen geflüchtet waren und dann Anfang der Fünfzigerjahre nach Kanada gingen: „Die ersten zehn Jahre wäre ich zu Fuss wieder zurück gelaufen“, sagte sie. Eine zweite kollektive Verlassenheitswelle brachte die Binnenwanderung von den ländlichen Regionen in die Industriestädte im zwanzigsten Jahrhundert. Massen von einsamen und entwurzelten Menschen fanden ihre Erfahrung durch Songzeilen wie „By day I make the cars, by night I make the bars“ in Worte gefasst.

Ich möchte eine Übersetzung des Hank Williams-Songs nicht versuchen. Das Internet bietet mehrere Anläufe, die mir peinlich erscheinen. Viele der amerikanischen Wörter sind mit Bedeutungen „aufgeladen“, man müsste sie umständlich erklären oder so umformulieren, dass die Zeilenlänge den Charakter des Songs zerstören würde. (Typisch etwa die zweite Zeile „too blue to fly“, die in einer der Internet-Versuche als „zu blau zum Fliegen“ übersetzt ist.) Hinzu kommt die Meisterschaft des Sängers und Songwriters Hank Williams, der sich darauf verstand, mit sehr wenigen Worten komplexe Geschichten zu erzählen. Ich bin zum Beispiel nicht sicher, ob das „I wonder where you are“ am Ende als eine Art Auflösung verstanden werden darf – es geht um eine verlorene Liebe -, oder ob die Stimmung depressiver Verlassenheit (unabhängig von einer bestimmten Liebesgeschichte) der eigentlich beschriebene Gegenstand ist.

Vogelrufe im Zeitalter der Zunahme von Depressionen

Ob es Erleichterung verschafft, das eigene Elend – die Verlassenheit, Einsamkeit und die vergebliche Sehnsucht – dem Rufen eines Vogels zu verknüpfen? Vielleicht hilft es, den inneren Zustand in der Welt draussen wiederzufinden, wie einen Spiegel oder eine Art Verwandtschaft. „Alles meine Verwandtschaft“, lautet die Formel der Ureinwohner, mit der sie die Schilderung des persönlichen Leidens abzuschliessen pflegten. Ich erinnere die Erzählung eines Dakota-Mannes, der von Lebensgeschichten berichtete, die seine Mitgefangenen bei einer Schwitzhütten-Sitzung im Gefängnishof einander erzählten, und wie ein Schwarm Wildgänse laut schnatternd über das Zeltdach flog, gerade als die Teilnehmer murmelten „Alles meine Verwandtschaft“: Dies Bewusstsein, in der Welt zu sein wie Töne in einer Melodie!

Die Spekulation auf die therapeutische Erleichterung depressiver Zustände durch Einschluss von Naturerlebnissen (das Einspielen der Vogelrufe als Grundmelodie, und die Anspielung auf Lieder und Geschichten, die diesen Kontext tradieren) würde, so denke ich, die Vorlage für eine interessante Untersuchung bieten. Allerdings dürfte man dabei nicht aus den Augen verlieren, dass eine gewisse Familiarität mit Naturerscheinungen vorausgesetzt ist. Man bräuchte den Ruf des Whippoorwill nicht unbedingt identifizieren, aber man müsste ihn wenigstens wahrnehmen können. In der gleichen Zeit, in der Depressionen häufiger werden, gehen Naturkenntnisse zurück. Bezeichnend vielleicht, dass die nichtmenschlichen Naturwesen selbst aus der Welt verschwinden. Zwar ist der Status des Hototogisu mit seinem enorm weiten Verbreitungsgebiet auf der Roten Liste (noch) unter „nicht besorgniserregend“ (least concern) eingestuft, aber die Population des Whippoorwill ist bereits rückläufig, der Vogel gilt als „near threatened“ (bald gefährdet). Möglicherweise deutet sich an, dass die Gegenstände meines kurzen Textes, und einer Untersuchung ihrer Wirkung auf Leidende, selber abhanden kommen. Dann blieben nur noch die Geschichten, die wir einander erzählen.

Was kommt in Mustern zum Vorschein?

Im Morgengrauen liegen dicke Nebelkissen unter den Bäumen der Streuobstwiese, aber auf dem Hausdach wächst der helle Fleck weiter über den Himmel, der die Sonne verbirgt: Entzückend, wie genau dieser Septembermorgen der Vorschrift von Mörikes Gedicht folgt.

Der Nachbar schichtet an seinem Schuppen Holzscheite auf, er kommt an den Zaun und zeigt uns die Innenseite der Borke eines Kiefernscheits mit dem ringförmigen Nest von der Grösse einer 2 Euro- Münze: Die Puppenwiege des Schrotbocks (Rhagium inquisitor), eines Käfers, der an die zwei Zentimeter lang wird und nach dem Schlüpfen aus der Puppe auch den ersten Winter in diesem Nest verbringt. Verblüffend, wie sehr das Bauwerk manchen Vogelnestern gleicht – da kommt eine artenübergreifende Gestalt zum Vorschein, die man vielleicht als Einhegung bezeichnen kann mit einem Wort, das sogleich noch weitere Horizonte öffnet. Erinnert es nicht auch an Gärten, die durch einen Verhau oder eine Aufschüttung aus Ästen und Zweigen vom Umland abgegrenzt sind?

Puppenwiege eines Schrotbocks auf der Innenseite eines Bruchstücks Kieferborke

Der Herbst hebt an, und nach vielen Herbsten finde ich die Anzeichen der mächtigen bevorstehenden Veränderungen nicht mehr nur in den nach dem Verschwinden so vieler Zugvögel leerer gewordenen Himmeln oder angesichts der verschwenderischen Fülle von Obst und Kastanien an den Bäumen, die bereits den Millionen Tonnen wiegenden Blätterfall ankündigen, sondern immer häufiger, immer durchdringender auch, in den Mustern: Überall treten die Muster der Dinge deutlicher zutage, die sich doch sonst eher verborgen halten.

Interessant und ermutigend, dass andere Naturbeobachter auf ähnliche Perspektiven stossen. In den Tagebüchern von Henry David Thoreau lese ich folgenden Eintrag vom 25. September 1857 (Thoreau war vierzig): „Als ich um die Insel herumbog, fiel mir der kleine Eschenbaum auf dem gegenüberliegenden Ufer ins Auge. In zwei Fuss Höhe über dem Boden abgesägt oder abgebrochen, waren sieben kleine Zweige im Stammkreis emporgeschossen, die zusammen eine perfekt reguläre und sehr schöne Krone von etwa 25 Fuss Höhe bildeten. Mit welcher Harmonie gehn sie ans Werk und setzen die Idee des Baumes um, kein Zweig auf dieser Seite weiter von der Mitte entfernt als sein Partnerzweig auf der andern Seite! Dass der Baum also seiner Idee nachlebt und gewissermassen eine unsichtbare Form in der Luft ausfüllt, ist offensichtlich, denn schnitte man all Zweige bis auf einen ab, so würde er im Lauf der Zeit doch wieder eine Krone bilden, die der ersten ähnlich erscheint.“ (Henry David Thoreau: The Journal: 1837–1861; übers. H.S.)

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Taubenschwänzchen (Foto Wikipedia)

Auch in diesem Sommer ist wieder ein Taubenschwänzchen im Garten aufgetaucht, ebenso wie das vorher im vorigen Jahr erst gegen Ende August. Es schwebt wie ein Kolibri über den Phloxbüschen, steht in der Luft und saugt blitzschnell mit seinem langen Rüssel Nektar aus einer der vielen Blüten, um sogleich zur nächsten hinüber zu rucken. Ich lese, dass Macroglossum stellatarum (der poetische Name des Falters im Englischen: Hummingbird hawk-moth) im Frühjahr aus dem Süden weite Strecken über die Alpen fliegt, bis zu dreitausend Kilometer weit. Die zweite Generation verbringt den Frühsommer als grüne Raupe auf Labkraut und schlüpft nach der Puppenzeit im August; dazu gehört wohl der Schwärmer, der uns besucht, wie wir annehmen möchten. Keiner weiss genau , ob und wie diese Wesen den Winter verbringen. Es gibt Sichtungen überwinternder Schwärmer aus Süddeutschland, und offenbar erscheinen sie den Sommer über immer häufiger in der norddeutschen Tiefebene. Da ahne ich ein faszinierendes Muster: Eine Welle von Faltern, die als Pioniere nach einem langen Flug das Land zu besiedeln suchen und einen ersten Fortpflanzungs-Schritt weiter kommen, bevor sie in den nördlichen Regionen wieder verschwinden, um aber im nächsten Frühjahr eine neue Einwanderungs-Welle zu schicken, so lange, bis es ihnen gelingt, den Winter zu überleben, sobald es das wärmer werdende Klima gestattet. Ich weiss, dass meine Sicht dies hübsche Kolibri ähnliche Wesen auf einen Bioindikator zur Klimaänderung reduziert, aber es ist die Ansicht, die sich mir heuer gewissermassen als nachhaltigste aufdrängt.

Ähnlich beim Wiedehopf, den ich in diesem Jahr zum ersten Mal in diesen Landstrichen gesehen habe, und dann auch noch vor meiner Haustür. Er sass unter den Hortensienbüschen, schaute mich an und flog dann in die Kiefer hinauf. Ich redete mit ihm, erklärte, dass ich nur zum Auto gehen wolle und ihn keineswegs zu stören beabsichtigte. Er flog auf, flatternd wie ein Schmetterling und verschwand hinter der Hainbuche. Ich lese, dass die Zahl der Brutpaare in Deutschland irgendwo um 600 liegt, aber in Polen zwischen 10000 und 15000. Auch da wird ein Muster sichtbar, – wie hat man es hierzulande geschafft, das alte Bauernland für diesen spektakulären Vogel derart unwirtlich zuzurichten?

Junger Uhu in der Brandruine am Dannenberger Markplatz (Foto: Gudrun Schwarz. http://www.gudrun-schwarz-fotografie.de

Seit ich erfuhr, dass die seit Jahren leer und abgesperrt stehende Brandruine mitten in Dannenberg (in der Nachbarschaft) inzwischen zur Brutstätte von Uhus geworden ist, und dass sich drei Jungvögel auch tagsüber dort zeigen, haben wir die Tiere mehrfach besucht. Seltsam, auf dem Dach der St. Johanniskirche von fern ein architektonisch eigenartig anmutendes Türmchen auszumachen, das sich bei näherer Betrachtung als Uhu entpuppt, der unsere Blicke aufmerksam aber reglos registriert. Was sich mir aufdrängt, ist wieder die Vermutung eines Musters: In für Menschen gesperrten Zonen hält die Wildnis Einzug. Ich denke an die abgebrannten Baracken in Brauns Park, wo zwischen den Trümmern der Grundmauern ein Wäldchen emporwuchs, gleich neben dem Flüsschen Geis. Da beobachteten wir Kinder in den Vierzigerjahren Hasen und Füchse. Vor drei Jahren in Rom sah ich mich – wenn auch auf quasi romantischere Weise – an der Piazza Vittorio Emanuele (nicht weit vom Bahnhof Termini) wieder daran erinnert: In dem mit einem hohen Gitterzaun abgesperrten Bezirk namens Trofei di Mario war altes Gemäuer, überwuchert von florierenden Sträuchern und Bäumen, die hier jeder Zivilisationskontrolle entzogen waren, – eine Einladung an die Uhus von Rom.

Vielleicht liegt die Neigung, beim Anblick der Natur nach Mustern zu suchen, in der Luft, wenn sich der Winter ankündigt mit Temperaturen von unter zehn Grad am frühen Morgen und – laut Internet – ersten Nachtfrösten in Finnland. Über viele Winter hin hat man gelernt, diese lange, kalte und dunkle Zeit als Zeit reduzierten organischen Lebens wahrzunehmen. Die kahlen Bäume, das (nahezu) aller lebenden Vegetation entkleidete Land, die oftmals trüben Aussichten vermitteln Tristesse, am liebsten schaut man nach oben, in den ab und zu klaren Himmel mit seinen leuchtenden Kondensstreifen, mit der Sonne, die öfters Nebensonnen vorführt und am späten Nachmittag immer wieder spektakuläre und abstrakt hingemalte Untergänge, bis dann die Perlenhaufen der Sterne in den langen, klaren und kalten Nächten die Mathematisierung der Welt vollends vor Augen führen. So stösst uns der Winter gewissermassen mit der Nase auf die der Natur innewohnenden Muster, und da öffnen sich interessante Aussichten, die interessantes Material für erquickliche Gespräche liefern können. Allerdings sind geeignete Vorlagen in Gestalt von menschengemachten Skulpturen das ganze Jahr über verfügbar. Ist es nicht wunderbar, dass die Funktion derartigen Menschenwerks vor allem darauf gerichtet zu sein scheint, nachdenklichen Einzelgängern und gesprächshungrigen Spaziergängern als eine Art Maschine zur Erzeugung von Assoziationen zu dienen?

Gartenskulptur „Goethes Stein des guten Glücks“ Replik des berühmten Denkmals. Kugel Ø 60 cm, Quader 74 x 74 x 74 cm, fest montiert, Gesamthöhe 134 cm, 85 kg, Stahl mit Rostpatina, frostsicher
(Foto aus dem Cultous-Katalog)

Beim Anblick des Nachgusses von Goethes „Stein des guten Glücks“ im Garten eines Freundes finde ich meine Neigung zur Mustersuche aufs konkreteste hingestellt. Die Skulptur wirkt monumental und inmitten der grünen Vegetation mit ihren hundertfältig aufgefächerten organischen Gestalten fast wie eine Karikatur. Mein Freund ist begeistert, die Schwingungen aus einer der glücklichsten Phasen in Goethes Leben scheinen sich ihm zu vermitteln, und er hat Freude daran, mit dem Denkmal leben zu lernen: Morgens, wenn sich das Stahlblech ausdehnt, und wieder, wenn es sich in der Abendkälte zusammenzieht, erschalle ein lautes „Wumm“, mit dem die geometrische Gestalt ihr Dasein verkünde. Ich streiche mit der Hand über die schöne grosse Kugel (60 cm Durchmesser) und dabei drängt sich der Gedanke auf, dass alle Dinge, die in sehr grosser Masse da sind, nur in Gestalt einer Kugel bestehen können. Die Sonne als Ansammlung ungeheurer Fusionsvorgänge, der Mond, von ihren Strahlen beleuchtet wie die blaue Erde mit ihrer Lufthülle, und alle Planeten, die neu entdeckten und die altbekannten, und der ganze Rest der Milchstrasse und der anderen Galaxien: Alle in Kugelgestalt, alle geformt von der Schwerkraft.

Dass dies Muster nicht trivial ist, habe ich bei der Auseinandersetzung mit Thermodynamik und Entropie erfahren. Dabei ging es nicht um die Wärmelehre als physikalische Disziplin, – das hätte ich vor 30 Jahren wohl selber eher als fachlich-langweilig empfunden. Das spannende Thema war der Weltuntergang, dessen Gewissheit sich anscheinend herleitete vom zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, demzufolge alles Geschehen in Richtung einer Zunahme von Unordnung läuft. Am Schluss würde sich alles, was im All da ist, in gleichmässiger Ordnungslosigkeit verteilen als eine Art dünnen Breis. Das war die Entropie, die wir damals im Licht unserer Versuche zur Rettung der Umwelt diskutierten: Was würde die Rettung nützen, selbst wenn sie gelänge, wo doch der Wärmetod des Weltalls ohnehin unausweichlich bevorstand?

Ich erinnere ein Seminar zur Umweltbildung in den frühen Neunzigerjahren, bei dem verschiedene Industrie-Vertreter auftraten. Zu einer Sitzung war Hans-Heinrich Hatlapa gekommen, der Gründer des Wildparks Eekholt. Er berichtete von seinen erfolgreichen Projekten und kam dann ausführlich unter dem Stichwort „Entropie“ auf die Vergeblichkeit aller Mühen zu sprechen. Er war über achtzig Jahre alt und zog eine Art Bilanz mit der Aussicht, nichts dauerhaft Erfolgreiches etablieren zu können. Ich weiss nicht mehr, ob er den Luther zugeschriebenen Spruch „Und wenn die Welt morgen unterginge, so würde ich heute doch ein Apfelbäumchen pflanzen“ tatsächlich zitierte, oder ob ich dies nur als mentale Zusammenfassung seines Vortrags in Erinnerung behalten habe. Die Studierenden jedenfalls hörten ihm wie gebannt zu: Hier erlebten sie eine vollkommen integre Persönlichkeit, die ihnen die tragische Seite, das programmierte Scheitern, als eine irgendwie attraktive existenzphilosophische Facette eines erfüllten Lebens vermittelte. Ich verfolgte die Ermutigung mit Freude, fand aber die – damals ja verbreitete – Idee vom Entropie-Weltuntergang ein wenig übertrieben: Bis zum Wärmetod des Weltalls war es ja noch lang hin. Vorher wäre die Sonne explodiert und zum weissen Zwerg mutiert. Und wir Lebewesen – hatten wir nicht einen uns eigenen Weg gefunden, die Hauptsätze der Wärmelehre zu umgehen, indem wir eben keine geschlossenen Systeme bilden, sondern offene, die über Ein- und Ausatmen und über Essen und Trinken mit der Umwelt in Austausch stehen? Würde dieser geniale Austausch nicht unseren Fortbestand für den gesamten Zeitraum sichern können, über den wir ihn fortzuführen schaffen? (Ilya Prigogine und Isabelle Stengers haben diese Sonderrolle der Lebewesen innerhalb der thermodynamischen Systematik mit ihren Sätzen ausgiebig untersucht: Dialog mit der Natur. München 1993) Aber ich kannte selbstverständlich auch Jeremy Rifkins Buch „Entropie. Ein neues Weltbild“ (Hamburg: Hoffmann & Campe 1982), dessen Überredungskunst über Jahre hin jeden Einwand überschattete und den Diskurs beherrschte. Dies Buch verkündete den Stillstand durch Entropie als bevorstehende Sensation. Es gehörte zum Repertoire der meisten natur- und umweltphilosophischen Gespräche, und auch ich war davon infiziert und liess es stehen.

Heute sehe ich Rifkins Bücher, die jeweils eine neue Weltsicht verkünden, mit einiger Skepsis. Was mich sozusagen wurmt, ist aber eine ganz simple Sache, die wir doch alle kannten und hätten ins Spiel bringen können, auch ohne Literaturkenntnisse. Hätte uns nicht das altbekannte Konzept der Gravitation vor der Entropie-Weltuntergangs-Idee bewahren müssen? Die Schwerkraft verhindert ja das Zerfliessen der Materie zu einer Art Brei (beim „Wärmetod des Universums“), weil grosse Massen nur in Kugelgestalt da sein können. Dass jener Wärmetod nirgendwo als Zustand angetroffen, dass er auch mit den besten Geräten in den Weiten des Alls nicht gefunden werden kann, erklärt sich einfach damit, dass die Gravitation ihn nicht zulässt. Goethes Kugel des guten Glücks erinnert mich daran, dass die Schwerkraft eines der tiefsten und am mächtigsten wirkenden Muster ist, die unserer Welt innewohnen.

Wahrscheinlich ist es das Kennzeichen des naturwissenschaftlichen Blicks, verborgene Muster der Natur ausfindig zu machen, so wie der geniale Blick Newtons in einem fallenden Apfel die Schwerkraft als eigene distinkte, die physische Welt durchdringende Kraft zu sehen vermochte. Vielleicht nicht völlig unabhängig davon ist es, dass wir auch Gefallen finden an den schönen und seltsamen Mustern der Naturdinge, die offen zutage treten, auch wenn unsichtbare Gestaltungskräfte in ihnen wirken. Es gibt, so scheint mir, eine Ästhetik des offenbaren Geheimnisses. Ich finde eine Fundgrube derartiger Ansichten beispielsweise in einem Bilderbuch zur Chaostheorie, das Fotos des berühmten Fotografen Eliot Porter und eine knappe Texteinführung von James Gleick selbst bietet, einem der führenden Experten der Chaos-Theorie: „Nature’s Chaos“ (Photographs by Eliot Porter, Text by James Gleick, Compiled and Edited by Janet Russek. New York 1990) Interessant, dass Porter keine Fotos für dies Buch aufgenommen hat, alle Bilder stammen aus seinen Archiven. Vielleicht wird jede Person, die alles fotografiert, was die Aufmerksamkeit erregt, im Lauf der Zeit mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Reihe von Bildern anhäufen, die als Illustrationen der Chaos-Theorie geeignet sind. Bei Durchsicht meiner eigenen Fotos finde ich tatsächlich einige, in denen fraktale Muster hervortreten, welche gewissermassen die Unordnung des Chaos in Momente ästhetischer Ordnung auflösen.

Ablaufmuster von Wasser auf der Sandfläche des Elbufers (Unterelbe beim Falkensteiner Ufer, Mai 1999)

James Gleick schreibt zur Einführung in die Chaos-theoretische Naturbetrachtung folgende Sätze, die mein Foto zu illustrieren scheinen: „In Wirklichkeit ist das Grundmuster eines Flusses – und er hat ein Grundmuster, das sich überall wiederholt, wo die Natur das Land entwässert – nicht eine Linie, sondern ein Baum. Ein Fluss ist, seinem Wesen nach, ein Ding, das Zweige bildet. Genau wie die meisten Pflanzen: Bäume, Büsche, Farne. So auch der Blitz, im Gegensatz zu unserem Stereotyp des Blitz-Zeichens, das wie ein gestrecktes Z aussieht. Und so auch die menschliche Lunge, ein Baum aus immer kleineren Röhren: Bronchien und Bronchiolen, die sich mit einem anderen Baum, dem Netz der Blutgefässe, verbinden.“ Das Muster des ablaufenden Wassers, das ich 1999 festgehalten habe, wird nach Stunden sein Ablaufmuster verändert haben oder verschwinden oder von der Bugwelle eines auf dem Strom vorüberfahrenden Schiffes weggewischt worden sein. Dem grossen Elbstrom selbst ergeht es, über längere (sehr lange) Zeiträume hin betrachtet, nicht anders als seinem winzigen Teilstück. Das kleine Muster auf dem Foto spiegelt und wiederholt das viel grössere ähnliche Muster: So gibt es eine Ordnung der Unordnung.

Pfützen auf dem Asphalt sind zu baumartigen Mustern gefroren (Sehr kalter Winter zwischen den Jahren 1998 und 1999 in Mufreesboro, Tennessee)

Überall Baum-Muster: Selbst aus Wasserpfützen entstehen bei plötzlich einsetzendem Frost pflanzenartige Äste und Zweige, deren Muster hier an eine Distel erinnert. Für jeden Anlass ein eigenes Baum-Muster!

Aber da ist noch etwas, und es verwässert gleichsam den Anschein des Objektiven, den die aus Fraktalen gebildete Welt auf den ersten Blick aufrecht erhält. Bilder, die aus der Wiederholung gigantischer Fraktalmassen erzeugt worden sind, geben keinen bestimmten Ausschnitt der tatsächlich vorhandenen Wirklichkeit wieder, und sie wirken auf die meisten Betrachter rasch ein wenig ermüdend und langweilig. Mein Wohlgefallen an draussen gefundenen Mustern, diese ästhetische Freude, die mich dazu bringt, ein Foto aufzunehmen, spiegelt eine jeweils einmalig vorkommende Gestalt, die sich nicht darin erschöpft, das Fraktal nachzuzeichnen, sondern die jeweiligen Bedingungen der je gegebenen Situation zu erfüllen. Und die Abweichungen von der Perfektion des Fraktals sind es, die das Bild meiner eigenen unvollkommenen Lage unter den Bedingungen dauerhafter Änderungen kompatibel machen.

Gleick formuliert in seiner Einleitung den schönen Satz: „Das Wesen irdischer Schönheit liegt in der Unordnung, einer besonders gemusterten Unordnung, vom heftigen Tumult stürzenden Wassers zu den verflochtenen filigranen Mustern ungezügelter Vegetation.“ Und der Fotograf Eliot Porter erklärt: „Die meisten für dies Buch ausgewählten Bilder zeigen Detailaufnahmen, die herausstellen, wie die anscheinende Unordnung der Natur auf ästhetisch stimulierende Fragmente zurückgeführt werden kann. Auch wenn Objekte wie Moose, Flechten, oder gerade gefallene Blätter keineswegs geordnet sind, so gewinnen sie Ordnung, wenn man sie als detaillierte Ausschnitte betrachtet. Dieser Vorgang belegt die Spannung zwischen Ordnung und Chaos. Beim Fotografieren nehme ich ein wohl geordnetes Arrangement wahr, aber wenn man diese Objekte insgesamt oder in grösserem Massstab anschaut, erschienen sie ungeordnet. Nur in Fragmenten vom Ganzen wird die Ordnung der Natur offenbar.“

Rippelmarken auf dem Sand des Elbufers

Jede Rippelmarke ist anders. Ich habe gelesen, dass sie im Sand das Muster der Wellen abbilden, die vorher dort plätscherten. So wie diese kleinen Wellen als Serie von Kämmen und Tälern erscheinen, spülen sie dies Muster aus Tälern und Hügeln in den Sand. Könnte ich sie von der Seite sehen, würde ich ihre gleichzeitigen Schwingungen nach unten und oben beobachten können. Immer wieder aufs Neue versuche ich, den spülenden Druck der Wasserwellen zu verfolgen. Den Prozess vermag ich dabei nicht zu sehen, aber das Produkt finde ich überzeugend. Das Muster, das man vielleicht dem Gewebe auf einem Handwebstuhl vergleichen darf, deutet auf den grösseren Zusammenhang beim Zusammenspiel von Wind und Wasser, dessen Spur sich hier in die leicht formbare Fläche aus Schlick und Sand hineingespült hat.

Sandstein-Decke im Innern des als „Schatzhaus“ bezeichneten Gebäudes. Petra, Jordanien 2002

Die Fassade des in roten Sandstein gemeisselten „Schatzhauses“ in der Felsenstadt Petra in Jordanien verschlug mir den Atem. Als ich es betrat, erschien mir die bunte Decke wie ein zweites, neues Wunder. Ich weiss nicht, welche Chemikalien sich hier im Lauf der Jahrhunderte und Jahrtausende (das Bauwerk ist etwa 1500 Jahre alt) niedergeschlagen haben. Mein Foto zeigt ein Chromatogramm, das Ergebnis einer Chromatographie, der chemischen Methode zur Bestimmung einzelner Elemente, die in einem flüssigen Gemisch enthalten sind. Nach ihrer Lösbarkeit getrennt, lagern sich die Farbstoffe als Bänder ab, im Labor auf einem Papierstreifen oder einer papierenen Rosette, und hier im Innern der Felsenhöhlen auf der Sandsteinfläche in ganz eigenen Mustern, die nicht nur eine Spur der einsickernden Flüssigkeiten sind, sondern auch die der Schuppenmuster und Risse auf dem erodierenden Sandstein.

Buntsandstein mit Rissen und teilweise schindelförmig geplatzt. Petra, Jordanien 2002

Eliot Porter hat recht: Ein kleinerer Ausschnitt wirkt noch interessanter. Die Sandsteinschichten sind hier schuppenförmig dünn abgeplatzt und bilden eine dachziegelartige Schichtung, auf der die unterschiedlich gelösten Chemikalien eine Art Farbsymphonie entfalten.

Spülsaum mit Miesmuscheln und Seepocken an der Atlantikküste in Bar Harbor, Maine 1999

Unter meinen Fotos finde ich die Aufnahme eines Ausschnitts vom Grenzbereich zwischen Strand und Meer an der Felsenküste des Atlantik in Bar Harbor, Maine, mit einer Ansammlung von lebenden dunkelblauen Muscheln und Seepocken, die sich dünner und dichter auf zwei verschiedene Farbzonen – gelb und blau – verteilen, die unterschiedliche Höhenlagen anzeigen. Ich finde, dass mein Bild einem der Fotos Porters auffallend ähnlich ist. Möglicherweise stossen wir alle, wenn wir uns Ausschnitten der Natur zuwenden, auf die gleichen Motive.

Spülsaum mit Baustellenschutt (u.a.) am Falkensteiner Ufer der Unterelbe, Mai 1999

Dies Foto belegt, dass Spülsäume mit dem Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser die Dinge zu ähnlichen Mustern sortieren, ganz gleich, ob es sich um lebende Bewohner handelt oder um Abfälle aus menschlicher Produktion. Mir erscheint die Ästhetik der Muster vergleichbar, auch wenn mein Interesse von der Biologie zur Archäologie hinüber rutscht.

In der schlickartigen Beschaffenheit des Strandes bleiben feinste Muster des ablaufenden Wassers noch sichtbar, bis sie von dem inzwischen wieder auflaufenden Wasser fortgespült werden. Die Maisonne erscheint im Zerrspiegel aus Wasserfilm wie eine Epiphanie auf einem alten frommen Gemälde. Die fremdartige Schönheit all dieser Muster bewahrt selbst dann etwas Geheimnisvolles, wenn Ursache und Wirkung erklärt sind, – als ob schon alles gesagt wäre, wenn nur der Druckstock des Druckbildes gefunden ist.

Dauernd neue Ansichten von Bäumen

Unterwegs mit dem Auto auf mecklenburgischen Landstrassen, auf mecklenburgischen Alleen, durch annähernd geschlossene Tunnelröhren mächtiger alter Eichen, leuchtender Linden, schattender Kastanien, oder durch neu angepflanzte zweiseitige offene Doppelreihen von Ahornbäumchen, jedes in drei Pflöcke sorgfältig eingebunden, das Stämmchen geschützt und bewässert. Die alten Alleen verzaubern, die neuen machen Mut: Jemand kümmert sich um Bäume, jemand denkt an die nächsten Generationen.

Dann die seltsam anmutende Lindenallee des Hohlwegs, der auf Schloss Bothmer im Städtchen Klütz zuläuft, eine kurze Strecke von 270 Metern lang, angelegt in Gestalt von zwei gegenüber liegenden Wänden inzwischen Jahrhunderte alter, klein gehaltener Bäume der niederländischen Königslinde mit ihren auffallend grossen Blättern, die einander an den Zweigen halten wie tanzende Figuren an den Händen. Ihre Stämme sind in der Mitte, so weit wir sehen, alle vom eigenen Gewicht auseinander gebrochen, aber sie stehen voll im Laub unter dem weit offenen Himmel. Aus der Ferne erinnert mich der Anblick an den Totentanz aus Ingmar Bergmans Film „Das siebente Siegel“.

Lindenallee bei Schloss Bothmer in Klütz, Ende August 2021 (Foto EvM)

„Festonallee“ ist eine geläufige Bezeichnung (von frz. feston= Girlande), die daran erinnert, dass diese Bäume, als sie vor fast dreihundert Jahren gesetzt wurden, zwei lange Spaliere aus lauter Ablegern des gleichen Baumes („vegetative Vermehrung“) bildeten. Sie wurden alljährlich kurz geschnitten, um die geschlossene Wand zu erhalten (und um die Lebensdauer der Bäume zu verlängern, aus denen die Hecke besteht). Diese aufwändige Baumpflege wurde allerdings gut drei Jahrzehnte lang unterbrochen, nachdem die Familie der Schlossherren 1945 vor der heranrückenden Roten Armee geflohen war und das Schlossgebäude danach als Altersheim diente. Da wuchsen die Zweige zu Ästen heran, die Kronen dehnten sich aus, das zunehmende Gewicht riss die Stämme in der Mitte entzwei und die Risse, die sich auftaten, boten Zugriffsöffnungen für Pilze und Insekten. Aber als nach der Wiedervereinigung wieder Mittel zur Pflege verfügbar waren, stellten die Gärtner fest, dass bis auf fünf sämtliche Königslinden überlebt hatten. Um die fünf zu ersetzen und die fünf Lücken zu schliessen, wandte sich der Leiter des zuständigen Dezernats an ein wissenschaftliches Projekt, das die überlebensfähigsten Strassenbäume durch Genanalysen zu ermitteln sucht („Trees4streets“ – ein Kooperationsprojekt der Humboldt Universität mit der Baumschule Lorberg im Havelland). Dort werden aus Genproben Klone in Reagenzgläsern gezüchtet. Die Proben aus der Klützer Festonallee, unter „Klon 77000“ angezüchtet und untersucht, erwiesen sich bei dem Stresstest, dem sämtliche Proben von aussichtsreichen Strassenbäumen unterzogen werden, als die resistentesten und vielversprechendsten. Womöglich werden wir oder die uns folgende Generation in den kommenden Zeiten im Strassenverkehr reihenweise Tilia europaea – Bäumen der Sorte Koningslinde begegnen: Geklonte Ableger von der Bothmerschen Schlossallee.

Vielleicht hat das, was diese geschundenen Bäume während der Zeit ihrer Vernachlässigung durchgemacht haben an Insektenbefall und Überlast, dazu geführt, dass ihr Genmaterial bestens gegen den Alltagsstress gewappnet ist, dem Bäume vor allem in den Städten immer stärker ausgesetzt sind. Vielleicht hängt ihre Widerständigkeit auch mit den über zwei Jahrhunderte fortgeführten alljährlichen Rückschnitten zusammen. Vielleicht ist es einfach ihr Alter, was ihnen besondere Resilienz verleiht. Gibt es womöglich einen genetisch manifesten Unterschied zwischen jungen und alten Bäumen ein- und derselben Spezies? Alte Bäume sind relativ junge Gegenstände wissenschaftlicher Forschung. – Wie auch immer, man muss bei diesem Thema im Auge behalten, dass hier eben nicht ein neues Aufflammen der alten Evolutions-Idee Bestätigung erfährt, derzufolge erworbene Eigenschaften auf die nächste Generation vererbt werden (geläufig unter der Bezeichnung „Lamarckismus“). Die Klone der Königslinde sind keine Erben, sondern so etwas wie Kopien eines alten Organismus mitsamt eingeschriebenen Erfahrungen.

Der Park hinter dem schlossartigen Bothmerschen Gutsgebäude ist im Lauf der Zeit vom barocken Garten zum englischen Landschaftspark mutiert und stellenweise auch als Gemüsegarten genutzt und dann wieder vergessen worden. Geblieben ist die rechteckig umlaufende Grenze eines breiten, wassergefüllten Wallgrabens, auf dessen Westseite eine wunderbar komplette Innenallee längst nicht mehr beschnittener Königslinden verläuft, und geblieben sind die 300 Jahre lang empor gewachsenen Bäume auf der Parkwiese. Die beiden Tulpenbäume (Liriodendron tulipifera), je ein Baum links und rechts neben der durch die Mitte verlaufenden Sichtachse, erscheinen mir ähnlich mächtig wie der im Kellinghusenpark in Hamburg-Eppendorf oder der hinter dem Haseldorfer Schloss im Sumpfgelände der Binnenelbe. Um die Sichtachse herum stehen auch Lärchen (Larix decidua) von in Norddeutschland kaum anderswo anzutreffender ungewöhnlich hoher Statur und interessante Scheinzypressen (Chamaecyparis) . Es gibt immergrüne Eichen (Quercus turneri) und eine jüngere Kaukasische Flügelnuss (Pterocarya fraxinifolia), deren Bouquet als besonders weitläufiger Stamm-Kandelaber emporstrebt. Unter diesen sehenswerten exotischen Baumgestalten fasziniert mich keine so sehr wie ein Exemplar des einheimischen Feldahorns (Acer campestre) von geradezu gigantischen Ausmassen, das aus dem dichten Bewuchs nahe dem hinteren Westflügel des Gebäudes herausragt.

Fünf Bäume tragen auffällige Banderolen mit dem Aufdruck ihrer GPS-Position, etwa 53o95’99“ N . 11o15’73“ E. In Lebkuchendosen daneben finde ich den Aufruf, mich an einem Projekt mit dem Namen „Gute Ahnen“ zu beteiligen. Das ist Robert Macfarlanes Idee, durchzuckt es mich, wie er sie im Buch „Unterland“ vorgeschlagen hat: Unser Leben so führen, dass auch für die nach uns Geborenen etwas von dem bleibt, was unser eigenes Leben lebenswert macht. Im Text aus der Lebkuchendose ist dieser Gedanke allerdings überlagert von der Idee, mit Bäumen gewissermassen ins Gespräch zu kommen: „Findet euren Baum-Ahnen, befragt ihn, philosophiert gemeinsam über ein nachhaltiges Leben, entwickelt eigene Formen der Kommunikation zwischen Mensch/Flora, Flora/Mensch. Dann sendet Fotos sowie die Geschichten eurer Baum-Ahnen und ihre GPS-Standort-Daten. So gepostet werden sie vernetzt und mit Besuchern geteilt auf der MAILTO_Landcard im Internet.“

– Rührend, und wohl auch ein Beleg eines neuen Interesses an Bäumen, das derzeit viele ergriffen hat. Aber auch so grundverdreht, dass sich beim Lesen unwillkürlich meine Finger krümmen, um das spinnwebartige Netz von Unterstellungen zu zerreissen, das den klaren Blick verspannt. Bäume sind vollkommen andere Lebewesen als wir. Sie kommunizieren auch anders als wir. Wenn du glaubst, zu vernehmen, was dir ein Baum erzählt, kannst du sicher sein, dass du dich selber hörst. Bäume haben vor sehr langer Zeit, zusammen mit anderen grünen Pflanzen, die Atemluft geschaffen, die uns am Leben hält. Wir sind mit ihnen über sehr ferne Vorfahren verwandt. Vielleicht sind sie nicht nur älter, sondern auch mächtiger als wir: Weil sie sich besser als wir darauf verstehen, am Leben zu bleiben. Sie sorgen für die ihren, indem sie Allianzen mit anderen Arten bilden. Indem sie für alle Nahrung und Boden und Luft schaffen, machen sie die Erde für alle Lebewesen bewohnbar. Ganz anders als wir. Wir sollten versuchen, von ihnen zu lernen. Vielleicht lernen wir durch Aufmerksamkeit und Umsicht und Austausch und Vernunft und Wissenschaft und dadurch, dass wir jenes tiefe Wohlwollen gegenüber anderen Lebewesen pflegen und ausbauen, das doch in uns wohnt, auch wenn es bisher wenig Einfluss auf unser Handeln hat.

Von Klütz nach Lübeck ist es nur eine kurze Strecke, meist durch Baumland. Die Wälder sind glücklicherweise nicht alle forstwirtschaftlich deformiert. Es gibt alte, über lange Jahre sich selbst überlassene Bestände, in denen man öfters eindrucksvollen Exemplaren begegnet, die aus dichtem Bewuchs hervorragen und uns als „Solitäre“ erscheinen. Doch trifft das von Suzanne Simard ins Spiel gebrachte Wort „Mutterbäume“ eher zu: Wir finden um den Stamm mächtiger alter Buchen ganze Trupps von Buchenschösslingen. Und die majestätische Anmutung geht ja keineswegs verloren, wenn ich anstelle eines einsamen Kämpfers eine couragierte Muttergestalt erblicke. Mir erscheint es als Fortschritt, wenn wir lernen, nicht Kriegergestalten als Helden wahrzunehmen, sondern solche Gestalten, die für den Fortbestand des Lebens, der lebenden Substanz, unter widrigen Umständen eintreten: In Kriegszeiten etwa oder in den Zeiten, die uns und unseren Nachkommen in künftigen Klimakatastrophen bevorstehen.

Mächtige alte Buche in einem naturbelassenen Waldgelände bei Gross Zecher am Schaalsee, August 2021 (Foto E.v.M.)

Aus dem Kopfsteinpflaster des Kirchhofs bei der Jakobikirche in Lübeck wachsen zwei Linden, eine Robinie und eine Kastanie. Die Schirme der Bäume bieten an einem heissen Tag willkommenen Schatten. Die Eltern mit ihren Kindern auf dem Spielplatz, die Gäste des Cafés auf ihren Klappstühlen an ihren Klapptischen: Ich seh sie auf der Schicht des Steinpflasters, das den Grund bedeckt, den die Wurzeln der Bäume durchdringen, in dem Gebeine von Toten lange vergangener Generationen liegen, und meinem Radarblick gefällt, was sich da auftut als idyllischer Zusammenhang.

Später, auf dem Gelände des Hansemuseums, fasziniert mich die Statue einer völlig nackten und fast völlig behaarten Frau mit Fussfessel und Kette. Sie hat den Blick nach oben gerichtet. Sie heisst, so lerne ich, Maria Magdalena, ist von der Deutsch-Amerikanerin Kiki Smith geschaffen und im Jahr 2020 hier aufgestellt worden. Smith hat erklärt, dass sie die Gestalt der Maria Magdalena in den fränkischen Kirchen ihrer Kindheit häufig als ganz behaartes Wesen gefunden habe. Die Fessel am Fuss passt zum Ort des ehemaligen Gefängnishofes, dessen Tristesse durch die architektonische Gestaltung der das Gelände umschliessenden Mauern theatralisch in Szene gesetzt ist. Freund Axel Kars sagt, der nach oben gerichtete Blick vermittle etwas Hoffnungsvolles. Ich sehe den Baum, ein Bergahorn, und finde im Blick der Frau etwas Trostsuchendes. Das eine muss dem andern nicht widersprechen, auch dann nicht, wenn man weiss, dass die Skulptur schon Jahre vor der Aufstellung unter diesem Baum fertig war. Vielleicht wird der Blick Marias zur Winterzeit in die kahlen Äste unsere Hoffnung mit tragen, dass uns noch ein Jahr mit grünem Laube beschert sei.

Skulptur „Maria Magdalena“ von Kiki Smith, seit 2020 im ehem. Gefängnishof beim Hansemuseum der Stadt Lübeck (Foto Elisabeth von Maltzahn)

Im Günter Grass Haus in der Lübecker Glockengiesserstrasse gibt es eine Sonderausstellung mit dem Titel „Into the Trees“ (zu sehen bis 31. Dezember 2021). Noch ein Beleg für die gegenwärtige Aktualität der Beschäftigung mit Bäumen. Die da gezeigten Bilder, Skulpturen und Texte des Künstlers stammen aus zwei Phasen seines Schaffens, der Dekade der Achtzigerjahre, in denen das Wort „Waldsterben“ grassierte und mit dem GAU („Grösster Anzunehmender Unfall“) von Tschernobyl die Zerstörungspotenz der modernen Technik allen vor Augen geführt wurde, und den späten Neunzigerjahren, als das Ehepaar Grass sich nach der Enttäuschung über den Kritikerverriss des Wiedervereinigungsromans „Ein weites Feld“ auf die dänische Insel Mön zurückzog, wo Günters Aquarelle im angrenzenden Buchenwald entstanden, die jetzt in der Ausstellung prominent auffallen.

Das Gemälder  "Waldweg zwischen Buchen" von Günter Grass © Günter und Ute Grass Stiftung / Steidl Verlag
Waldweg zwischen Buchen © Günter und Ute Grass Stiftung / Steidl Verlag

Zeichnungen, die dem Literarischen verbunden sind, laden mich zum Studium ein, und ich versuche, den Spuren der Texteinträge sinnentnehmend zu folgen. Daneben ein schöner Grass-Vers, dessen Logik mir gleichwohl nicht völlig auflösbar ist: „Wenn wir den Wald aussterben lassen, verlieren Worte ihren Sinn.“

Günter Grass: Werkplan Grimms Wälder © Günter und Ute Grass Stiftung / Steidl

Die Ausstellung unternimmt es, an die geistige Situation der Achtzigerjahre zu erinnern (oder dies denen zu vermitteln, die jene Zeit nicht mit erlebt haben). Eine der vielen Texttafeln erläutert: „Die apokalyptische Grundstimmung des beginnenden Jahrzehnts verarbeitet Günter Grass in seinem Roman »Die Rättin«. Schon zuvor hat ihn vor allem der drohende Verlust des Waldes beschäftigt: Er entwickelt mit dem Regisseur Volker Schlöndorff ein Drehbuch für einen Stummfilm über das Waldsterben. Zwar wird der Film nie realisiert, doch das Thema findet neben anderen menschengemachten Umweltkatastrophen Eingang in die Erzählung, die schließlich in der atomaren Selbstzerstörung des Menschen mündet.“

Ich erinnere unsere Diskussionen aus den Achtzigerjahren. 1979 war das Buch von Hans Jonas mit dem Titel „Das Prinzip Verantwortung“ und dem Untertitel „Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ erschienen, das viele von uns Naturschützern zu verstehen suchten. Unsere Lektüre floss in unsere Gespräche hinüber. Ein Satz von Jonas, der damals oft zitiert wurde: „Wir sind der Natur gefährlicher geworden, als sie uns jemals war.“ Das Schlüsselproblem des Verhältnisses unserer Spezies gegenüber den Ansprüchen anderer Spezies erschien vielen von uns damals lösbar durch eine Art Weltpolitik, die von Jonas‘ Verantwortungsidee informiert war. („Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“) Heute erscheint mir manches fragwürdig, was wir damals als gängige Münze akzeptierten. Ich selber nahm das Gefälle noch nicht wahr, das zwischen uns Menschen und dem Rest der Welt unterstellt wurde und gewissermassen konstitutiv wirkte für die Vorstellung, als eine Art „guter Hirte“ die Natur zu behüten und verwalten zu müssen. Bereits die ethische Idee, dass es allein um die Fortdauer menschlichen Lebens gehe, erscheint mir heute skrupellos brutal. Abgesehen davon, dass sie schlicht falsch ist: Wie sollen denn wir überleben ohne die anderen, die unser Leben tragen und erhalten?

Womöglich ist es der Unterschied zwischen dem Waldsterben der 1980er Jahre und dem aktuellen Waldsterben, was unsere Vorstellungen klären hilft: Damals war es der ursächliche Zusammenhang zwischen Auspuffgasen und Saurem Regen, was den Wald zerstörte, und uns eine politische Rettungsaktion gestattete. Auch heute ist der Zusammenhang zwischen dem Ausstoss von Treibhausgasen und Temperaturanstieg der Atmosphäre nachweisbar, aber jetzt ist nicht nur der Wald betroffen, sondern wir selber. So erhalten wir die Chance, eine Lektion über den Zusammenhang der Dinge auf diesem Planeten zu lernen.

Um den Teufel an die Wand zu malen: Wenn die Erde für Menschen unbewohnbar geworden sein wird, werden Bäume noch da sein. Man darf sich nicht vom Waldsterben täuschen lassen, das nur auf den ersten Blick durch Dürre, bei genauerem Hinsehen durch Fehlbewirtschaftung – anthropogen – verursacht ist. Zu einer Zeit, als es noch keine Menschen gab, war die Temperatur auf der Erde schon einmal sehr hoch: So hoch, dass auf dem ganzen Planeten Eis nirgendwo vorkam, auch nicht an den Polkappen. In jener fernen Zeit war der antarktische Kontinent mit Wäldern bedeckt, die als Fossil gewordene Kohle dort lagern und anscheinend allmählich wieder zu Tage treten. Könnte die ungebremste Erderwärmung wieder zu derartigen Verhältnissen führen, und wo würden wir da bleiben? Ein solches (unwahrscheinliches, hier nur aus didaktischen Gründen eingespieltes) Szenario führt immerhin vor Augen, wie sehr wir gerade bei radikalen Änderungen unserer Lebensbedingungen vom Zusammenwirken mit nichtmenschlichen Spezies abhängig sind, was immer Hans Jonas mit „echtem“ menschlichen Leben gemeint haben mag.

Zurück zur Ausstellung „Into the Trees“: Die Ausstellungsmacher suchen die Zusammenarbeit mit den Besuchern. Sie vermuten, dass in Zeiten der Pandemie der Wald gewissermassen neu akzentuierte Funktionen gewinnt und nennen die drei Wörter „Zufluchtsort“, „Erholungsoase“ und „Versteck“. Die Einladung, eigene Waldbegegnungen zu dokumentieren und einzusenden (interaktiv digital), damit diese am Ende der Öffentlichkeit vorgestellt werden, richtet sich wohl an alle, aber offenbar vor allem an Jugendliche, wie ich dem Videofilmchen mit der Ansprache des Försters und Buchautors Peter Wohlleben entnehme (unter #gghintothetrees). Oder auch dem folgenden werbenden Text: Werdet Teil der Ausstellung INTO THE TREES und schickt uns eure Bilder und Texte zum Thema »Wald«! Ob alleine, mit Freunden, Familie oder eurem Lieblingsbuch, beim Waldbaden, Feiern, Uhus beobachten, Pilze sammeln, oder Picknicken. Welches Walderlebnis werdet ihr nie vergessen? Was würdet ihr verlieren, wenn der Wald stirbt? Warum geht ihr in den Wald? Sendet Eure Beiträge per E-Mail an: info@grass-haus.de oder postet sie unter dem Hashtag #gghintothetrees auf Instagram. Im Laufe der Ausstellung entsteht in der Diele des Günter Grass-Hauses aus euren Bildern eine große Fotocollage. Wer mitmacht, kann eines von zehn Exemplaren des neuen Buchs von Peter Wohlleben »Der lange Atem der Bäume«, gewinnen! 

Es ist der gute Bildungs-Sinn derartiger Aktionen, dass junge Menschen sich auf Bäume einlassen, denn Bäume sind Monumente, die uns nahelegen, unser Verhältnis zur Natur zu betrachten. Sie sind auch allenthalben abzulesende Bioindikatoren, die den Zustand der natürlichen Umwelt anzeigen. Und sie entfalten eine eigene Magie. Ich stelle mir folgende Filmszene vor: Ein Kind klettert in die Höhle eines Baumstamms hinein und findet dort den Zugang zur Kathedrale spiritueller Naturerfahrung.

Ein vielleicht besonders beweiskräftiger Indikator der Aktualität von Bäumen im gesellschaftlichen Bewusstsein der Gegenwart ist die Zahl der Bäume-Bücher, die sich in den Regalen von Buchhandlungen und den Katalogen von Versandbuchhandlungen seit etwa einem Jahrzehnt als eine eigene Rubrik breit machen. Zusammengenommen mit den Bäume-Kalendern hat sich da allmählich eine Art Baum-Genre herausgebildet. Ich habe diese Entwicklung mit Interesse verfolgt, seit mein eigenes, inzwischen vergriffenes Bäume-Buch im Februar 2004 erschien („Bäume. Streifzüge durch eine unbekannte Welt“: Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins).

Mir ging es darum, die sonderbare und wunderbare Dimension der eigenen Begegnungen mit Bäumen, vor allem auf vielen Reisen, irgendwie festzuhalten. Vor dem Fenster in Hamburg-Rissen, wo ich damals wohnte, stand eine schöne Schwarzkiefer, flankiert von einer Gruppe Birken. Ich beobachtete diese Bäume häufig. Als einmal bei Sonnenschein ein Regenguss herabschüttete, gelang es mir, den magischen Glanz dieses Moments zu fotografieren. Das Foto gab dann das Umschlagbild der Hardcover-Ausgabe des Buches.

Regen und Sonnenschein auf Kiefer und Birke vor meinem Fenster (auf dem Buchumschlag seitenverkehrt wiedergegeben)

Und diese Bäume waren es auch, die ich einmal laut und deutlich trinken oder saufen hörte. Im Buch schrieb ich darüber, und die Passage wurde mir öfters vorgehalten, meist mit unverhohlener Skepsis, zumal es mir nicht gelang, in der Fachliteratur irgendwo eine Erwähnung des Bäume-beim-Trinken-Belauschens ausfindig zu machen. Hier die Passage aus dem Text: In einer regnerischen Mainacht im Jahr 1992 hörte ich, wie der Baum trank. Ich presste mein Ohr an den Stamm und vernahm sein Saugen, sein Pumpen, Schmatzen und Schlürfen, das in einen metallischen Klang überging, als ob jemand in der Ferne Milchkannen aus Zink aneinander schlüge. So laut, dass sich in unsere Überraschung ein leichtes Erschrecken mischte. Adrian Bayley, der Leiter des Field Study Centres von Preston Montford, war damals zu Besuch; er zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Wir gingen in der Regennacht von Baum zu Baum, um unsere Ohren an die Stämme zu halten und verschiedene Saufmuster herauszuhören. Am lautesten schmatzten die Birken, aber am Ende fand ich die Kiefer am interessantesten, ihr ziehendees Schlürfen, ihr klingendes Rauschen, ihr zischendes Knistern. Wir überlegten, dass jemand mit ausgeprägt feinem Gehör das Saufgeräusch der Bäume doch hören können müsste, auch ohne das Ohr an den Stamm zu pressen. Eine solche Person müsste im Wald das Saugen der Bäume zumindest als eine Art Hintergrundrauschen vernehmen. (S. 14/15)

In der mittäglichen NDR-Kultur-Sendung zum Buch war die erste Interview-Frage (eines im übrigen erquicklichen Gesprächs), wie ich das denn angestellt hätte, die Bäume beim Saufen zu hören. Zu meiner Erleichterung schrieb mir gleichen Tags eine freundliche Zuhörerin, dass sie sich an die Waldgänge zum Bäume-Hören mit ihrem Vater, Förster in Mecklenburg, erinnert, bei denen sie alljährlich im Frühjahr die Birken beim Trinken belauschte. Jakob Augstein, der im September 2009 eine Lizenzausgabe meines Buchs in seiner „edition der Freitag“ herausbrachte, fragte mich, ob ich denn inzwischen wieder mal einen Baum saufen gehört hätte. Ich meinte, ein wenig spöttische Skepsis zu hören, und ärgerte mich, dass ich verneinen musste. Bei einem Vortrag in Bordesholm bezeugten dann wieder mehrere Männer im Publikum, dass ihnen das Phänomen bekannt sei; einer sagte, dass er regelmässig im Frühjahr mit seinem Sohn Bäume belauschte. Aber die Skepsis herrscht wohl weiter vor. Wäre es nicht so, würde man mehr von dieser wunderbaren Begegnungs-Erfahrung lesen; ich habe in den vielen Baumbüchern nichts davon gefunden.

Natürlich hat die Skepsis etwas Ehrenrühriges: Man glaubt mir nicht, unterstellt, dass ich wohl nicht ganz bei Sinnen gewesen sei. Da ist es eine Wohltat, beim Stöbern im Internet einen Blick nach Kew Gardens zu werfen, dem altehrwürdigen Botanischen Garten im Westen von London, und dort im Programm für das Jahr 2021 unter dem Punkt „Secret Life of Plants“ auf das Projekt „Tree Listening“ zu stossen. Da finde ich heraus, dass ein junger Mann namens Alex Metcalf im Jahr 2007 ein Mikrophon entwickelt hat, das die hinter der Borke verborgen ablaufenden Geräusche auffängt. Über einen Verstärker hört man, wie Wasser, vermischt mit Luft, in den Röhren des holzigen Leitgewebes emporsteigt. Alex beschreibt das Geräusch unter „Tree Listening“ mit den Worten: „Du hörst ein leichtes Pop, das von dem durch die Zellen aufsteigenden Wasser hervorgerufen wird, wenn es sich mit Luft mischt und zusammenzieht. Im Hintergrund hörst du ein lautes tiefes Grummeln, das vom Vibrieren des gesamten Baums kommt.“ Und dann sagt er: „Dass ich die unglaublichen Reaktionen auf den Gesichtern der Leute sehe, die den Baum hören, macht meine Mühen zum vollkommenen Privileg“. Sein bisher öffentlich wirksamster Auftritt war wohl die Zusammenarbeit mit Judi Dench für Judis Fernsehfilm „My Passion for Trees“ im Jahre 2017.

Judy Dench mit Alex Metcalf in Judis Film „My Passion for Trees“ 2017

Judi Dench ist die Grande Dame des englischen Shakespeare-Theaters, die auch etwa in James Bond-Filmen auftritt und mit ihrer immensen Popularität ihre eigene Passion für Bäume unters Volk bringt. Ihren grossen Garten in Surrey hat sie seit dreissig Jahren verwalden lassen, und für jedes verstorbene Familienmitglied, für jede verstorbene Freundschaft, pflanzt sie einen Baum: Die Bäume, sagt sie, seien ihre erweiterte Familie, und ob wir wüssten, dass es mehr Bäume gibt als Sterne in der Milchstrasse? Von der Erfahrung des Bäume-Belauschens, berichtet Alex Metcalf, war sie auf eine Weise erschüttert, die alle, die dabei waren, ergriff.

Ich denke, dass es in jener Mainacht 1992 ein besonderes Privileg war, als Freund Adrian und ich die Bäume ganz ohne Stethoskop oder elektronische Verstärkung hörten. Ich möchte es gern noch einmal erleben. Im Frühjahr, wenn die Säfte steigen, hätte ich wohl die beste Chance dazu.

Das Menetekel des Weltklimarats und die Suche nach dem Sinn des Anthropozän

1. Menetekel: Kalkulationen zum Klimawandel und zur Bewohnbarkeit der Erde

Gerade erscheint der jüngste (sechste) Bericht des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change: IPCC) der UN. Er belegt den tatsächlich beobachteten (nicht nur errechneten) Temperaturanstieg der Erdatmosphäre seit Ende des 19. Jahrhunderts bis zum vergangenen Jahrzehnt um 1,07 Grad Celsius.

Übersicht der Temperaturschwankungen seit dem Jahr 1000
(Quelle: IPCC Bericht)

Bereits jetzt treten Hitzewellen, wie sie vor Beginn der menschengemachten Erwärmung etwa alle zehn Jahre vorkamen, mit fast dreifacher Häufigkeit auf. Wenn das politisch angestrebte Ziel eines bei 1,5 Grad eingependelten Temperaturanstiegs da ist, wird die Häufigkeit auf das Vierfache steigen.

Quelle: IPCC Bericht

Mit jedem Grad Temperaturanstieg wird die Frequenz und Intensität der Regenfälle um sieben Prozent zunehmen. Die Tendenz ist in Westeuropa und in den Monsunländern bereits erkennbar.

Quelle: IPCC Bericht

Beide Extreme, Überschwemmungen und Dürre, werden mit zunehmender Erwärmung sich immer öfter ereignen. Gletscher und die Eisschilde Grönlands und der Polkappen schmelzen, die Meere werden sehr viel mehr Wasser enthalten. Seit 1901 ist der Meeresspiegel um rund 20 Zentimeter angestiegen, zuletzt um 3,7 Millimeter pro Jahr. Selbst dann, wenn die Emissionen von Treibhausgasen sinken sollten, würde der Anstieg weitergehen und bis zum Jahr 2100 einen halben Meter zulegen. Bei fortdauernd hohen Emissionen sind bis 2100 auch zwei Meter und bis 2150 sogar fünf Meter erreichbar.

Der Bericht spekuliert auch über die Möglichkeit eines „Kippens“, – ausgelöst durch Ereignisse, die das Klima mit einem Schlag durcheinander wirbeln. Für uns Bewohner von Mittel- und Nordeuropa wäre solch eine Katastrophe etwa der Ausfall des Golfstroms. Er ist unter dem Sammelbegriff „Atlantische Meridionale Umwälzströmung“ (mit dem ominös klingenden Kürzel AMOC) mit eingeschlossen. Längst weiss man, dass die Umwälzpumpe, die die Warmwasserströmung des Golfstroms von Süden nach Norden treibt und uns eher milde Winter beschert, durch die Eisbildung am Nordpol in Gang gesetzt wird (Süsswasser wird zu Eis, der Salzgehalt des Wassers unter der Eisdecke schwillt an, gleichzeitig fällt die Temperatur unter den Gefrierpunkt, die schweren kalten Wasser-Massen sinken auf den Boden des Meeres und bilden eine Strömung, die nach Süden abfliesst, so weit, bis das Wasser bei zunehmender Temperatur wieder aufsteigt und – „Umwälzströmug“ – auf der Oberfläche zurück nach Norden treibt.) Die Umwälzpumpe wird mit der Erwärmung der Polarregionen zunehmend schwächer, aber noch ist der Golfstrom nicht kollabiert. Jede der Tonnen Kohlendioxid, die milliardenfach in die Atmosphäre ausgestossen werden, rückt indes den drohenden Kollaps näher.

Quelle: IPCC Bericht

Der Weltklimarat gibt den Stand der wissenschaftlichen Forschung zu Klimaveränderungen bekannt, rechnet aber auch verschiedene Szenarien durch, – Reaktionen auf den durch industrielle Einflüsse („anthropogen“) verursachten Klimawandel. Von „sehr hohen“ bis „sehr niedrigen“ Emissionen erachtet der Rat, so wird deutlich, ein mittleres Niveau als das wahrscheinlichste. Diesem Szenario zufolge sind bis 2050 zwei Grad Erwärmung und bis 2100 2, 7 Grad zu erwarten. Das entspricht einer 5,6 fachen Häufigkeit von Hitzewellen und der Hitzesteigerung um 2,6 Grad und zugleich der 1,7 fachen Zunahme von Starkregenfällen bei 14 Prozent Zunahme ihrer Intensität. Keine Kalkulationen werden zum Abschmelzen der Eisschilde durchgerechnet, aber dass sie weiter schmelzen und die Meeresspiegel weiter ansteigen werden, wird unmissverständlich konstatiert. – Mit dem allem haben wir also zu rechnen.

Svenja Schulze, derzeit Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit soll dazu, so lese ich in den Nachrichten, gesagt haben: „Der Planet schwebt in Lebensgefahr.“ Das wäre, wenn es so gesagt wurde, ein Missverständnis. Der Planet hat schon ganz anderes mitgemacht. Selbst im schlimmsten Fall des oben wiedergegebenen Emissions-Szenarios, wenn es im Jahr 2100 zur Erwärmung zwischen 3,3 bis 5,7 Grad käme, so dass die globale Temperatur das vor der Industrialisierung herrschende Niveau mit weit mehr als zweieinhalb Grad überschreiten würde, wäre damit lediglich jenes Temperaturniveau hergestellt, das auf der Erde zuletzt vor drei Millionen Jahren bestand. Erdgeschichtlich sind drei Millionen Jahre eine ziemlich kurze Zeitspanne. Ob der Planet das erste Auftauchen der Hominiden vor etwa 15 Millionen Jahren und das erste Auftauchen des Homo habilis in Ostafrika vor zwei Millionen Jahren irgendwie registriert haben könnte, erscheint mir fraglich. Manchmal stelle ich mir aber vor, dass das eventuelle Verschwinden der Menschen von den meisten anderen Lebewesen mit Erleichterung wahrgenommen würde. Es geht nicht um das Überleben der Erde, es geht um ihre Bewohnbarkeit, die, wenn wir selber als Spezies da bleiben wollen, auch die Bewohnbarkeit für Pflanzen und Tiere einschliesst.

Wie die Ministerin werden die meisten das Menetekel – unterstrichen durch die Flammenschrift der brennenden Wälder an der Wand der Erdoberfläche – mit Recht als Alarmsignal verstehen: Lasst uns alles tun, damit uns die Chance bleibt, den laufenden Klimawandel zu überleben! Mir scheint es, als ob aus dem Zahlenrauschen der Hochrechnungen auch das Largo eines allgemeineren Memento mori gewissermassen zwischen den Zeilen vernehmbar ist: Eine Erinnerung an die Verwundbarkeit der Welt, und an die Zerbrechlichkeit von uns Menschen. Beispielsweise sind die Sturmfluten, die kommen werden, wahrscheinlich doch denen ähnlich, die wir – zum Beispiel hier in Norddeutschland – kennen. Hinter den Elbhochwässern, die seit Beginn des 21. Jahrhunderts immer wieder als „Jahrhundertflut“ beschrieben worden sind, tauchen im kollektiven Gedächtnis schemenhaft die grossen Fluten an der Küste auf. Die „Grote Mandrenke“ vom 16. Januar 1362, bei der angeblich einhunderttausend Menschen ertrunken sind, und die Burchardiflut in der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1634, für die mal 8000, mal 15000 Tote angeführt werden.

Zeitgenössische Darstellung der Burchardiflut 11./12. Oktober 1634

Annie Dillard erinnert in ihrer Bilanzierung des Lebenswegs der Spezies an den 30. April 1991, als in Bangladesh 138000 Menschen ertranken, und sie fragt: „Was haben Sie an jenem Tag gemacht? Wo waren Sie, als Sie diese unglaubliche, herzzerreissende Nachricht hörten? Wer hat Ihnen davon berichtet? Welche Gefühle hat die Nachricht bei Ihnen ausgelöst? An wen haben Sie sie weiter gegeben? Haben Sie geweint? Und Ihre Ängste – haben die Tage lang oder Wochen lang angehalten?“ (Annie Dillard: The Wreck of Time. Taking Our Century’s Measure. In: „Harper’s Magazine“ January 1998, Seiten 51 – 56)

Ich habe die Flut in Bangladesh von 1991 nur vage im Gedächtnis, kann mich aber ganz gut an die Situation am 26. Dezember 2004 erinnern, als ich morgens beim Brötchenkaufen die Schlagzeilen der Zeitungen sah: Ein Tsunami im Indischen Ozean hatte den dort anliegenden Ländern eine Katastrophe ungeheuren Ausmasses gebracht. Man spekulierte anfangs über die Zahl der Toten (und darüber, ob deutsche Urlauber betroffen waren). Erst später, als die Schätzungen akkurater wurden, kam die unglaubliche Zahl von 230000 Toten ans Licht. Mir erschien die Sache surreal, irgendwie unwirklich, ich hätte gewünscht, dass alles ein Irrtum sei oder eine Erfindung (der Ausdruck „Fake News“ war damals noch nicht geläufig). Ich erinnere, dass in den anschliessenden Wochen auch zum Vorschein kam, was man „Weltöffentlichkeit“ nennen könnte; viele einzelne Menschen und die meisten Regierungen gaben Hilfen und spendeten Gelder. Inzwischen sind Warnsysteme verbessert und ausgebaut worden, man hat Schutzprotokolle eingeführt und Schutzräume angelegt. „Wir haben aus der Katastrophe gelernt“, formulieren manche Gazetten. Aber Gewissheit, dass es nicht doch wieder und vielleicht sogar noch schlimmer kommen könnte, kann keiner versprechen. Es wäre übertrieben.

2. Eine Bilanz des Lebens unserer Spezies?

Annie Dillard liefert in ihrem Text eine Art Zahlen-Übersicht zur Lage der Menschheit am Ende des 20. Jahrhunderts (1998). Sie nimmt einen endlos weit erscheinenden Horizont in den Blick, was ungewohnt und faszinierend wirkt; manche Aussagen sind überraschend aufschlussreich, auch wenn uns manche nach inzwischen 23 Jahren (1998 – 2021) nicht mehr zutreffend erscheinen, woran wir das zunehmende Tempo der Veränderungen ablesen: „Ein Zehntel des Landgebiets der Erde ist Tundra. Es regnet zu jeder Zeit immer nur über 5 Prozent der Erdoberfläche. Blitze schlagen pro Sekunde etwa einhundertmal auf dem Planeten ein. Die Masse der Insekten wiegt mehr als unsere Masse. Die Zahl unserer Hühner übersteigt die unsere um das Vierfache. Ein Fünftel von uns sind Muslime. Ein Fünftel von uns lebt in China. Jede siebente Person ist ein chinesischer Bauer. Fast ein Zehntel von uns lebt in der Nähe eines aktiven Vulkans. Mehr als zwei Prozent von uns sind geistig behindert. Wir Menschen trinken Tee – mehr als eine Milliarde Tassen täglich. Unter uns sprechen wir 10000 Sprachen. Wir sind ungefähr die zivilisierte Generation Nummer 500, gezählt von vor 10000 Jahren, als wir sesshaft wurden. Wir sind Homo sapiens Generation Nummer 7500, gezählt seit 150000 Jahren, als unsere Spezies wahrscheinlich entstand; und wir sind menschenförmige Generation Nummer 125000, gezählt seit den frühesten Formen von Homo. Alle 110 Stunden kommt eine Million neuer Menschen mehr auf dem Planeten an als in ihn hineinsterben. Hundert Millionen von uns sind Strassenkinder. Mehr als einhundert Millionen leben in Ländern, in denen wir keine Bürger sind. Dreiundzwanzig Millionen von uns sind Flüchtlinge. Sechzehn Millionen von uns leben in Kairo. Zwölf Millionen fangen aus kleinen Booten Fische zum Lebensunterhalt. Siebeneinhalb Millionen sind Uyguren. Eine Million von uns gehören zur Besatzung von Trawlern mit Fischverarbeitung. Täglich begehen fast Tausend von uns Selbsttötung.“

Im Jahr 1998 lebten 5,8 Milliarden Menschen auf dem Planeten, 2021 sind es 7,9 Milliarden (laut wikipedia genau 7948118519). Annie Dillard stellt den schätzungsweise 85 Milliarden Menschen, die je geboren wurden, die 5,8 Milliarden gegenüber, die 1998 am Leben waren. Wir müssten, um ihre Zahlen zu aktualisieren, neben dem Zuwachs von 2,1 Milliarden auch die Zahl der inzwischen Verstorbenen berücksichtigen. – Natürlich fragt man sich: Was soll das alles? Mir scheint, Dillards Text läuft auf eine bestimmte Vorstellung hinaus, auf ein Bild, das sie genau beobachtet hat und ausführlich beschreibt: Das Bild der stehenden Welle, die als Spur im Kielwasser eines fahrenden Schiffes entsteht. Ihr Kamm steigt Schaum gefüllt aus dem Wellental hinter dem Heck empor und fällt dann in einer Geste unaufhörlichen Sturzes in die Wasserfläche hinab. „Tausende von Schaumbläschen pro Sekunde platzen unaufhörlich. Ich konnte die Gegenwart beobachten“, schreibt sie: „Ich sah die Zeit, ich sah, wie die Zeit arbeitet.“ (S. 53)

Ein hübsches Bild: Du stehst am Heck des reisenden Schiffs und schaust zu, wie das durchpflügte Wasser eine Spur aufwirft und hinter sich herzieht, die noch lange auf der Oberfläche sichtbar bleibt, bis sie in der Ferne verschwindet. Das ist die Vergangenheit. Aber direkt hinterm Boot schäumt eine stehende Welle empor, die mit dem Absinken ins Wellental unablässig zerstiebt. Und diese Welle umfasst den Gang der je gegenwärtigen Generationen, und ihr Kamm ist die jeweilige Aufgipfelung des fliessenden Lebensmoments. „Gegenwart ist eine so kurze Zeit“, heisst es in einem Kinderbuch, „dass sie schon vorbei ist, wenn du das Wort gesagt hast.“ Die Kielwasser-Idee hat etwas Einleuchtendes, ich finde es ausserdem treffend, wie der Hochmut der jeweiligen Kamm-Generation gegenüber den vergangenen Generationen im Wellenberg des Kielwassers konkret aufscheint, und mir ist auch sympathisch, dass der Fortschrittsgedanke hier auf die blosse horizontale Bewegung zurückgeführt ist. Aber der dem Bilde innewohnende Fatalismus, der doch ebenfalls spürbar bleibt, löst einen Anflug von Distanzierung aus. Die Bilanz, die Annie Dillard in diesem Text zieht, mündet völlig konsequent in eine, wie ich finde, niederschmetternde Aussage: „Wir entstehen aus Erde und vergehen zu Erde, und die Macht des Universums ist gegen uns aufgestellt.“ (S. 56)

Wahrscheinlich ist der Eindruck der Feindseligkeit des Universums eine Folge der vermeintlichen Unansprechbarkeit und Unbeweglichkeit der Welt. Aber was als starre Dialogverweigerung erscheint, entspricht ja dem statischen Bilde, das die lange und bewegte Geschichte unserer Spezies auf eine stehende Welle reduziert. Bilder fungieren unter uns meist als Maschinen zur Erzeugung von Narrativen, sie illustrieren eine Geschichte oder rufen zur Erfindung einer Geschichte auf. Aber offenbar gilt auch umgekehrt, dass die Bäche und Ströme der Tausende von Geschichten, die wir einander erzählen, in der Kategorie eines Bildsymbols zum Stillstand gebracht werden können. Dann gibt es keine Entwicklung, kein Plot mehr, und unsere Gewohnheit, einander Geschichten zu erzählen, verliert ihre bewegende Dimension. In dieser Beobachtung steckt ein wenn man will ästhetisches Argument gegen die Idee der erstarrten und letztlich lebenslosen Welle der Vergänglichkeit unserer Generationen unter dem kalten Blick eines feindseligen Universums. Machen wir uns also auf den Weg nach Bremen, denn, wie der Esel zu den anderen Musikanten richtig sagte: Etwas Besseres als den Tod findest du überall!

3. Der Weg nach Bremen oder Fluchtversuche aus dem Anthropozän

Vielleicht steckt der Webfehler im statistischen Blick, so dass man beim Versuch, die Bilanz unseres Daseins mit Hilfe von Zahlen und Trend-Mustern zu fassen, folgerichtig auf jene abschüssige Spur gerät, welche in Fatalismus und Pessimismus endet. Sollte es so sein, so wäre die umgekehrte Blickrichtung empfehlenswert. Man würde statt der Masse (85 Milliarden gelebte Menschenleben) die individuelle Besonderheit jeder einzelnen Person mit ihrer je eigenen Lebenserfahrung betonen und auf diese Weise neue Muster in die Daseins-Bilanz einspielen.

Diesen Ansatz vor Augen zu führen, ist einer der fiktiven Texte von Borges wie so oft bestens geeignet. Unter dem Titel „Der Zeuge“ beschreibt er, wie ein Mann in einem Stall stirbt. Wie er demütig versucht, sich in den Tod hineinzuwollen, ähnlich, wie jemand sich in den Schlaf hineinwill. Eine Glocke läutet von der steinernen Kirche in der Nähe (wie es in den Königreichen Englands üblich geworden ist). Als Junge hat der Sterbende noch das Antlitz Wodans gesehen, das mit römischen Münzen beladene hölzerne Bild, und den Opfertod von Pferden, Hunden und Gefangenen, und dabei heiligen Horror und Verzückung durchlebt. „Bevor der Morgen graut“, schreibt Borges, „wird er tot sein, und mit ihm werden die letzten Augenzeugen-Ansichten dieser heidnischen Riten auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Die Welt wird ein bisschen ärmer geworden sein, wenn dieser Sachsenmann tot ist.“ (Jorge Luis Borges: Collected Fictions. Penguin 1998, p. 311) Sodann wendet Borges sein Beispiel ins Allgemeine: Dinge und Vorgänge, mit denen ein Toter befasst war, können das Interesse der Lebenden weiter hervorrufen, aber doch geht auch etwas unwiederbringlich verloren, wenn einer stirbt. (Es sei denn, fügt Borges charmant hinzu, das Universum selbst habe ein Gedächtnis.) Er führt Beispiele an, erinnert an den Tod der letzten Person, welche Jesus noch persönlich kannte, oder welche die schöne Helena liebte.

Mir fallen Filme ein, die die Vergangenheit in Szene setzen: Belegen sie nicht das verbreitete neugierige Verlangen, lange zurückliegenden Zeiten zu besuchen, vielleicht sogar in das Lebensgefühl jener versunkenen Epochen einzutauchen? Als wir „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ an einem unserer Kinoabende gesehen hatten, waren wir uns einig: So hätte das alte Delft aussehen können, so hätte die Atmosphäre sein können. Cum grano salis, natürlich, denn zum Beispiel die Aromen und (sicherlich deftigen) Gerüche blieben ja ausgespart, und die waren nur die Spitze des Eisbergs an ausgesparten Weltbezügen. So fanden wir uns im Gespräch über den Film bald auch darin einig, dass unser Gefühl, dabei gewesen zu sein, wohl aus unserer Unkenntnis hervorgegangen war. Wir hatten uns – halb willentlich, weil wir gut erzählte Geschichten lieben – einer raffiniert gemachten Illusion hingegeben. Davon, zu erleben, was die Menschen im Umkreis um Vermeer dachten und fühlten, blieben wir grundsätzlich für immer ausgeschlossen.

Die Unwiederholbarkeit jedes einzelnen Lebens gestattet es, der Bilanz der gelebten Leben eine nicht-fatalistische Deutung zu geben. Ich erinnere eine solche Deutung aus einer buddhistischen Geschichte, die mir eine indische Bekanntschaft erzählte. Der Geschichte zufolge artikuliert jedes Leben einen der vielen Namen Gottes. Wenn alle Namen – die Zahl ist unbekannt – ausgesprochen (gelebt) worden sind, ist der Sinn des Universums erfüllt. Dann erlischt die Welt. – Eine rührende Geschichte, die mit der buddhistischen Vorstellung vom erstrebenswerten Ende aller leidvollen Lebens-Erfahrung korrespondiert.

Ganz anders und mir einleuchtender ist eine Auffassung, die den Akzent auf das Tätigsein legt, auf das handelnde Tun der lebenden Menschen in Bezug auf das von ihnen angestrebte Ergebnis. Man unternimmt es, den Wert im Blick auf das Produkt einzuschätzen, vielleicht im Sinn der von Jesus überlieferten Aussage: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Die technische Ingenuität von Menschen hat im Lauf weniger Dutzend Jahrtausende unerhörte Werkzeuge in die Welt gebracht, und dazu Wege gefunden, alle Ressourcen – Materialien, Tiere und andere Menschen – zu nutzen und auszubeuten. Unsere womöglich angeborene Begabung zur Zusammenarbeit erlaubt es uns, die Grenzen individuellen Handelns zu überschreiten und enorme Kräfte zu mobilisieren. Der aus all dem resultierende Prozess ist das, was man das Projekt der Menschheit nennen könnte. Es ist ein Projekt ohne Namen, aber wir sehen, dass es derzeit zur Unbewohnbarkeit der Erde führt. „Fortschritt“ wäre eine zynische Bezeichnung, und „Gier“ allenfalls der Name des entscheidenden Antriebs, „Klimawandel“ und „Artensterben“ sind keine Zielvorgaben, wenn man von Vernichtungskampagnen etwa gegen Wölfe oder Reisetauben absieht. Von Genoziden zu schweigen.

Das Wort „Anthropozän“ ist wahrscheinlich das wegen seiner Neutralität am ehesten geeignete. Es meint das Zeitalter, in dem die Erde weniger durch Kräfte wie Vulkanismus oder Eiszeiten als durch die Tätigkeit der Menschen geprägt und verändert wird. Damit wäre nun auch die Chance gegeben, zu lernen, zu retten, ein neues Projekt in umgekehrter Richtung zu beginnen, bei dem die Zerstörung beendet und der Wiederaufbau angefangen wird. Dabei könnte jede einzelne Person (nicht als Solitär, sondern im Zusammenwirken mit anderen) tätig mitarbeiten. Sinn eines solchen doch denkbaren Unternehmens wäre es, die Bewohnbarkeit der Erde zu erhalten. Und dies ist genau das Narrativ, das weltweit „erzählt“, ausgebaut und inszeniert wird. Es ist der Plot, dem auch der Bericht des Weltklimarates im Sinne einer unausgesprochen wirksamen Handlungsanweisung folgt. Die Hoffnungen nachdenklicher Frauen und Männer sind auf dies Projekt gerichtet. Seine Kraft wirkt in allen Gesellschaften mehr oder weniger spürbar. Vielleicht formiert sich – gegen mächtige politische Kräfte, die den status quo zu erhalten suchen – der globale Wille zum Erhalt unserer Welt.

Selbstverständlich betrachte ich mein eigenes Leben im Licht dieses Projekts, und selbstverständlich gewinne ich dabei eine Perspektive, welche die Sinnlosigkeit meiner Existenz relativiert. Hätte ich mich nicht jahrelang mit dem Holocaust befasst, so wäre da vielleicht sogar jenes tiefe Einverständnis mit der Aussicht auf die Lage der Dinge, das jene Musikanten (der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn) auf ihrer Reise nach Bremen am Ende des Märchens gewinnen.

Der Vollständigkeit halber ist schliesslich noch an Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ zu erinnern. Benjamin sah das, was nicht wieder gutzumachen ist. Er vernahm die bleibende Präsenz des ungetrösteten Leides wie einen Ton in der Welt, der aus der Geschichte hervordringt. Als ob er sagen wollte, dass nicht die stehende Welle des je Gegenwärtigen bleibt, sinnlos und schön zugleich, sondern dieser endlose Klagelaut. Es ist irgendwie richtig, wenn er das letzte Wort behält.

Angelus Novus, Paul Klee, 1920, Aquarellierte Zeichnung, Israel-Museum, Jerusalem

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heisst. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. 1940)

Landschaften, Drogen und Visionen, und eine Bemerkung zum „Nature Writing“

Szene aus „Nomadland“ (Filmplakat) mit Fern (Frances McDormand)

„Nomadland“ im Kino: Bilder von Landschaften des amerikanischen Westens – das winterlich unwirtliche Nevada, das zauberhafte Licht von Neu Mexiko, der grosse Himmel, die anscheinend endlosen Weiten, die Sonora-Wüste, die skurrilen Formationen der Badlands in den Dakotas, die Haufen Fossiliengestein im Petrified Forest von Arizona, die Felsmassive der Rockies, die Urwälder und die wilde Pazifik-Küste des Nordwestens – aber vor allem die wechselnden Landschaften der Gesichtszüge von Fern (Frances McDormand), aus deren Nomadenleben der Film erzählt: Ich lese naive und verschlagene Ansichten, eine grundehrliche und tieftraurige Haltung, und die Bereitschaft, beim geringsten Anlass zu lächeln. Beim Zuschauen taucht die Vermutung wieder auf, die mir in Amerika öfter in den Sinn kam: Dass die Spielregeln der Gesellschaft so brutal sind, wie sie sind, scheint die Menschlichkeit vieler Menschen umso machtvoller hervorzurufen. Man hilft einander, weil öffentliche soziale Hilfe fast unvorstellbar ist.

Dass aber das Land selbst – nicht nur in diesem Film, sondern auch in der grossen amerikanischen Literatur – so ausgiebig zu Wort kommt, dass Autoren und Regisseurinnen ihm eine Hauptrolle zuschreiben, liegt an seiner spirituellen Macht. In ihrer unabsehbaren Weite scheinen die Landschaften an die Fülle unabgegoltener künftiger Möglichkeiten des sozialen Lebens zu erinnern; beim Nachdenken kommt Blochs „Prinzip Hoffnung“ zum Vorschein. Doch die Sprache des Landes ist auch ohne derartige Deutungen direkt zu vernehmen. Die Andersheit, die da entgegen tritt, bringt uns zum Verstummen, man sperrt die Ohren zum Hören auf. Aber während des stummen Zuhörens kann es geschehen, dass das Befremdliche ins Bewohnbare mutiert. Das Gefühl, Teil des Kosmos zu sein, schiebt sich in den Vordergrund, das Ungewohnte und anscheinend Unbewohnbare gibt sich in einer überwältigenden Wendung als zu Hause zu erkennen. So betrachtet, haben die weiten Naturlandschaften das Zeug zum Medikament gegen das Leiden an einer Gesellschaft, die in Arm und Reich auseinander gefallen ist. – Medikament oder Droge? Etwa eine von der Art, die das Bewusstsein erweitert, wie der Zauberpilz Psilozybin oder das dem Mutterkorn-Pilz nachgebaute LSD oder das aus dem Peyote-Kaktus gewonnene Meskalin?

Zur Bewusstseins ausweitenden Wirkung von Landschaften

Möglicherweise ruft der Anblick der Natur visuelle Spuren jener Visionen erzeugenden magischen Substanzen hervor. Vielleicht wirken sie über die Augen, die ja eine Extension des Hirnes sind, auf eine mildere aber ähnliche Weise so, dass die Eindrücke der Bilder des Landes für entsprechend sensibilisierte Menschen den stets verfügbaren Zugang zu einem leichten „High“ -Zustand bieten.

Als wir das Kino abends gegen zehn Uhr verlassen, ist der Himmel neonblau hell mit rötlichen Makrelenstreifen-Wolken im Westen. Die Schatten der Chausseebäume erscheinen durchs Autofenster zu langen dunklen Streifen zusammengeschoben, und die breiten Bänder der abgeernteten Gerstenfelder leuchten fahl vor den Waldstreifen am Horizont. Auf einmal hängt knapp darüber die überraschend gigantische Kugel des orangefarbenen Vollmonds. Ich bremse und suche nach den Konturen des Gesichts der Frau im Mond (Frances McDormand?), und Elisabeth bemerkt, dass dies Bild der roten Mondscheibe über unseren kleinräumigen Landschaften die vielen Bilder von Sonnenuntergängen im amerikanischen „Nomadland“ aufs Schönste ergänzt.

Die Filmbilder erinnern an vergessene Reisen, die im Rückblick in einem sentimentalen Licht erscheinen: Persönliche Erinnerungen in vergoldeten Rahmen, Schätze, die ausser dir selber kein anderer wahrnehmen kann. Als ob das, was während der Reise für alle weit offen da lag – die ganze Welt als Erfahrungsfeld für jede anwesende Person -, inzwischen dem ganz persönlichen Besitz meines Ich überschrieben worden sei. Dabei verhält es sich doch ziemlich umgekehrt. Wer reisend unterwegs ist, wiederholt ein ursprüngliches Muster des nomadischen Lebens unserer Vorfahren, und die Welt begegnet reisenden Menschen auf besonders herausfordernde Weise. Die Erfahrung der Gestalten des Landes erscheint uns Reisenden von gesteigerter Intensität. Ob es am Reiserisiko liegt – am Unbekannten, Gefahrvollen, Unberechenbaren, das die Sinne gewissermassen in Alarmbereitschaft hält und die Wahrnehmung schärft -, oder am Versuch, die Summe der wechselnden Eindrücke zu finden im andauernden Weltlese- und Verarbeitungsbemühen: Reisen kann die Erfahrung der Natur intensivieren, den Zauber der Begegnung vermehren und die Kontrolle durch das Ich vermindern. Alle, die mit einigermassen offenen Sinnen unterwegs gewesen sind, werden in dies Lied einstimmen können.

„Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Reisend entdeckten die Nomadenvölker unbekanntes Land, und reisend entwickelten die genauesten Reisenden Einsichten, die uns die Welt klarer zu verstehen halfen. Alexander von Humboldt gelangte reisend in Dimensionen, die ihm jenes Bild der Erde offenbarten, das auch für unsere Generation immer dringlichere Aktualität erlangt. Er erklomm – ohne Atemgerät – den eisigen Gipfel des Chimborazo, der seinerzeit als höchster Berg der Erde galt. Entdeckungssüchtig drang er in die Urwälder am Orinoco hinein, trotz der Insektenschwärme, die seinen Körper zerstachen. Bei allen Strapazen behielt er die Wissenschaft im Auge und erkannte die vielfältigen Verbindungen zwischen der geographischen Lage eines Landes und den Lebensformen, die es besiedelten. Dass er aber den Zusammenhang des Ganzen so sah, als ob die Erde selbst ein Organismus sei, war womöglich eine ihm geschenkte Vision, denn das Konzept geht ja weit über das Beobachtbare hinaus, das uns vor Augen liegt. Reisend geriet er in jenen Zustand, in dem übergreifende Zusammenhänge des Ganzen als Idee Gestalt gewinnen. Auf diese Weise erkannte er wohl auch die Wechselwirkung zwischen der gesellschaftlichen Wohlfahrt und dem Zustand der Natur, die zu seiner Zeit kaum einer sah: Dass die Sklaverei, der er allenthalben in den Amerikas begegnete, mit dem Niedergang der Natur ursächlich zusammenhängt. Humboldt hat diese Argumentation immer wieder zur Sprache gebracht. Es war wohl der einzige Punkt, bei dem ihm der amerikanische Präsident Jefferson, mit dem er anregendste Gespräche führte, nicht zuhörte.

Geobotanisches Schema nach Humboldts Forschungen
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Vielleicht ist Humboldt eine Nummer zu gross, um einen Beleg für die uns zugängliche Erfahrung der Magie des Reisens zu liefern. Womöglich kann eine kurze Passage aus dem Lebensbericht des Geologen Hans Cloos eher an Selbsterlebtes erinnern. Cloos war als junger Mann abends mit dem Zug in Neapel angekommen. Morgens öffnete er neugierig das Fenster im Hotel und schaute auf den Golf, dessen Anblick sich unter einer Wolkenbank bot. Über den Wolken war ein heller Schein:

„Dort schwebte, frei in der Luft, wie mit der Schere geschnitten, im jungen Weiss des Winterschnees, der dreieckige Gipfel des Vesuvs, und aus seiner vertieften Mitte löste sich ein Wölkchen Rauch — Also war es doch wahr! Jahre um Jahre hatte ich nichts anderes gelernt und gelesen als dies: … Dass die Erde noch heute sich rege und dass jeden Tag, den wir leben, auch sie lebe und immer irgendwo an sich arbeite und überall und immer ihren alten Bestand ergänze und neue Stoffe und Kräfte den alten hinzufüge. Dass es nur eine Täuschung der Augen sei, zu glauben, die Erde sei fest und fertig und nur noch im Kleinen und Äusserlichen veränderlich… Ich hatte die Lehre gehört und geglaubt…Und nun musste ich in einem unbewachten Augenblick gewahr werden, dass ich nichts gelernt hatte, rein gar nichts; dass mir dies Fundament aller irdischen Weltanschauung nicht zum eigenen inneren Besitz geworden war. Niemals bis zu diesem einmaligen, unvergesslichen Augenblick, da ich es zum ersten Male mit eigenen Augen sah und also zum ersten Male zum Geologen wurde: Die Erde lebt!“

(Hans Cloos: Gespräch mit der Erde. Welt- und Lebensfahrt eines Geologen. München: Piper 1954, S. 16/17)

Man kennt diese magischen Augenblicke, in denen auf einer Reise erscheint, was man nur gelesen oder auf Bildern gesehen hat, und wohl auch den Offenbarungscharakter einer Erfahrung, die das Reisen selbst für uns Nichtgeologen bereit hält. Denken Sie nur an Ihre Kindheit, etwa an Ihre erste Begegnung mit dem Meer: Den Salzgeschmack des Wassers, das Gefühl von Schwerelosigkeit beim Schnorcheln, den wunderbaren Anblick der bunten Unterwasserwelt.

Kaum möglich, all die uralten und alten und neuen Texte zu überblicken, die von Begegnungen mit den Wundern der Welt beim Reisen berichten. Aus der Zahl derer, die mir bekannt sind, geht mir „Horizon“ von Barry Lopez nach. Er zieht die Summe seines Lebens als Reisender und schildert das atemberaubend Schöne und Erhabene der Landschaften auf der Oberfläche des Planeten, von der Antarktis zum afrikanischen Grabenbruch, von den Galapagos Inseln zu den Küsten Amerikas und Australiens. Und er portraitiert Menschen, die auf diesem Land ihrem Lebensunterhalt nachgehen, als Jäger und Sammler, als Bauern und Handwerker, als Entdecker und Forscher. Er erweist allen seinen Respekt, und doch ist sein Text voll trauriger Passagen zur verlorenen Ursprünglichkeit der Welt und angesichts bevorstehender Katastrophen. Sein Buch ist ein seltsames Vermächtnis: Loblied und Elegie in einem. Wer es liest, wird sich der Blues-Melodie nicht entziehen können, denn die Trauer dieser Vision von der Erde ist ja begründet. Lopez wägt genau ab, seine Bilanz kann nicht einfach in dem Spruch „Wir haben es vermasselt“ zusammengefasst werden. Aber Klimawandel und Artensterben gehen weiter, während wir fortfahren, die Wunder der Welt zu sammeln wie Perlen für die Halskette unserer persönlichen Lebenserfahrung.

(Barry Lopez: Horizon. New York: Alfred Knopf 2019; 573 Seiten. Taschenbuchausgabe bei Penguin Random House. Deutsche Übersetzung noch nicht in Sicht)

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Klimawandel: Auftauender Permafrost (Permafrost Thaw wikimedia Commons) Passend zum Erdüberlastungstag (2021 am 29. Juli)

Begegnungen mit dem Anderen der Natur, wie es in Landschaften erscheint (und gesteigert wird durch das Setting beim Reisen), fallen aus dem Rahmen der alltäglichen Routine. Da kommen kostbare Augenblicke zum Vorschein, die an Zeilen aus Gedichten erinnern. („Füllest wieder Busch und Tal still mit Nebelglanz. Lösest endlich auch einmal meine Seele ganz“ – beim Anblick des Mondes: Eine Perle, die für manchen trotz des Niedergangs der Welt ihren Glanz behält.) Es ist ein Weg, auf dem einige mystische und spirituelle Anmutungen erfahren, oder Zugänge zu übergreifenden Ansichten, Theorien und Visionen. Man könnte hier den Königsweg erblicken, den Eingang zur Kathedrale einer spirituellen Naturerfahrung.

Bewusstseins erweiternde Drogen

Aber Michael Pollan berichtet in seinem Buch über die Psychedelik-Forschung, dass er selber erst über die Erfahrung mit den bewusstseinserweiternden Drogen LSD und Psilocybin so weit kam, dass er mit Aussagen über die Natur etwas anfangen konnte, die er vor der Drogenerfahrung als übertrieben abzutun pflegte. Als Beispiel zitiert er eine Passage über den Winter aus Ralph Waldo Emersons Text „Natur“:

„Mit den Füssen auf dem kargen Boden – mein Kopf gebadet in der fröhlich-freien Luft, und emporgehoben in den unendlichen Raum – verschwindet aller kleinliche Egoismus. Ich werde ein durchsichtiger Augapfel. Ich bin nichts. Ich sehe alles. Die Ströme universellen Seins zirkulieren in mir. Ich bin ein Teil oder ein Teilchen Gottes.“

(zitiert nach Michael Pollan: How to Change Your Mind. The New Science of Psychedelics. Penguin – Random House 2018, S. 286. Dt. Ausgabe: Michael Pollan: Verändere dein Bewusstsein: Was uns die neue Psychedelik-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt. Übers. Thomas Gunkel. München Verlag Antje Kunstmann 2019)

Derartige Naturerfahrungen sind mit bestimmten Drogenerfahrungen (Psilocybin, LSD und 5-MeO-DMT, einem Krötengift) vergleichbar. Beide Zustände zeigen mystische Züge, die für die medizinisch kontrollierte Drogenerfahrung praktischerweise per Fragebogen erhoben werden, etwa: – Verlust des Zeitgefühls, – Erfahrung von Rätselhaftigkeit, – Gefühl, die Erfahrung nicht angemessen mit Worten beschreiben zu können, – Gewinn von Einsichten auf intuitiver Ebene, – Gefühl der Erfahrung von Ewigkeit oder Unendlichkeit, – Erfahrung des Verschmelzens deines persönlichen Selbst mit einem grösseren Ganzen, – Gewissheit der Begegnung mit der letztgültigen Realität, – Einsicht, dass „alles eins ist“, – Gefühl, dass du etwas zutiefst Heiliges erlebst. Dies letztgenannte Kennzeichen lehnt Pollan für seine eigenen Erfahrungen allerdings vehement ab. Auch die Bezeichnung „spirituell“ lässt er für die Erfahrung seiner eigenen Drogen-Trips nur „mit Sternchen“ gelten: Das Spirituelle war nach seinem Verständnis stets mit der Quelle eines Glaubens ans Übernatürliche verbunden, und das lag seiner Erfahrung tatsächlich fern. Aber jetzt, nach seinen chemisch ausgelösten inneren Reise-Erfahrungen, fragt er sich, ob diese religiöse Verbindung unbedingt dazu gehört: Weshalb sollte das Spirituelle nicht unabhängig vom Repertoire der organisierten Religionen zu unserem Erfahrungs-Spektrum gehören?

Ein interessanter Punkt, der nicht nur die Drogen-, sondern auch die Naturerfahrung angeht. Pollan berichtet von einer Krebspatientin, die ihre Psilocybin-Erfahrung als erklärte Atheistin anfing und ebenso beendete. Aber sie beschrieb „den Höhepunkt ihrer Reise, die ihre Todesangst auslöschen sollte, mit den Worten ‚in Gottes Liebe gebadet‘, und kam doch mit einem unbeschädigten Atheismus zurück.“ Pollan versucht ihre Erfahrung zu erklären: Die Flut von Liebe, die diese Frau erfuhr, war so mächtig und bar jeder erkennbaren Ursache, dass sie als vollkommene Gnade erschien, ein unerklärbares Geschenk, dessen Grösse für sie vielleicht nur in dem grossen Wort „Gott“ auszudrücken war. (S. 285)

Zauberpilze im Wald: Psilocybe pellicolosa (aus Wikimedia Commons)

Sollten sich Erfahrungen, die durch den Anblick einer Landschaft hervorgerufen werden, von solchen, die durch eine Chemikalie hervorgerufen werden, womöglich bloss durch die stärkere Intensität der Droge unterscheiden? Pollan betont im letzten Teil seines Buchs eine Disziplin der Hirnforschung, die sich mit der Wirksamkeit von LSD und Psilobycin (vor allem unter medizinischen Gesichtspunkten, etwa als Medikament gegen Depression) befasst. Sämtliche mentalen Erfahrungen, erklärt er, werden schliesslich durch chemische Prozesse im Hirn bestimmt, auch die anscheinend transzendenten. Unter diesem Gesichtspunkt hätte man also Naturbegegnungen durch Untersuchungen der chemischen Vorgänge im Hirn zu erforschen. Diese Vorgänge können allem Anschein nach ausgelöst werden durch Meditationsübungen, Atemtechniken, Fasten und Selbstisolation, etwa beim Vision Quest der Indianerkulturen, wie auch durch Zauberpilze und ihre synthetisch nachgebauten Wirkstoffe. Und weshalb sollten nicht ähnliche Einflüsse durch das blosse setting – wenn die innere Bereitschaft da ist und die Landschaft grandios und ihr Schweigen beredt – ausgelöst werden können? Wer wäre nie vom schönen und erhabenen Anblick der Erde auch ohne Drogen entzückt und verzaubert gewesen?

Dass all das auf chemische Weise beschrieben werden kann, was unser Entzücken auslöst, tut diesem bei Lichte betrachtet keinen Abbruch. Der Eigensinn dessen, was da in der Erfahrung entsteht, bleibt doch erhalten. Das transzendent, spirituell, mystisch wirkende Weltbild wird neben anderen, auch den vorherrschenden religiös determinierten oder materiellen, atheistischen Weltbildern fortbestehen. Wir lernen, dass es möglich ist, mit mehreren Ansichten der Welt weiter zu leben, auch wenn sich Widersprüche zwischen ihnen zeigen.

Pollan belegt durch viele Beispiele, wie den neuesten Studien zufolge der Kontrollverlust des dominierenden Ich mitsamt dessen eingefahrenen mentalen Verhaltensmustern eine Art Belebung sämtlicher Hirnverbindungen zur Folge hat, so dass man sich die Auflösung des Ich mit seinen Herrschaftsansprüchen als Voraussetzung für eine Befreiung von Todesangst und Depression vorstellen kann. Beide – Depression und Todesangst – werden als Kontrollverlust-Ängste erklärbar. Im Widerspruch dazu scheint auf den ersten Blick die Banalität der Visionen zu stehen, die typischerweise bei der Auflösung des Ich hervortreten. Dass alles eins ist, dass wir alle miteinander verwandt sind, dass Liebe das einzige ist, was zählt – erinnern diese Einsichten nicht an die Botschaften auf Glückwunschkarten?

Möglicherweise reicht die Sprache nicht hin, um das unerhört Neue jener Erfahrungen auszudrücken, – den meisten Reisenden könnten einfach die Worte fehlen für das, was ihnen auf dem inneren Trip begegnet, der durch die Zauberpilz- Chemikalie Psilobyzin in Gang gesetzt ist. Schriftsteller und Poeten, so scheint mir, sind womöglich sprachgewandter und verstehen sich eher darauf, der Erfahrung angemessene Aussagen zu formulieren, jedenfalls bei den Visionen und Einsichten, die ohne Drogen über die sinnliche Begegnung mit der Natur zustande kommen. Deshalb finden wir ja den Weg zu eigenen Aufschlüssen bei unserer Naturerfahrung öfters über die von ihnen formulierte Sprache, etwa – jedes Frühjahr zur Apfelblüte – Fontanes „Es wagts der alte Apfelbaum. Herze, wags auch du“ als von Theodor Fontane zur Verfügung gestellter Trittstein hin zu unserem Bewusstsein einer alle Lebewesen umfassenden Frühlingsbelebung.

Ich finde Pollans Mut bewundernswert, mit dem er sich auf Trips mit LSD und Zauberpilzen und Krötengift eingelassen hat. Seine Schilderungen dieser Reisen faszinieren, – furchteinflössend die technikförmige Wirklichkeit, in der er einmal (bei einem LSD-Trip) landet, hinreissend sein Verschmelzen mit Beethovens Musik, extraordinär seine Gebärerfahrung des eigenen Sohnes. Für mich am ansprechendsten, wie er die Bäume, die Pflanzen im Garten als Persönlichkeiten wahrnimmt und achtet: als Vater und Mutter.

Ich habe nie vergleichbare Experimente mit Chemikalien unternommen. Was ich am ehesten als Erfahrung einer Vision bezeichnen kann – es drängt sich jedenfalls immer noch als solche in mein Bewusstsein – liegt schon 62 Jahre zurück. Ich war in jenem Sommer 1959 als 18jähriger per Anhalter unterwegs und hatte mir an einem Kiosk im Anblick des Felsens von Gibraltar für meine letzten Münzen – die Summe Geld, die ich für die Reise in der Tasche gehabt hatte, 120 Mark, war eh wenig und es hatte unvorhergesehene Ausgaben gegeben – eine Packung Bisonte Zigaretten gekauft. Es war ein grandioser Sonnentag, gegen Abend fand ich oberhalb einer Felsenbucht mit Sandstrand eine Baumgruppe, wo ich zu übernachten beschloss. Ich war allein, nahm ein Bad im Meer und legte mich zum Trocknen auf den ausgerollten Schlafsack. In der Dämmerung fielen die Lichter der Schiffe ins Auge, die afrikanische Küste versank allmählich in Dunkelheit, und die Sterne begannen zu funkeln. Ich fühlte mich unbeschwert und frei und nahm mir vor, irgendwann in meinem Leben nach Afrika zu reisen. Für diesmal war Umkehr angesagt. Ich lag wach und erlebte ohne mein Zutun eine Art Perspektivwechsel: Dies Ich, das sich dauernd um mich zu kümmern hatte, war auf einmal abhanden gekommen. Ich fand mich – verflüssigt – in einem Zustand des Aufgehobenseins. (Dies Wort scheint es ziemlich genau zu treffen, ich habe darüber lange nachgedacht.) Plötzlich erschien sehr klar und genau, dass alles, was da war, zum Ganzen gehörte, und dass jedes Ding darin seinen Platz hatte und seine Rolle spielte, und dass nichts geschehen konnte, was aus diesem Rahmen herausfiel. Alles war im Ganzen geborgen. Mein Einverständnis dazu war überflüssig. Die Gewissheit, die ich damals erfuhr, erschien mir eher rationaler als spiritueller Natur, aber diesen Unterschied zu machen fiel mir erst Jahre später ein, und die Unterscheidung brachte für meinen Versuch, zu verstehen, nichts. Es war eine Erfahrung, die nicht aufhörte, mich wie ein metaphorischer Leuchtturm zu begleiten. Jetzt, mit achtzig Jahren, betrachte ich das Gefühl von Sicherheit und Gewissheit, das mich seit jener Vision nicht verlassen hat, mit kritischem Blick: Als Illusion, die bei rationaler Betrachtung ganz und gar unbegründet ist. Aber womöglich, so sage ich mir gleichzeitig, ist die Wirklichkeit der rationalen Betrachtung nicht die einzig legitime. Als Nomade kommst du zu Aussichtspunkten über ganz unterschiedliche Landschaften. Ich habe öfters Ausblicke gefunden, auf Reisen in Afrika wie hier im Elbetal, die mich an jenen Abend Ende Juli 1959 an der Costa del Sol erinnerten. Die Bucht dort ist inzwischen vom Tourismus-Betrieb nicht wieder erkennbar umgestaltet. Ich meine: entsetzlich deformiert. Und doch bewege ich mich in meiner Vorstellung immer noch mit Leichtigkeit wie damals über jene Felsen und jenen Sand in jenes Meer.

Als ich vor drei oder vier Jahrzehnten in einer Biographie über meinen verehrten philosophischen Mentor John Dewey einen knappen Bericht über seine einzige mystische Erfahrung las, war das eine Freude. Ich fand, was mir als überraschende Übereinstimmung zu meiner eigenen erschien, und fühlte mich ob der Ähnlichkeit der inneren Form (der Aussage) erleichtert darüber, dass ich dies nicht allein zu kennen brauche. Dewey arbeitete 1879 mit 20 Jahren als Lehrer in der Schule von Oil City, einem „boom town“ der Rockefellerschen Petroleumindustrie in Pennsylvania. Über jene Erfahrung, die er selber „mystisch“ nennt, erzählte er Jahrzehnte später seinem Freund Max Eastman, und Eastmans Bericht darüber ist die einzige Informationsquelle: „Es war keine sehr dramatische mystische Erfahrung. Da war keine Vision, nicht einmal eine zu benennende Emotion – nur das extrem glückselige Gefühl, dass all seine Sorgen vorbei waren.“ Eastman zitiert Dewey selbst: „Ich habe seither nie mehr irgendwelche Zweifel gehabt, noch je irgendwelche Glaubensaussagen angenommen. Für mich bedeutete „Glauben“ einfach, sich keine Sorgen machen.zu müssen So halte ich mich für einen religiösen Menschen, und meine Religion habe ich seit jener Nacht in Oil City.“ (George Dykhuizen: The Life and Mind of John Dewey. Southern Illinois University Press 1973, pp. 21/22) Komplettiert wird das Bild im Jahre 1991 durch Westbrook, einen jüngeren Biographen Deweys: „In dieser unwahrscheinlichen Umgebung hatte (Dewey), was er später Max Eastman als mystische Erfahrung beschrieb, eine Erfahrung stiller Übereinstimmung mit der Welt, einem Gefühl, dass ‚alles was da ist hier ist, und dass du dich darauf verlassen kannst.‘ Er verglich es dem poetischen Pantheismus von Wordsworth und Whitman als einen undramatischen aber glückseligen Augenblick der ‚Einheit mit dem Universum‘. Er sollte die Verbindung zu diesem Gefühl nie verlieren…“ (Robert B. Westbrook: John Dewey and American Democracy. Cornell University Press 1991, p. 8)

Bemerkung zum „Nature Writing“

Romane und Gedichte, aber auch wissenschaftliche Werke vom Schlage eines Alexander von Humboldt sind reich an Bildern und Visionen, in denen das Andere der Natur so beschrieben ist, dass eine spirituelle Dimension aufscheint. Es wäre ein lohnendes Projekt, diese literarische Tradition der deutschen Sprache einmal dem öffentlichen Bewusstsein des Kulturbetriebs verfügbar zu machen. Vielleicht würde eine solche Sammlung unter uns Lesenden Sekundär-Reaktionen anstossen, bei denen wir unsere Favoriten austauschen. Für mich hat beispielsweise ein Gedicht Johannes Bobrowskis – „Ebene“ -, das ich seit langem kannte, eine neue und tiefe Bedeutung gewonnen, seit ich vor zwölf Jahren in das Auenland des Elbtals gezogen bin:

Hier werd ich leben. Ein Jäger / war ich, einfing mich / aber das Gras. 
Lehr mich reden, Gras,/ lehr mich tot sein und hören, / lange, und reden, Stein, / lehr du mich bleiben, Wasser, / frag mir, und Wind, nicht nach.

Die Worte nehme ich als Beschwörung einer uralten Nomadenerfahrung wahr, welche die Gegenwart dieser Landschaft und die meiner eigenen Befindlichkeit trifft.

Nun, der Literaturbetrieb hat unter der Bezeichnung „Nature Writing“ eine Publikationswelle in Gang gesetzt, welche diese Tradition ignoriert. Wäre sie eingeschlossen, man hätte dem Unterfangen keinen englischen Namen zu geben brauchen, der ja signalisiert, dass ein gänzlich neues Spiel im deutschen Literaturgeschäft auftaucht. Der Neuanfang auf vermeintlich unbeschriebener Tafel vermeidet unliebsame Diskussionen über die Faschismus-Nähe derjenigen deutschen Autoren, denen ein solcher Geruch schon seit längerem anhaftet. Und dadurch, dass man die reiche Tradition deutschsprachiger Natur-Literatur ausspart, übergeht man die Chance, die Besonderheit dieser Tradition im Vergleich etwa mit den angelsächsischen und lateinischen Traditionen zu ermitteln (von anderen, z.B. der japanischen und persischen zu schweigen). Die „Nature Writing“ -Welle ist kein Tsunami, aber immerhin ein kräftiger Brecher, der bis in die unteren Tiefen des Betriebs wirbelt.

In diesen Sommerwochen finde ich im digitalen Postkasten folgende Nachrichten, die wohl als Indizien für die Wucht des englischen Zauberworts gelten können:

(Zu einem workshop am 24.07. 11.00 im Künstlerhof Schreyahn, Teil eines Veranstaltungsblocks zum „nature writing“) Unter dem Thema „Digitale Landschaft“ werden wir uns in praktischen Übungen und Diskussionen dem Schreiben 4.0 annähern, uns das Internet als Quelle der Inspiration zu Nutzen machen, aber auch die schriftstellerischen Grenzen dieser Parallelwelt ausloten. Denn die Entstehung einer Kurzgeschichte oder eines Romans ist auch mit digitalen Werkzeugen kaum zu beschleunigen, wenn man sich auf die Suche nach der eigenen Stimme macht.

(Mitteilung des Verlags Matthes & Seitz) Zum fünften Mal wird 2021 der Deutsche Preis für Nature Writing vergeben. Die Vergabe erfolgt durch den Verlag Matthes & Seitz Berlin in Kooperation mit dem Umweltbundesamt sowie der Stiftung Kunst und Natur. Die Preisausschreibung steht unter der Schirmherrschaft des Präsidenten des Umweltbundesamtes Dirk Messner. Der Preis ist dotiert mit 10.000 € sowie einem sechswöchigen Schreibaufenthalt in den Räumlichkeiten der Stiftung Kunst und Natur inmitten von deren weitläufigem Naturgelände. Der Preis geht 2021 an Mara-Daria Cojocaru und Bernd Marcel Gonner. Die Jury zeichnet damit zwei Texte aus, die das Spektrum von Nature Writing aufzeigen: zum einen einen sprachexperimentell avancierten Text zu Natur im urbanen Raum, zum anderen einen sprachlich kunstvoll montierten Text über die körperliche wie mentale Einarbeitung in ein historisch, kulturell und ökologisch besonderes Gelände eines abgelegenen ländlichen Raums. Darüber hinaus erhalten Carolin Callies und Michaela Vieser jeweils ein Stipendium zur Teilnahme am international besetzten Nature Writing Seminar der Stiftung Kunst und Natur im Frühjahr 2022 in Bad Heilbrunn. Die Preisverleihung wird am Sonntag, den 29. August 2021 um 12 Uhr in Berlin stattfinden. Da die Preisverleihung im letzten Jahr leider entfallen musste, werden in diesem Rahmen nachträglich auch die Preisträgerinnen 2020, Ulrike Draesner und Esther Kinsky, gewürdigt.

Zwischen diesen Zeilen, so scheint es mir, ist hier der implizit hohe Anspruch des Programms ebenso herauszulesen wie eine gewisse Ziellosigkeit. Ich denke, dass die Suche nach einem eigenen Profil des Unternehmens von den geradeheraus spirituellen Beispielen der englischsprachigen Naturschriftstellerei am ehesten profitieren könnte. Gleichzeitig vermute ich da auch die heftigsten Widerstände. Wahrscheinlich importiert bereits der Name „Nature Writing“ eine Sicht der Natur, die dem deutschen literarischen Diskurs in Teilen fremd bleiben muss.

Ein Lehrstück bietet vielleicht Annie Dillards 1974 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnetes Buch „Pilgrim at Tinker Creek“, dessen deutsche Ausgabe – unterstützt durch Empfehlungen (Klaus Harpprechts als Kenner und meine als begeistertem Leser) an den Verleger – vom Ernst Klett Verlag 1977 übernommen wurde. Das Erscheinen – unter dem schräg anmutenden Titel „Der freie Fall der Spottdrossel“ – verzögerte sich aufgrund von Problemen auf der deutschen Seite bis Anfang 1996 (!). Wirtschaftlich war die deutsche Ausgabe wohl eher kein einschlagender Erfolg, auch wenn die erste Auflage verkauft wurde. Aber es gab so etwas wie eine Fangemeinde.

Einer dieser Begeisterten, Werner Friedl, setzte folgende hübsche Zusammenfassung des Buches ins Netz, die das, was „Nature Writing“ der deutschen Literatur geben könnte, wie in der Nussschale enthält: „Die Autorin hat sich ein Jahr Auszeit genommen, um nichts anderes zu tun, als die Natur in ihren vielfältigen Erscheinungen zu beobachten und aufs genaueste zu studieren. Dabei macht sie oft überraschende, verblüffende, ja verstörende Entdeckungen, die sie gleichermaßen mit Zartheit und Kraft schildert. Sie bleibt aber nicht bei der Naturbeobachtung stehen, sondern knüpft daran weit führende Gedankengänge über den Standort des Menschen in der Schöpfung. Sie zieht Geschichte, Religion, Literatur und alle Naturwissenschaften heran, um Ihre Überlegungen zu untermalen. Ihre Sprache vermeidet dabei alles, was ins Pathetische, Belehrende oder gar Besserwisserische gleiten könnte.“ (http://www.werner-friedl.de/Dillard_Spottdrossel.htm)

Das Buch ist dann im Jahre 2016 in der Reihe „Naturkunden“ im Verlag Matthes & Seitz, unter dem Titel „Pilger am Tinker Creek“ und der im grossen Ganzen gleichen Übersetzung (von Karen Nölle) aufs Neue erschienen, diesmal gleichsam surfend auf der Welle des Nature Writing und empfangen mit enthusiastischen Rezensionen in sämtlichen Feuilletons. Derselbe Text in zwei offenbar ganz unterschiedlichen kulturellen Abschnitten, als ob zwischen A und B das literarische Sensorium ausgewechselt worden sei. Erfreulich, aber irgendwie auch unheimlich.

Man möchte der Werbung fürs „Nature Writing“ Erfolg wünschen, vielleicht führt der Weg zu einer Art literarischer Bewusstseinserweiterung. Und was die noch nicht abgeschlossene Suche nach dem Thema dieser literarischen Novität angeht, so hätte ich eine Idee. Um diese Idee auf möglichst einleuchtende Weise vorzustellen, muss ich einen kleinen Umweg über eine kurze Geschichte nehmen. Es ist eine der skurrilen und abgründigen Geschichten, mit denen uns Jorge Luis Borges aufs Beste zu unterhalten verstand, und weil es eine der letzten Geschichten ist, die er in seinem Leben geschrieben hat, ist sie womöglich noch ein bisschen skurriler und noch abgründiger als die andern.

Japanische Shinto Gottheiten, Gemälde von Granger 1775
  • Jorge Luis Borges: Rettung durch Taten
  • Im Herbst, einem der Herbste der Zeit, kamen die Shinto Gottheiten in Izumo zusammen, nicht zum ersten Mal. Sie zählten, so heisst es, acht Millionen. Als schüchterner Mensch hätte ich mich unter derart vielen ein wenig verloren gefühlt. Auf jeden Fall ist es nicht leicht, mit unvorstellbaren Zahlen umzugehen. Lasst uns also einfach sagen, dass es acht waren, denn die Zahl acht gilt auf diesen Inseln als gutes Omen. Sie waren bedrückt, aber zeigten es nicht. Das Angesicht von Gottheiten ist ein nicht zu entzifferndes Kanji. Sie setzten sich im Kreis auf den grünen Scheitel eines Hügels. Sie hatten die Menschheit vom Firmament aus beobachtet, oder von einem Stein oder einer Schneeflocke. Eine der Gottheiten sprach: Vor vielen Tagen oder Jahrhunderten sind wir hier zusammen gekommen, um Japan und die Welt zu erschaffen. Die Fische, die Ozeane, die sieben Farben des Regenbogens, die Generationen von Pflanzen und Tieren haben sich als gut erwiesen. Damit die Menschen nicht mit zu vielen Dingen belastet sein sollten, gaben wir ihnen Abfolge und Zweck, den vielfältigen Tag und die einfältige Nacht. Und wir vermachten ihnen das Geschenk, mit bestimmten Varianten zu experimentieren. Die Biene fährt fort damit, den Bau von Bienenwaben zu wiederholen. Aber der Mensch hat neue Werkzeuge ersonnen: den Pflug, den Schlüssel, das Kaleidoskop. Er hat auch das Schwert und die Kunst des Krieges ersonnen. Und jetzt hat er eine unsichtbare Waffe ersonnen, die alles Geschehen an ein Ende bringen kann. Bevor diese sinnlose Tat getan ist, lasst uns die Menschen auslöschen.
  • Die Gottheiten versanken in Nachdenken. Ohne Hast erhob eine andere von ihnen die Stimme: Es ist wahr. Sie haben diese Ungeheuerlichkeit ausgedacht, aber da ist auch noch dies ganz andere, das in den Raum von siebzehn Silben hineinpasst. Die Gottheit intonierte die Silben. Es war eine unbekannte Sprache, ich konnte sie nicht verstehen. Darauf sprach die leitende Gottheit das Urteil: Lassen wir die Menschen am Leben! Auf diese Weise wurde die menschliche Spezies durch ein Haiku gerettet. 
  • Izumo, 24. April 1984

(„On Salvation By Deeds“ ist in „Collected Fictions“ nicht enthalten, eine deutsche Übersetzung ist noch nicht publiziert, so weit ich sehe. Ich habe den Text von https://bashosroad.outlawpoetry.com › haiku übertragen.)

Welcher Text zum „Nature Writing“ wäre als Vorlage für das Haiku geeignet, das die menschliche Spezies schon einmal gerettet hat?

Suzanne takes you down to her place in the forest – Simards Buch „Finding the Mother Tree“

Seit etwa zweieinhalb Jahrzehnten tauchen in internationalen Fachpublikationen zur Forstbiologie immer häufiger Nachweise dafür auf, dass die alte Redewendung vom Wald als Lebensgemeinschaft in der Tat wörtlich zu nehmen ist: Als „Wood Wide Web“ im Sinne eines durch Pilzmyzele vernetzten Organismus aus verschiedenen Arten von Pflanzen und Pilzen. Da werden Nährstoffe – Glucose gegen Enzyme -, ausgetauscht, aber auch Informationen weitergegeben. Suzanne Simard, die jene alte Auffassung vom Wald als Lebensgemeinschaft wissenschaftlich neu so begründet hat, dass ihr nicht mehr auszuweichen ist, berichtet, wie sie beobachtete, dass eine von Insektenfrass geschädigte Douglasie chemische Warnsignale auszusenden schien, und wie sie ermittelte, dass darauf hin die in der Nähe wachsende Ponderosa Kiefer Insekten vertreibende Enzyme erzeugte. Über Dutzende von Untersuchungen derartiger Signalwirkungen und zur Chemie der dabei gesendeten Botenstoffe gelangt Simard zum Vergleich des Kommunikationssystems Wald mit dem menschlichen Hirn. Sie nimmt die Wechselseitigkeit im Dienste des Erhalts des Ganzen des Waldes als Intelligenz wahr, die der Funktion unseres Hirnes gleicht. Wenn sie von der Weisheit der Bäume spricht, so meint sie das nicht metaphorisch. Ein Leben so zu führen, dass es der Gemeinschaft der Lebenden hilft, weiter zu leben: Darin liegt die Weisheit von Bäumen und Menschen.

Nach, wie es scheint, einigen Dutzend naturwissenschaftlicher Publikationen mit Beiträgen zur Ökologie, Biologie und Forstwissenschaft hat Suzanne Simard vor wenigen Wochen ein Buch für uns allgemein interessierte Leser vorgelegt, das ihren Erkenntnisweg als eine Art Autobiographie beschreibt. Ich habe dies Buch wie einen ungewöhnlichen Bildungsroman gelesen und viel über Menschen und Bäume daraus gelernt. Die Verfasserin selber erklärt in ihrer Einleitung: „Dies ist kein Buch darüber, wie wir die Bäume retten können. Dies ist ein Buch darüber, wie die Bäume uns retten könnten.“ (This is not a book about how we can save the trees. This is a book about how the trees might save us.“)

Suzanne Simard: Finding the Mother Tree. Uncovering the Wisdom and Intelligence of the Forest. Penguin Random House UK 2021. Das Buch ist vorher (fast zeitgleich) in den USA bei Alfred Knopf erschienen unter dem ähnlichen Titel „Finding The Mother Tree. Discovering How the Forest is Wired for Intelligence and Healing“. In einer dritten Grossdruck-Ausgabe, ebenfalls zeitgleich, lautet der Titel „Finding The Mother Tree. Discovering the Wisdom of the Forest“. So weit ich sehe, ist eine deutschsprachige Ausgabe derzeit (Ende Juni 2021) noch nicht angekündigt.

Suzanne Simard (Foto: Brendan George Ko/Penguin Random House)

A. Neue Einsichten in die Welt des Waldes

Schauplatz des Buches ist der Nordwesten Amerikas, vor allem die kanadische Provinz British Columbia, und daneben auch der US Staat Oregon. Dies war ein Land mit, wie man sagt, unermesslichen Wäldern voller gigantischer Bäume, Zedern und Kiefern und Tannen. Das allermeiste davon ist durch Kahlschläge abgeräumt – Luftaufnahmen zeigen eine Landschaft, die stellenweise wie die Oberfläche des Mondes erscheint – und zum Teil mit Plantagen von Douglas-Fichten „aufgeforstet“ wurde. Seit ihrer Kindheit in den alten Wäldern von British Columbia, sagt Suzanne S., seien im Lauf von 60 kurzen Jahren nur drei Prozent davon übrig geblieben. Die profitorientierte Entwaldungs- und Plantagenwirtschaft geht Hand in Hand mit einer konkurrenzbetonten Sicht des Waldes: Bäume liegen demzufolge im dauernden Wettstreit um die Nährstoffe aus dem Boden, um Wasser und um Sonnenlicht. Wer den am raschesten Profit versprechenden Baum, die Douglasie, ernten will, muss deshalb das Unterholz (Beeren und Farne) und auflaufende Laubbäume wie Birken und Erlen beseitigen, am besten mit einem kräftig dosierten Herbizid, und die Bäume im Abstand voneinander setzen. Das Motto dieser Art Forstwirtschaft lautet: Befreit die Setzlinge von ihren Konkurrenten!

Zu der Zeit in den späten Siebzigerjahren, als die junge Suzanne Simard im Forstwesen zu arbeiten anfängt, läuft eine Kampagne zur Ausmerzung von Birken. Man besprüht das vermeintliche Unkraut mit hochdosiertem Glyphosatnebel, um es loszuwerden, weil es den Douglasien-Schösslingen das Licht wegnimmt. Simard beobachtet, wie sich in der Folgezeit Armillaria mellea (der honiggelbe Hallimasch) mit seiner tödlichen Wurzelfäule unter den Douglasien ausbreitet „wie ein Lauffeuer“. Ob sie von den Birken irgendwie davor geschützt worden waren? Das Mykorrhiza-Konzept ist ihr bekannt, und sie hat von David Reads Laboruntersuchungen gelesen. Dieser englische Pilz-Experte hatte in den frühen Achtzigerjahren gezeigt, dass Bäume durch das Fadengeflecht ihrer Mykorrhiza-Pilze Kohlenstoffe miteinander austauschen können.

In den Neunzigerjahren hat sie den Forstdienst verlassen und ist nach eine Reihe von Experimentier-Erfahrungen schrittweise zur Fragestellung ihrer Doktorarbeit an der Oregon State Universität in Corvallis gelangt. Jetzt ist sie so weit, das entscheidende wissenschaftliche Projekt anzugehen. Sie entwirft ein Experiment, bei dem Birkenbäumchen unter einem luftdicht abgeschlossenen Zelt mit dem radioaktiven, gasförmigen Isotop Kohlenstoff-14 (14C-CO2) begast werden, und Douglasienbäumchen mit dem stabilen (nichtradioaktiven, ebenfalls gasförmigen) Isotop Kohlenstoff – 13 (13C-CO2), so dass der Austausch von Kohlenstoffen zwischen beiden Pflanzen messbar nachzuweisen ist. (Zur Kontrolle hat sie jeweils Zedernbäumchen eingesetzt, deren Mykorrhiza mit Birke und Fichte nicht assoziiert.) Die Passage des Buches, in der Dr. Simard schildert, wie sie zusammen mit ihrem Assistenten Dan das Ergebnis des Experiments aufdeckt, hier als Leseprobe, in meiner bemüht wörtlichen Übersetzung:

Ich hob den Geigerzähler an die Blätter der Kohlenstoff 14 markierten Birke und hielt den Atem an – würden sie radioaktiv sein? Wenn nicht, dann wäre all unsere Arbeit umsonst gewesen. Denn wenn das Spenderbäumchen das radioaktive Kohlendioxid nicht absorbiert hätte, dann würden wir nicht herausfinden, ob sie der benachbarten Fichte organische Stoffe übertragen könnte. Dan tauchte neben mir auf, angespannt. Ich knipste das Gerät an. Ein Knattern sang empor. Dans Gesicht leuchtete auf. Der Zeiger auf der Skala schwang weit nach rechts und zählte eine hohe Strahlung. „Oh gut. Ich hab es richtig gemacht“, sagte Dan erleichtert.

„Meinst du, dass wir bei dem Fichten-Nachbarn schon irgendwas ablesen können?“, fragte ich. „Glaub ich nicht. Es sind ja erst ein paar Stunden um, seit wir mit dem Markieren angefangen haben“, sagte er, auf Vorsicht bei frühen Resultaten geschult. Reads Untersuchung zufolge müsste es einige Tage dauern, bis die Radioaktivität untergrund von der Birke zur Fichte kam. Selbst wenn etwas beim Nachbarn ankäme, läge die Menge wahrscheinlich unter der Kapazität des Geigerzählers, und wir müssten die Ergebnisse der Laboranalyse abwarten.

Aber was würde es schaden, einfach mal den Zähler zu probieren? Wir könnten versuchen, von dem Ergebnis vielleicht einen Hinweis auf die Antwort der Douglasien-Nadeln zu kriegen. Ich beruhigte mich. Ich war sicher, dass Dan recht hatte; er wusste mehr über die Markierung von Pflanzen als die meisten. Doch was solls? Der Versuch kostete nichts. Ich ging wie vom Instinkt getrieben zur Nachbarfichte hinüber und kniete mich hin. Dan konnte nicht anders, er musste mir folgen und mir über die Schulter gucken. Wir atmeten beide den schneidenden Geruch des Fichtennadel-Harzes, und für einen Moment vergass ich die Jahre schwieriger Arbeit und frustrierender Begegnungen. Ich wischte die Hand über das Ende des Zählers, um sicher zu sein, dass da nichts war, was ein Signal abhalten könnte. Der Augenblick der Wahrheit war gekommen. Die Dirigentin hob ihre Hände vor dem Orchester. Ich drehte mein Ohr an den Stab und führte den Geigerzähler über die Nadeln der Fichte.

Mein Handgelenk schwang leicht nach oben, und mein Geigerzähler knatterte leise, und der Zeiger kletterte ein Stückchen die Skala hinauf. Geigen und Holzbläser, Pauken und Trompeten klangen auf einmal empor, allegro und kräftig, einstimmig und zauberhaft. Ich war hingerissen, fixiert und eingetaucht, und die Brise, welche die Kronen meiner kleinen Birken und Fichten und Zedern bewegte, schien mich einfach emporzutragen. Ich warf Dan einen Blick zu, der mit offenem Mund dastand. „Dan!“, rief ich. „Hast du das gehört?“ Er starrte auf den Geigerzähler. Von ganzem Herzen hatte er gewünscht, dass dies Markierungs-Experiment gelingen würde, und was wir da hörten, ging über alles hinaus, was er erwartet hatte. Wir hörten zu, wie die Birke mit der Kiefer kommunizierte. C’est très beau!“ (Seiten 155/156)

Im August 1997 veröffentlicht das massgebliche Wissenschaftsmagazin „Nature“ Suzanne Simards Forschungsergebnisse als Titelgeschichte und führt dabei die Bezeichnung wood-wide web ein, die rasch zum Schlagwort wird. Sir David Read erinnert die Leserschaft in seiner Stellungnahme an die Bedeutung dieser Funde für eine informierte Politik zum Klimawandel (Wälder als Superorganismen binden atmosphärisches Kohlendioxid). Die „Nature“-Publikation wird ein einschneidendes Datum für die Wald-Wissenschaft. Angesichts der Flut von myzel- und mykhorriza-bezogenen Forschungsarbeiten, die seither weltweit unternommen worden sind, ist es nicht übertrieben, hier einen Paradigmenwechsel wahrzunehmen. Simard, inzwischen längst Professorin für Ökologie an der Universität von Vancouver, ist eine berühmte Wissenschaftlerin geworden, die ihr Forschungsfeld weiter ausgedehnt hat bis hin zum Mutterbaum-Konzept und eine immer intensivere Zusammenarbeit mit den indigenen Einwohnern der amerikanischen Pazifikküste pflegt.

Auch ausserhalb der akademischen Welt ist sie zur populären Gestalt geworden. Der Erfolgsschriftsteller Richard Powers konstruiert in seinem Roman „The Overstory“ (deutsch: Die Wurzeln des Lebens. Fischer Tb, 3. Aufl. 2020) die Figur der Patricia Westerwood nach ihrem Vorbild. Westerwood ist da eine verkannte und von ihren akademischen Kollegen verfemte Botanikerin, die das Kommunikationsvermögen von Pflanzen nachweist und nach langen Jahren des Ausschlusses vom Betrieb am Ende wissenschaftliche Anerkennung erfährt, nachdem der Nachweisbarkeit ihrer Einsichten nicht mehr auszuweichen ist, auch wenn ihre Forschungen von der Forstwirtschaft weiter ignoriert werden. In dem Roman geht es um die Rettung der letzten alten Mammutbäume durch eine Gruppe entschiedener und interessanter Baumbesetzer-Charaktere. Das Projekt scheitert auf dramatische Weise, am Ende ist der Kampf vergeblich. – Keine aufbauende Lektüre, umso weniger, als der mögliche Sinn eines Widerstands trotz unausweichlicher Niederlage nicht diskutiert wird. Westerwood kommt allerdings insofern unbeschädigt davon, als Powers ihr vor der Auflösung des Widerstands einen friedlichen Tod beschert.

Der kanadische Regisseur James Cameron spielt im Film „Avatar“ (2009) das Motiv der lebenserhaltenden und -vernetzenden Mutterbäume ein („Hometree“ und „Soultree“), das er offensichtlich aus ihren Publikationen kannte, – so Simard in einem Interview im „New Scientist“ vom 1. Mai 2021 (ich danke Katrin Hille, die mir den Text zugeschickt hat). Bei der Dokumentation über die naturwissenschaftlichen Hintergründe des Films soll Suzanne Simard nun mitarbeiten. Wenn man bedenkt, dass „Avatar“ von etlichen Millionen Menschen gesehen wurde (laut wikipedia steht er an zweiter Stelle – nach „Vom Winde verweht“ – der meistgeschauten je gezeigten Filme), dann ist Simards Grundidee des von einzelnen Bäumen auslaufenden, das Leben zusammenhaltenden Netzwerks doch unter die Leute gekommen, wenn auch in einer Art Science-Fiction-Welt. Aber es geht weiter: In einer Besprechung von „Finding the Mother Tree“ in der „Los Angeles Times“ vom 5. Mai 2021 finde ich den Hinweis, dass die Rechte an diesem Buch „just in dieser Woche“ für eine Film-Adaptation erworben wurden, und dass eine Schauspielerin namens Amy Adams die Rolle von Suzanne Simard übernehmen soll.

Trotz des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns und bei aller Popularität ihrer Ideen treffen Simards Vorschläge für eine veränderte Forstwirtschaft bei den Experten der Forstindustrie auf wenig Wohlwollen. Man steckt da in den eingefahrenen Spuren fest. Was Suzanne Simard im Buch über die Rezeption ihrer Untersuchungen bei ihren ehemaligen Förster-Kollegen berichtet, zeigt darüber hinaus eine lauernde Feindseligkeit. Hinter ihrem Rücken wird sie „Miss Birch“, genannt und bei einer Versammlung stellt ihr einer die Frage, ob sie Birken mag. „Ja“, sagt sie, „ich denke ich mag diese Bäume“: Unterdrücktes Gelächter. Bei der Exkursion zu ihren Feldversuchen nimmt sie einer beiseite, um ihr zu drohen: Sie wisse gar nichts und habe keinem was zu sagen. Noch im Interview im „New Scientist“ vom Mai dieses Jahres erzählt sie: „Meine Kollegen aus dem Forstbetrieb fragen mich immer noch: Du glaubst dies Zeug doch selber nicht, oder? Dies Kooperationszeug?“ Und sie erklärt: „Sie hängen immer noch an diesen Baumindividuen, die sich gegen alle anderen durchgesetzt haben und den grössten Profit bringen.“ Der Kampf gegen das Vorurteil erscheint da, in der forstwirtschaftlichen Praxis, immer noch ziemlich aussichtslos.

Darwins Konzept einer „natürlichen Auslese“ lässt Raum für vielerlei unterschiedliche Interaktionen von Lebewesen und steht keineswegs im Widerspruch zu Simards Befunden, die Wechselseitigkeit und das Teilen von Ressourcen ans Licht bringen und betonen. Darwin selbst hielt das Zusammenwirken von Lebensgemeinschaften für wichtig. Eine auf individuelle Dominanz gründende Weltsicht wird eine Prämie auf das Konkurrenzverhalten setzen und Beobachtungen abzustreiten versuchen, die Kooperation ins Spiel bringen. Simard bestreitet nicht, dass Konkurrenz besteht. Die Birke nimmt der Fichte tatsächlich Licht und vermindert die Chancen der Konkurrentin, Photosynthese zu betreiben. Aber gleichzeitig überlässt die Birke der Fichte ein Teil der von ihr im Überfluss produzierten Glukose. Auf diese Weise gleicht das Ökosystem die Vorzüge und Nachteile annähernd aus: Birke und Fichte leben in Koexistenz, das kooperative Verhalten macht die bestehende Konkurrenz wett. Es ist, als ob die Bäume bei dieser artübergreifenden Unterstützung gewissermassen über den Tellerrand des Erhalts der eigenen Spezies hinausschauen, um auch ihren Nachbarn das Überleben möglich zu machen. Dies Verhalten stärkt ja den Fortbestand des Waldganzen und nützt insofern eben auch der eigenen Art. Das heisst, die speziesübergreifende Kooperation der Bäume und Pilze steht dem Überleben der fittesten Arten (Darwins Kernidee) keineswegs logisch entgegen. Aber mit dem Zusammenwirken von beiden Einflüssen – denen der zerstörenden und denen der aufbauenden Agenten – rückt das in sich ausgeglichene Gebilde eines übergreifenden Organismus in den Blick. Die Biologie beginnt damit, anstelle von Individuen eher Interaktionsmuster und Zusammenhänge zu untersuchen. Sheldrake zeigt in seinem Buch „Verwobenes Leben“ beispielsweise, wie bei dieser Verschiebung des Forschungs-Fokus Begriffe wie „Schmarotzer“ und „Symbiose“ ihren Sinn verlieren, weil die Erscheinungsformen changieren und Abgrenzungen sich nicht länger aufrecht erhalten lassen.

Der Klimawandel setzt den Wäldern überall zu, die hergebrachten Muster der Forstwirtschaft müssen verändert werden, es wäre wünschenswert, dass die Bewirtschaftung der Bergwälder an der Pazifikküste in British Columbia die Einsichten berücksichtigen lernt, die durch Suzanne Simards Studien gewonnen worden sind. Anscheinend gibt es eine wachsende Zahl von Förstern, die in diesen Studien das finden, was sie schon lange vermuteten. Als ein Artikel in der „Vancouver Sun“ ihren Ausspruch zitiert, dass Förster, die Herbizide sprayen, lieber Steine bemalen sollten, erfährt sie viel Zustimmung, und einige schicken ihr selbst bemalte Steine. Dies zu einer Zeit, in der sie noch in Diensten der Forstbehörde stand, und mit Recht das Ende ihres Arbeitsverhältnisses befürchten musste.

Auch in Deutschland stehen die Forstämter vor der Notwendigkeit, die hergebrachten Wirtschaftsformen zu ändern. Man möchte wünschen, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die überall Geltung haben, auch hierzulande berücksichtigt werden. Aber die Traditionen sind so unterschiedlich wie die Waldformen, die weltweit topographisch jeweils eigene Gestalten hervorbringen. Um das Angemessene für den Forstbetrieb herauszufinden, ist noch viel Arbeit zu leisten.

B. Biographisches aus der Welt der Menschen

Dr. Simard schildert in „Finding the Mother Tree“ die Sequenz von Hypothesen und Experimenten in allen Einzelheiten, mit denen sie die speziesübergreifende Verbindung zwischen Pflanzen und Pilzen nachweist. Sie findet, dass alte Bäume während ihres langen Sterbe-Prozesses alles, was sie an Nährstoffen und lebenserhaltender Feuchtigkeit haben, an die um sie versammelten Pflänzchen abgeben, und zwar bevorzugt an Schösslinge der eigenen Art. Sie sind Mutterbäume: die Zentren des Lebenserhalts der Wälder.

Suzanne Simard, als sie am Telefon das Resultat der Laboruntersuchung ihres Brustknotens erfährt, schreibt: „Auch Mutterbäume müssen sterben“. Ihr Buch will keine wissenschaftliche Abhandlung sein. Ihre Fachbeiträge sind in den Diskurs der Ökologen ja längst eingefüttert. Der Text ist eine Hybridform, der wir Lesenden beides entnehmen: Autobiographisches im Wechsel mit Wissenschaftlichem. Natürlich kommt es zu Überschneidungen, etwa die zahlreichen frankophonen Ausrufe, welche ihre Schilderungen von Experimenten begleiten und mit der französischen Herkunft der Simards korrespondieren, oder das Konzept des Mutterbaums selbst, den sie wissenschaftlich ermittelt und als Lebensleitbild für sich findet.

Die Kindheit, überschattet von der unglücklichen Ehe der Eltern, überstrahlt gewissermassen vom Licht der Grosseltern, die das Holzfäller-Gewerbe im grossen Stil betreiben, aber ohne Kahlschläge, auf eine Weise, die von ihr als immer noch Wald erhaltend beschrieben wird. Bruder und Schwester und sie selbst schon als Kind in den Wäldern zu Hause. Kollegen, Freunde, die Liebe zum Ehemann Don, der Tod des geliebten Bruders, die beiden Töchter, das Auseinandertreiben der Ehe durch ihre Arbeit im neun Stunden von der Familie entfernten Vancouver, die zunehmende Bedeutung von Freundschaften, die Liebe zu Mary, die Mastektomie, die Ausdehnung der Netzes von Beziehungen und Kooperationen, unter Einschluss der Ureinwohner.

Ihre Beziehung zu Kelly, ihrem Bruder, auf die sie immer wieder zurückkommt, spricht mich besonders an. Als Zwanzigjährige fährt sie mit dem Fahrrad über die Berge zum Rodeo nach Logan Lake, um ihn als Bullenreiter zu sehen. Ihr Bruder ist Cowboy, der sich bei diesem mehr als gefährlichen Sport – Knochenbrüche gehören dazu – mit der Aussicht auf wenige Dollar Gewinn verdingt. Die Schilderung des Rittes ihres Bruders auf dem Bullen namens „Dantes Inferno“ ist von lesenswerter Schonungslosigkeit. Der Regel dieses seltsamen Sports zufolge musst du es schaffen, dich über acht Sekunden auf dem Rücken des Tiers zu halten, ohne abgeworfen zu werden. „Inferno“ wirft Kelly nach sieben Sekunden im hohen Bogen in den Sand. Im Erste-Hilfe-Anhänger findet sie ihn, wie der Sanitäter seinen ausgekugelten Arm einrenkt, voller Schmerzen aber glücklich. Im Buch ist ein Foto, wohl wenige Jahre später aufgenommen, das Kelly als Bullenreiter zeigt.

Aus Suzanne Simard: Finding the Mother Tree. S. 55 mit der Unterschrift
Kelly in seinen Mittzwanzigern als Bullenreiter bei der Falkland Stampede in den späten Achtzigerjahren“

Jahre später – Suzanne ist verheiratet und schreibt ihre Doktorarbeit – trifft sie Kelly am Abend eines Tages, an dem sie vor der Provinz-Försterschaft gesprochen hat. Sie leidet unter der Missachtung, fühlt sich elend und findet sich mit ihrer Freundin Barb in einem Pub voller Cowboys, weil ihr Bruder da ist. „Lebst du auf der Ranch?“. „Ja, Tiff und ich sind in dem Gesindehaus bei der Mission untergekommen. Du weisst ja, das Indianer-Internat mit den pädophilen Priestern.“ Er schaute auf seine Stiefel, voll Ekel darüber, was diese Schufte den Kindern angetan hatten. Dieser Teil der Geschichte Kanadas war eine Schande. Kelly und ich kannten Kinder , die auf der Schule gewesen waren und hatten mit eigenen Augen gesehen, wie das viele von ihnen zerstört hatte. Manche waren geflohen, so unser Freund Clarence, jetzt ein Zeder-Totem Schnitzer, der die Tradition auf Haida Gwaii fortführte.“ (S.137) Beim Lesen fällt mir der Zeitungsartikel aus der vorigen Woche ein, der Bericht über die Entdeckung eines Massengrabes mit den Skeletts von 215 Indianerkindern bei der ehemaligen Internatsschule von Kamloops. Dem gleichen Kamloops, wo Suzanne Simard aufwuchs!

Der Abend im Pub endet mit Streit. Zu viel Alkohol, aber auch Kellys Bemerkung, dass man die Kühe in Bewegung setzen kann, wenn man sie wie Frauen behandelt. Die Frage „Was meinst du damit?“ führt gewissermassen geradeswegs in die Katastrophe: Abbruch der Kommunikation mit endlosen Selbstvorwürfen, der Entschuldigungsbrief kann die Erstarrung nicht auflösen, und Jahre später, als sie ihn im Hochgefühl ihres Forschungserfolges anrufen will, klingelt das Telefon bei ihr. „Hör zu, Suzie“, sagt Tiffany, seine Frau, „Kelly ist tot.“

Als Suzanne 36 Jahre als ist und schwanger mit ihrer Tochter, macht sie mitten im Winter einen Solo-Ausflug auf Skiern durch das verschneite Bergland. Im frischen Schnee sind Trittsiegel von Wölfen, gross wie Untertassen. Sie findet Spuren von drei Tieren. Sie kreuzen ihren Weg immer öfter und sie fürchtet, dass sie verfolgt wird. „Adrenalin macht den Rucksack leichter.“ (S. 183) Nach Stunden im Schnee sieht sie, dass die Spuren nordwärts abdrehen, die Wölfe sind nicht hinter ihr her. Ein Windstoss zerstiebt die über den Berg davon führenden Trittsiegel. „Es war, als hätten die Wölfe goodbye gesagt. Ich zündete im Schnee eine Kerze an für meinen Bruder, und für seinen Geist in jenen Wölfen. Die Drehkiefern waren gross und stark, und ihre hohen Kronen warfen einen flüchtigen Schatten auf mich und behüteten treu ein paar Alpenfichten. Ich brauchte das: Hier zu sein, wo die Felsen des Canyon mit kristallglänzenden Baumkronen und Wolfspacks zusammenkamen. Die Sonne stieg hinter den Granitgipfeln herauf, ich drehte mein Gesicht zu ihr hin. Dann holte ich meinen Sandwich hervor und war bereit, für immer an diesem Platz zu bleiben. Ich fühlte mich willkommen geheissen, gesund. Sauber und rein und ohne Probleme.“ (S. 184)

Die Passage wirft ein Licht auf das, was der regelgerechten Publikation über ein Forschungsprojekt nicht zu entnehmen wäre: Das Gespür für die Gegenwart des Geistes eines Ortes, und für die spirituellen Bindungen an die Natur. Eine Kerze im Schnee anzuzünden für den toten Bruder und seinen Geist in den Wölfen – das ist ein Ritual, dessen Berechtigung die meisten von uns Lesenden, so meine ich, nicht in Frage stellen werden, auch wenn es eher irgendwelchen heidnischen Praktiken entnommen zu sein scheint als dem gängigen kirchlichen Repertoire. Eine Beobachtung: Der Buchtext endet auf Seite 311, aber obwohl dieser Abschied von Kelly auf Seite 184 beschrieben wird, bleibt Kelly für den Rest des Textes durchgehend präsent, auch wenn sein Name nur noch hin und wieder fällt.

Grosse alte Bäume sind gewissermassen Knotenpunkte im Netzwerk des Waldes. Bei ihnen laufen die kräftigsten Mykorrhia-Bündel zusammen, und sie geben Bäumen, mit denen sie verbunden sind, vom eigenen Überfluss an Wasser und Glukose, was in Zeiten der Dürre für junge Pflanzen den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten kann. Noch nach Jahrhunderten, im Verlauf ihres manchmal Jahrzehnte dauernden Absterbens teilen sie ihre eigene Substanz restlos auf und bevorzugen dabei, wie Simard nachgewiesen hat, die Nachkommen ihrer eigenen Art. Das heisst nicht, dass für andere Arten, für das mit den Wurzeln verwobene Pilzgeflecht und Bakterien nichts übrig bliebe. Alle kriegen was ab, so dass der Tod des grossen Baumes einen Lebensschub für das Ganze des Waldes bedeutet.

Simard nennt diese den Wald tragenden Gestalten „Mutterbäume“. Das Wort wird manchen Botanikern womöglich allzu mütterlich erscheinen, selbst wenn sie dauernd mit Artnamen umgehen, die Menschliches und Allzu-Menschliches transportieren, wie beispielsweise der Name der von Linné selber so genannten Andromeda polifolia (Rosmarinheide). Bei seinen einsamen Fussmärschen durch Lappland hatte ihn die zarte Farbe an die Haut der schönsten Jungfrau (Andromeda) erinnert. In seinem Tagebuch notiert er dazu 1732: „Ich bezweifle, dass ein Maler imstande ist, auf das Bild einer Jungfrau solche Anmut zu übertragen und ihren Wangen solche Schönheit als Schmuck zu verleihen.“ (Carl von Linné: Lappländische Reise. Aus dem Schwedischen von Hans Carl Artmann. Frankfurt a. M.: 2. Aufl. 1977, S. 88) – Nur ein Beispiel aus einer grossen Zahl immer wieder ob ihrer Phantasie überraschender botanischer Artnamen. (Die vor der belustigten Reaktion des Publikums vor allem durch ihre lateinischen und griechischen Formulierungen geschützt sind, die kaum einer versteht.)

Dass Suzanne Simard sich selbst – im übertragenen Verständnis – als Mutterbaum sieht, erscheint Lesern wie mir plausibel nach allem, was sie von ihrem eigenen Leben erzählt. Umso plausibler, als das, was sie berichtet, für viele, vielleicht sogar für die meisten gilt, jedenfalls, was die Verbundenheit mit ihrer Familie und die Tiefe ihrer Freundschaften angeht, wahrscheinlich auch das Engagement für die Arbeit und die Frustrationen im Job, wobei sie wie viele Frauen mit jenem Sexismus zu kämpfen hat, der in typischen „Männerdomänen“ wie dem Forstbetrieb (jedenfalls in British Columbia, weit weg von Deutschland) immer noch tonangebend zu sein scheint. Dass sie auf ihrem ursprünglichen Blick auf die Dinge beharrt und die Verbundenheit des Ganzen des Waldes durch eine auf den ersten Blick nicht sichtbare, unterirdische Welt entdeckt, macht sie allerdings zu einer besonderen Erscheinung: Sie entspricht damit ganz der kontemporären Definiton (etwa bei Camus‘ „Pest“) des Heldenhaften als Handeln einer Person, die gegen Widerstände damit fortfährt, das zu tun, was sie als das Richtige begreift.

So wächst das Netzwerk, dessen Knotenpunkt sie als Mutterbaum ist, weiter als das des Umfelds von Familie, Freundschaft und Kollegialität, wie es die meisten von uns pflegen. Ihr Umkreis und Einflussbereich erweitert sich etwa durch die Zusammenarbeit mit den Ureinwohnern der amerikanisch-kanadischen Pazifik-Küste. Schon am Anfang ihres Buches berichtet sie vom indigenen Wissen über ein unterirdisches Kraft-Reservoir der Wälder, und gegen Ende des Buchs untersucht sie in Kollaboration mit Forscherinnen aus den „First Nations“ eine interessante Randerscheinung der herbstlichen Lachswanderungen: Über Jahrhunderte hin hatten die Heiltsuk- und Sinixt-Indianer Schleusenfallen aus Steinen in der Gezeitenzone der Flüsse errichtet, in denen die Lachse, die den Fluss zum Ablaichen emporziehen, bei ablaufendem Wasser gefangen waren. Die Indianer setzten die weiblichen Lachse mit ihren Rogen gefüllten Bäuchen oberhalb der Schleusen wieder ins Wasser und entnahmen den Rest. Auf diese Weise blieb die Population von pazifischen Lachsen erhalten. Als die Regierung die Indianer-Nation der Sinixt als ausgestorben erklärt und den Fischfang für jedermann freigegeben hatte, waren die Lachse nach zwei Jahren nahezu verschwunden. Die Fische werden nicht nur von Menschen, sondern auch von Bären und anderen Tieren in Massen gefangen und gefressen, und Reste werden von Wölfen und Adlern weiter in Innere der Wälder verschleppt. Da der Stickstoff im organischen Gewebe der Fische auch nach Aufnahme durch die Bäume in den Jahresringen der Sitka-Tannen und Zedern identifiziert werden kann, lässt sich der Eintrag – gewissermassen die Lachsdüngung des Waldes – vergangener Zeiten ermitteln. Der Organismus des Waldes speichert die Spuren der weisen althergebrachten Lachswirtschaft. Daten der Untersuchungen von Simards Team zeigen, dass der Zustand der Mykorrhiza-Pilzgemeinschaften mit der Zahl an Lachsen korrespondiert, die in ihre Geburtsströme zurückkehren. Man plant, die Auswirkungen eines Neuaufbaus der traditionellen Gezeitenfallen aus Steinschleusen auf die Gesundheit des Waldes zu untersuchen.

„Ich komme aus einer Familie von Holzfällern“, schreibt sie gegen Ende ihres Buches, „und ich habe nicht vergessen, dass wir Bäume brauchen, um zu leben. Aber mein Ausflug zu den Lachsen führte mir vor Augen, dass uns, wenn wir etwas nehmen, eine Verpflichtung zuwächst, auch etwas zurückzugeben.“ (S. 293) Sie führt den Spruch der Secwepemec an „Wir sind alle verwandt“ und das Prinzip der Salish „Wir sind eines“. Sie schreibt, dass sie von Subiyays Worten „verzaubert“ ist, der von Bäumen als Baumleuten spricht: Nicht, weil ihre Intelligenz und Spiritualität der unseren gliche, oder im Sinne eines „als ob“: als ob auch sie eine Art Leute seien: „Sie sind Leute. Baum-Leute. Ich gebe nicht vor, das Wissen der Ureinwohner völlig zu begreifen. Es entspringt einem Weg, die Erde zu kennen – einer Epistemologie – der vom Weg meiner eigenen Kultur abweicht. Es spricht vom Einklang mit dem Blühen der Bitterwurzel, dem Zug der Lachse, den Zyklen des Mondes. Vom Wissen, dass wir an das Land gebunden sind – an die Bäume und Tiere und Wasser und Boden – und aneinander, und dass wir die Verantwortung haben, uns um diese Verbindungen und Lebensquellen zu kümmern.“

(S. 294; Subiyay, 1944 – 2005, spiritueller Führer der First Nations am Pazifik, Angehöriger der Skokomish, ist auch unter dem Namen Gerald Bruce Miller bekannt. Sein „Teachings of the Tree People“ ist im Internet als Film zugänglich. Bitterwurzel: engl. bitterroot, Lewisia rediviva)

Inzwischen hat Suzanne Simard das Mother Tree Projekt gegründet, um das Gewebe der Waldgemeinschaft weiter zu untersuchen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren, durchaus auch als Einflussnahme auf die Waldpolitik der Regierenden. Dem Leitungsteam des Projekts – sie selbst ist Dirigentin – gehört auch Dr. Teresa Ryan Smhayetsk an, vom Gitlan Stamm der Tsimshian Nation. mothertreeproject.org ist allen zugänglich.

Ich habe diesen Text mit einem ein wenig veränderten Zitat aus dem Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen überschrieben, das den meisten bekannt sein dürfte. „And you want to travel with her“, heisst es da im Refrain. Im Fall von Suzanne Simard finden wir uns dazu eingeladen, wenigstens über die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet des Mutterbaum-Projekts im kostenlosen Abonnement informiert zu werden.

Ein Spaziergang in der Elbtalaue

Die untere Mittelelbe zwischen Wulfsahl und Damnatz, Blick vom niedersächsischen auf das gegenüber liegende mecklenburgische Ufer. Bei genauer Betrachtung ist die Viehherde (helle Charolais) rechts von der Mitte des Fotos in der Bucht neben der höchsten Weidenbaumgruppe zu erkennen.

Der Weg ist vertraut: Vom Deich durch die Auewiesen zum Fluss und dann am Ufer entlang stromauf bis in das Wäldchen hinein und zurück über den Kuhpfad auf der Bodenwelle zwischen den wassergefüllten Rinnen des Weidelandes. Bei meinem Bummelgang brauche ich dafür knapp zwei Stunden. In den letzten zwölf Jahren hab ich die Strecke sommers wie winters immer wieder abgeschritten. Heute ist ein warmer Junitag ohne Wind und voller Wolken, Mittagszeit. Ich klettere die Aussenseite des Deiches empor und stehe auf dem Radweg. Kein Mensch weit und breit. Vor mir erstreckt sich das Binnendeichgebiet der Elbtalaue, und ich bleibe eine Weile stehen, lasse meine Augen in die Ferne schweifen und versuche dabei, zu hören was zu hören ist.

Ziemlich weit hinten in dem durch verschiedene Grüntöne gestaffelten Vegetationsband leuchtet, immer wieder durch Uferbäume verdeckt, der helle Streifen des Flusses, und dahinter, schmal und dunkel, die Silhouette des Horizonts. Mir fallen Gespräche über Landschaften und Landschaftsunterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland ein: Wie oft habe ich gehört, dass man in der norddeutschen Tiefebene viel weiter sehen könne als im Bergland! Das deckte sich nicht mit meiner Erinnerung an den Ausblick auf ganze Landstriche mitsamt Wäldern und Dörfern, die sich im Gebirge auftun wie ein aufgeschlagenes Buch. Hier auf dem Deich sehe ich das Nächstliegende sehr präzise, aber erkenne doch auch, wie die Fläche meines Blickfeldes alles zusammendrängt, was ferner liegt. Das weiter entfernte wird gleichsam aufgestaut, und der Horizont schliesst den Ausblick mit einer freihändig, aber einigermassen waagerecht gezogenen Linie ab.

Der Geograph Johannes Gabriel Granö hat in seiner „Reinen Geographie“ (Helsinki 1929, ein vergessenes, aber interessantes Buch) gezeigt, dass die Zone des Nahbereichs beim Ausblick auf die Fläche eines Sees oder des Meeres die Strecke bis zur Hälfte der Horizontlinie einnimmt. Der Nahbereich reicht stets nur ungefähr 20 Meter weit. Eine Möwe, die in 20 Metern Entfernung auf dem Wasser schwimmt, befindet sich ziemlich genau in der Mitte zwischen Auge und Horizont. Den Rest der Strecke nehmen wir als immer stärker sich selbst stauchende und verdichtete Entfernung wahr.

Was aber hier auf dem Deich statt der exakten Registratur des Landes hervortritt, ist der sich darüber ausbreitende Himmel. Dem leuchtenden Bild der Himmelskuppel über flachen, niederen Landschaften kannst du nicht ausweichen. Und das schiere Volumen des Himmelsgewölbes informiert auch sozusagen den Rest. Das Land und der Himmel darüber beeinflussen miteinander unsere Aussicht. Heute dominieren Wolkenschaften aus weichen Nebeldunstgebilden. Leicht verliert man sich in den friedlichen Anblick ihres perlmutt- oder lachsfarbenen Schimmers.

Noch sind es zwei Kilometer bis zum Ufer des Flusses, und es läuft sich bequem auf dem Weg, vor allem dort, wo Passagen mit fein eingezeichneten Krakelé-Mustern bedeckt sind, – überall da, wo Lehmanteile im Sand überwiegen.

Schon nach vier oder fünf regenfreien Tagen trocknet die Schlammdecke an den Stellen, an denen die Wege im Binnengelände des Deiches nicht von Sand bedeckt oder von Gras überwuchert sind

Beim Gehen höre ich das familiäre Rufen von Kranichen, und meine Augen finden die Scherenschnittfiguren der unter den Wolken kreisenden Schar, die wie torkelnden Schwingen-Bewegungen der einzelnen Vögel beim Innehalten und Bremsen. Dann sehe ich, dass ein kleiner Trupp mit grauen Schwingen vor einer grünen Bodenwelle in einem verborgenen Wasserarm verschwindet, und schliesslich seh ich zwei, die als Paar eine Art Lufttanz aufführen: Weit oben abgesondert und winzig klein. Ich registriere den Schwan am Rand eines Wassergrabens, Graureiher, Silberreiher, Weissstorch, die laut singend sich emporschwingende Lerche, Gänse und Enten, stets im Plural, über Pappeln und Weiden oder auf Tümpeln, aus denen das unablässige Schnarren der Frösche heraus schallt und eine Art Hintergrund-Rhythmus liefert. Zu weit hergeholt wahrscheinlich, hier gleich eine Melodie zu vernehmen, aber das zusammen genommen, was meine Ohren hören und meine Augen sehen, stellt doch eine Art Gewebe dar, in das viele der hier lebenden Organismen ein landschaftstypisches Muster eintragen. Für sich wäre das schon als Teppich zu fassen, und wahrscheinlich braucht es dazu nicht einmal meine Wahrnehmung. Aber ich vernehme doch einen verhaltenen Anspruch, – etwas, das an mich adressiert ist, und es verstärkt meine Lust an diesem Gang. Aber der innere Monolog, der nicht abzustellende, findet überall ein Haar in der Suppe.

Auenland: Grasland

Ausgerechnet das wunderschöne Gras der Auenwiese, das dies ganze Beckengelände ausfüllt, diese unzählige Masse von Halmen aus blühenden Rispenschwengeln und grazilen Doldengebilden, liefert den Anlass zur Verfinsterung meiner Gedanken. Denn um diese Zeit des Jahres sind fast alle Wiesen fast überall längst gemäht und als Heubündel oder Futter fürs Silo abgefahren. Nur hier im innersten Bereich, in der Schutzzone des Biosphärenreservats, steht das Gras noch hüfthoch und bietet den erst vor Tagen geborenen Tieren noch eine schützende Vegetationsdecke. In einem Zeitungsartikel vom 4. Juni („Tod am Mähbalken“ EJZ S. 4) erfahre ich, dass trotz Abschreiten und Drohnen unterstützter Suche „jedes Frühjahr in Lüchow-Danneberg viele Rehkitze durch landwirtschaftliche Grasernte sterben“. Der Vorschlag legt sich wie von selber nahe, das Gras erst Mitte Juni zu schneiden, dann, wenn die jungen Tiere das Gelände verlassen haben. (Die neu „gesetzten“ Rehkitze flüchten noch nicht, sondern ducken sich nur instinktiv vor heranlärmenden Messerbalken und -kreiseln.) In der Zeitung steht, dass „die Landwirte das aber nicht können und wollen“. Aus wirtschaftlichen Gründen: „Alles, was wir auf der Wiese ernten, müssen wir nicht an Kraftfutter zufüttern“, wird eine Bäuerin zitiert. Am Ende des Artikels kommt die gleiche Person abschliessend zu Wort: „Und dass es trotzdem noch tote Kitze gibt, bedauert keiner mehr als wir Landwirte.“ Ich ahne die Giftigkeit des Geflechts, in das die Mehrzahl der Landwirte mit ihrer Arbeit geraten ist, und eine Spur Bitterkeit bleibt mir auf der Zunge.

Die letzten hundert Meter führt der Weg zwischen zwei Weideflächen hindurch zum Elbufer. Die Rinderweide rechterhand erscheint endlos, kein Tiere ist zu sehen, aber linkerhand drängen sich Pferde (Hannoveraner) im Schatten der Uferbäume.

Sie sind schön, die Färbung des Felles changiert bei einigen zwischen kastanienbraun und schwarz, man sieht unwillkürlich die 17000 Jahre alten Pferdebilder aus den Höhlen von Lauscaux vor sich. Aber der Fluss ist nah, das Ufer lockt und ruft.

Die Rinde der Baumstämme am Ufer ist von den Eisschollen lädiert

Der Streif zwischen dem Auenland und dem Wasser bietet eine neue Welt. Der Blick geht über die heute ungewöhnlich glatte Wasserfläche zum Ufer auf der andern Seite, fällt dann zurück auf die Sandfläche unter den Füssen. Zwischen den Buhnen (von Dresden bis Geesthacht sind in den 1880er Jahren mehr als 3000 Stück in den begradigten Flusslauf hineingebaut worden) lagert der Fluss seine Sandfracht ab. Der Sandstrand ist voller Spuren, Schleifspuren von Biber und Nutria, und Trittsiegel von Waschbär und Reh, mein Fussabdruck erscheint mir daneben recht plump. Ab und zu liegt da das vollständige Gehäuse einer toten Wollhandkrabbe. Pappeln und Weidenbäume schicken lange Ausläufer ihrer Wurzeln über den Sand ins Wasser. Die Stämme sind öfters an den Stellen borkenlos, an denen bei Eisgang die Schollen scheuern. Plattbauchlibellen schweben über den Riedgras- und Schilfstreifen, in denen auffallend viele Schösslingen der Flatterulme siedeln, und aus den Zweigen schallen laute Kadenzen, die ich sonst nicht zu hören kriege. Diese Abfolge von Trillern, Schluchzern, Rufern, Piepsern, Seufzern und Anspielungen von Tonfolgen aus der klassischen Musik (Beethovens neunte) ist mir doppelt verschlossen: Weder vermag ich zu bestimmen, welcher Vogel singt (ob es nicht doch der Teichrohrsänger ist?), noch kann ich das ganz Andere dieser Musik „verstehen“ wie ich sagen wir Antonio Vivaldi oder Paul Desmond verstehe. Die Unzugänglichkeit sitzt tief und ist womöglich nicht überwindbar. Selbst einem wie David Rothenberg, der die Nachtigallen in Berlin mit seiner Klarinette begleitet hat, ist ihre Art des Musizierens am Ende fremd geblieben. (David Rothenberg: Stadt der Nachtigallen. Berlins perfekter Sound. Hamburg: Rowohlt 2020) Vögel sind wie andere Kontinente, vielleicht kommt mal einer wie König Salomo oder der Heilige Franz, der sie wirklich zu verstehen vermag. Und doch ist der Vogelgesang auch eine Wohltat und ein Trost, und das nicht nur für mich. Trotz all der unüberwindlichen Andersheit spricht uns das Trillern und Pfeifen an und diese in Schluchzer mündende Tonfolge. Ist es nicht eines unserer Privilegien auf dieser Erde, dass uns der Gesang der Vögel durch den Sommer begleitet? Das alles entzieht sich dem Verstand: Logische Widersprüche, wohin man schaut! Und wer soll diese Widersprüche lösen, wenn nicht wir selber, die wir mit ihnen leben, und das gar nicht schlecht?

Im Uferschilf
Trittsiegel im Ufersand: Waschbär, Hund (Wolf?) und Reh
Das Wurzelwerk einer alten Uferweide: Sie hält den Uferboden fest und verwandelt ihn gleichzeitig mit Hilfe von Pilzen in eine organische Substanz, die Nährstoffe herstellt und transportiert

Hier nun als nächste Attraktion die Biberburg, eine Anhäufung von Ästen in der Achsel zwischen Buhne und Sandstrand, darunter versteckt der Zugang zum Wasser: Ich nähere mich so leise ich kann, in meiner Erinnerung sehe ich den flachen Kopf so weit aus dem Wasser der Elbe herausragen, dass die Augen des Bibers mich aufmerksam verfolgen, bis er plötzlich wegtaucht. Ich war lange nicht hier. Die Burg ist verlassen, der Haufen von Ästen hat seine feste Gestalt verloren und beginnt, sich aufzulösen. Keine Schleifspur, kein Trittsiegel auf dem Sand, keine Frassspur an Zweigen und Baumstämmen.

Reste der Biberburg

Oben auf der Uferkante liegt der mächtige Weidenstamm, den das Tier im vergangenen Jahr gefällt hat. Deutlich die Schnittspuren seiner Zähne, aber schon halb verdeckt vom Grün der diesjährigen Vegetation.

Weidenstamm, vom Biber im Vorjahr gefällt

Wenige hundert Meter weiter stromauf wechselt die Landschaft, man betritt eine neue, ganz anders dekorierte Kulisse, in der die Erinnerung an die Weichholzaue tonangebend wirkt, -der Weichholzaue, die mit ihren Weiden- und Pappelbäumen einst den noch ungezähmt mäandrierenden Elbstrom mit seinen vielen Wasseradern ausfüllte. Drusus, der Sohn des Kaisers Augustus, war vor zweitausend Jahren irgendwo in dieser Gegend mit seinen Legionären an die Elbe geritten und kehrte angesichts des stellenweise zwanzig Kilometer breiten Weichholzdschungels um. Das Wäldchen aus Weidenbäumen im Ufersand, in das ich hier gerate, ist nur ein zahmer Abglanz der alten Wildheit, nur noch hübsch und dekorativ.

Uferwäldchen aus Weidenbäumen

Und hier finde ich neue Spuren vom Biber: Direkt an der Wasserlinie hat er zwei Bäume gefällt. Sollte der Traum von Naturfreunden in der Elbtalaue wahr werden, und sollte die Elbe, nachdem sich die Schiffahrt ja erwiesenermassen nicht mehr rechnet, ein Gebiet werden, in dem der ursprüngliche Zustand der Natur wieder Einkehr halten soll: Der beste und tüchtigste Verbündete wäre da der Biber. Strategisch würde er grosse Bäume so fällen, dass sie beim nächsten Hochwasser Sperren bilden, hinter denen neue Wasserzonen entstehen. Er würde Flachwasserbereiche schaffen, ideale Laichgebiete für Fische, und Vegetationsinseln herstellen, ideale Brutgebiete für Vögel. Die Renaturierung der Elbe wäre ein dicker Brocken, aber ein Trupp fleissiger Biber könnte diese Aufgabe bewältigen, wenn man sie nur gewähren liesse und ihnen ein paar Jahrzehnte Zeit zugestehen wollte.

Zwei vom Biber gefällte Weidenstämme am Elbufer

Mein Weg stromauf führt jetzt durch eine Art Hain mit grossen Bäumen: rechts, fünfzig Meter vom Ufer, ein Wall, vielleicht der alte, direkt am Fluss gelegene und immer wieder bei Hochwasser überflutete Deich, gekrönt von einem Kamm aus mächtigen Eichen, darunter Buschwerk, Schwarzdorn, Weissdornverhaue, und in der Senke zum Ufer hin hier und da ein Wasserloch, drumherum Berge von Schlackensteinen von der gleichen Art, aus der die Buhnen aufgeschüttet wurden. Rötlich blühender Beinwell und gelbblühender Senf, von Wolfsmilch besiedelte Flecken und vom Verhauen des Buschwerks her die melodiösen Verlautbarungen von Nachtigallen. Auf dem Wall ein toter Baum mit silbergrauen Ästen und da, direkt von meinen Füssen, eine Adlerfeder im Sand.

Wäre dies nicht ein Bericht, oder jedenfalls ein realitätsgläubig und tatsachenorientiert verfasster Text, sondern ein fantasievolles Narrativ, so wäre es gerechtfertigt, diesen Stolperstein von einer Passage als übertrieben zu bezeichnen, als an den Haaren herbeigezogen oder kitschig. Aber in der Wirklichkeit unserer Erfahrung können Dinge passieren, die mit den Mustern unserer literarischen Bildung nicht übereinstimmen. Die Feder ist riesig, dunkel, im unteren Bereich von einem Büschel weisser Daunen umspielt, entlang dem Kiel mit zwei angedeuteten langen helleren Flecken markiert. Die Bilder, die ich mit der alten Nikon aufnehme, sind unscharf, vielleicht bin ich zu aufgeregt. Ich werde den Federfund eh zu Hause scannen. Dass es sich um eine Adlerfeder handelt, ist angesichts ihrer majestätischen Erscheinung unverkennbar.

Mein Federfund: 30 cm lang, 6 cm breit. Die hellen Längsstreifen sind helle Farbflecken, keine reflektierenden Stellen

Mir fällt Günter Eichs Gedicht vom Eichelhäher ein, mit der Frage nach dem Sinn des Ganzen, die ihn umtreibt, und der Abschluss mit dem unglaublich gekonnten Reim: „Der Häher warf seine blaue/ Feder in den Sand/ Sie liegt wie eine schlaue/ Antwort in meiner Hand“. Ich denke an die Hauben aus Adlerfedern, die ich vor Jahrzehnten bei dem Powwow der Crow Indianer in Montana bewunderte, und an einen Text von Linda Hogan, den ich vage im Gedächtnis habe. Zu Hause dann das Buch der Indianerfrau mit dem Feder-Kapitel und der Passage: „Im Traum sagte ich ‚Schau nach oben‘, und wachte vom Klang meiner eigenen Stimme auf. Vor dem offenen Fenster meines Zimmers flog ein grosser Weisskopfadler vorüber. Seine dunklen Augen betrachteten mich, bevor er sich emporschwang und im Aufwind über das Hausdach segelte. Ich sprang auf und rannte barfuss raus, um seinen Flug zu verfolgen. Wenn ich euch sagen würde, dass der Adler verschwunden war, dass aber auf der Strasse eine Feder lag, würdet ihr es wahrscheinlich nicht glauben. … Aber an jenem Tag meines Traumes, lag eine Feder da. Die Gabe des Adlers, sanftweiss mit einer dunkleren runden Spitze, lag vor mir auf dem Boden.“ (Linda Hogan: Dwellings. A Spiritual History of the Living World. New York: Simon & Schuster 1995, S.16)

Ich bin nicht sicher, ob ich meinen Federfund als eine „Gabe“ betrachten kann: Sie ist auf einer Seite lädiert, da ist eine Lücke, als ob ein Stück der Federfläche herausgehackt oder abgebissen wurde. Möglicherweise mit Gewalt ausgerissen. Und doch lässt der glückliche Fund mir meinen Rückweg über die Prärie leicht werden, und gibt mir das anhaltende Gefühl unadressierter Dankbarkeit.

Mein Weg biegt jetzt nach rechts oben ab, weg vom Fluss, den Damm hinauf. Hinter dem Gürtel aus mächtigen Eichen und dichten Hecken öffnet sich die weite Prärie des Deichvorlands. Ich nehme den von Kühen angelegten Pfad, der mich auf dem Kamm der Bodenwelle in einer Schleife zurückführt. Mit zunehmender Entfernung von Büschen und Bäumen hört der Vogelgesang in den Ohren auf, auch das Summen der Autoreifen dringt von der weit entfernten Strasse nicht hierher, kein Flieger am Himmel, nur die Sonne, die sich aus den Wolken herausschält, es ist windstill, Mittagszeit, die Stunde, in der Pan schläft. Der schmale Wiesenpfad ist fest, er geht sich gut. Ich schreite in die weite Stille hinein.

Der innere Monolog meldet sich. Ein Memo zu den Dioxin- und Quecksilberablagerungen in den Sedimenten unter dem Gras, hierher gebracht über Jahrzehnte, eingelagert in den angeschwemmten Böden und remobilisiert mit jeder Flut. Ja, ich weiss, dass ich über dichtgepackte Giftschichten gehe. Aber in dieser Stunde schrillen keine Alarmsirenen. Dies ist nicht die Zeit, um „wokeness“ zu zeigen für die Gefahr der Unbewohnbarkeit der Erde. Dies ist die Zeit, die Grosszügigkeit der Welt hier in diese grandiosen Auenland-Natur zu loben.

So geh ich im Grasland, gedankenlos und zufrieden, die Feder in der Hand. Ein Kuckuck hebt zu rufen an und scheint die weite Aue „einzuwiegen im friedevollen Gleichklang seiner Klage“, wie Mörike formuliert hat. Als die Büsche und Bäume an den Wasserrinnen näher rücken, fallen zwei, drei Nachtigallen ein, und dann flattert aufgeregt ein Fasanenhahn dicht über den Saum von schwankenden Gräsern.

Der Wiedehopf in alten Mythen und aktuellen Träumen

Wiedehopf, Upupa epops (Wiki Commons)

Ende Mai, viel zu kühl und nass für unseren Geschmack, aber die Vegetation färbt das Land grüner als je zuvor, und die Vögel weben einen Stimmenteppich, der in diesem Jahr besonders viele Nachtigallen-Kadenzen enthält. Und vor einer Woche mischte sich dann dies unerhörte „hup-hup-hup“ hinein. Elisabeth hörte es zuerst und meinte, es sei das seltsame Bellen eines seltsamen Hundes. Aber dann sah sie den Vogel auf dem alten Birnbaum, die auffälligen schwarzweissen Bänder auf den Flügeln und die Federhaube: Wie ein Indianerhäuptling. Seither hören wir ihn täglich. Er treibt sich hier herum, ist vielleicht dabei, sich für die Nistzeit hier anzusiedeln. Uwe sagt, er habe zwei verschiedene aus verschiedenen Hörwinkeln gleichzeitig rufen hören. Er kenne den Vogel aus Portugal. Ein Allerweltsvogel sei der da. Und hier erscheint er uns als Sensation, so selten taucht einer auf. Heinrich, der 91 Jahre hier gelebt hat, kann sich nicht daran erinnern, je einen Wiedehopf gesehen zu haben.

Die Namen des Vogels malen, so wikipedia, meistens sein Rufen nach, das lateinische Upupa wie das griechische epops der ornithologischen Bezeichnung, das englische Hoopoe und das arabische hudhud. Sogar im deutschen „Hopf“ scheint es anzuklingen. Die Art ist weit verbreitet, auch wenn sie die warmen Länder um das Mittelmeer bevorzugt. Der Vogel war noch vor 70 Jahren in Deutschland häufig. Ich erinnere Wanderungen mit meinem Grossvater in den Fuldawiesen und die hohlen Kopfweiden, aus denen es stank, weil Wiedehopfweibchen ihr Nest unter Einsatz einer Stinkdrüse verteidigen. Inzwischen, so die Bestandsaufnahme des NaBu, sind in Deutschland nur noch 310 bis 460 Brutpaare zu finden, während in Polen zwischen 10.000 und 15.000 Brutpaare siedeln. Ursache des Rückgangs hierzulande ist die flächendeckende Ausbreitung der sog. intensiven Landwirtschaft. Sie verändert die Gestalt des Landes und besorgt durch hohe Pestizideinträge das Verschwinden der Insekten (Hauptnahrung des Wiedehopfes).

Wahrscheinlich liesse sich berechnen, wie lange es dauert, bis die Zahl der Brutpaare in Polen auf das Niveau Deutschlands zurückgefallen sein wird. Offenbar handelt es sich um eine Variante der längst vertrauten Geschichte vom Artensterben im Anthropozän. Wir können dabei zuschauen, wie der Lebensweg dieser besonderen Spezies allmählich ausläuft. Kürzlich stiess ich in einem Buch über den Rhein auf die Fotografie eines Wiedehopf-Fossils. Der Kommentar macht deutlich, wie viel länger seine Art die Erde bewohnt als wir Menschen. 47,8 Millionen Jahre alt ist der Ölschiefer der Grube Messel bei Darmstadt, wo der mit unheimlicher Präzision bewahrte Wiedehopf-Rest zutage gebracht wurde. Seien wir beim Vergleich mit unserem eigenen Wesen grosszügig, greifen wir ein besonders bekanntes der ältesten Belege auf: „Lucy’s“ Skelett repräsentiert den Australopithecus afarensis, unseren auf Bäumen lebenden fernen Vorfahr, meist als „Affenmensch“ bezeichnet. Dieser Urahn lebte vor 3, 18 Millionen Jahren in Ostafrika. Homo sapiens in seiner archaischen, dem Homo erectus noch nahen Gestalt erscheint dort vor 500.000, und in seiner moderneren Gestalt erst vor 200.000 Jahren auf.

Fossil eines dem Wiedehopf ähnlichen Vogels (Messelirrisor grandis) aus dem Ölschiefer der Grube Messel: heraus präpariert 47,8 Millionen Jahre alt (Foto aus: Hans Jürgen Balmes: Der Rhein, Biographie eines Flusses, Bild 8, nach Gruber, G., Micklich, N. (Hrsg.): Messel – Schätze der Urzeit. Darmstadt: Hessisches Landesmuseum 2007, S. 131)

Wenn der Wiedehopf ausgestorben wäre, ginge nicht nur sein Beitrag im ökologischen Gewebe verloren (das „Dienstleistungsäquivalent“, im Öko-Jargon das, was seine Spezies direkt und indirekt zum physischen Erhalt der Gesellschaft beiträgt), sondern allmählich aber unwiederbringlich auch das mit seinem Namen verbundene Geflecht von Geschichten, die seit Jahrtausenden unsere kulturelle Welt bereichern.

Diesen Faden aufzugreifen und hier ein wenig fortzuspinnen reizt mich eher, als eine neue Variante des deprimierenden Narrativs vom Artensterben auszubreiten, zumal in alten Geschichten jener Hang zum Optimismus steckt, der die stärkste Kraft unserer Spezies ausmacht.

Höre ich das Wort „Wiedehopf“, sehe ich die Felder in der Nähe von Al Jandawil vor mir, einem Vorort der Stadt Amman, dem alten Philadelphia, im heutigen Jordanien, wo ich wohl ein halb Dutzend Male für jeweils ein paar Wochen gelebt habe. Ein Weg führte um die – damals in den Jahren um die Jahrtausendwende – noch unbebauten Liegenschaften, und ich ging dort fast jeden Tag meine Runde. Es gab eine felsige Kante, die einen weiten Ausblick über das Land bot, und überall den lehmigen, extrem fruchtbaren Boden, der mit Steinen und Felsbrocken übersät war, aber im Sommer kräftiges Getreide hervorbrachte, das mit Sicheln von ägyptischen Wanderarbeitern Handvoll für Handvoll zwischen den Steinen abgesichelt und zu Bündeln gebunden wurde, und es gab – zu jeder Jahreszeit – Scharen von Wiedehopfen, die auf den Feldern herumsuchten oder mit ihrem schmetterlingshaften Gaukelflug über die breiten, mit Tausend blutroten Mohnblüten abgedeckten Feldränder taumelten.

Der Job in Jordanien verlangte u.a. den Entwurf von Lehreinheiten für „Environmental Literacy“. Dabei fiel mir auf, dass Kollege Qasem Al Shannaq den Wiedehopf immer wieder ins Spiel brachte (beim Thema „Energieströme in Nahrungsnetzen“ wie bei „Einflüsse der Landschaftsmorphologie auf Verhaltensmuster“). Er erzählte mir die Geschichte von der „Konferenz der Vögel“, in der selbstverständlich der Wiedehopf die Rolle des Anführers spielt, und machte mich neugierig, die Sure über Salomon – „Suleyman“ im Arabischen – dessen Wiedehopf-Botschafter und die Königin von Saba im ehrwürdigen Koran selber nachzulesen. Für Qasem war der Wiedehopf eine mythische Gestalt und die Wiedehopf-Geschichten gewannen in seiner Darstellung eine seltsam präsente Wirkung, als ob sie tiefe Wahrheiten enthielten, die anders nicht zur Sprache zu bringen seien.

Die Königin von „Reicharabien“ besucht nach der biblischen Überlieferung (1. Könige 10 und wortgleich 2. Chronik, 9) den legendären König Salomon, stellt ihm Fragen, die er klug und weise beantwortet, zeigt sich von Reichtum und Macht seiner Herrschaft beeindruckt, tauscht Geschenke mit ihm aus und hinterlässt offenbar viel mehr, als sie selbst empfängt. Im Koran wird diese Geschichte einer Soft-Power-Überwältigung zur Geschichte einer Unterwerfung ausgestaltet (27. Sure), bei der die Sonnenanbeterin Balquis (muslimischer Name der Königin von Saba) durch Suleymans Raffinesse, letztlich jedoch durch die überlegene Macht Allahs bezwungen wird. Dabei spielt der Wiedehopf den entscheidenden Part des Initiators und Vermittlers. Wir sind Zeuge der Szene, in der Suleyman, dem ausser untergebenen Menschen auch die Dschinn (Geister) zu Diensten sind, und der die Sprache der Vögel spricht, zornig wird auf den Wiedehopf, der nirgends zu finden ist. Aber der Vogel hat seinerseits einen Auftrag für Suleyman: „Ich gewahrte, was du nicht gewahrtest, und ich bringe dir von Saba gewisse Kunde. Siehe, ich fand eine Frau über sie herrschend, der von allen Dingen gegeben ward, und sie hat einen herrlichen Thron. Und ich fand sie und ihr Volk die Sonne anbeten an Stelle Allahs; und ausgeputzt hat ihnen der Satan ihre Werke und hat sie abseits geführt vom Weg, und sie sind nicht recht geleitet. Wollen sie nicht Allah anbeten, der zum Vorschein bringt das Verborgene in den Himmeln und auf Erden, und welcher weiss, was sie verbergen und offen kund tun?“ (Der Koran. Übersetzung a.d. Arabischen Max Henning. Leipzig: Reclam o. J.) Der Wiedehopf überbringt Balquis das Schreiben Suleymans mit der Herausforderung zum Kräftemessen. Sie antwortet mit einem Geschenk, aber die Rolle des Wiedehopfes ist damit schon am Ende. Der Vogel hat mit dem anschliessenden Raub ihres Thrones, mit ihrem Besuch und ihrer Unterwerfung, dem Glaubensbekenntnis zu Allah, nichts mehr zu schaffen.

Hoffentlich ist es für fromme Muslime nicht unerträglich, wenn man ihren heiligen Koran als Maschine zur Erzeugung weiterer Geschichten und Legenden betrachtet, aber tatsächlich gibt es darin wohl kaum einen Vers, der die Phantasie nicht beflügelt und nicht zu weiter verästelten Erklärungen in Geschichtenform geführt hätte. Die Königin von Saba ist wie Suleyman besonders populär, und in dieser Aura gewann der Wiedehopf als Königs-Bote in den islamischen Ländern Popularität und Ansehen. Im Persischen heisst er morgh-e Soleyman: „Salomonvogel“.

Es ist interessant, dass dieser Vogel, der ja in der biblischen Fassung der Geschichte von Salomo und der Königin von Saba gar nicht vorkommt, im Jahre 2008 in Israel zum öffentlichen „Nationalvogel“ gewählt wurde. Der Journalist Jonathan Rosen kommentierte diese Wahl und die ihr vorangegangenen Diskussionen in der Tageszeitung Haaretz mit einem schönen Text: „Die Israelis, die den Nationalvogel gewählt haben – darunter Kinder, Soldaten, Akademiker und Knesset-Abgeordnete –, lehnten die Wahl eines Raubvogels (vor allem des vom Aussterben bedrohten Gänsegeiers) ab, da sie nicht an einem kämpferischen Image interessiert waren. Und auch die Eule wurde abgelehnt, da sie nach arabischem Glauben Unglück bringt. Die Idee, dass Vögel als Boten in einer geschundenen Welt fungieren können – wie die Taube und der Rabe, die von Noah ausgesandt wurden –, hat Israels Entscheidung motiviert, als Teil des Gedenkens an die Staatsgründung vor 60 Jahren einen Nationalvogel anzunehmen. Auf Hebräisch lautet der Name des Vogels ‚duchifat‘, auf arabisch ‚hud hud‘. Und sein englischer Name ‚hoopoe‘ klingt, wie Emily Dickinson bemerkt hat, nach ‚hope‘ (Hoffnung).“ (Jonathan Rosen, Haaretz, 13. Juni 2008, zitiert nach wikipedia)

Vielleicht bilden die verschiedenen Spielarten der biblisch-koranischen Geschichte insgesamt ein eigenes Gebilde, ein eigenes Wiedehopf-Syndrom. Aber möglicherweise übertrug Mohammed das Image des Vogels aus einem viel älteren Kontext in die Koranfassung der Bibelgeschichte hinein. Es ist nicht auszuschliessen, dass er Aristophanes` Komödie „Die Vögel“ kannte.

Dies satirische Stück wurde erstmals 414 v. Chr. in Athen aufgeführt. Es könnte aber wie andere altgriechische Texte im Persischen und Arabischen Kulturraum wohl über tausend Jahre hin aufgehoben worden sein. Bei Aristophanes ist der Wiedehopf König der Vögel, die sich mit Unterstützung zweier zwielichtiger Athener und des ehrgeizigen Titans Prometheus daran machen, die Weltherrschaft zu erobern, die sie angeblich einst schon einmal innehatten. König Wiedehopf hat eine üble Vorgeschichte. Die Zuschauer von Aristophanes` Stück kannten diese Geschichte womöglich aus einem Drama des Sophokles mit dem Titel „Tereus“, das seither schon lange verschollen ist, oder sie waren mit dem folgenden Mythos von Tereus, Prokne und Philomela vertraut, einer entsetzlichen Geschichte, die uns vor allem aus Ovids Nachdichtung im sechsten Teil der „Metamorphosen“ überliefert ist, jenem Buch voller Geschichten der Verwandlung von Menschen in Pflanzen und Tiere:

Tereus, König der Thraker, verheiratet mit Prokne, Tochter des Königs von Attika, holt auf Verlangen seiner Frau deren Schwester Philomela nach Thrakien. Er führt sie in ein abgelegenes Versteck, wo er sie vergewaltigt. Sie schreit, er schneidet ihr die Zunge heraus. Seiner Frau Prokne erzählt er, Philomela sei unterwegs gestorben, und er fährt fort damit, ihr weiter Gewalt anzutun. Philomela webt ihr Leid als Botschaft in ein Tuch, das eine Dienerin zu Prokne bringt. Prokne liest die Botschaft des Tuches und befreit Philomela. Die beiden Schwestern sinnen auf Rache, schlachten und kochen den vierjährigen Sohn von Tereus und Prokne, und setzen das Fleisch Tereus zum Essen vor. Dann erscheint Philomela und wirft ihm den Kopf seines Sohnes ins Gesicht. Im Klagegeheul des Vaters, der Mutter, der an Leib und Seele verstümmelten Schwester verwandeln die Götter Prokne in eine Schwalbe und Philomela in eine Nachtigall, aber Tereus in einen Wiedehopf.

Philomela, die ohne Zunge, erscheint in der romantischen Dichtung öfters als Synonym der Nachtigall, deren Gesang ja manchmal an eine triumphierende Klage erinnert; und „Progne“ ist der biologische Gattungsname von neun amerikanischen Schwalbenarten. Wieso wird aber der Übeltäter, dessen Lust und Brutalität die Rachekette ausgelöst hat, in einen Wiedehopf verwandelt? Ovid vergleicht den langen Schnabel des Vogels mit einem krummen Schwert, womöglich war auch der Gestank der Wiedehopfnester Anlass. Jedenfalls blieb der Schatten des königlichen Verbrechers Tereus an diesem Vogel hängen, und dass Aristophanes ausgerechnet ihn zum König der Vögel macht, ist ein ziemlich deftiger satirischer Schachzug.

Die vielleicht tiefsinnigste und schönste Wiedehopfgeschichte stammt von dem persischen Dichter Fariduddin Attar. Sie ist unter dem Namen „Die Vogelgespräche“ oder „Die Konferenz der Vögel“ bekannt. Attar („der Apotheker“, 1145 – 1221 in Nishapur, Khorasan, Persien), einer der grossen Sufi-Meister, schildert in einem langen Gedicht, wie der Wiedehopf, weisester der Vögel, die ganze Vogelschar dazu überredet, den Führer zu suchen, der ihnen fehlt. Dessen Name sei „Simorgh“, und auf der beschwerlichen Reise gelte es, sieben Täler zu überwinden. Tausende machen sich mit dem Wiedehopf auf den Weg.

Buch-Illustration zu Attars „Gespräch der Vögel“ – der Wiedehopf (Bildmitte rechts) überredet die Vögel, den Simorgh zu suchen. Ca. 1600, Safavid, Iran (Isfahan),gedeckte Aquarellfarbe, Tinte, Silber und Gold auf Papier, 25.4 x 11.4 cm; http://www.metmuseum.org/art/collection (hier nach wiki commons)

Schon im ersten Tal, dem Tal der Suche, bleiben viele auf der Strecke; es gelingt ihnen nicht, die Illusion dogmatischer Vorstellungen hinter sich zu lassen. So geht es weiter im Tal der Liebe, wo sich der Verstand als Illusion gegenüber der Liebe erweist, im Tal der Erkenntnis, wo die Unbrauchbarkeit alles Wissens erkannt wird, im Tal der Genügsamkeit, wo das Verlangen nach den Dingen als Irrweg entlarvt wird, im Tal der Einheit, wo die Reisenden erkennen, dass alles zusammenhängt, im Tal des Staunens, wo die Reisenden erschüttert finden, dass sie nie etwas verstanden haben, und schliesslich im Tal der Auflösung, wo das Selbst im Universum verschwindet. Am Ende sind nur noch 30 Vögel übrig geblieben.

Die iranisch-amerikanische Dichterin Sholeh Wolpé hat das lange Gedicht übersetzt („Conference of the Birds“ Norton 2017) und dazu bemerkt: „Als die Vögel die Beschreibung der Täler hören, lassen sie furchtsam die Köpfe hängen; einige sterben sogar vor Angst auf der Stelle. Aber trotz ihrer Ängste machen sie sich auf die grosse Reise. Unterwegs verdursten viele, andere kommen wegen der Hitze oder einer Krankheit um, und andere werden zur Beute wilder Tiere ihrer eigenen Panik und Gewalt. Am Ende gelangen nur 30 Vögel zum Aufenthaltsort Simorghs, und dort lernen sie, dass sie selbst der Simorgh sind. Auf Persisch bedeutet „Simorgh“ dreissig (si) Vögel (morgh). Sie begreifen die Majestät des gesuchten Führers als Sonne, deren Licht in einen Spiegel fällt: Wer hineinschaut, sieht nur sich selber.“

Dass Gott nur eine Illusion ist, und dass im Lauf des Lebens der einzelnen wie unserer ganzen Art immer deutlicher hervortritt, dass wir selber für uns und unser Tun verantwortlich sind, ist kein neuer Gedanke. Gotthold Ephraim Lessing hat ihn in seiner kleinen Schrift „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ vorgetragen (für das christlich geprägte, aber nicht mehr blind gläubige Publikum der Aufklärungszeit am Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland). Noch näher liegt die Übertragung der Lehre des Simorgh auf die säkulare Gesellschaft: Liefert Attars „Konferenz der Vögel“ nicht eine schöne Begründung demokratischer Muster?

Der Wiedehopf, der sich am Ende der Fabel selbst überflüssig macht, bleibt mir im Sinn. Es ist wahrscheinlich eine Marotte, aber ich denke oft an Israel und fühle mich von dem Schlamassel beim Zusammenleben von Juden und Arabern sozusagen persönlich betroffen, und da finde ich das Symbol vom Image des Wiedehopfes in meinen Träumen tröstlich.

Einmal traf ich an der Universität Irbid den Biologen Dr. Sabbatini, einen von vielen palästinensischen Gelehrten an arabischen Hochschulen. Peinlicherweise begrüsste ich ihn mit „Shalom“. Vielleicht lag es an den ghettoartigen Flüchtlingslagern, die ich bei der Autofahrt nach Irbid gesehen hatte. Der Anblick hatte mich daran erinnert, dass drei Millionen von den zehn Millionen Einwohnern Jordaniens aus Palästina vertriebene Flüchtlinge sind, und die Vorstellung hatte eine Kette von Assoziationen ausgelöst, die mir vielleicht das „Shalom“ auf die Zunge legte. Dr. Sabbatini lachte: Das sagen die Israelis, – und ich beeilte mich, ein „Salaam“ (mit besonderem Nachdruck) nachzuschieben, und mich mit der Ähnlichkeit der beiden Wörter herauszureden. Wir waren unter vier Augen, und er griff meine Ausrede freundlicherweise auf. Die Ähnlichkeit der Sprache sei nicht alles, sagte er. Auch die Geschichte sei überraschend ähnlich. Was den Juden widerfahren sei, Vertreibung und Zerstreuung über die Welt, das sei auch ihnen, den Palästinensern genau so ergangen. „Wir sind die neuen Juden der Welt“, sagte er. Selbst die Neigung zu intellektuellen Tätigkeiten wiederhole sich, an arabischen Universitäten würden überproportional viele palästinensische Lehrer arbeiten. Und die alte jüdische Sehnsucht nach Jerusalem werde von der neuen palästinensischen Sehnsucht nach al-Quds abgelöst.

Gestern las ich in der „New York Times“, dass in Israel junge Juden zusammen mit jungen Arabern gegen die Regierungspolitik öffentlich gemeinsame Proteste veranstalten. Da kommt, so meine ich, die Aktualität der Vorschläge zum Vorschein, die von den frühen jüdischen Siedlern vor nicht ganz hundert Jahren vorgetragen wurden. Ich denke an Martin Buber, dem das Zusammenleben von Juden und Arabern als einzige Option erschien. Wäre es nicht einen Versuch wert gewesen? Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Träume haben immer Saison. Der Nationalvogel Wiedehopf möchte sich als Gefährte bei der Suche nach dem Simorgh entlarven.

Nach Peter Sís: Die Konferenz der Vögel. Aus dem Englischen von B. Jakobeit. Hamburg: Aladin Verlag 2013

Übrigens ein Buch mit wunderbaren Bildern: Die Übersetzung von Attars „Die Konferenz der Vögel“ durch Peter Sís, übersetzt aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, erschienen im Aladin Verlag, Hamburg 2013. Sís zeigt unter anderem, wie sich der Dichter Attar in den hier abgebildeten Wiedehopf verwandelt.

Visionen des Wilden in unserer gezähmten Welt

Uhufeder, Fundstück von den Elbwiesen

Manchmal blitzt das Wilde auf wie das Gold im Fell des Bären aus dem Märchen von Schneeweisschen und Rosenrot: Unverhofft aber doch nicht völlig unerwartet. Im Wildpark Eekholt hatten meine Enkelkinder Louisa und Daniel vor allem den Klettergarten erkundet. An den in ihren Gattern dösenden Wildschweinen und Rehen und an den Volieren, wo grosse Vögel in den Winkeln wie ausgestopft kauerten, zeigten die beiden nur mässiges Interesse. Am hinteren Ende des Parks bei der Picknick-Anlage mit Holzbänken und Holztischen kam eine junge Frau mit ledernen Stulpenhandschuhen aus dem Eulenhaus. Sie trug einen riesengrossen Uhu auf der Hand und setzte dies Wesen auf die Querstange des Geländers rechterhand, sagte, wir sollten bitte nicht stören und schritt dann zur linken Seite hinüber, durch Reihen hölzerner Hochtische und Bänke hindurch. Nach etwa 20 Metern hielt sie inne und wandte sich um. Das Uhuweibchen hockte vollkommen reglos auf dem Geländer. Zwischen dem Vogel und dem ausgestreckten Arm der Frau standen die hohen Tische wie Hindernisse. Aber im selben Augenblick, als die Falknerin eine zappelnde Maus am Schwanz emporhielt, fiel der Nachtgreif von der Stange, umfuhr mit einer einzigen Bewegung wie ein dunkler Gedanke die hölzernen Gestelle und ergriff die Maus aus dem Lederhandschuh der Menschenhand. Das komplexe Bewegungsmuster war von unheimlicher Präzision, lief wie im Handumdrehen aus einem Guss und war in Sekundenbruchteilen passiert.

Kürzlich erschien ein ökologisch zuversichtliches, den Wasserläufen des Odenwalds gewidmetes Buch. Ich entnehme eine Passage über die Bewegungen einer jagenden Forelle. Der Verfasser Torsten Schäfer hat den Abschnitt mit „Gepardenforelle“ überschrieben:

Wie ein gelbgrüner Sternenschweif ist sie unter der Brücke hervorgeschossen, knapp unter der Brotflocke vorbei, die ich herabgeworfen hatte, in unglaublichem Rasen unter Wasser, aus dem sie dann nach einer blitzartigen Drehung kurz herausschiesst, um das Stück zu packen, sich dann aber in der gleichen Bewegung mit noch grösserer Schnelligkeit, wie ein programmiertes Katapult, wendet und auf die beiden Brotstücke zuschiesst, die zwei, drei Meter hinter ihr schwammen. Sie kann die beiden Flocken nicht wieder ganz neu angepeilt haben; zu schnell ging alles, zu weit waren die Brotstücke weg, zu sehr schwammen sie im toten Winkel der Forelle. Nein, es war eine andere Leistung, die sie vollbrachte. Ich verstehe erst hinterher, was da ablief… Nach dem ersten gültigen Schluss hat sie den zweiten vollzogen und muss sich dann innerhalb von Millisekunden die Silhouette hinter ihr gemerkt haben; die Stellen, an denen die beiden Brotstücke in der nächsten Sekunde treiben werden, damit sie gepardengleich dorthin schiessen und sie abräumen kann. (aus: Torsten Schäfer: Wasserpfade. Streifzüge an heimischen Ufern. München: oekom verlag 2021, S. 166/167)

Am 31. Mai des Jahres 1850 notierte Henry David Thoreau folgende Sätze in seinem Tagebuch:

Heute wurde eine rotweisse Kuh unruhig, brach von der Dampfmühlenweide aus und überquerte die Brücke zu Elija Woods Gelände. Der versuchte, sie am Geländer zurück zu treiben, aber sie rannte mutwillig aufs Wasser zu, watete zuerst durch die Gräben auf den Wiesen und schwamm dann über den Fluss, der zu dieser Zeit an die zweihundert Meter breit war, und gelangte wieder zu ihrer eigenen Weide. Sie war zum Büffel geworden und durchschwamm ihren Mississippi. Diese Leistung verlieh in meinen Augen ihrer schon immer würdevollen Herde noch mehr Würde, wovon sich auch etwas im Fluss spiegelte, den ich als eine Art Bosporus wahrnahm. Welch schöner Anblick, zu sehen, dass domestizierte Tiere sich ihrer angeborenen Rechte versichern – wie schön der Beweis dafür, dass sie ihre ursprünglich wilde Art und Kraft nicht verloren haben. (Henry David Thoreau: The Journal 1837 – 1861. New York: New York Review of Books Classics 2009, Übers. H.S.)

– In der Art und Weise, in der ein Uhu eine Maus greift, in der eine Bachforelle drei schwimmende Krümel schnappt, in der eine Kuh einen Fluss durchschwimmt, kommt das Wilde zum Vorschein. Für Menschen, die es wahrnehmen, blitzt dabei eine Vision auf: Ein elegantes Muster, in dem das ursprüngliche Wesen von Uhu, Forelle und Kuh aufscheint. Wahrscheinlich ist dies Auftauchen des bewundernswert Wilden nicht allen wahrnehmbar. Der Psychiater Robert Coles schildert in seinem Bericht über Begegnungen mit Kindern, deren Religiosität und Spiritualität ihn bewegt hat, auch die Gespräche mit einem Hopi-Mädchen namens Natalie, deren spirituelle Welt ihm unzugänglich ist. Er fragt sie geradeheraus: „Was ist dieser ‚Geist‘, den du so oft erwähnst?“ Sie schweigt, sagt schliesslich „Ich weiss nicht, was ich sagen soll“, steht auf, tritt mit ihrer Hündin Blackie in die heisse Nachmittagssonne, schreitet ihr und Coles in Richtung des Tafelbergs voran, bleibt stehen und beginnt ihren Arm im Kreis herumzudrehen, dreht sich dann wie eine Diskuswerferin um sich selbst, und schleudert schliesslich einen imaginären Diskus weit ins Gelände hinaus. Blackie schiesst los und rennt in einer geraden Linie davon. Nach einer ziemlich langen Strecke dreht sich die Hündin um, kommt zurück zu Natalie, die sie tätschelt und drückt und „Danke“ zu ihr sagt. Dann erklärt sie dem Psychiater: „Der ‚Geist‘ ist, wenn du so sehr du selber bist wie du nur sein kannst. Als Blackie gerannt ist, war ihr Geist da, und du und ich haben ihn sehen können!“ Beim Lesen finde ich, dass Coles eine Art amüsierte Distanz wahrt. Er bekennt sich als gläubiger Katholik; in die Glaubenswelt von Mohammedanern, Hindus und Pietisten kann er sich hinein versetzen, aber Natalies Heidentum bleibt ihm fremd. (Robert Coles: The Spiritual Life of Children. Boston: Houghton Mifflin 1990, pp. 156/157)

Einer der ersten und womöglich auch der Einflussreichste von denen, die eine spirituelle Dimension des Wilden im Unterschied und Gegensatz zu der in der zivilisierten Welt vorherrschenden Gezähmtheit herausstellten, war Thoreau. Sein wohl bekanntestes Zitat lautet: Im Wilden liegt der Erhalt der Welt. („In Wildness is the Preservation of the World“) Manchmal finde ich auch die Übersetzung von „preservation“ als „Heilung“ oder als „Rettung“. Das Rettende ist in der ursprünglichen Beschaffenheit der Welt vor der Zurichtung und Zähmung durch Menschen enthalten. Spuren dieser Thoreauschen Auffassung lassen sich in der amerikanischen Weltsicht an vielen Stellen finden. (Eine umfassende und tiefschürfende Studie zu diesem Thema: Roderick Nash, „Wilderness And The American Mind“, New Haven: Yale, 3rd ed. 1982) Dutzende von schreibenden, politisch handelnden und Institutionen gründenden Persönlichkeiten haben den Faden gewissermassen weiter gesponnen, den Thoreau mit seiner radikalen Hinwendung zum Wilden begann. Sein Versprechen einer heilenden Wirkung des Kontakts mit der Wildnis wird immer weiter wiederholt. In Nashs Buch finde ich folgendes Zitat aus einem vom Sierra-Club herausgegebenen Kultbuch über den Grand Canyon: „Aus der Wildnis kam das Wesen unserer Kultur, und mit einer lebenden Wildnis werden wir eine lebensvolle, lebensfähige Kultur erhalten, eine dauerhafte Zivilisation mit gesunden und glücklichen Menschen, die sich ständig selbst verjüngen durch ihren Kontakt mit der Erde.“ (Nash p. 233)

Auch den grossen amerikanischen Nationalparks wohnt dieser Gedanke insofern inne, als sie der Natur eine öffentliche Bühne zur Darstellung von „Wildnis“ bieten, denn „Wildnis“ – „wilderness“ – ist dabei gleich bedeutend mit „frei von menschlichen Eingriffen“. Der Versuch, menschliche Einflüsse auszuschliessen, unterscheidet den amerikanischen Wildnis-Gedanken am stärksten von den Vorstellungen, die europäischen Naturparks zugrunde liegen. – Er ist ein unerreichbares Ziel auf diesem Planeten in dieser Zeit des Anthropozän, in der selbst der abgelegendste Ort der Antarktis und die tiefste Stelle der Ozeangräben voll sind von menschengemachten Partikeln, die Luft und Wasser überall hin verfrachten. Unerreichbar ist es und auch paradox, weil die Zurschaustellung der Wildnis selber Massen von Menschen anzieht. Am Grand Canyon erzählte mir ein Ranger, dass an „guten Tagen“ 20 000 Fahrzeuge in den Naturpark hineinfahren.

Ein Poster aus dem Jahre 1934

Und doch wird es vielen dieser vielen Besucher ähnlich ergehen wie mir: Viele werden sich verzaubert finden, in Bann geschlagen durch die grandiose Kulisse; die Stille, die vom Boden des Canyon wie eine Wolke emporsteigt und sie umfängt, wird ihnen eine unerhört neue Erfahrung sein, und vielleicht werden sie jene bedingungslose Überwältigung spüren, die Kant „das Erhabene der Natur“ nannte, – etwas, das der Welt allenthalben innewohnt, aber hier vor unseren Augen sinnlich machtvoll zutage tritt.

Derart berauschend ist das Wildnis-Erlebnis, dass man darüber den Preis an menschlichem Leid vergisst, den die Einrichtung der Nationalparks für die indigenen Völker bedeutete, die in diesen Landschaften lebten oder das Land, wie im Fall des Grand Canyon, als Bauern besiedelten. Eine Schlüsselszene der Vertreibungen ist überliefert: Im Sommer 1905 – die Nebenstrecke der Santa Fé Railroad zum Südrand des Grand Canyon war gerade fertig gebaut – trifft Präsident Theodor Roosevelt mit einem Sonderzug ein und reitet vom Rand den Pfad hinunter, der in den Canyon führt. An der Stelle, die auf den Karten immer noch mit „Indian Gardens“ bezeichnet wird, gelangt er zu zwei einfachen Hütten. Er steigt vom Pferd und spricht die Bewohner an. Ein gross gewachsener Havasupai namens Swedeva, den die Weissen „Big Jim“ nennen, begrüsst den Präsidenten. Der Indianer versteht nur wenig Englisch, und so übermittelt ihm Roosevelt über einen Dolmetscher seinen Befehl: Der Präsident beabsichtigt, auf dem Land der Indianer einen Park für das amerikanische Volk einzurichten. Deswegen müssen die Indianer das Land verlassen.

So fing eine Vertreibungsgeschichte an, die sich über Jahrzehnte hinzog. Als ich in den 1990er Jahren vier oder fünf Tage in der Havasupai-Siedlung verbrachte, die etwa 40 Kilometer unterhalb des Nationalparks am Colorado liegt, war dieser Ort schon seit Jahrzehnten als Reservat ausgewiesen worden. Ich erinnere die im Dorf vorherrschende lethargische Stimmung. Ein Entwicklungsland-Syndrom, hervorgerufen durch endloses Warten, das ich ähnlich im ländlichen Uganda und im Tschad gefunden hatte. Im Kontrast dazu allerdings bei diesen Indianern die vielen aktiven Kinder, die im Wasser der Bewässerungskanäle spielten oder zu mehreren auf dem Rücken von Ponies herumritten. Es gab Verkehrsschilder „Don’t run horses“, und in der Kantine morgens, mittags und abends „Fry Bread“. Eine Lehrerin an der Schule empfahl mir das Buch von Stephen Hirst „Life in a Narrow Place“ (New York: David McKay Company 1976), das die Kämpfe der Indianer vor allem auch gegen den Sierra-Club in vielen Einzelheiten schildert. Die Begehrlichkeiten des Club auf das Indianerland waren trotz der Einrichtung des Reservats weiter gewachsen, – geleitet von dem Verdacht, dass die Havasupai, die dies Land seit wahrscheinlich 600 Jahren besiedelten, nichts von Wildnis verstünden. Es kam zu politischen Auseinandersetzungen, bei denen die Repräsentanten des Nationalparks den Indianern unterstellten, eine Art Canyon-Disney-World errichten zu wollen, und die Vertreter der Havasupai – viele waren geborene Redner – entgegneten, dass sie selbst der Canyon seien, und dass sie den Geist des Canyon besser zu bewahren verstünden als irgendwer sonst. Anfang der 1970er Jahre kam es zu einem Propagandafeldzug des Sierra Club, was auch politisch mächtige Unterstützer der Sache der Indianer auf den Plan rief. (Überraschend für deutsche Beobachter ist etwa, dass der ultrakonservative Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Barry Goldwater, für die Rechte der Havasupai eintrat.) 1975 unterzeichnete Präsident Ford das Gesetz, das diesen Ureinwohnern ihr Winter-Land auf dem Südrand des Canyon zurückgab., – dem riesigen Gebiet, auf dem sie seit Jahrhunderten den Winter jagend überlebten, und das der Nationalpark für sich reklamiert hatte.

Vielleicht passt es in eine Reihe von Visionen des Wilden, wenn ich hier eine der Geschichten einflechte, die unter den Havasupai erzählt wird. Ich entnehme sie Stephen Hirsts Buch („Life in A Narrow Place“), das auch in den USA relativ unbekannt geblieben ist, im Sinne einer Ergänzung des Narrativs vom Grand Canyon, das uns die meisten Reiseführer präsentieren. Als der Sierra Club 1974 in Washington den Beginn seiner Kampagne gegen die Rückgabe des Havasupai-Landes bekannt gegeben und damit begonnen hatte, die Indianer zu beschuldigen, Schnellstrassen und einen Hotel-Komplex errichten zu wollen, schickten die Indianer drei rhetorisch gewandte Repräsentanten als Lobbyisten ihres Volkes nach Washington. Sie sollten die Abgeordneten und Ausschussmitglieder für ihre Sache gewinnen. Eine der drei war Ethel Jack, und hier ist ihre Geschichte:

Im Winter 1942/43 hatte der Park Service den Havasupai Clark Jack damit beauftragt, den bekannten Bright Angel Trail – einen der Hauptpfade zum Grund des Canyons hinab – in Ordnung zu halten. Clark brachte seine Frau Ethel mit, und die beiden wohnten in einer Hütte am Südrand. Ethel wurde im Lauf des Winters schwer krank. Der Heiler Allen Akaba wurde gerufen, und er versuchte, Ethels Krankheit mit seinem Gesang von ihr zu nehmen. Als er zum vierten Mal kam, band er Ethel eine Adlerfeder ins Haar und sagte, dies sei das letzte, was er tun könne. In der Nacht spürte Ethel ihren Tod herannahen und verlor das Bewusstsein. Sie hörte, wie von unten bei den Wasserfällen Pferde den Canyon heraufkamen. Sie sah sie vor dem Haus, einen Braunen und einen schlanken Grauschimmel. Ihr Mann ging hinaus und rief ihr zu, auf den Grauen zu steigen. Er sagte, sie solle langsam gehen, ohne Hilfe. Als sie zu dem Grauschimmel kam, ging der in die Knie wie eine Kuh und sie stieg auf seinen Rücken. Das Pferd erhob sich in die Lüfte und flog durch den Himmel nach Osten. Nach langer Zeit sah sie unter sich einen Ort mit vielen Häusern und Lichtern. Überall war Gras, waren Bäume. Sie fand sich auf dem Gras zwischen den Bäumen, und fühlte sich heiter und leicht. Als sie erwachte, war sie gesund. Jetzt, einunddreissig Jahre später, im Frühjahr 1974, war Ethel auf dem Flughafen in Washington, D.C., gelandet, ein Taxi hatte die kleine Delegation abgeholt und zum Eingang des Capitol Hill Hotel gebracht. Ethel stieg aus und schaute sich um. Auf der anderen Strassenseite erblickte sie den Park, in dem sie schon einmal vor 31 Jahren zwischen den Bäumen auf dem Rasen gestanden hatte. Plötzlich wurde ihr klar, weshalb sie damals am Leben geblieben war, und sie wusste, dass Havasupai bleiben sollte.

Die Geschichte der Besiedlung der Vereinigten Staaten von Amerika durch Einwanderer ist stets auch die Geschichte der Vertreibung und Vernichtung der Ureinwohner des Landes. Bevor wir über diese dunkle Seite, darüber, wie die Einrichtung von Nationalparks zur brutalen Angelegenheit wird, allzu selbstgerecht urteilen, ist es vielleicht hilfreich, sich daran zu erinnern, dass hier in Deutschland, während ich diese Zeilen eintippe, Landschaften mitsamt seit Jahrhunderten bewohnten Orten vernichtet und mit gigantischen Baggern abgetragen werden, nachdem man die Menschen aus ihren Häusern geklagt und umgesiedelt hat – was ist eine Umsiedlung anders als die zahme Umschreibung einer Vertreibung? – nur um Braunkohle abzubauen, ein höchst dubioses Produkt, das fürs Überleben Deutschlands gar nicht notwendig wäre.

Auch um den Hamburger Hafen herum ist es öfters zur Vertreibung (im Zuge des Baus der Speicherstadt in den 1870er Jahren) und zur Umsiedlung der Bewohner ganzer Ortschaften (beim Ausbau des neuen Hafenbeckens Anfang der 1980er Jahre) gekommen. Ich erinnere eine deprimierende Exkursion mit Studierenden zu den leergeräumten, zum Teil schon demolierten Häusern von Altenwerder im Jahr 1983. Indes hat, so weit ich weiss, noch keiner wegen der Einrichtung eines Naturschutzgebiets hierzulande sein Haus verlassen müssen.

Titelblatt der 2020 erschienenen Broschüre, die unter „Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue“ als pdf heruntergeladen werden kann. (Bildrechte: Jürgen Borris)

Ursprüngliche Wildnis-Regionen sind in Europa kaum zu finden, und das legt es womöglich nahe, diesen Mangel als Vorzug zu betrachten und daraus sogar eine Tugend zu machen: Mensch und Natur nicht als Gegner verstanden, sondern als Pole eines Zusammenhangs und Wechselspiels, das sich in vielfältigen Konkurrenz- und Kooperationsformen niederschlägt, die alle interessant genug sind, um bewahrt und studiert zu werden. Geographisches und psychisches Zentrum bleibt dabei das möglichst Wilde. Die Nähe zu einem als ursprünglich und wild unterstellten Zustand in einem vergleichsweise dünn besiedelten Landstrich liefert der von der UNESCO betriebenen Biosphären-Initiative die ideale Mitte zur Einrichtung von Biosphären-Reservaten. Jeder dieser Landschaftsräume ist in konzentrisch (um die Mitte herum) angeordnete Zonen eingeteilt. Die Kernzone soll in ihrem Zustand erhalten bleiben (im Foto entspricht das den beiden Uferzonen der Elbe), für die etwas weiter gefasste Pflegezone gelten Auflagen für die Landwirtschaft, und die am weitesten ausgedehnte Entwicklungszone kann vielleicht als eine Art Wildnis-Erwartungsland bezeichnet werden. Ich selber wohne in einer solchen Entwicklungszone und kann auf Anhieb keinen Unterschied zu einer ausserhalb des Reservats gelegenen Bewirtschaftung finden, was den Einsatz von riesigen Erntemaschen, Düngemitteln und Pestiziden in der Landwirtschaft oder von forstwirtschaftlichen Maschinen in den plantagenartigen Wäldern angeht. Der ursprüngliche Zustand der Elbe ist durch Begradigung und tausendfache Buhnensetzung in den 1870er Jahren lädiert und durch Giftfrachten (Dioxin, Quecksilber usw.) im Deichvorland arg belastet. Trotzdem bietet dies Gelände Hunderten von Vogelarten und vielen nach Solitude suchenden Menschen ein Refugium. Der Biber breitet sich aus, wenn auch die ungestörten Zeiträume, die das Tier bräuchte, um in den Flussniederungen eine lebensfreundlichere, ursprünglichere Welt zu schaffen, nicht verfügbar sind. Aber das, was da ist, erscheint doch kostbar genug, um bewahrt zu werden.

Ob uns die menschenleere Wildnis eine tiefere, womöglich heilsamere Erfahrung bietet als die von Menschen genutzte und womöglich menschlich verformte Landschaft? Freunde, die ihre Sommer in den Wäldern kanadischer Naturparks zu verbringen pflegen, erklären mir, dass sie dort während ihrer Wanderungen, ihrer Übernachtungen im Zelt, zu anderen, wacheren und ja, „besseren“ Menschen werden. Freunde, die ihre Sommer in einer hoch gelegenen Almhütte (in der Nähe einer Ortschaft) im Berner Oberland zu verbringen pflegen, erklären, dass sie dort von einer tiefen Freude durchdrungen und, ja, „Gott näher“ seien. Ich glaube beiden. Es ist, bei Lichte betrachtet, schwierig, menschliche Einflüsse ganz draussen zu halten aus unserer Wildnis-Erfahrung, nicht nur, weil die Spuren von Homo sapiens überall sind, sondern auch umgekehrt, weil das Wilde in uns selber steckt. Wir würden es nicht wieder erkennen, wenn wir es nicht kennen würden. Selbst da, wo wir die natürliche Welt zerstören, bleiben wir Teil der Natur: Das ist u.a. ablesbar daran, dass wir mit der Natur uns selber schaden und uns mit ihr am Ende selbst vernichten.

Das Wilde als Qualität der Natur begegnet uns sogar inmitten der grossen Städte. Auf meinem Weg vom Dammtorbahnhof zum Campus in Hamburg sah ich an vielen strahlenden Sommermorgenden Scharen von Mauerseglern, die über den Dächern der vier und fünf Stockwerke hohen Häuser in weiten, kühnen Bögen über den Himmel zogen und sich in Sturzflügen mit unglaublicher Geschwindigkeit umeinander schraubten und dabei, wie mir schien, lustvoll jauchzten. Im Seminar, bevor die erste Präsentation begann, fragte ich die irritierten Studierenden, wer von ihnen die Mauersegler wahrgenommen hatte, die uns einen wunderbaren Sommertag anzeigten. In der Aufführung, die diese Vögel bieten, kommt ein Wildes zum Ausdruck, das mich immer noch anspricht und fasziniert. Kürzlich las ich in Helen Macdonalds Essaysammlung „Abendflüge“, dass die Mauersegler ihre Feierabendflüge nicht alle beenden: Nur ein Teil von ihnen kehrt zum Nistplatz und bleibt die Nacht über bei den Jungen, aber viele steigen schwarmweise in der warmen Luft auf und schrauben sich in eine Höhe von 2000 bis 2500 Metern empor, um die Nacht auf den thermalen Sommerluft-Strömungen zu verbringen. Sie gleiten und segeln und halten ein Auge offen, eines geschlossen, und schalten dabei ihre Hirntätigkeit entsprechend herunter. Vielleicht, schreibt Macdonald, „treiben sie dabei auch in einen REM Zustand hinein, in dem beide Augen geschlossen sind und ihre Flugmanöver automatisch ablaufen.“ Derartige Informationen heizen nur meine Neugierde an: Wie wäre es, die Luft so vollkommen zu bewohnen wie diese perfekten Flugwesen? Wovon sollten sie in den REM-Phasen ihrer Nachtsegelflüge träumen wenn nicht von noch mehr Flügen? Die Freiheit allein darin, sich in alle Richtungen bewegen, schweben, so schnell wie ein Gedanke dahinschiessen zu können, – wie sollte ich das nicht als berauschend erleben? (Helen Macdonald: Abendflüge. Berlin: Hanser 2021)

Auch wenn Füchse und Nachtigallen in grossen Städten siedeln, so gibt es hier auf dem Lande doch, so meine ich, mehr Begegnungsmöglichkeiten mit wilden, grossen Tieren. Hier im Wendland brüten Seeadler und Kraniche, und es gibt seit zehn Jahren wieder mehrere Wolfsrudel in den Wäldern. Als ich vor sechs Jahren bei meinen Spaziergängen über Feld und Flur einen Wolf sah, war das für mich ein sozusagen feierlicher Augenblick. Drei- oder vierhundert Meter entfernt von mir rannte das Tier vom Ende des Dorfes Klein-Gusborn über die kahlen Felder zum Buchenwald des Seybruch, vielleicht zweitausend entlang einer schnurgeraden Linie gezogene Meter, ein pausenlos und ebenmässig rasch vorrückender dunkler Körper. Die Scherenbewegung der Beine schien unabhängig vom langen Leib, da war kein Auf und Ab, kein angedeutetes Wippen, der geradlinige Dauersprint lief bewundernswert „wie am Schnürchen“ ab, aber als das Tier im Unterholz des Waldrandes verschwunden war, dachte ich nur: Ein Wolf! Du hast einen Wolf gesehen!

Umriss einer Wolfsfährte (Quelle Wikipedia Commons) Barry Lopez hat bei seinen Forschungen in Alaska eine ähnliche Wolfsspur abgezeichnet und in seinem Wolfsbuch in Originalgrösse abgedruckt: 11 cm breit, 13 cm hoch

In den Nachkriegsjahren war der Wolf schon einmal plötzlich wieder aufgetaucht, auf alten Wolfsstrassen war er rudelweise aus dem Osten gekommen, um auf den Viehweiden in Westfalen ganze Rinderherden zu reissen. Die Fotos der toten Rinder auf den Titelseiten der Tageszeitung sehe ich noch vage vor mir, die Gespräche der Besucher meiner Grosseltern über Wolfsplagen und die oft im gleichen Atemzug genannten Autobahnräuber habe ich noch im Ohr. Es müssen Massen von Wölfen gewesen sein, die damals in das ihnen irgendwie bekannte Land zurückkehrten, während den Deutschen der Besitz von Schusswaffen durch die Besatzungsmächte verboten war. Nach den ersten Lockerungen des Verbots 1950 und seiner Aufhebung für die Bundesrepublik durch den Deutschlandvertrag 1952 waren die Wölfe bald restlos verschwunden.

In der Bundesrepublik beeinflussten die Studien des Wolfsforschers Erik Zimen (1941 – 2003) das Bild, das sich die meisten Zeitgenossen vom Wolf machen. Seine Bücher, seine in den Abruzzen und im Nationalpark Bayerischer Wald aufgenommenen Filme und Fernsehbeiträge luden dazu ein, den Wolf nicht als mörderische Bestie, sondern als potentiellen Mitbewohner des Landes wahrzunehmen. In einem Bonmot spricht Zimen indirekt die ursprüngliche Wildheit des Wolfes an: „Ob wirklich Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf, möchte ich in Anbetracht des Ergebnisses bezweifeln. Daß der Mensch aber den Hund nach seinem Ebenbild schuf, das steht fest.“ (Erik Zimen: Der Hund. Goldmann 1992) Der wilde Wolf war wohl ursprünglich (bevor er sich mit Menschen einliess) für ein Verhalten disponiert, das Zutrauen und Scheu zugleich an den Tag legte. Nachdem Menschen aus ihm den Hund gezüchtet haben, scheint der Wolf eher seine unzähmbare, wilde Seite zu zeigen. Vielleicht bietet sich Canis lupus aufgrund seines ambivalenten Verhältnisses zu uns Menschen dazu an, als tückisch und doppelzüngig diffamiert zu werden. Seine Wildheit ist nicht absolut, nicht bedingungslos und total, wie die des Tigers oder des Krokodils, sondern gewissermassen vom Spieltrieb gelockert und durch die Neigung gefährdet, sich mit Menschen einzulassen. Öfters schon erschienen in der hiesigen Lokalzeitung („Elbe-Jeetzel-Zeitung“) Beschwerden von Menschen, die sich von jungen Wölfen beim Spaziergang belästigt fanden. Eine Joggerin berichtete von der Verfolgung durch Wölfe (offenbar Jungtiere), die ihre Hände beleckten und an ihren Fingern zu knabbern versuchten. Mir fällt in diesem Zusammenhang auch die schreckliche Anekdote ein, die Barry Lopez in seinem Bericht über die Wolf-Vernichtungs-Kampagne im amerikanischen Westen erzählt:

„Ein Fallensteller hatte in einer Tellerfalle einen grossen Wolfsrüden gefangen. Als sich der Mann näherte, hob der Wolf seinen eingeklemmten Fuss, streckte ihn ihm entgegen und wimmerte leise. ‚Ich hätte ihn frei gelassen, wenn ich das Beutegeld nicht so schrecklich dringend gebraucht hätte‘, sagte er ruhig. „ (Barry Lopez: Of Wolves And Men. New York: Scribner’s 1978, p. 198)

Ein anderer Fallensteller namens Lawrence Carson, der seinem Kopfgeld-Gewerbe in Alaska nachging, beschreibt im Rückblick auf seine Rolle bei dem Feldzug gegen Wölfe überraschenderweise die Attraktivität des Wilden, wie sie wohl unsere Vorstellung des Wolfes trotz des Image als teuflischer Übeltäter seit langer Zeit prägt:

„Als ich die lebenslose Form betrachtete, überkam mich ein Gefühl von Bedauern. Obwohl er ein willkürlicher Zerstörer des friedlichen Wildes war und keine Gnade verdient hatte, tat es mir leid, dass er tot war. Ich fragte mich, ob die grossen Berge und die tiefen stillen Täler, wo er gejagt hatte, ihn wohl vermissen würden. Ich fragte mich, ob nachts, wenn der Mond tief über dem Land hängt wie ein Feuerball, die dunklen Tannenbäume sein wildes, tiefkehliges Geheul vermissen würden. Da ist etwas aus der Gestalt der Welt weggenommen worden, das nie wieder zurückkehren wird. Irgendwie kam es mir vor als nicht wieder gut zu machender Verlust. So hatte sich der alte Spruch einmal mehr bewahrheitet: Spass und Sport liegen nicht im Töten, sondern im Jagen.“ (p. 163)

Deutsche Jäger, mit denen ich in dieser Zeit der Wiederkehr der Wölfe rede, tragen den Spruch „Der Wolf gehört ins Jagdrecht“ wie ein Mantra in jedes Gespräch. Die Fotos von Wolfsrissen, in der Regel Kadaver von Schafen, auf den Titelseiten von Zeitungen erinnern mich an die Nachkriegsjahre. Irgendjemand schürt Wolfsängste, die mir übertrieben erscheinen. In einem Dorf des Wendlands begleiten Erwachsene die Kinder morgens zur Bushaltestelle, um sie, wie sie sagen, vor Wolfsangriffen zu schützen. Die Fronten zwischen Wolfsfreunden und Wolfsgegnern sind, wie man sagt, „verhärtet“. So sehr, dass der Austausch von Argumenten zum Abtausch von längst bekannten Klischees wird. Bei der Begegnung mit einem Jäger, der auch Besitzer eines ausgedehnten Waldgebiets ist, merken er und ich rasch, wie das Erquickliche eines Gesprächs in dieser unausweichlichen Sackgasse abhanden kommt. Ich sage, ob es ihm auch so ginge, dass ein Wald mit Wölfen anders aussieht als ein Wald ohne Wölfe. Für einen Augenblick erscheint er erstaunt, dann sagt er: „In meinen Wäldern ist das durch die Uhus da. Ich habe acht Uhus. Willst du wissen, wie ich die Uhus gezählt habe?“ Er erklärt, dass jeder dieser Vögel einen leicht unterschiedlichen Ruf in die Nacht schickt, und wie er zusammen mit seinen Söhnen die verschiedenen Vögel zu identifizieren und den verschiedenen Waldgebieten zuzuordnen lernte. „Der Uhu ist so wild,“ schliesst er, „der greift auch mal ein Rehkitz oder ein Lamm. Da würde mancher Tierschützer zur Jagd blasen. Aber ich lasse auf meine Uhus nichts kommen“. So rettet die Idee vom Wert des Wilden unser Gespräch.

Das Wilde als Name des Unverfügbaren, des Nicht Kontrollierbaren, des unbegreifbar Anderen der Natur: Dieser Begriff lässt sich leicht auffächern in tausend Geschichten, die alle von der vergeblichen Liebe zu einer attraktiven Erscheinung erzählen, die wirklich greifbar in der Welt ist, und die uns nicht zugänglich bleibt. Weder das tastende Versuchen der Annäherung noch die tiefe Frustration der Zurückweisung sind obsolet. Vielleicht haben Visionen des Wilden die Funktion, uns an das Ungeheuerliche zu erinnern, das darin liegt, hier zu sein.

Vorschlag für einen neuen Namen Gottes

Einer der vielen Sprüche aus dem Buddhismus behauptet, dass die Welt ihren Sinn erfüllt habe und zu Sein aufhöre, sobald alle Namen Gottes genannt worden seien. Es gibt keine Kommission, die zutreffende von unzutreffenden Namen trennen würde, aber ich stelle mir vor, dass nicht alles, was jedem zufällig in den Sinn kommt, bereits als Name Gottes qualifiziert ist. Ich meine, es sei nur recht und billig, wenn jeder Name Gottes so erarbeitet wird, dass sich der, der ihn vorschlägt, damit vollkommen selber identifizieren kann. In Italien sah ich ein Buch mit Interviews des Papstes, und der Titel lautete: Il nome di Dio e Misericordia (Der Name Gottes ist Barmherzigkeit). Ja, sagte ich zu mir selber, das ist ein guter, treffender Name, und er passt, finde ich, zu dem, der ihn vorschlägt. Im Lauf der Jahre habe ich die Idee für einen anderen Namen Gottes verfolgt, den ich für angemessen halte. Das Problem ist, ich finde kein einzelnes Wort, das als Name geeignet wäre. Und doch ist das, was ich meine, auf sehr konkrete Weise in der Welt.

Lassen Sie mich erklären, – ich fange an mit einem Blick in meinen Garten und erzähle dann von der Wahrnehmungstheorie eines irischen Bischofs aus dem 18. Jahrhundert. Am Schluss setze ich das, was ich vor Augen habe, an die Stelle, an der er das Wort „Gott“ setzte.

Ringeltaube bei der Ernte im Felsenbirn-Bäumchen vor meinem Fenster 1. Juli 2012

In diesen Tagen, Ende April, Anfang Mai steht die Felsenbirne (Amelanchier ovalis) in Blüte, noch bevor sich die Blätter entfaltet haben. Die Zweigschirme leuchten in einem Weiss, das von der Haustür her gesehen ein wenig filzartig erscheint und an Edelweissblüten erinnert. Schon Anfang Juli werden zwischen dem dichten Blattwerk hagebuttengrosse Früchte rot und reif locken. Ihr weiches Fruchtfleisch schmeckt süss und weich, die winzigen Kerne spucke ich aus. Die Früchtchen stehen traubendicht beieinander und jedes erinnert an einen kleinen Apfel, und tatsächlich soll der botanische Name Amélanchier (laut Wikipedia) keltisch-französischen Ursprungs sein und „Äpfelchen“ heissen. Ich bin nicht der einzige, der an ihnen Interesse zeigt. Tatsächlich ernten Jahr für Jahr die Ringeltauben (vor allem sie, obwohl ich auch Stare und Amseln beim Zupfen und Schlucken beobachte) mit ihrer eigenen Systematik die Früchte des Bäumchens. Dabei hängen die schweren Vögel manchmal kopfunter an einem dünnen Zweiglein mit weit ausgebreiteten Schwingen, um Balance zu halten. Selbst jetzt, zur Zeit der Blüte, landen sie auf den stärkeren Ästen um, wie mir scheint, den Wachstumsfortschritt zu inspizieren.

Ich habe meine Freude daran, ihnen bei der Ernte zuzuschauen, ähnlich, wie ich Krähen und Eichhörnchen gern bei der Walnussernte im Herbst beobachte und die Raspelarbeit der Holzwespen an Gartenbank und Gartentisch mit Interesse verfolge. Die Teilhabe anderer Lebewesen an den Reichtümern der kleinen grünen Welt meines Gartens ist willkommen. Ihr Anblick erinnert mich an die grandiosen Zusammenhänge des Lebens auf dem Planeten, die sich unter ökologischer Perspektive öffnen. Ich denke an das Bild, das Alexander von Humboldt von der Erde als einem Organismus entworfen hat. Seine Zeichnung zur „Geographie der Pflanzen in den Tropen-Ländern“ mit den vielen Einträgen zu den verschiedenen Lebenszonen in den Anden erscheint als Ausschnitt, den ich versuche, in Gedanken fortzuführen über den ganzen weiten Planeten hin und bis in die tiefsten Tiefen der Ozeane hinein: Ein Netz interagierender Lebewesen, das sich selbst erhält, so lange die Sonne scheint.

Und irgendwie ist mir beim Anblick der Natur auch gegenwärtig, was ich aus der Auseinandersetzung mit Charles Darwin gelernt habe. „Evolution“ ist ein Begriff, der für meine Weltsicht zwei knapp zu formulierende, aber wirkmächtige Folgen bezeichnet: Erstens, dass nichts bleibt wie es ist, und zweitens, dass wir Lebewesen alle miteinander verwandt sind.

Wenn ich die Ringeltauben im Garten sehe, kann ich nicht sicher sein, dass sie im Lauf der Zeit weiter da sein werden. Ganz abgesehen davon, dass ich selber wohl nur noch wenige Jahre habe, könnten diese Vögel verschwinden wie die Laubfrösche, die seit einigen Jahren verschwunden sind, aber es steht nach Darwin auch keineswegs fest, dass die Menschen als Gattung ewig da sein werden. Wichtiger noch als die Vorstellung vom allgegenwärtig möglichen Ende finde ich die Vorstellung meiner Verwandtschaft mit anderen Lebewesen. Zugegeben, mit der Ringeltaube bin ich über nähere Ahnen verwandt als mit der Felsenbirne, aber das sind bloss graduelle Unterschiede: Tatsächlich teilen wir gemeinsame Vorfahren, nähere und fernere, auch wenn wir sie über die langen Zeiträume der seither verlaufenen Entwicklung längst aus den Augen verloren haben. Wohin wird die Reise des Lebens weiter gehen? Keiner weiss es, und ich finde eben jetzt kein Interesse an Spekulationen darüber. Aber ein Gefühl der Gefährtenschaft mit Pflanzen und Tieren ist stets gegenwärtig. Die Natur wahrnehmen und sagen „Alles meine Verwandtschaft!“ – das geht mir leicht über die Lippen.

Ich nehme an und hoffe, dass ähnliche wissenschaftlich informierte Einstellungen sich weiter ausbreiten, ja, dass womöglich bereits viele nachdenkliche Zeitgenossen davon infiziert sind. Vielleicht erfahren auch andere ähnlich wie ich beim Lesen in den Schriften alter Philosophen einen inneren Abstand, den ich auch beim besten Willen (schliesslich handelt es sich bei Philosophen wie Plato, Aristoteles, Descartes und Kant um vermeintlich absolute Autoritäten, deren Aussagen uns sozusagen zeitunabhängig ansprechen sollten) nicht zu überbrücken vermag. Sie alle gehen doch davon aus, dass es möglich ist, Gewissheiten zu finden und zu formulieren. Parmenides, einer der frühen griechischen Seher und Denker, hat den Weg beschrieben, der von der alltäglichen Welt mit ihren Ansprüchen auf Bewältigung von Problemen und ihrer Vergänglichkeit emporführt zum Einblick in die unveränderlichen abstrakten Muster, welche die Welt im Innersten zusammenhalten. Diese offenbaren die ewigen Gesetze des Kosmos, und ein Mensch, dem solch eine Vision nach den Mühen des Nachdenkens, aber auch aus Gnade zuteil wird, gewinnt selber den Nimbus eines Sehers.

Immer wieder finde ich beim Lesen abendländischer Philosophen die unausgesprochene Unterstellung, Sätze von zeitloser Gültigkeit seien formulierbar. Die Werke der alten Denker bestehen in der Regel aus solchen Sätzen. Dann frage ich: Wie ist es überhaupt möglich, in einem Universum der andauernden Veränderung, in dem nichts bleibt wie es ist, nach ewig gültigen Wahrheiten zu suchen?

Wenn mir eine Ausnahme begegnet, also ein Philosoph, der die Illusion zeigt, die im Ewigkeits- Geltungsanspruch von Begriffsdefinitionen steckt, freue ich mich. Der wichtigste unter diesen Philosophen ist wohl John Dewey (1859 – 1952), der in dem Buch „Die Suche nach Gewissheit“ den Stier sozusagen bei den Hörnern gepackt hat und ganz plausibel die Geschichte der abendländischen Philosophie als Geschichte eines Irrwegs beschreibt. (John Dewey: Die Suche nach Gewissheit. Frankfurt a.M. 1998 – am. Erstausgabe 1929)

Es gab schon vor dem 20. Jahrhundert Vorläufer, skeptische und eigenwillige Denker, denen die vorherrschende Tradition nicht geheuer war. Bereits im 18. Jahrhundert hat zum Beispiel George Berkeley (1685 – 1753) die Brauchbarkeit des Begriffs „Materie“ hinterfragt und es unternommen, das lateinische „percipere“ an dessen Stelle zu setzen, auf Deutsch – und sehr schön genau das treffend, was Berkeley vorschwebte – „wahrnehmen“. Hier möchte ich Berkeleys Theorie der Wahrnehmung kurz vorstellen, weil sie ein weites Tor aufstösst, durch das andere Lebewesen Einzug halten können in unser Universum und sogar in die Studierstuben der Philosophen, in denen es sonst nur um den Menschen geht und – oft als Lückenfüller für den abwesenden Rest der Welt – um das Wort Gott.

Das deutsche Wort „wahrnehmen“ enthält die Philosophie des irischen Bischofs und Philosophen George Berkeley gleichsam in der Nussschale. Ausser etwa „Anschauen und Beobachten“ bedeutet es ja auch eine Art Daseinsbescheinigung: Was ich mit Hilfe meiner Augen (oder anderer Sinne) als präsent erkenne, halte ich für wahr: So bringe ich den Baum vor meinem Fenster in die Welt. Das Sein des Baumes ist so gesehen von meiner Wahrnehmung abhängig. Das heisst, an die Stelle der objektiven, universellen Wahrheit der Existenz eines Objekts (Felsenbirne) tritt dessen Abhängigkeit von der Existenz eines anderen Objekts (von mir), meine Wahrnehmung ruft das Bild des Baumes hervor. Für Berkeley galt, dass all die Dinge, die ich mit Augen sehen und mit Händen betasten kann, tatsächlich existieren. Er stellte indes die Existenz von philosophischen Begriffen wie „körperliche Substanz“ oder „Materie“ in Abrede. Man bezeichnet diese Sicht im Jargon als „Immaterialismus“. Berkeley fasste seinen Immaterialismus in dem Satz (lateinisch) zusammen „esse est percipi (aut percipere)“: Sein ist Wahrgenommen-Werden oder Wahrnehmen.

Dass die Objekte – also Dinge, aber auch andere Menschen – einfach aufhören zu existieren, wenn sie keiner mehr wahrnimmt, ist wohl für die meisten eine absurd klingende Behauptung. Wer sie ohne jeden Zusatz glaubt, landet folgerichtig beim Solipsismus. Das ist die Vorstellung, dass nur ich ganz allein wirklich auf der Welt bin, und dass alles andere eine Show ist, die mir mein Hirn vorführt. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein neigte bekanntlich dieser Vorstellung zu. Und die Quantentheorie, nicht wahr, verzichtet ebenfalls auf Aussagen über das Sein oder Nichtsein eines Objekts unabhängig vom Beobachter. Bei einem Mittagsspaziergang fragte Albert Einstein, der selbst ein Mit-Begründer der Quanten-Mechanik war, aber immer stärker an deren Übertragbarkeit auf die Realität zweifelte, seinen Freund, den Quanten-Physiker Abraham Pais: Glaubst du wirklich, dass der Mond nur dann da ist, wenn du ihn anschaust? Pais antwortete ein wenig umständlich, dass die meisten Vertreter der Quantentheorie wohl ähnlich wie er meinten, dass die Existenz eines Gegenstands in Abwesenheit eines Beobachters kein gesichertes Faktum ist. Bestenfalls sei die Annahme eine Mutmassung, die zutreffen oder auch nicht zutreffen könne. (Nach Abraham Pais: „Raffiniert ist der Herrgott…“ Albert Einstein. Eine wissenschaftliche Biographie. Erstaufl. 1982, neu: Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag 2009)

Berkeley selbst hatte demgegenüber eine denkbar knappe und eigentlich ziemlich naheliegende Antwort auf eine ähnliche Frage wie die Einsteins parat (- er war ja Bischof der anglikanischen Kirche in Nordirland -): Wenn jemand einen Raum verlässt und dabei aufhört, den Raum wahrzunehmen, existiert dieser Raum dann nicht mehr? Der Raum ist weiter da, antwortete Berkeley, – er wird ja immer noch wahrgenommen von Gott.

Was als Ausweg erscheint, entbehrt doch nicht einer gewissen Eleganz des Fechtens mit Worten. Kein Wunder, dass das überraschende Auftauchen des allwissenden, allgegenwärtigen Gottes als Problemlöser zur Vorlage einiger hübscher Texte gedient hat. Ich finde den folgenden Limerick-Dialog besonders charmant. Verfasst hat ihn der Journalist Ronald Knox in den 1920er Jahren:
A There was a young man who said „God / Must find it exceedingly odd /To think that the tree / Should continue to be / When there’s no one about in the quad.“ 
 B „Dear Sir: Your astonishment’s odd; /I am always about in the quad. /And that’s why the tree/ Will continue to be / Since observed by, Yours faithfully, God.“

(A Ein junger Mann sagte „Gott muss es höchst seltsam finden, zu denken, dass der Baum, immer noch da ist, wenn keiner dabei ist im Hof.“ B „Sehr geehrter Herr, Ihr Erstaunen ist seltsam; ich bin immer dabei im Hof. Und darum wird der Baum weiter da sein, unterm Auge von, Hochachtungsvoll, Gott.“)

(zitiert nach: https://www.goodreads.com/quotes/261761-there-was-a-young-man-who-said-god-must-find)

Weit verbreitet als Vorlage für philosophische Gespräche ist eine ähnlich konstruierte Baum-Frage, die manchmal Berkeley zugeschrieben wird, aber wohl eher aus einem Berkeley-Philosophier-Club stammt: Wenn im Wald ein Baum fällt und niemand ist da – gibt es ein Geräusch?

Die Frage ist verschiedenen Internet-Foren gestellt worden (z.B. https://beruhmte-zitate.de/zitate/860987-george-berkeley-if-a-tree-falls-in-a-forest-and-no-one-is-around-t/). Da sind recht viele Stellungnahmen eingegangen, und unter ihnen dominiert die physikalische Erklärung, derzufolge Schallwellen, die beim Aufschlag des Baumes auf den Boden ausgelöst werden, einen Empfänger brauchen, dessen Ohren sie aufnehmen: Erst dann komme ein Geräusch zustande. So weit ich den Kommentaren entnehmen kann, ist darunter kein einziger, der Berkeleys Antwort (Gott hörts ja) aufgegriffen hätte.

Mir erscheint es seltsam, dass keiner den folgenden naheliegenden Tatbestand erwähnt: Der Baumfall wird sehr wohl wahrgenommen von nichtmenschlichen Lebewesen. Insekten, vor allem Käfer und Holzwespen, die womöglich bereits die Schwachstellen des Baumes angebohrt hatten, machen sich jetzt über den Stamm her, und injizieren dabei Bakterien und Pilze, die den Zersetzungsprozess als Hauptagenten vorantreiben, der den Baum über Jahre hin in fruchtbaren Boden zurück verwandelt. Der Biologe Bernd Heinrich berichtet davon, dass Bockkäfer, die er noch nie auf einer gesunden Kiefer sah, augenblicklich Bäume anflogen, die er selber gerade gefällt hatte. Offenbar verfügen sie über ein Ortungs-Wahrnehmungssystem, das noch unerforscht ist. Ein umgefallener Baum bildet ein eigenes Ökosystem für Spinnen, Käfer und Hautflügler, auf stehende tote Bäume ist jeder dritte Waldvogel angewiesen. Die meisten der den toten Baum besiedelnden und ihn zersetzenden Lebewesen sind hochspezialisiert und mit entsprechenden Wahrnehmungsfähigkeiten ausgestattet. Heinrich berichtet von Holzwespen (Siricidae), deren Weibchen ihren Zentimeter langen, nadeldünnen Legestachel in das Holz hineintreiben und dann, wenn sie spüren, dass das Holz die geeignete Beschaffenheit aufweist, ein Ei hineindrücken, zusammen mit Pilzen und Nährschleim, der das Wachstum des Pilzmycels vorantreibt, so dass sich die Larve davon ernähren kann. Es gibt eine Schlupfwespenart (Megarrhyssa ichneumon), die darauf spezialisiert ist, die Larven dieser Holzwespe aufzuspüren und mit ihrem eigenen Ei zu injizieren, so dass die Schlupfwespenlarve die Holzwespenlarve frisst. Eine der schrecklichen Beobachtungen, denen keiner entgeht, der sich auf das Studium der Natur einlässt. Völlig unbegreiflich ist aber das Wahrnehmungsvermögen der Schlupfwespe, die ihren zehn Zentimeter langen fadenartigen aber harten Legeapparat über den Rücken in das Holz hineinzutreiben und die Larve der Schlupfwespe tief im Innern des Stammes zu treffen und ihr eigenes Ei in dieser abzulegen versteht.

(Ein Buch, das mich fasziniert hat, weil Bernd Heinrich einer der grossen Biologen dieser Generation ist, und weil er tiefe Einsichten über unser Leben mit Humor vorträgt: Bernd Heinrich: Leben ohne Ende. Der ewige Kreislauf des Lebendigen. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Berlin: Matthes & Seitz 2019)

Die Wahrnehmung all dieser Lebewesen ist von der unseren sehr verschieden. Da aber der Bischof Berkeley keine Bedingungen für die Art der Wahrnehmung formuliert hat, von der die Existenz eines Objekts abhängt, so reicht doch wohl auch die Wahrnehmung einer Schlupfwespe hin, um das Sein eines Baumes in die Welt zu bringen. Zumal die Wahrnehmung Gottes, falls wir darüber spekulieren dürfen, eher von einer unendlich umfassenden Qualität sein sollte, die wohl auch die spezielle Spielart der Schlupfwespe und das Ortungssystem von Bockkäfern für gerade ebene gefallene Bäume mit einschliessen dürfte.

Vielleicht charakterisiert es die Wahrnehmung durch andere Lebewesen, dass dabei kaum je ein einzelner Zeuge identifiziert werden kann. Man hat es typischerweise mit einer Community zu tun, die wohl am besten als vernetzte Interessengemeinschaft zu begreifen wäre. Dass all diese Wesen sich daran machen, einen verfügbar gewordenen Organismus sich selbst einzuverleiben und ihn gleichzeitig – in einem über Jahre andauernden Prozess – wieder verfügbar zu machen für weitere Lebewesen, deutet einen Kreislauf an, der uns Menschen einschliesst. Ich meine, das schöne Wort „wahrnehmen“ trifft hier in einem noch weiteren und tieferen Sinn den Sachverhalt. So lange Lebewesen da sind, die andere Lebewesen in diesem Sinn wahr-nehmen, ist unsere Existenz gesichert.

Ich zögere nicht, diesen Zusammenhang von Lebewesen, in den wir selber eingewoben oder verstrickt sind, als Äquivalent all dessen wahrzunehmen, was „Gott“ genannt wird. Allein, mir fehlt ein treffender Name, der beide Seiten unserer Erfahrung – die konkrete und die spirituelle – einschliesst.