Medizinbeutel

In seinem Hauptwerk „Horizon“, im Kapitel über die Suche nach Hominiden-Fossilien im Afrikanischen Grabenbruch in Kenja, erzählt Barry Lopez von dem Problem bei der Kontrolle am Flughafen in Nairobi, das ihm sein Medizinbeutel einbrockte. „Ich habe einen kleinen hirschledernen Beutel von zu Hause bei mir, in dem drei Steine von meinem Grundstück sind, einige schöne Federn von den Vögeln dort – Winterzaunkönig, Kleinspecht, Zwergdrossel – die Klaue eines Schwarzbären, ein paar kleine Säugetierknochen und Saatkörner. Die Sammlung erinnert mich daran, dass ich von einem realen Ort komme und dort Verantwortung trage.“ (Barry Lopez: Horizon. New York 2019, p. 332) Beim Abtasten findet ein Kontrolleur den Hirschlederbeutel. Was ist das? Ein paar Dinge von zu Hause, Steine, Federn. „Das ist primitiv“, sagte er. … Eine Welle von Ärger zog über sein Gesicht. Er schüttelte den Beutel vor meinen Augen. „Das ist primitiv!“, wiederholt er. „Wo ist Ihre Bibel?“ … Er hielt einen Vortrag über die Zurückgebliebenheit von Leuten, die immer noch im Busch leben, und belehrte mich über wahre christliche Lebensführung, bis sein Zorn nachliess.“ (p. 333; übers. H.S.) Barry Lopez sucht die demütigende Szene, nachdem er im Flieger seinen Gleichmut wiedergefunden hat, als Rest der Kolonialherrschaft zu deuten: einer fanatischen Anhängerschaft an das von dieser Herrschaftsform hervorgebrachte neue (christlich geprägte) System.

Als Leser fällt mir auf, dass dem Security-Kontrolleur die Art der Beziehung zum Land offenbar bekannt war, die der hirschlederne Beutel verriet. Bekannt und so weit vertraut, dass ihm der Zorn ins Gesicht stieg und er sich berechtigt sah, eine christliche Belehrung zu inszenieren. Eine christlich-zornige Belehrung der alten missionarischen Art, wie dieser Mann sie wahrscheinlich noch aus seiner eigenen Erziehung im Ohr hatte. Derartige Predigten sind in unserer Zivilisation inzwischen aus der Mode gekommen. Es hat sich herumgesprochen, dass es ungeschickt ist, Menschen zu beschimpfen, die man bekehren will, und eine neue Theologie schlägt einen neuen Ton an, der im Verhältnis zur Natur fürsorgliches Verhalten anstelle von Ausbeutung verkündet. Der Kontrolleur hat allerdings – wohl intuitiv – die Unüberwindbarkeit des Widerspruchs zum Gottesglauben erkannt, den der Beutel mit seinen symbolhaften aber sehr konkreten Fundstücken repräsentiert. Hier geht es ja um die Rückbindung an einen bestimmten realen Ort mit einer besonderen eigenen und einmaligen organischen und mineralischen Welt: Der Geist dieses Ortes ist mit den Dingen und den Lebewesen vor Ort verbunden, sie erheben den spirituellen Anspruch an mich, für sie zu sorgen. Die Frage „Wer bin ich?“ wird ergänzt und womöglich ersetzt durch die Frage „Wo bin ich?“. Gott schwebt hier nicht etwa weit entfernt als abstrakte Grösse über der Welt, sondern wohnt den Orten selbst in unterschiedlichen konkreten Gestalten inne. Es ist unter dieser Perspektive womöglich sinnvoller und angemessener, von spirituellen Erscheinungen im Plural zu sprechen.

Die Medizin der Lopezschen Art von Medizinbeutel ist im übrigen ganz und gar seelenbezogen: Die Fundstücke sprechen zu mir von Begegnungen und helfen mir dabei, den mir auf der Erde zugeteilten Erfahrungsausschnitt zu erkennen. Sie bringen mein inneres Gleichgewicht ins Lot und zeigen mir, wo ich bin. (Es ist ein anderer „Medizinbeutel“, der bei Unfällen und Krankheit unterwegs hilft – als Reiseapotheke oder Erste-Hilfe-Tasche. „Ötzi“, die Mumie des Mannes, der vor 5300 Jahren ums Leben kam und dessen Leiche im Eis überdauerte, bis sie im Jahre 1991 in den Ötztaler Alpen zutage trat und entdeckt wurde, trug in der Gürteltasche zwei Fellstreifen mit je einem Kugelgebilde bei sich, das aus Birkenporling (Fomitopsis betulina) herausgeschnitten war. Der Pilz enthält ein Antibiotikum, ist blutstillend und wirkt als Heilmittel gegen Darmparasiten.)

Birkenporling (Fomitopsis betulina) „Ötzi“, der vor 5300 Jahren ums Leben gekommene „Mann aus dem Eis“ hatte zwei in Fellstreifen eingewickelte Birkenporlinge in der Gürteltasche: Eine Medizin gegen Magenbeschwerden und zur Desinfektion

Bei der Suche nach einer passenden Illustration für diesen Text gerate ich in die kommerzialisierte Welt der Internet-Angebote. Da sind prachtvolle „medicine bags“, auch „pouches“ oder „bundles“ genannt, die meistens ein wenig zu laut verkünden, dass sie einen ganz besonders kostbaren Inhalt bergen.

Einer der prächtigen Medizinbeutel, die als Sammlerstücke im Internet von Spezialgeschäften angeboten werden. http://www.missiondelrey.com/native-american-medicine-bags

Der Text dazu beschreibt die Rolle der Medizinbeutel in verschiedenen indigenen Kulturen Amerikas und lädt uns Leser ein, selber einen zu erwerben und mit Fundstücken zu füllen: Wer guten Rat sucht, oder Glück oder Gesundheit oder Schutz, Überfluss oder Liebe, so verspricht diese Werbung, sollte seinen persönlichen Beutel mit einem massgeschneiderten Inhalt tragen. Die „Do it yourself“-Sammlung von Objekten aus dem Reich der Pflanzen, dem der Tiere, der Mineralien und der Menschen sei problemlos zu besorgen, zum Beispiel Blume, Feder, Stein und Schlüssel.

Ist es nicht verblüffend, wie rasch und ungehindert sich kommerzielle Interessen ausbreiten? Es ist, als ob die Welt in erster Linie als Ware erschiene, mit mehr oder weniger leicht lesbaren Preisschildern beklebt, jedenfalls käuflich.

Bei dem Pow Wow im August 2001 in Montana bewunderte ich die phantastisch herausgeputzten Indianer, die Frauen in ihren langen bunt bestickten Hirschleder-Gewändern mit Hunderten kleiner (aus den Blechdeckeln von Kautabakdosen gedrehter) Glöckchen, die bei jeder Bewegung anders schepperten, und die Männer in ihrem Federschmuck, oft Dutzenden grosser Adlerfedern, deren Besitz nur indigenen Amerikanern gestattet ist. In den Stadien liefen Tänze und Geschenkzeremonien für jeden Clan als Familienereignis im Rahmen der hier inszenierten Geschichte der Stämme und Nationen, so dass sich beispielsweise ein kleiner Junge später an das Datum erinnern könnte, „bei dem Pow Wow, als mir Vaters Bruder ein braunes Pony schenkte“. Überall sah man als Tourist Dinge, die bestens in einen Medizinbeutel zu passen schienen. Das weitläufige Gelände mit seinen Busch- und Baumgruppen war mit Wohnwagen und Tipis bestückt, so weit das Auge reichte, und da war auch ein aussergewöhnlich breites und langes Zeltdach, unter dem ich eine interessante Stunde verbrachte: Ein Kaufhaus mit Waren aus aller Welt für den indigenen Geschmack. Es gab Federn bunter Vögel aus Südamerika und Afrika, von weissen arktischen Greifen, von Nandu und Emu, von Kasuar und Strauss, es gab die extrem langen Stacheln afrikanischer Stachelschweine, Klauen und Zähne von Eisbär, Panter und Löwe, Schildkrötenpanzer jeder Grösse, eine Abteilung mit Pelzen, von Wolf bis Nerz, und bunte Steine, die Sanftmut versprechen und Kraft spenden und Liebe herbeirufen können, und Batterien von Vitrinen mit Fossilien aller Grösse und Form, und weisse, blaue und schwarze Eier, und getrocknete Käfer und getrocknete Pflanzen und Pilze, und Knochen und Flügel und Münzen aus Silber und Gold. Das meiste mit Preisschildern versehen, der Preis der teuersten Schätze allerdings nur auf Nachfrage.

Pow Wow Tänzer, Helena, Montana 2007 (GNU Free documentation license)

Nehmen wir den Medizinbeutel als Brennpunkt der indigenen Kultur wahr – der Gedanke drängt sich dem Besucher eines Pow Wow auf, man betrachte nur den prächtig mit Bändern geschmückten Medizinbeutel des Tänzers auf dem Foto – , so gewinnt das Wort „Medizin“ eine magische Komponente. Eine magische, aber auch damit verbunden eine spielerische, künstlerische Seite, und diese erscheint bis zu einem Grade unabhängig von der Kommerzialisierung der Welt zu sein, als ob die persönliche Bedeutung der Objekte von der Art, wie sie in meinen Besitz gelangt sind, nicht beeinflusst werde. Ob draussen im Land selber gesucht und gefunden, ob Beleg für die persönliche Epiphanie einer Begegnung, ob als Geschenk empfangen, ob ererbt oder schlicht käuflich erworben: Was bei den Fundstücken zählt, ist einzig das Gewicht ihrer Bedeutung.

Bei einem interessanten Gespräch zwischen Barry Lopez und Robert Macfarlane – zur Vorstellung von dessen „Unterland“-Buch – aufgezeichnet in Powell’s Bookstore in Portland, Oregon am 13. Juni 2019 (abrufbar bei Youtube), bringt Macfarlane ein Objekt ins Spiel. Es ist ein schöner Beleg für die magische Wirkung, die ganz von der zugemessenen Bedeutung abhängt. Macfarlane holt aus einem Futteral einen annähernd faustgrossen schwarz glänzenden Stein hervor, erklärt, es handle sich um ein Fossil vom Innenohrknochen eines Wales aus der Barentsee, 20 Millionen Jahre alt. Demnach also, sagt er, sei dieser Gegenstand ein Repräsentant der „Tiefenzeit“. Er habe ihn mitgebracht als kritischen Zuhörer („auditor“) des Gesprächs und lege ihn nun auf den Tisch in die Mitte zwischen Barry und sich.

Die Lust des Schriftstellers an der Herstellung bedeutsamer Text-Gewebe färbt ab auf seinen Umgang mit magischen Objekten. Die künstlerische Gestaltung tritt dabei als weitere und weiter gefasste Komponente hervor. Macfarlane berichtet öfters fasziniert von einer Kunstform, die zwischen „Land-Art“ und Magie changiert. Im Buch „Alte Wege“ besucht er Steve Dilworth, einen Künstlerfreund und „Schamanen“, wie er ihn bezeichnet, auf Harris, einer Insel der Äusseren Hebriden vor der schottischen Nordwestküste. Das Studio dieses Künstlers gleicht mit seinen ausgestopften und skelettierten Vögeln, Säugetieren und Fischen, so scheint mir, dem Warenlager des Pow Wow Kaufhauszeltes in Montana, geht aber in gewisser Hinsicht darüber hinaus: Von einem Fleischerhaken hängt ein menschliches Skelett, die 206 Knochen von Seegrasbändern zusammengehalten und mit dem Fleisch eines toten Kalbes ausstaffiert, Kalbsaugen und Speiseröhre eingesetzt, der Skalp mit einer Perücke aus blonden und schwarzen Pferdehaaren bedeckt. Dilworth nennt dies Kunstwerk „Hängende Figur“. Er führt Macfarlane hinaus ins Binnenland der Insel, zu einer weiten Sumpf- und Wasserlandschaft, wo Felsensolitäre in einer Art Halbkreis verteilt sind, der von Natur aus zustande kam. Als das Eis, das dies Land während der letzten Eiszeit bedeckte, vor etwa zwölftausend Jahren abschmolz, setzte es die Felsbrocken in genau dieser Anordnung ab. In der Mitte steht der grösste von ihnen wie der Dreh- und Angelpunkt im Zentrum des Zifferblatts. Der Künstler verrät, dass er vorhat, die Kuppe des wohl neun Tonnen schweren Felsens sauber abzuschneiden und im Innern einen Hohlraum auszufräsen, in dem er die Hängende Figur unterbringen will. Wenn die Kuppe den Stein wieder abdeckt, wird die Schnittstelle unter dem Flechtenbewuchs verschwinden, und keiner wird wissen, wo die Figur geblieben ist. Keiner, so ergänze ich beim Lesen unwillkürlich, ausser dem Künstler selber, seinem schreibenden Freund Robert und wahrscheinlich uns Lesern, die mit ein wenig Aufwand in der Lage sein sollten, die so trefflich beschriebene Stelle auf Harris zu finden. Steve Dilworth sagt: „Ich habe mein Leben damit verbracht, rituelle Objekte für einen Stamm zu fertigen, der nicht existiert.“

Der Begriff „rituelle Objekte“ erinnert an die in der Kirche gepflegte Reliquien-Kultur. Es ist interessant, einen Blick auf derart ähnliche und womöglich verwandte Umgangsformen zu werfen. Vielleicht hilft die Unterscheidung dabei, das Wesentliche unserer individuellen Fundstück-Sammlungen genauer zu sehen. Ein Beispiel bietet der Reliquienschrein der Heiligen Bernadette, die im Jahre 1933 – erst vor vergleichsweise kurzer Zeit also – heilig gesprochen wurde. Bernadette Soubious (1844 – 1879) war im Jahr 1858 bei einer Grotte in der Nähe ihres Heimatorts Lourdes öfters (18 Male) eine weiss gekleidete junge Dame erschienen. Rasch war eine teilnehmende Öffentlichkeit entstanden – bei ihrer 15. Vision wurde das Mädchen von einer Menschenmasse von Tausenden begleitet, die versuchte, die übersinnliche Präsenz gewissermassen an Bernadettes Körpersprache abzulesen, die ihre Vision als einzige sah. Man verstand die Erscheinung als die der Muttergottes und fand die heilende Wirkung des Quellwassers heraus, in dem sich Bernadette auf Geheiss der weissen Dame gewaschen hatte. Lourdes ist inzwischen zum Wallfahrtsort geworden, den jährlich sechs Millionen Pilger besuchen.

Reliquienschrein der Heiligen Bernadette in der Krypta der Wallfahrtsstätte Lourdes.
Die im Zusammenhang mit der Seligsprechung und Heiligsprechung von St. Bernadette entnommenen Reliquien befinden sich in diesem Schrein (www.lourdes-france.org)

Man hat einen Reliquienschrein angefertigt, der drei Rippen und einige Hautflächen enthält, die dem Leichnam der Heiligen 1925 (damals noch „Selig Gesprochenen“) bei einer Exhumierung entnommen worden waren. Im Herbst 2018 wurde der Schrein nacheinander in mehr als dreissig Kirchen in Deutschland der frommen Pilgerschaft zur Verfügung gestellt. Die Funktion des Schreines war es hierbei, all denen Ersatz für eine Pilgerfahrt nach Lourdes zu bieten, die zu der Reise nicht in der Lage sind. Interessant für unser Thema sind einige Bemerkungen des mit der Pilgerseelsorge Lourdes beauftragten Pfarrers Klaus Holzamer: Er betont, dass Reliquien nicht „aus sich Kräfte freisetzen“ können. Die Kirche habe sich schon 1215 gegen „Missbräuche zur Wehr gesetzt, was jedoch falsche Formen der Volksfrömmigkeit nicht von einer magisch-heidnischen Praxis, die es doch zu vermeiden galt, abgehalten hat.“ Er erinnert an Thomas von Aquins Worte, denen zufolge „Gott in der Reliquie Wunder wirke. Sie sei wie ein Vergrösserungsglas, indem sie die glorreichen Strahlen von Gottes Gnade bündele.“ (https://www.lourdes-france.org/de/besuch-reliquienschrein-heiligen-bernadette-deutschland)

In derartigen Korrekturversuchen wird, so scheint mir beim Lesen, die Spannung zwischen der abstrakten Allmacht Gottes und den Objekten erkennbar, die als konkrete Reste vom tatsächlich gelebten Leben übrig sind. Das hübsche Bild des Thomas von der Bündelung der Strahlen im Brennglas vermag keine rational beschreitbare Brücke über die Kluft zwischen dem zu bieten, was den anfassbaren Teil der Welt bildet, und dem, was jenseits im Raum der Ideen als Anspielung und Gleichnis zu erahnen ist. Das Problem, meine ich, entsteht mit dem Anspruch, die geistige Welt als begriffliches System zu fassen. Es ist vor allem ein Problem der Theologen.

Der Anspruch der konkreten Gegenstände im Medizinbeutel richtet sich auf mich, ich allein kann ihn vernehmen. Seine Reichweite umfasst die Berührungspunkte zwischen mir und der Welt, er bleibt ganz innerhalb meiner Erfahrung. Der Anspruch der Reliquien im Reliquienschrein richtet sich an alle und wird von Tausenden wahrgenommen. Seine Reichweite gibt die Unendlichkeit vor und schliesst Begriffe ein, die so übertrieben erscheinen („ewiges Leben“), dass sie aus der uns erfahrbaren Welt herausfallen.

Im Sommer 1974 lebte ich mit meiner Familie in einem alten Fachwerkhaus direkt am Fluss im Fuldatal bei Kassel. Wir hatten viele Freunde und oft Besuch, und manchmal brachten Freunde ihre Freunde mit, von denen wir nicht mehr alle wiedersehen sollten, auch wenn wir sie mochten. Ich denke an Lance, der eine längere Asienreise mit einem Europaaufenthalt abschloss, bevor er wieder nach Hause in den Staat Oregon zurückkehrte. Auf der neuen Sisalmatte in der Küche zeigte er mir eine Art des japanischen Balance-Ringkampfes, und beim Lasagne-Essen diskutierten wir über das New Yorker Indianer-Museum. Später am Abend, bevor er mit unseren Freunden zurückfuhr, zog er auf dem Parkplatz unter der Strassenlampe den Lederbeutel hervor, den er an einem Band um den Hals trug. Er redete schnell: „Das soll man nicht zeigen, nur einem Freund. Bevor die andern kommen: Siehst du, ich habe bei den Lakota gelebt, und bin von ihnen aufgenommen worden.“ Er zog das Band auseinander und zeigte mir die Dinge im Innern des Beutels. Im Laternenlicht erkannte ich kleine Füsschen von Vögeln oder Mäusen, eine Ähre, ein Federchen, offenbar von einem Käuzchen, und leuchtende Steine und ein schön gemasertes Holzklötzchen. „Dies ist aus dem Norden“, sagte er. „Die Feder aus dem Westen, der Türkisstein und die Obsidianklinge aus dem Süden, und die Mäusefüsschen vom Osten. Jede Richtung ist dabei.“ Er lachte: „Du gehst nie verloren, wenn du die Himmelsrichtungen bei dir hast. Alles was du brauchst ist, zu wissen, wo du bist.“ Ich habe Lance nicht mehr wiedergesehen, aber sein Lachen klingt mir noch im Ohr.

Ich war damals häufig in Steinbrüchen und auf Abraumhalden unterwegs, um Fossilien zu suchen, die sich in den freien Ecken des Bücherregals und in den Winkeln der Wohnung ansammelten: Dunkle Schieferplatten mit glänzenden Schmelzschuppenfischen (Plaeoniscum freieslebeni, Platysomus gibbosus) und den Abrucken bärlappartiger Pflanzen (Ullmannia bronni), helle Brocken aus dem Oberen Muschelkalk mit den ammonshornförmigen Ceratiten, den typischen Muschelhaufen und seltenen Federsternen, und – aus dem alten, stillgelegten Steinbrüchen des Crinoidenkalks um Spangenberg – Berge von Spangensteinchen, den tablettenartigen Stängelgliedern von Seelilien mit ihren geometrisch eingeprägten Mustern, von denen die Kinder sagten, es handle sich um das Münzgeld von Zwergen.

Im Lauf der Jahre hob ich vieles auf: Federn von Eulen, Bussarden, Kranichen, die als Buketts zusammengestellt Reihen von Blumentöpfen auf den Fensterbänken füllen (oder als besonders auffällige Schönheiten – eine grosse gelbe Schwingenfeder vom Uhu – in Ritzen der Fachwerkbalken stecken). In gläsernen Terrarien liegen Sandproben von Dünen, Stränden, aus der Karakum-Wüste und Vogelknochen und Schlangenhemden, an der Wand hängen Masken aus Uganda und Venedig neben Naturdrucken von Stachelrochen und Heringskönigen. Ich habe ein Dutzend Bücher voller Naturdrucke, die ich in den Achtzigerjahren noch alle mit schwarzer Druckfarbe gefertigt habe. Ein Problem ist es, die Farbe etwa von Federn festzuhalten. Manchmal habe ich lachsrote Federn einfach mit Grünfarben-Drucken kombiniert.

Flamingofedern, Lake Elementaita, Kenja, August 2002

In letzter Zeit überwinde ich meinen eingefleischten Purismus und nutze den Farbscanner, – auch wenn die Farben nicht vollkommen genau die Schattierungen der Natur wiedergeben, so geben sie doch einen Eindruck von Tiefe und Fülle der Färbung. In einem Bäume-Buch lese ich, dass Walnussblätter im Herbst einfach braun werden und von den Ästen fallen, sehe aber mit eigenen Augen das leidenschaftliche Abschiedsleuchten in den Blättern meines Nussbaums, nehme also den Scanner zum Zeugen und pinne das Bild ein paar Wochen lang an einen Balken, bis ich es verschenke oder meiner Sammlung einverleibe.

Nussbaumblätter: Farben im Herbst

Das Haus ist voller Dinge, es wäre eine Herausforderung, für jede Himmelsrichtung aus der Masse ein repräsentatives Objekt zu bestimmen. Vielleicht würde ich für den Süden das plump und rund geschnitzte Flusspferd wählen, das ich bei der Klosterherberge in N’Djamena von einer alten Dame erworben habe, nicht weit vom Chari Fluss, in dem ich öfters Flusspferde sah („Po-potame“). Für den Osten greife ich das kleine gelbe Gipsmodell des Sultan Sanjar Mausoleums heraus, das mir Freunde in Merv, Turkmenistan, schenkten. Die Millionenstadt Merv war mir als endloser Umkreis verwaschener Ruinenberge erschienen; sie ist vor tausend Jahren von den Mongolen zerstört und in der Folgezeit nicht wieder aufgebaut worden, die Lebensader, der Merv-Fluss, war in der Zwischenzeit verschwunden, wie es bei der geologischen Beschaffenheit jenes Landes öfters geschehen ist. Für den Westen wähle ich den Schildkrötenpanzer aus Ost-Texas mit den fein ziselierten Mustern der einzelnen Felder – er erinnert an den indigenen Namen Amerikas: Turtle Island, Schildkröteninsel. Meinen Norden würde eine elegante weisse Schwungfeder vom Singschwan repräsentieren: Wo wir wohnen, überwintern diese Schwäne in hellen Scharen, sie kommen aus dem Russischen und dem Finnischen, und hier ist ihr Südland. Besuch aus Tuonela, sage ich, wenn ich die Ansammlung einer Hundertschaft von ihnen auf den Äckern vor der Düne sehe, und Sibelius‘ Melodie kommt mir ins Ohr.

Das Haus stellt ein Sammelsurium dar: Lauter Souvenirs, verkünde ich Besuchern, um mit diesem Wort die tiefere Bedeutung der Dinge zu kaschieren. In Wirklichkeit bilden die Gegenstände eine Schicht aus assimilierten Objekten, die mich umgeben wie ein Kokon. Ich bin eine Köcherfliegenlarve am Grunde eines rasch strömenden Gewässers und habe mich umhüllt mit den Bruchstücken, die in diesem Bach aufzugreifen sind. Wenn ich die Hülle verlassen werde, wird der Wasserstrom die Sandkörner und die Bruchstückchen von Schneckenhäusern und Muscheln und die Fetzelchen von Rinde und Heu auseinander reissen und sie davon tragen. Aber solange ich da bin, geben sie mir Halt wie ein Aussenskelett. Der Medizinbeutel von Barry Lopez erinnerte ihn, der unablässig auf Reisen war, an zu Hause, während meine Sammlungen mich zu Hause an die grandiose Vielfalt und Tiefe der Welt erinnern. Verschiedene Akzentsetzungen des gleichen dialektischen Verhältnisses, kein Widerspruch. Manchmal erscheint mir meine Sammelei als Mitschnitt des Dialoges zwischen mir und der Welt. Und ja, es ist eine Medizin, und ich bin dankbar.

Barry Lopez

Der grosse Naturschriftsteller Barry Holstun Lopez ist am 25. Dezember 2020 im Alter von 75 Jahren gestorben. Nachrufe in amerikanischen Zeitungen nennen ihn einen Reiseschriftsteller, einen „lyrischen Schriftsteller“, und vergleichen ihn mit Thoreau. Ich bin nicht sicher, dass sein Tod in den Literatur-Beilagen deutscher Zeitungen erwähnt werden wird. Zufällig hatte ich mir an Weihnachten sein letztes Buch, Horizon, noch einmal vorgenommen (New York 2019, 573 Seiten): Eine Art Autobiographie in Gestalt von Reiseberichten, die er zu Tiefenkarten sensationeller Landschaften gestaltet – Arktis, Afrikanischer Grabenbruch, Antarktis, Galapagos, Australiens Outback. Über Jahre hin hat er diese Landschaften studiert, oft in Kooperation mit wissenschaftlichen Projekten, zum Beispiel bei seinen fünf Aufenthalten in der Antarktis. Dreissig Jahre habe er an diesem Text gearbeitet, und auch ich als Leser brauche Zeit, mich in das Studium der Zusammenfassung seiner Erfahrungen und Theorien zu vertiefen. Gern tu ich das: Es gibt Passagen, die sind wie ein Gedicht, das ich mir mit Freuden wieder vor Augen führe und laut lesend vor mir hersage. Von dem guten Dutzend seiner Bücher beansprucht jedes sein eigenes Mass an Hingabe. Lopez trägt seine mit Geschichten und Karten untermalten Überlegungen sorgfältig und präzise vor, und erreicht dabei verlässlich immer eine philosophische Dimension. Als Leser, der seinen Texten seit vierzig Jahren einigermassen hingebungsvoll folgt, ist es für mich stets ein willkommenes Wiedererkennen, beim Lesen in den verschiedenen Landschaftstexten ähnliche Argumentationsmuster aufzuspüren, in den Schilderungen der Begegnungen mit indigenen und modernen Menschen vergleichbare Gedankenmuster vorzufinden, von seinem Wolfsbuch 1978 (Of Wolves and Men) bis eben zu Horizon 2019. Da kommen die Konturen einer Weltsicht zum Vorschein, die man seine Lehre nennen könnte. Und diese fliesst wie klares Quellwasser in den immer wieder getrübten See meines eigenen Denkens hinein.

Hier folgt mein Versuch, ein paar Hauptpunkte dieser Lehre hervorzuheben und sie gewissermassen in einer Nussschale unterzubringen. Man ehrt einen Menschen, indem man sein Denken weiter trägt. Natürlich hilft mir das Vorhaben, meine eigenen Vorstellungen anhand der Denkfiguren seiner Weltsicht zu entwickeln. Vielleicht weckt die eine oder andere Facette der Trockenheit zum Trotz, die jeder Bilanzierung anhaftet, das Interesse von denen, die in der gegenwärtigen Phase des Anthropozän nach gangbaren Wegen Ausschau halten.

Barry Lopez Photo Credit: Open Road Media

1. „Deine Zustimmung zu den anderen Wirklichkeiten des Lebens anderer Organismen wird nicht zur Bedrohung deiner eigenen Wirklichkeit, sondern zur Quelle tiefer Freude.“

Das Zitat aus dem Epilog von „Of Wolves and Men“ (1978, S. 285, keine deutsche Übersetzung des Buches verfügbar) bietet ein gewissermassen therapeutisches Versprechen, das sich auf das Verhältnis von Menschen zu Wölfen beispielhaft für das Verhältnis zwischen Menschen und anderen Tieren bezieht. Das schön gestaltete Buch hat auf den ersten Blick einen enzyklopädischen Anspruch: Es belegt jede denkbare Facette des Themas mit Dokumenten, Geschichten und Bildern. Vor allem die Schilderung der Vernichtungskampagne gegen die amerikanische Wolfspopulation, als die Büffelmassen der Prärien durch Rinderherden ersetzt wurden, verfolgte mich beim ersten Lesen – Ende der Siebzigerjahre – als Alptraum.

„Keiner weiss wie viele Tiere in den Plains zwischen 1850 und 1900 getötet wurden. Wenn man den Büffel wegen des Leders, die Antilopen wegen der Tragegurte, die Passagiertauben wegen der Schiessübung und die Indianerponies (durch Weisse, um die Indianer arm zu halten) mitzählt, ist es vorstellbar, dass 500 Millionen Kreaturen starben. Vielleicht eine Million Wölfe, vielleicht zwei. Die Zahlen machen keinen Sinn mehr.“ (S. 180)

Die Einzelheiten des Feldzugs gegen Wölfe – Tonnenweise Strychnin, Foltertod, Abschuss aus Flugzeugen – zeigen Parallelen zur Kriegführung gegen Menschen, bis hin zu der verblüffend kriegsähnlichen Propaganda: Wölfe die Verkörperung des Bösen an sich (womöglich ein Erbe uralter Mythen, Fenris und Götterdämmerung). Aber Hass ist nicht alles, da ist auch manchmal ein Stück Bewunderung, ähnlich womöglich der gelegentlichen Bewunderung unter Kriegern für einen erschlagenen Feind. Lopez gibt Geschichten wieder, die ihm alte Wolfsjäger erzählten, und man kann deren ambivalente Unsicherheit heraushören.

Lopez ist keineswegs ambivalent, er entschuldigt nichts und rechtfertigt nichts, vermeidet aber auch die Pose des Anklägers. Dass er nicht richtet und verurteilt, erleichtert die Ausweitung des Horizonts, die er beabsichtigt. Mit einer Vielfalt von Geschichten öffnet er den Ausblick auf einen Zusammenhang, der das Narrativ von bösen Wölfen und bösen Jägern überschreitet. Da erscheint vor allem das Land selbst in seiner Rolle als formende, Gestalt gebende Macht. Die arktischen Weiten, in denen Lopez jahrelang gelebt hat, mit ihren Landschaften, in der Unerbittlichkeit ihrer Lebensbedingungen haben die Körper der da überlebenden Wesen geformt und ihr Verhalten ausgebildet. Dies gilt für Wölfe und Füchse und Bären und Karibou, aber in analoger Hinsicht auch für Menschen, für ihr Verhalten und ihre Weltsicht.

Foto: Steve – free use

Lopez erzählt von einem alten Nunamiut Mann (Eskimo), der gefragt wurde, wer am Ende seines Lebens mehr über das Bergland der Brooks Range bei Anaktuvuk wisse: ein alter Mann oder ein alter Wolf? Und er entwickelt den Gedankenweg des Mannes:

Amaguk (Wolf) ist wie Nunamiut. Er geht bei schlechtem Wetter nicht auf die Jagd. Er spielt gern. Er arbeitet hart, um seine Familie zu füttern. Sein Haar wird weiss, wenn er alt ist. Junge Wölfe rennen in flachen Schmelzwasserteichen umher, genau wie Nunamiut, um die Enten zu erschrecken. Und Amaguk ist hart, er lebt bei fünfzig Grad minus, durch Schneestürme, über Monate ohne Karibou. Wie Nunamiut. Vielleicht härter. Und Amaguk ist klug. Er stellt den Karibou einen Hinterhalt. Er schläft hoch oben auf den Bergkämmen, wenn Menschen in der Nähe sind. Er nimmt seine Jungen mit zum Riss eines Tiers, aber lässt sie dort nicht allein. Grizzly Bären. Junge Wölfe machen viele dumme Sachen. Werden getötet. Amaguk hat manchmal Nunamiut umgebracht. Jetzt kann Nunamimut hingehen und Amaguk aus Entfernung mit einem Gewehr umbringen. Jetzt macht Amaguk einen Bogen um Nunamiut. Die Zeiten ändern sich. Amaguk und Nunamiut mögen Kariboufleisch, kennen die besten Stellen zur Jagd auf Karibou. Beide wissen, wo Erdhörnchen leicht zu finden sind. Wo man Himbeeren findet. Die Stellen, an denen keine Mosquitos sind. Wo die Lupinen im Mai blühen. Wo der grosse Felsen ist, der wie Achlack aussieht, der Grizzly Bär. Wo die Bäche noch im August fliessen… Nach einer Pause schaut der alte Mann auf und sagt: „Dasselbe. Beide wissen dasselbe.“ (S. 87/88)

Die Anpassung der Lebewesen an die Bedingungen der Umwelt bezeichnet bekanntlich eine Grundidee der Evolution. Darwins „natürliche Zuchtwahl“ meint dies vor allem. Lopez zeigt, wie auch Menschen gezwungen sind, sich den Bedingungen des Landes anpassen zu lernen. Er bewundert die Fitness der indigenen Völker, die seit vielen Generationen gelernt haben, das Land zu lesen und ihr eigenes Sein so vollständig in die Gegebenheiten gewissermassen hineinzuschmiegen, dass sie „die Leute des Landes“ werden, zu Hause in der Landschaft in einem Mass, das wir durch die Zivilisation geformten (oder deformierten) Zeitgenossen nicht mehr zu erreichen vermögen. Der Grad der indigenen Vertrautheit mit dem Land geht so weit, dass der Unterschied zwischen Menschen und Tieren zusammenschmilzt. Er verliert jede prinzipielle Bedeutung, auch die Tiere sind Leute des Landes. In seinem Wolfsbuch breitet Lopez die Analogie zwischen dem Verhalten von Wölfen und Menschen aus; er zeigt den Sinn der Wolfsgesellschaften bei den Pawnee Indianern der nördlichen Prärien. Sie erwarben dort das Jagdgeschick von Wölfen für sich und wurden in ihrer Weltsicht eins mit den verehrten und gefürchteten Tieren, – unsichtbar für Feinde, Brüder ihrer Mitjäger (der Begriff des „einsamen Wolfes“ kommt bei den Ureinwohnern Amerikas nicht vor), und furchterregend im Kampf. Das Land, in dem sie lebten, brachte unter ihnen eine Kultur hervor, die der von Wölfen nicht unähnlich war.

Immer wieder schildert Barry Lopez in seinen Büchern die verschiedenen Landschaften der Erde in ihrer abgründigen und mysteriösen Schönheit und beschreibt die tiefe Verbundenheit der Ureinwohner mit dem Land – ihre Fähigkeit, den eigenen Standort zu bestimmen, auf dem Wasser in den Archipels der Südsee und in den Wüsten von Australiens Norden, ihr Überlebenswissen im arktischen Winter und in der afrikanischen Kalahari. Seiner offenen Bewunderung entspricht seine verhaltene Traurigkeit darüber, den Zustand ursprünglicher Verbundenheit selbst nicht mehr erreichen zu können. Das Tor zu diesem „tiefen“ Zuhause ist uns Zivilisationsmenschen verschlossen.

Manchmal meine ich, beim Lesen zwischen den Zeilen die Klage herauszuhören über das Fremdsein in der Welt, aber ich finde keinen ausdrücklichen Beleg dafür. Obzwar, es gibt ja auch keinen Beleg dafür, dass er die Wörter „Rassismus“ oder „Speziesismus“ (die Idee, dass Tiere gegenüber dem Menschen „niedere“ Lebewesen seien) verwendet hätte. Und doch ist sein ganzes Werk eine Auseinandersetzung mit diesen Attitüden, die er zu widerlegen, deren Unhaltbarkeit er zu entblössen sucht.

2. „Alles, was uns zusammenhält, sind die Geschichten, die wir einander erzählen, und ein bisschen Mitgefühl.“

Die Rolle des Geschichtenerzählens und -hörens ist für Barry Lopez ethisch entscheidend – Ethik verstanden nicht als Disziplin der akademischen Philosophie, sondern als Versuch einer Antwort auf die Frage: Wie sollen wir in der Welt sein? Vielleicht hilft es, die Tragweite dieser Frage zu sehen, wenn man sich vor Augen hält, dass neben den Menschen auch die Tiere eingeschlossen sind in das dialogische Universum der Geschichtenerzähler. In einem wunderbar illustrierten Buch, „Crow and Weasel“ (1990), das als „Kinderbuch“ in grossem Format erschienen ist (deutsch: „Krähe und Wiesel“ Verlag an der Este 1993) gehen zwei Indianerjungen mit ihren Ponies auf die lange Reise von den Ebenen durch die Wälder in das Nordland und zurück. Sie heissen nicht nur Krähe und Wiesel, sondern sind auch diese Tiere: Mischwesen, während ihre Ponies Tiere sind und die Inuit im Nordland Menschen. Weil sie die Geschichten all dieser Leute, auch die der Bäume und die des Grizzlybären und der alten Dachsfrau verstehen, erzählt das Buch die Reise als Kette aus Geschichten und Abenteuern. Eine Passage finde ich häufig zitiert, sie erscheint auch auf Barry Lopez‘ Homepage, zusammen mit Tom Pohrts hier wiedergegebenem Bild der Dachsfrau.

„Ich bitte Euch darum, nur diese eine Sache in Erinnerung zu behalten“, sagte Dachsfrau. „Die Geschichten, die Leute erzählen, sind lebensnotwendig. Wenn Geschichten zu Euch kommen, bewahrt sie. Und lernt, sie zu verschenken, wo sie gebraucht werden. Manchmal braucht eine Person eine Geschichte mehr als Essen, um weiter zu leben. Deshalb halten wir diese Geschichten unter einander in unserem Gedächtnis. So kümmern sich die Leute um sich selbst. Eines Tages werdet Ihr gute Geschichtenerzähler sein. Vergesst diese Verpflichtung niemals.“ (1990, S. 48, übers. H.S.)

Die alte Dachsfrau spricht. Illustration von Tom Pohrt zu Harry Lopez „Krähe und Wiesel“, 1990

Das Wort „Verpflichtung“ – „obligation“ – fällt stilistisch aus dem Rahmen. In seiner tiefen Ernsthaftigkeit wirkt es als Ermahnung: Verpflichtet zum Geschichten-Erzählen, damit die Gemeinschaft der Lebewesen überlebt. In einer Passage seiner Büffel-Geschichte stellt Lopez vor, wie die Büffel selber auf ihre Weise eine Geschichte erzählen, die von den Arapaho-Indianern gehört und bewahrt wird. Fast hundert Jahre später teilen die Indianer die Geschichte mit den weissen Siedlern, die an der der Historie „ihres“ Landes interessiert sind:

Eines der Ereignisse, von denen die Arapaho erzählten, spielte sich im Winter 1845 ab (als sie zum ersten Mal davon gehört hatten, dass weisse Siedler in Planwagen anrückten), in dem es zu einem schrecklichen Sturm kam. Eine Büffelherde, die im Brainard Valley überwinterte (das damals Bärenhöhlental hiess), begann einen Todesgesang zu singen. Zuerst war er kaum zu hören, und man glaubte, der Wind erzeuge den Klang, bis er lauter und deutlicher erschallte. Als der Schnee tiefer wurde, verliessen die Büffel das Tal und fingen an, in die Berge empor zu klettern. Vier Tage lang kletterten sie und sangen den klagenden Todesgesang, verfolgt von den Arapahokriegern, bis sie den Gipfel des Berges erreichten. Der höchste Gipfel hatte damals keinen Namen. Jetzt heisst er Reetkopf-Berg. Während des Aufstiegs hatten die Büffel nicht zu singen aufgehört. Sie verfärbten sich und wurden vollkommen rot; ihre Augen wurden matt weiss. Der Gesang wurde lauter. Er klang wie nicht endendes Donnern. Jeder, der ihn hörte, selbst Leute in vier oder fünf Tagesreisen Entfernung, war davon entsetzt. Auf dem Gipfel des Berges hörten die Büffel auf zu singen. Bewegungslos standen sie im Schnee, und der Wind blies Wolken um sie herum. Die Arapaho Männer, die gefolgt waren, hatten seit vier Tagen nichts gegessen. Einer, durch einen Lederriemen mit den andern verbunden, tastete sich mit ausgestreckten Händen in die Wolken hinein. Er bekam einen der Büffel zu fassen und tötete ihn. Die übrigen Büffel verschwanden in den Wolken; der Todesgesang hob wieder an, sehr leise, und blieb hinter ihnen in der Luft hängen. Der Wind nahm den Gesang der Büffel auf. Als sich die Wolken verzogen hatten, stiegen die Männer den Berg herab. Bei dem Treffen im Jahr 1911 sagten die weissen Leute, dass sie nicht verstanden, was mit der Erzählung einer solchen Geschichte bezweckt werde. Die Arapaho sagten, dies sei das erste Mal gewesen, dass ihnen die Büffel zu zeigen versuchten, wie man durch den Himmel hinaussteigt. (Barry Lopez: Buffalo. In: Winter Count. New York 1982, p. 33/34, übers. H.S.)

In einem Seminar zur Umweltbildung Anfang der Achtzigerjahre las ich den „Buffalo“- Text mit Studierenden in Hamburg. Damals war ich auch mit Studien zum Holocaust befasst und empfand in der Vorstellung der Verfolgten, durch den Himmel aus der Welt auszusteigen, eine verwandte Verzweifeltheit. In der Diskussion mit den jungen Leuten im Seminar kamen dann jedoch Unterschiede zum Vorschein, die den jeweils eigenen Charakter der beiden Genozide hervorhoben. Die Vernichtung der Juden war mit der Propaganda einer schwammigen und falschen Idee verbunden und wurde mit bürokratischer Akribie und einer eigens für den Massenmord entwickelten Technologie durchgeführt: Ein exakt verwaltetes Menschenschlachthauswesen. Die Vernichtung der amerikanischen Indianer war ein langer Prozess mit vielen Facetten, der auf die gewaltsame Verdrängung der Leute von ihrem Land und die Unterbringung der Überlebenden in „Reservaten“ hinauslief. Der Verlust des weiten Landes mit seinen Büffeln und Ebenen und Bergen bezeichnete den entscheidenden Punkt, an dem diese Leute ihr eigenes Leben verloren. Die Hölle bringt für jeden Genozid eigene, neue Dämonen hervor. In diesem Sinn ist der Anspruch der Opfer auf Unvergleichbarkeit ihrer Leiden gerechtfertigt.

Büffel im Winter, Yellowstone NPS / Jacob W. Frank – https://www.flickr.com/photos/yellowstonenps/33780011986
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Eine Schwierigkeit des Geschichtenteilens zwischen Menschen mit einem indigenen Weltbild und uns, die wir durch die moderne Zivilisation gebildet sind, ist jenes „Lost in translation“ (Beim Übersetzen verloren gegangen), wie es am Ende der zitierten Stelle erscheint. Wie soll jemand, der aus dem Wind den Todesgesang der Büffel heraushört, jemandem begegnen, in dessen Universum derartige Vorstellungen vollständig fehlen? Barry Lopez hat diese Facette des Geschichtenteilens öfters ins Spiel gebracht, die Tragikomik der Situation hervorkehrend, manchmal auch derart, dass mir selber als Lesendem die Rolle dessen, der nicht mehr folgen kann, zugespielt wird. Seine Kurzgeschichte „Upriver“ beginnt beispielsweise folgendermassen:

Der Flusslauf oberhalb der Fälle ist weitgehend unbekannt, denn der Aufstieg strengt an und die Strasse verläuft in der Nähe und bietet einen Ausblick, der den meisten genügt. Das Gelände darüber in Richtung Quelle ist von Regierungsbeamten auf Anzeichen von Mineralsedimenten abgeschritten und kartiert worden, aber es ist doch unbekannt geblieben. Fragt man herum oder konsultiert eine topographische Karte, so wird die Illusion weiter aufrecht erhalten, dass es wohl bekannt sei; doch ich weiss dass dies falsch ist. Und ich finde es erstaunlich, mit wie wenig Sorgfalt entscheidende Unterschiede festgehalten wurden. Zum Beispiel finden sich an der Quelle selbst, weiter oben als angezeigt ist, meditierende Raben, und sie sind es, von denen die Quellwasser des Flusses tatsächlich entspringen, weil sie des Nachts zusammenbrechen und weinen; der universelle Kummer der Kreaturen, ihr verzweifeltes Heulen, der sie zerfleischende Ärger des Betrogenseins – dies ergreift sie und strömt aus ihnen hervor und in diesem Weinen gewinnt der Fluss seine Gestalt. (Barry Lopez: Upriver. In: River Notes: The Dance of Herons. New York: 1979. p. 129, übers. H.S.)

An der Stelle, an der dieser Monolog ins Andere kippt („Zum Beispiel...“), bin ich zuerst übertölpelt, lese die Passage nochmal, und schaue mir dann den Sprecher an, so weit mir sein Erfinder das gestattet: Kannst du diesen Menschen ernst nehmen? Probeweise, vielleicht? Du bist doch alt genug und hast weiss Gott schon manches gehört, das dich zuerst irritiert hat. Wie wärs, wenn du diese Idee einfach sein lässt, du brauchst kein Urteil zu fällen, musst sie weder ablehnen noch annehmen. Was würdest du dabei verlieren? Was würdest du womöglich gewinnen? Ein neues Bild vom Fluss? Einen neuen Blick ins Wasser des Flusses, auf seine Ufer? Angenommen, du liessest diese Sicht probeweise gelten: Wie würde sich dein Verhalten ändern?

Barry Lopez hielt es nicht nur für eine hübsche Erweiterung unseres geistigen Horizonts, wenn wir Geschichten miteinander teilen und womöglich auch die Geschichte des Flusses vernehmen lernen, die er uns zu erzählen sucht. Vielmehr sah er darin eine Notwendigkeit zum Erhalt des Lebens: Die Vielfalt der Kulturen, der Verhaltensmuster und der Formen von Weisheit spiegelt die biologische Artenvielfalt. Je dichter die Netz aus Biodiversität kultureller Vielfalt, umso besser die Aussichten zu überleben.

Ich denke an die Geschichte, die Jared Diamond in seinem Buch „Kollaps“ über den Untergang der Wikingersiedlung auf Grönland (im 11. Jahrhundert A.D.) erzählt: Von der einsetzenden Vereisung, vom Festhalten der Norweger an ihrer Rinder- und Milchwirtschaft und ihrer christlichen Kultur, von ihrer Verachtung für die Neuankömmlinge aus dem Nordwesten, die sie „Skraelinge“ nannten, über deren Kayaks und Anoraks sie sich lustig machten, deren Sprache sie ignorierten wie die Geschichten, die sie hätten hören können. Diamonds Phantasie über das Ende der norwegischen Grönländer erzählt eine schreckliche Katastrophe, und er meint, es sei die Geschichte eines selbst (durch Hochmut) verschuldeten Untergangs und stellt das Faktum heraus, dass es die Skraelinge waren, die die Eiszeit überlebten.

In „Horizon“ spricht Lopez unsere heutige Lage an: Veränderungen der Umwelt im menschlichen Umfeld, die durch die Industrielle Revolution verursacht sind, lösen nicht deshalb so viele Ängste aus, weil sie uns daran hindern würden, uns selbst eine uns freundliche Zukunft vorherzusagen. Zu einer solchen Vorhersage sind wir ja nie in der Lage gewesen. Die Ängste hängen vielmehr damit zusammen, dass die Veränderungen der physischen Umwelt von Homo sapiens mit einer Geschwindigkeit auftreten, wie sie nach wissenschaftlichem Urteil noch nicht vorgekommen ist. Selbst wenn einzelne Menschen in den kommenden Jahrzehnten überleben sollten, so bleibt die Zukunft der Spezies doch eine offene Frage – genau so offen, wie sie für all die uns verwandten Hominiden offen war, von denen – wichtig, das im Auge zu behalten – keiner mehr da ist. (Horizon, p. 256, übers. H.S.)

Fassen wir zusammen: Das Land in seinen unterschiedlichen Gestalten bringt die Erscheinung der Arten hervor und bildet das „in der Welt sein“ der dort lebenden Menschen. Die Schönheit der Welt ist abgrundtief und geheimnisvoll. So lange wir leben, sind wir Teil dieses Geheimnisses, das wir nicht verstehen. Wir sind Teil einer Vielfalt von Lebewesen und Kulturen. Die Geschichten, die wir einander erzählen und voneinander vernehmen, helfen uns allen, zu überleben.

Bücher von Barry Lopez, die auf deutsch verfügbar sind (die meisten antiquarisch):

Hört die Geschichte vom listigen Coyoten. München: Scherz 1985

Arktische Träume – Leben in der letzten Wildnis. Berlin: Claassen 1987

Krähe und Wiesel. Buxtehude: Verlag an der Este 1993

Winterchronik. Wanderwege. München: Goldmann 2001

In der Wüste/Am Fluss. München: Goldmann 2002

Als ich aus der Welt verschwand. Frankfurt a.M.: S. Fischer 2008

Zwischen der Liebeserklärung an einen vergessenen Ort und der Suche nach der verlorenen Zeit: Die Aktualität von Tiefenkarten

Tiefenkarte als Text

Anfang der Neunzigerjahre erschien ein umfangreiches Buch (634 Seiten) mit dem Anspruch, die „Tiefenkarte“ eines winzigen Ausschnitts der nordamerikanischen Prärie darzustellen (William Least Heat-Moon: Prairie Erth: A Deep Map. 1991). Der Verfasser zeigt die Wechselwirkung zwischen Land und Leuten und betont vor allem solche Stellen, an denen der negative Einfluss der Gesellschaft durch natürliche Bedingungen des Landes aufgewogen wird. Mir erschien es passend, dass Least Heat-Moon mit seinen indigenen Wurzeln – er gehört der Osage-Nation an – eine fortschrittskritische Perspektive vertritt. Sein Konzept „Tiefenkarte“ entwickelt er am Beispiel von Chase County (2790 Einwohner) im Staat Kansas. Neben der topographischen Beschreibung des Landes umfasst es die dort waltenden geologischen, botanischen und ökologischen Gegebenheiten, und er schliesst auch die mündlichen Überlieferungen und Erinnerungen der Menschen ein. Man kann dies Deep-Mapping als eine Art Liebeserklärung an einen – kaum bekannten und unberühmten – Flecken Erde verstehen.

Inzwischen ist das von Least Heat-Moon eingeführte Konzept der „Tiefenkartierung“ von der Naturschriftstellerei aufgenommen worden. Die der Übung innewohnende Betrachtungsweise erinnert uns Deutsche an die traditionelle, u.a. von Goethe gepflegte Sicht eines „genius loci“, des Geists eines Ortes, vielleicht noch eher an die „Heimatkunde“, wo sie sich als ein „Stelldichein der Wissenschaften“ (Eduard Sprangers Wendung) verstand und ideologische Verstrickungen vermeiden konnte. Im amerikanischen Literaturbetrieb wird die Perspektive als Spielart des „nature writing“ einem Ansatz namens „Bioregionalismus“ zugeordnet, während die britische Variante die uns vertrauteren Begriffe „spirit of place“ oder „sense of place“ betont. Kürzlich erschien zum Beispiel das letzte Buch des 2020 an Covid-19 verstorbenen irischen Schriftstellers Tim Robinson, dessen Werk ausgiebig recherchierte Tiefenkarten von Galway und Connemara bietet, mit dem schönen Titel „Listening to the Wind: The Connemara Trilogy: Part One“ (Verlag Milkweed 2020). Ich meine, dass auch Robert Macfarlanes 2020 auf Deutsch erschienenes Buch „Im Unterland“ eine Sammlung von Tiefenkarten bietet, ähnlich wie sein „Alte Wege“ (deutsch 2016). Macfarlane versteht es, auf Reisen so in die tiefe Geographie der von ihm besuchten Orte einzutauchen – ob Grönland, Palästina, die der schottischen Küste vorgelagerten Inseln, die Unterwelt von Paris -, dass deren je besondere Wesensart in seinen Texten uns Lesenden gegenwärtig gegenüber tritt. Manchmal ist es, als ob er das Land besingt und mit einer Mischung aus unerhörten Wortbildungen und präzisen Daten eine eigene Land-Poesie schafft, die ein wesensgenaues Portrait umreisst. Dies kommt gewissermassen auf greifbare Weise in dem Bändchen „Hohlweg“ heraus, dessen Text durch Zeichnungen und Aufmachung zu einer Art poetischem Gesamtkunstwerk – es geht um einen Hohlweg im Chideock Valley im südlichen Dorset – ausgestaltet worden ist: Berlin: Friedenauer Presse 2020, 43 Seiten.

Macfarlane versteht sich darauf, über seine Texte das Wesen geographischer Regionen und Orte dem Lesenden in der Gegenwart wie unvermittelt vor Augen zu führen. Er ruft genau die Dimension des Landes hervor, die sich mir, wenn ich selbst draussen unterwegs bin, erst einmal verschliesst. Auf Reisen werden meine Sinne meist nur von Oberflächlichkeiten geflutet, viel zu vielen, eine Art Rauschen, das den in ihm enthaltenen Klang verzerrt. Eine Tiefenkarte zu entwerfen wäre für mich deswegen zuerst eine an meine Füsse gerichtete Herausforderung: Viele Exkursionen über Jahre hin, Erkundungen aber auch ziellose Spaziergänge kreuz und quer im Gelände, die es gleichsam dem Land gestatten, mir unerwartete Ansichten zu zeigen. Vertrautheit kommt am besten aus der alten Erfahrung des Gehens, das Land lässt sich am ehesten mit den Beinen lesen. Mit dem Schritt-für-Schritt-Rhythmus und umsichtigen und aufmerksamen Blicken. Auf diese Weise könnte sich meine Karte allmählich mit Daten und Bedeutungen füllen, so dass die intime Vertrautheit zustande kommt, die den Text einer Tiefenkarte ausmacht.

Eine Binnendüne an der Elbe, zum Beispiel

Die Elbe – ich lebe in der Elbtalaue – ist ein faszinierender Strom, und das von ihm durchflossene Urstromtal bietet eine eigene Ökologie, die in dauernder Verhandlung steht mit der Landnutzung durch die verschiedenen Menschengruppen, die hier seit mehr als achtzig Generationen das Land besiedeln und es überraschend vielfältig gestaltet haben. Wir finden bei unseren Gängen überall zauberhafte Flecken und Passagen. Beim Pilzesuchen in der „Wüste Gobi“, einer Reihe von wassergefüllten Sandgruben mitten in einer Kiefernschonung auf dem Endmoränenrücken der Langendorfer Höhe, oder in den Buchenwäldern des Höhbeck, der Stauchmoräne mit dem Ausblick über die Elbe nach Osten, oder beim Rundgang in der Seege-Niederung um den Gartower See mit seinen auffallend vielen Einrichtungen für Touristen, oder einfach entlang den menschenleeren Ufern der Elbe, bei Biberburgen und über Ringelnatter-Spuren, unter den am Himmel schnatternden Wildgansgeschwadern, auf den Dioxin-verseuchten Steppenböden des Deichvorlands: Auf Schritt und Tritt möchte ich mich mit dem Land einlassen, mit ihm ins Gespräch kommen, es studieren, in einem Loblied besingen und seine Zerstörung in Blues-Klängen beklagen.

Ich nehme die Düne von Kleinschmölen als Beispiel, um Potentiale für eine Tiefenkarte zu skizzieren. Gestern waren wir wieder auf der altgewohnten kleinen Wanderung unterwegs, quer über diese Binnendüne zum Brack und zurück entlang der weiten Bucht des Urstromtals am Rand der Lenzer Wische, – ein Weg, den ich so ähnlich wohl schon fünfzig Male gegangen bin bei Wind und Wetter und sommers wie winters, und jedes Mal ist es anders, und jedes Mal finde ich etwas Neues auf den quarzweissen Sandflächen, den grünen und grauen Moosflächen mit den bläulichen Grasbüscheln, die den mageren Boden seit Ende der letzten Eiszeit besiedeln, und den Strandhaferfeldern, die man zur Befestigung vor hundert Jahren anlegte und die dann abgelöst wurden durch Bepflanzungen mit Schwarzkiefern, deren Haine und Solitäre den Sand tatsächlich festhalten: Manchmal ist der Boden Schnee bedeckt, manchmal mit Tausenden blühender Hornveilchen besät, es gibt seltsame schwarze Pilze und Hexenringe von Parasolen, am Himmel einen einzelnen Adler, seltener einen Zug von drei oder vier einander umspielenden Adlern, öfters ein Heer von Kranichen, und gestern einen Trupp von Singschwänen, ihr weisses Gefieder leuchtend im Sonnenlicht vor dem milchblauen Himmel.

Am Fuss der Binnendüne von Klein-Schmölen im Mai 2017 (Foto: H.S.)

Diese Binnendüne hat der Wind aus dem Urstromtal der Elbe, des weiss-sandigen Flusses, nach dem Ende der letzten Eiszeit vor 12 000 Jahren zusammengeweht, und der Wind würde sie als Wanderdüne weiter über das Land treiben, hätte man sie nicht durch Kiefern-Batterien fixiert. Sie ist mit dreissig Metern Höhe im tischebenen Gelände der weiten Talaue eine spektakuläre Erscheinung, die in ihrem weissen Gewand aus der Ferne manchmal ein wenig gespenstisch anmutet. Der Aufstieg bietet eine kurzweilige Anstrengung, man stapft durch tiefen Sand, der im Sommer pockig erscheint mit Hunderten kleiner, von Ameisenlöwen gegrabener Krater.

Der Blick über die Ebene bleibt an der Schwelle der langgezogenen Moräne im Westen hängen, an Tagen mit guter Sicht erkennt man drei Türme: Linkerhand den Sendemast auf dem Höhbeck, und eine Handbreit davon entfernt den eckigen Förderturm des so genannten Erkundungsbergwerks von Gorleben, wo das Atommüll-Endlager über Jahre hin beschlossene Sache der Obrigkeiten war, die indes den Widerstand der Bevölkerung nicht auszumerzen vermochten – inzwischen ist der Plan offiziell ad acta gelegt und der Widerstand mutiert zu einer halb-offiziellen Legende, lebt aber auch weiter in den Rohdaten der Erinnerungen von Hunderten, die dabei waren und in den Kampf zwischen Staatsgewalt und Bürgerlist selbst investiert hatten. Und schliesslich, im Wald auf dem Moränenkamm oberhalb von Langendorf, das aus Eisenträgern errichtete gigantische Kastengestell des Torii-Turms, das 1975 von der US Armee als Sendemast für Vietnam gebaut worden war, aber, da der Krieg in Vietnam zu Ende ging, nach Deutschland verfrachtet und von der britischen Besatzungsmacht hier an die Grenze – wir sehen den Grenzfluss Elbe als silbern glänzendes schmales Band in der Ferne, hier, von einem Aussichtspunkt in der ehemaligen DDR – als Abhörstation installiert wurde.

Solitärkiefer auf einer Bodenwelle der Schmölener Düne, März 2013 (Foto: H.S.)

Der Dünenkamm fällt etwa bei der Hälfte der zwei Kilometer Strecke ab und läuft in einen langgezogenen Buckel von zwei Metern Höhe aus, der mit einem dicht an dicht bepflanzten Kiefernwald bedeckt ist. Entlang dieser Kante liegt Sandboden mit flachen breiten Kissen von Islandmoos und einzelnen darbenden Kiefern auf den Hügeln. Die in den Senken haben sich zu stattlichen Solitären entwickelt, mit auf den Boden schleifenden kräftigen Ästen. Am Ende des Buckels gelangt man über einen zur Ebene hin aufgeschütteten Deich zum Schmölener Brack, einem von Eichen-Buchen-Mischwald umrahmten See. Der Anblick drängt wohl den meisten das Wort „verwunschen“ auf. Als ich ihn vor zwölf Jahren zum ersten Mal sah, fiel mir das Grimmsche Märchen vom „Eisenhans“ ein, bei dem ein aus der Zeit gefallener rostrot-farbiger Riese, der am Grunde eines Sees im Wald liegt, von den Truppen des Königs gefangen genommen wird. Aber das Brack ist tief, hätte sich die Geschichte hier abgespielt, so hätten die Truppen zum Ausschöpfen des Wassers viel Zeit gebraucht, und der Eisenhans wäre womöglich entkommen.

Das Brack ist durch Auskolkung beim Durchbruch des Hochwassers im Winter 1888 entstanden, als die Eisschollen der Flut aus Elbe und Löcknitz, die sich im weiten Tal der Lenzer Wische gesammelt hatte, die Düne an dieser Stelle durchbrachen. Die Flut formte hier einen mächtigen Strudel, der die Sandschwelle ausspülte und sich in den Dünenboden hinein schraubte. Es gibt eine Karte für Angler, auf der die Tiefenzonen des Bracks eingetragen sind. Diese „Näherungsskizze Tiefenkarte Schmölener Brack“ zeigt die Stellen unterschiedlicher Wassertiefe durch abgestufte Blautöne von 0 bis 6 Metern. Sie trägt den Namen „Tiefenkarte“, weil sie die Wassertiefe verzeichnet, – eine in Deutschland übliche Bezeichnung. Was ich dagegen vor Augen habe und hier vorstelle, ist eine Übersetzung des im Englischen inzwischen geläufigen „Deep Map“ im Sinne einer Aufzeichnung von Daten und Bedeutungen.

Dies Konzept der Tiefenkarte enthält ja gegenüber den gängigen topographischen oder thematischen Karten die zusätzliche Dimension der persönlichen Begegnung, Auseinandersetzung und Verarbeitung mit den Erscheinungen eines Raumes. Ergebnis der intensiven Erkundung eines Ortes als Sammelstelle von Bedeutungen, die sich ihnen im Lauf der Geschichte gleichsam anheften in Gestalt von konkreten Ablagerungen bestimmter Ereignisse von Erinnerungen an Geschehnisse, die mit der Ortschaft verbunden sind und sie gestalten.

Am Schmölener Brack Mai 2017 (Foto H.S.)

Vielleicht wäre da Raum für unsere langen Nachmittage am Schmölener Brack mit Picknickkorb und Decke, die Unterschiede der warmen und kalten Wasserzonen beim Schwimmen, meine ausgiebigen solitären Exkursionen. Ich erinnere den Winter 2011, als das Brack zugefroren war, und gleich hinter dem Sperrdamm eine schier endlose Eisfläche begann, die erstarrte Flut, die das gesamte Weideland der Elbaue abdeckte und in eine vom Wind leer gefegte dunkelgraue Platte verwandelte. Ab und zu glitten zwei oder drei nach vorn gebeugte Gestalten wie Scherenschnitte mit den eleganten Bewegungen von Schlittschuhläufern auf der Langstrecke vorüber. Ich sah zu, wie sie auf in den weissen Tiefen des Raumes kleiner wurden und wie der gelbrote Sonnenball aus dem neonblauen Himmel auf die Linie des Horizonts herabsank. Einmal, im Mai, beobachtete ich eine Schildkröte, reglos auf einem im Brack treibenden Baumstamm. Sie glitt unvermittelt wie eine Handbewegung unter die Oberfläche und verschwand. Die Angler, die ich bei späteren Spaziergängen fragte, hatten dort nie ein solches Tier gesehen.

– Derartige Impressionen lassen sich zu Assoziationsketten verspinnen, Fäden für das Gewebe des Textes einer Tiefenkarte. Eine simple Alternative zu einer solchen Textur aus Wörtern und Sätzen wäre das Gewebe aus Schafwollfäden, Schafgarbenstängeln, Feuersteinen und vom Wind abgeschliffenen Holzsplittern, das wir vor Jahrzehnten mit unseren Kindern aus den Fundstücken von Spaziergängen mitbrachten und auf dem Handwebstuhl zu einer Art Wandteppich gestalteten. Und diese Primitivform war schliesslich ebenfalls ein Gewebe, das den Funden und Begegnungen unserer Landpartie eine Gestalt gab. Ich habe mir beim Anblick des Souvenirs an der Wand manchmal gewünscht, diese Art der Gestaltung zur Hochform entwickelt zu sehen von einer genialen Künstlerpersönlichkeit, und ich halte einen solchen Weg noch immer für den legitimen Ausdruck der Tiefenkartierung. Ein Vorzug unserer Handwebstuhl-Variante damals liegt vor allem im Zusammenwirken der Kunstschaffenden. Das kollektive Moment des gemeinsamen Kunstwerks bildet ja die Einstellungen der Mitglieder einer Gemeinschaft.

Die ergreifendsten Passagen in den Werken der grossen Naturschreibenden (ein vielleicht akzeptables Wort, ins Deutsche hergeleitet von nature writing) schildern Momente der Epiphanie, einer Begegnung mit dem Anderen der Natur, das die Person, die darüber berichtet, im tiefsten Wesen anrührt und verwandelt, und uns Lesenden eine Ahnung von derart beseligenden und zugleich das Ego vernichtenden Erfahrungsmöglichkeiten vermittelt. (Es wäre reizvoll, eine Sequenz von Beispielen zu geben, würde aber sozusagen ein neues Fass öffnen. Ein andermal. Vielleicht genügt es hier, an Annie Dillards Begegnung mit dem Baum voller Lichter aus „Pilger am Tinker Creek“ zu erinnern.) Derartige Juwelen können eine Tiefenkarten-Textur kostbar machen. So, als ob wir unserem alternativen Erinnerungsteppich Edelsteine ins Gewebe gesetzt hätten. Und doch spüre ich beim Lesen solcher Passagen den Anflug einer selbstherrlichen Attitüde; manchmal häufen sich die Epiphanien, dann wird der Anflug zur Windbö, und ich frage mich, ob der Name des Spiels vielleicht „Wer findet den grössten Schatz?“ heisst.

Womöglich wären knappere Textformen – Poesie, Legenden, Geschichten, Tagebücher und andere in dieser Art, die noch ausfindig zu machen wären – den aufschlussreichen Begegnungserfahrungen – den Juwelen, von denen die Rede ist – eher angemessen als zum Ausufern tendierende Tiefenkarten-Texte. Vielleicht liegt im Wesen der Tiefenkarte aber auch ein über solch selbstbezogenes Berichten und Beschreiben hinausgehender Anspruch, etwas, das sich mit der Dimension tätigen Handelns auf eigene Weise zu verbinden sucht. Wie die topographische Karte dem Wanderer hilft, seine Position zu bestimmen, so gibt die Tiefenkarte womöglich Hinweise auf Stellen, die Handlungsbedarf signalisieren. Oder, deutlicher: Statt erhebende (erschütternde) Begegnungs-Momente von einzelnen aufzuzeichnen, könnte die Funktion der Karte darin bestehen, Gelegenheiten für ethisch begründetes politisches Handeln für viele zu markieren.

Manchmal denke ich, dass die Umsicht und Aufmerksamkeit, die man in die Arbeit an einer Tiefenkarte steckt – dies „Deep Mapping“ – wichtiger ist als das Ergebnis selbst. Der Prozess fällt, so scheint mir, für den, der sich darauf einlässt, schwerer ins Gewicht als das Produkt. Vielleicht ist das wichtigste Ergebnis des Unternehmens die Entwicklung jener Haltung, die der Dialog mit der Natur hervorbringt: Eine Sicht, die Natur und Gesellschaft als Partner wahrnimmt und deswegen Nützlichkeitsgesichtspunkte in einem Austausch zwischen beiden hin und her verfolgt.

Sich mit dem Land in Art einer „Tiefenkartographie“ einzulassen (wie um eine Tiefenkarte herzustellen), entspricht aktuellen Tendenzen der Wissenschaft, die das Gesamtbild anstelle von Einzelheiten in den Blick nehmen. Schon Alexander von Humboldt hatte die natürliche Welt als grossen Zusammenhang von lebenden und physikalischen Komponenten wahrgenommen, die als letztlich ein umfassender Organismus in verschiedenen Erscheinungen zu verstehen ist. Sein Konzept ist mit der Ökologie aufgenommen worden, vielleicht, weil sich die Wissenschaft in ihrer Logik so hat entwickeln müssen, aber wohl doch auch deshalb, weil die zunehmende Zerstörung der Bewohnbarkeit der Erde eine Untersuchung der Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge unter einem übergreifenden Blickwinkel erzwingt. Verschiedene Einflüsse wirken aufeinander, und die Wechselwirkung verändert den Blick auf den Gegenstand der Forschung selbst. Was von spezialisierten Fachwissenschaften in Geologie, Biologie, Klimatologie und so weiter ermittelt wird, muss ja zusammengeführt werden, um zu sehen, wie das Ganze funktioniert. Besonders interessant erscheint mir die Abwendung der neuen Biologie von den individuellen Lebensgestalten, ja sogar vom Begriff des Individuums überhaupt, um stattdessen das Zusammenwirken verschiedener Spezies – etwa Pflanzen und Pilze – unter die Lupe zu nehmen. Mir erscheint damit der Prozess des Lebens als Gegenstand des Nachdenkens aufgewertet, ähnlich, so meine ich, wie in der Geschichtsschreibung die Abwendung von den „grossen Männern“ zugunsten einer Untersuchung der Entwicklung gesellschaftlicher Entwicklungsmuster den Prozess der menschlichen Erfahrung aufwertet. „Tiefenkarten“ bedienen beide Tendenzen, die „Geschichte von unten“ und den ökologischen Zusammenhang der Lebewesen. Am wichtigsten ist die der Tiefenkarte eingeschriebene Verpflichtung zur Selbstreferenz: Diese Art Text vermag dem Wort „Ich“ nicht auszuweichen. – Eine Schwäche unter wissenschaftlicher Perspektive, die peinlich darauf aus ist, jeden Anschein sog. Subjektivität zu vermeiden? Oder könnte es etwa sein, dass durch dies Vermeiden ein Webfehler entstanden ist, die das gesamte Narrativ mit seinem Anspruch auf Objektivität verzerrt?

Liefern die Migrationsbewegungen unserer Vorfahren und unsere DNA Daten für eine globale Tiefenkarte?

Es reizt mich, nach all dem, als ob es nicht genug wäre, noch einen weiteren Aspekt anzusprechen, der eine gewissermassen ultimative Tiefenkarte zum Thema macht: Die menschliche Evolution als Wechselwirkung zwischen Land und Leuten im ganz grossen Stil. Unsere Organismen haben ja die verschiedenen Stadien des Weges in sich gespeichert, den die Evolution unserer Spezies gegangen ist. So können wir unser Genom womöglich ebenfalls im Sinne der groben Skizze einer Tiefenkarte verstehen. Diese Perspektive wird durch moderne Untersuchungen zur DNA schön illustriert: Spuren, die verschiedene Phänotypen von Homo sapiens im Lauf der Zeit in unseren genetischen Kostümen hinterlassen haben, belegen die wortwörtliche Verwandtschaft aller Erscheinungsformen des Menschen miteinander.

Ein ferner Vorfahr, Homo erectus, begann vor ungefähr zwei Millionen Jahren mit den endlos langen Wanderungen, die Leute seiner Art aus dem Gebiet der südafrikanischen „Cradle of Mankind“ Region (oder womöglich eher aus dem ostafrikanischen Grabenbruch-Gelände – beide Ursprünge scheinen derzeit ergiebig) über die gesamte Erde verteilte.

Mutmassliche Wanderungswellen aus Afrika und zurück nach Afrika und Fundstellen menschlicher Reste weltweit
Saioa López, Lucy van Dorp and Garrett Hellenthal – López, S., van Dorp, L., & Hellenthal, G. (2015). Human Dispersal Out of Africa: A Lasting Debate. Evolutionary Bioinformatics Online, 11(Suppl 2), 57–68.http://doi.org/10.4137/EBO.S33489 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4844272/„Copyright © 2015 the author(s), publisher and licensee Libertas Academica Ltd. This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons CC-BY 3.0 License.“

Wir waren damals und in den folgenden Jahrhunderttausenden über die längste Zeit unserer Entwicklung hin Nomaden, Neuankömmlinge, Immigranten, nirgendwo endgültig sesshaft, und wenn, dann wohl nur selten über mehrere Generationen hin. Die sesshafte Lebensweise wurde wohl öfters versucht, aber sie liess sich auf Dauer erst erhalten mit der Ausbreitung des Anbaus von Getreide und Feldfrüchten mit der sog. Neolithischen Revolution, die vor 9000 bis 5000 Jahren Land und Leute umwandelte. Vorher traf die unter Afrikanern für uns Weisse gebräuchliche, ein wenig verächtlich gemeinte Bezeichnung „Mzungu“ – Herumtreiber – , auf alle von uns zu, nicht nur auf uns Langnasen und Pinkfarbene aus nördlichen Beiten. Es gibt eine Gruppe von Menschen, von der es manchmal heisst, dass sie als einzige von Anfang an sesshaft war: Die Khoisan im südlichen Afrika. Aber neuere genetische Untersuchungen belegen ihre mögliche Verwandtschaft mit eisenzeitlichen Leuten aus dem Nahen Osten: Auch die San haben dem nicht entkommen können, was uns restliche Migranten angetrieben hat.

Und die Erde hat sich den Menschen angeboten, ob die das Land als sesshafte Siedler bebauten oder auf Invasionszügen plünderten, vom Kahlschlag der Zedernwälder Mesopotamiens zu Zeiten des Gilgameschs bis zu den Ölfeldern Alaskas in diesen Jahren. Wie soll man die Veränderungen der Erde bewerten, die auf menschliche Einflüsse zurückzuführen sind? Wahrscheinlich sind überschaubare Räume wie unser Wendland oder Chase County in Kansas am besten geeignet für einen Vorher-Nachher-Vergleich der Spezies-Zahlen, um Zunahme bzw. Rückgang der Artenvielfalt zu ermitteln. Artenvielfalt ist einer der Parameter, die untersucht werden sollten. Denn wie es den anderen Lebewesen auf dem Flecken Erde ergangen ist, seitdem die Menschen das Management des Landes übernommen haben, ist wohl ein wichtiger Gesichtspunkt dafür, wie die Lebensqualität irdischer Orte und Landschaften zu beurteilen wäre. Zum Beispiel ist es im Zuge des Anbaus von Feldfrüchten in der Jungsteinzeit und – in einer zweiten Welle – der Ausbreitung des Obstbaus im frühen Mittelalter in unserer Region in Norddeutschland zur Einwanderung von Insekten gekommen, die den Pflanzen folgten, denen wiederum Singvogelarten folgten, die es vorher hier nicht gab. Heute dagegen erleben wir innerhalb unserer eigenen relativ kurzen Lebensspanne den zunehmenden Verlust von Pflanzen- und Tierarten, die auf „Roten Listen“ geführt werden, oder als „gefährdet“ oder lokal ausgestorben gelten. Ich wäre neugierig, durch eine Gegenüberstellung Genaueres zu den überschaubaren Räumen zu erfahren, die mir einigermassen vertraut sind. Ob die Vögel, die mit dem Gartenbau der Klöster hier einwanderten, als Art noch präsent sind, oder schon wieder verschwunden? Mit der von Menschen verursachten Klima-Erwärmung wird sich das ökologische Bild ohnehin weiter verändern, und auch die Migration unserer eigenen Spezies wird wahrscheinlich in dem Masse anschwellen, in dem Teile der Erde für Menschen unbewohnbar werden.

Eine Region-für-Region-Bewertung der Bewohnbarkeit der Erde in diesem Sinn müsste die genauesten Einblicke liefern können, falls und soweit derartige Erhebungen durchführbar sind. Andererseits ist ja ein Archiv der genetischen Spuren unserer eigenen Spezies mit den DNA Sequenzen verfügbar. Sie können von organischen Resten unserer Vorfahren ähnlich abgelesen werden wie von den organischen Proben von uns Lebenden. Die Ermittlungsarbeiten in diesem Archiv laufen seit Jahren in darauf spezialisierten Instituten. Die ermittelten Daten geben interessante Aufschlüsse. Wenn dabei eine Grössenordnung erreicht ist, die Muster erkennbar macht, könnte auf diesem Wege Genaueres über das Zusammenspiel zwischen Homo sapiens und Erde herauskommen.

Einstweilen gewähren Genanalysen schon Einblick in unsere individuell mehr oder weniger komplexen Familienverhältnisse. Ich nehme an, dass meine eigene DNA der meiner Schwester entspricht. Sie hat die ihre bei „Ancestry“ testen lassen, mit folgendem Ergebnis: 99 Prozent europäisch, unterteilt in 62 westeuropäisch, 10 skandinavisch, jeweils 8 osteuropäisch und italienisch/griechisch, englisch 5 Prozent, und schliesslich 1 Prozent asiatisch (indisch). Ein Problem, das bei dieser Bestandsaufnahme sogleich ins Auge fällt, ist die geographische Etikettierung, etwa anhand von Nationen-Namen oder vagen Ortsbezeichnungen wie „westeuropäisch“, weil die ja in der Regel aus unterschiedlichen Herkunftsströmen zusammengesetzt sind. Etwa die 5 Prozent, mit denen mein Profil durch Vorfahren aus dem Vereinigten Königreich geprägt sein soll – „Great Britain“ heisst es in der englischsprachigen Analyse – sind kaum aufschlussreich, wenn man bedenkt, dass u.a. keltische, sächsische, skandinavische Bevölkerungsströme die englischen Inseln besiedelt haben. Trotz dieser Schwäche macht die Aufgliederung deutlich, dass mein genetischer Cocktail aus ganz verschiedenen Zutaten besteht. Wahrscheinlich falle ich nicht allzu sehr aus dem Rahmen der vielen Einflüsse, aus denen der Mix für die Herkunft der meisten besteht. Sollte dies zutreffen, so würde das jenes paläontologische Prinzip umso plausibler machen, demzufolge die menschliche Entwicklungsgeschichte zwei mächtigen Antrieben folgt: dem Wandertrieb und dem Sexualtrieb. Jede menschliche Person stellt eine besondere Gestalt dar, in der gewissermassen als Momentaufnahme das festgehalten ist, was den gegenwärtigen Zustand dieser ineinander verflochtenen Geschichte zweier Triebe repräsentiert: ihre genetische Spur.

Die DNA jeder Person ist damit die individuelle Gestalt des Sediments, das den Weg der Menschheit auf einmalige Weise ablagert. Das heisst auch, es ist zwar ein Sediment, aber keine Tiefenkarte. Wir wissen, dass die Erfahrung der Migration nicht nur Eroberung und Besiedlung, sondern auch Flucht und Vertreibung einschliesst – derzeit sind nach Angaben der UNO achtzig Millionen Menschen auf der Flucht unterwegs. Und die Erfahrungen, die uns der Sexualtrieb beschert, reichen bekanntlich vom höchsten Glück zur tiefsten Verzweiflung, – Erfahrungen von einer Macht, die das Leben der Menschen zur Tragödie machen kann. Nur so weit, als es gelingt, die besonderen Gestalten von Schmerz und Freude, von Glück und Leid heraufzuholen, sie gewissermassen zu kartieren, die durch die Liebesbegegnungen und die Wanderwege unserer Vorfahren in die Welt kamen, könnte aus den Ablagerungen der DNA eine Tiefenkarte entfaltet werden. Vielleicht würde sie als Text ähnlich aussehen wie ein Roman vom Schlage von Tolstoys „Krieg und Frieden“. Aber ist es nicht auch fraglich, ob ein solcher Roman in die Reihe der Tiefenkarten passt, die mit Least Heat-Moons „Prairie-Erth“ anhebt? Least Heat-Moon folgt jeder Spur und hebt jeden Stein, um die Vergangenheit so präzise fassen zu können wie eine topographische Karte die Gestalt des Landes. Doch wer würde die Worte wiederholen können, die Liebende vor Zeiten austauschten? Wer würde die Spuren ihrer Leidensgeschichten aufspüren und zu lesen verstehen? Man könnte womöglich einiges davon mit der Kraft der eigenen Phantasie gewissermassen wiederherstellen oder heraufbeschwören im Vertrauen darauf, dass Menschen vergangener Zeiten nicht anders liebten und litten als wir. Aber wie weit sollte diese Lizenz reichen? Und doch ist der Drang, die Erde als Handelnde in die Geschichte einzubeziehen, die wir uns selber erzählen, trotz aller Ermittlungsschwierigkeiten eine real gegebene Kraft. Der Gedanke, dass die „schöne Literatur“ generell als eine Art Recherche zur Wiederherstellung der unerreichbaren Dimension des Vergangenen gelten kann, ist kühn. Ich bin skeptisch, ob er einer Untersuchung standhielte. Und doch meine ich beim Lesen immer wieder diese ansteckende Sehnsucht zu spüren. Vielleicht gibt es einen sublimen Trieb, der Empathie mit der Suche nach dem Vergangenen verbindet, und möglicherweise ist er unter Schreibenden weit verbreitet. Wäre da etwas dran, dann wäre „Tiefenkarte“ nur ein neuer Name für eine altbekannte Sache. Gleichzeitig ist allen bewusst, dass jede Rekonstruktion, auch wenn sie für sich noch so grandios ist, die Wahrheit des Geschehens verfehlen muss. Aber wie gesagt, am Ende kommt es aus ethischer Sicht eher auf den Prozess des Sich-Einlassens an als auf das Gelingen des Produkts.

Dialog mit Tieren: Ihre Sprache, ihre Rechte

Ein Interview auf YouTube zeigt die Philosophin und Tierrechts-Aktivistin Eva Meijer im Dezember 2016, auf dem trotz der Jahreszeit immer noch grünen Gelände wohl in Amsterdams Vondel Park, zusammen mit ihrem Hund Olli. (YouTube: Vegan Amsterdam. Interview with animal rights philosopher Eva Meijer. Dec. 4 2016, 7:41 min.) Sie erzählt, wie sie als Achtjährige beschloss, kein Fleisch von Tieren mehr zu essen, wie sie zur Veganerin wurde und Romane über Tiere schrieb, was sie zu Peter Singers Argumenten der Rechte von Tieren und zur Philosophie gebracht habe. Jetzt schreibe sie ihre Dissertation über die Sprache von Tieren. Zwischen den Takes rennt die 36jährige mit Olli auf der Wiese umher. In diesen Video-Aufnahmen erscheint sie frisch und beherzt und ruft jedenfalls mein spontanes Wohlwollen hervor. (Ich nehme in diesem Interview die gleiche naive und starke Entschlossenheit wahr, die in Gesprächen mit meinen Enkeltöchtern beobachte.) Nun, die Dissertation ist längst abgeschlossen, inzwischen auch unter dem Titel „When Animals Speak: Toward an Interspecies Democracy“ bei der New York University Press 2019 erschienen und auf dem Wege, ein internationaler Bestseller zu werden. (Noch liegt keine deutsche Ausgabe vor.)

Eva Meijer und ihr Hund Olli 2016

Dr. Meijer begründet die Rechte der Tiere nicht über die Frage „Können sie leiden?“ – die noch vor Jahrzehnten Peter Singers Beweggrund war, ebenso wie der seines Jahrhunderte alten Vorbilds, des utilitaristischen Philosophen Jeremy Bentham (1748 – 1832) – sondern über ihr Kommunikationsvermögen. „Sprache“ versteht sie dabei in einem umfassenden Sinn, der auch die Körpersprache einschliesst, und damit ein Fenster zum Leiden der Kreatur aufstösst, was ihren Ansatz doch mit Singers und Benthams Utilitarismus verbindet gemäss der utilitaristischen Forderung, die Summe des Leidens aller Lebewesen zu verringern. Ich erkenne da auch einen Zusammenhang mit dem ganz anderen von Martin Buber eingebrachten Dialogischen Prinzip. Dies „Siehst du nicht, dass ich leide“, wird im dialogischen Verhältnis zwischen den Arten (Spezies) zu einem Anspruch, der meine Antwort erheischt.

Viele neuere Untersuchungen über das Sprachvermögen von Tieren erleichtern es, den Akzent auf das Sprachliche zu setzen und diesen Weg als Begründung für Tierrechte plausibel zu machen. Der Graupapagei Alex erwarb im Umgang mit einer Tierpsychologin ein Vokabular von 150 Wörtern, der Bordercollie Chaser konnte über tausend verschiedene Spielzeuge auf Zuruf des Namens apportieren, der Gorilla Koko konnte eintausend Wörter in der Amerikanischen Gebärdensprache mitteilen und zweitausend gesprochene Wörter verstehen. Nichtmenschliche Tiere kommunizieren unter ihresgleichen hoch komplexe Inhalte, und wir menschlichen Tiere sind in der Lage, nicht nur anderen Tieren unsere Sprache in Teilen und Bruchstücken (typisch: als Befehl) zu vermitteln, sondern auch das Verständnis ihrer Sprache, ihres dialogischen Verhältnisses zur Welt, aufzunehmen.

Eva Meijer argumentiert, dass Tiere, weil sie sich darauf verstehen, ihre Bedürfnisse, ihre Zustimmung und Ablehnung kommunikativ mit uns zu teilen, auf ihre Art ähnlich wie wir auch politische Akteure sind, denen eine Rolle im politischen Rahmen der Gesellschaft zusteht. Sie entwirft das Bild einer Koexistenz, in der berücksichtigt wird, „wie sie ihre Leben zu führen wünschen, welche Beziehungen sie untereinander und mit Menschen sie suchen, und wie wir den Planeten, auf dem wir alle leben, miteinander teilen können und sollen.“ In ihrer Rezension zu Meijers Buch erinnert Michelle Nijhuis in der „New York Review of Books“ (August 20, 2020, pp. 53 – 55) daran, dass durch die gegenwärtig weltweit grassierende Pandemie ein Licht auf die Tatsache fällt, dass eine solche Hinwendung im Interesse der Menschen selbst ratsam erscheint: „Heute, da ein Virus von einer anderen Spezies die menschliche Gesellschaft als katastrophales Ereignis trifft, wird die Brauchbarkeit einer Kommunikation mit Tieren nach deren eigenen Begriffen plötzlich besser vorstellbar.“

Wenn ich zurückblicke auf Jahrzehnte des öffentlichen Diskurses über die Rechte der Tiere, etwa mit Stichworten wie „Hühner-KZ“ und „Rinderwahnsinn“, oder mit den Boykotts der Vorträge von Peter Singer an deutschen Universitäten oder der Rechtsprechung deutscher Gerichte, möchte ich angesichts der jüngeren Diskursbeiträge, wie sie von Eva Meijers vorgetragen werden, gratulieren: Einen langen Weg haben wir zurückgelegt! Gewiss: Angesichts des Projekts einer Arten übergreifenden Demokratie oder einer alternativ weit reichenden Berücksichtigung der Interessen nichtmenschlicher Organismen wird deutlich, dass nur der Anfang des Beginns des notwendigen Umdenkens erreicht ist. Skepsis erscheint, wie stets, angebracht. Und doch erinnere ich lebhaft die Zeit, zu der den meisten allein schon die Idee von Rechten für Tiere als lächerlich erschien. Und diese Einstellung war seinerzeit durch rechtsphilosophische und juristische Autoritäten abgesichert.

Im Herbst 1988 kam es zum „Robbensterben“ (noch so ein Schlagwort) grossen Ausmasses in der Nordsee. Neun Umweltverbände hatten sich zusammengetan und reichten gerichtlich Klage ein gegen die Bundesrepublik Deutschland, die als Gesetzgeber das Verklappen (Einleiten) und Verbrennen chemischer Abfälle auf See zuliess. Da die Kläger keinen persönlichen Schaden geltend machen konnten, und auf der Suche nach Möglichkeiten der Einklagbarkeit des Lebensrechts für Tiere waren, führten sie Klage „im Namen der Seehunde“, – nach dem Muster, das einem Vormund gestattet, als Fürsprech im Namen einer unmündigen Person zu sprechen und zum Beispiel ein Kind vor Gericht zu vertreten. Die juristische Zurechtweisung erfolgte prompt. Das Verwaltungsgericht Hamburg wies die Klage ab mit der Begründung, dass nur Menschen, nicht aber Tiere als Kläger vor Gericht in Erscheinung treten könnten. Träger von Rechten könne nur der Mensch sein, da „nur dem Menschen die besondere Personwürde eigen sei, kraft seines Geistes, die ihn abhebe von der unpersönlichen Natur und ihn aus eigener Entscheidung dazu befähige, seiner selbst bewusst zu werden, sich selbst zu bestimmen und sich und die Umwelt zu gestalten.“

Aus heutiger Sicht wirkt diese Begründung einigermassen peinlich, vor allem wenn man im Auge behält, dass das, was hier so pompös ins Spiel gebracht wird, dazu dient, eine Umwelt zerstörende und für Tiere tödliche Praxis beizubehalten. Vor wenigen Wochen hat der NABU bei der EU-Kommission eine Beschwerde gegen die Bundesrepublik eingereicht. „Es geht um den dramatisch schlechten Zustand des Rebhuhns, der in erster Linie auf die fehlgeleitete Agrarpolitik zurückzuführen ist. Seit 1980 sind die Rebhuhnbestände um 91 Prozent zurückgegangen.“ (NABU-Magazin Winter 2020, S. 16) Bund und Länder in Deutschland, so die Beschwerde, verstossen gegen die EU-Vogelschutzrichtlinie. Die fordert, dass Massnahmen durchgeführt werden müssen, um alle wild lebenden Vogelarten zu erhalten. – Wie immer die EU-Kommission entscheiden wird, man wird mit einiger Gewissheit annehmen dürfen, dass die einzig beim Menschen gegebene Personwürde nicht zur Begründung herangezogen werden wird. Man sieht: Die Internationalisierung des Diskurses fördert den Erkenntnis-Fortschritt.

Nijhuis erwähnt in ihrem Essay das Beispiel des Whanganui Flusses in Neuseeland, dem seit 2017 die Rechte einer juristischen Person zugestanden werden. Zwei Fürsprecher – eine von den Maori und eine von der Regierung gewählte menschliche Person – vertreten das gesamte Fluss-System als dessen Repräsentanten. Nijhuis kommentiert: „In diesem Fall wird kein Bürgerrecht gewährt (wie es Meijers Vorschlag für Tiere entspräche), sondern eher ein universelles Recht, das Bürger und Nichtbürger gleichermassen besitzen.“ (p. 54)

Der Whanganui Fluss: eine Person nach neuseeländischem Recht

Vielleicht sind wir in den zivilisierten Gesellschaften bereits auf dem Weg einer Aufweichung oder Auflösung der Abgrenzungen zwischen den Spezies, wenn nicht sogar unter zusammenhängenden organischen Gestalten. Mir scheint, dass die entsprechende Ausweitung einschlägiger Begriffe wie „Sprache“, „Kommunikation“, „Dialog“ und „Begegnung“ nicht allein vom informierten, intelligenten öffentlichen Diskurs zu leisten ist. Sie hängt auch von einer aufnahmebereiten Einstellung der Menschen ab. Die Einstellung ist mehr als das manchmal verächtlich zitierte „Bauchgefühl“: Eher eine Spielart sozialer Intelligenz, verbunden mit jenem kollektiven Gedächtnis, das eher mit der Dichtung korrespondiert als mit dem öffentlichen politischen Diskurs. Deshalb ist die Haltung nicht identisch mit den Regeln des Zusammenlebens – die zum Beispiel Tieren das Bürgerrecht zusprechen können oder nicht -, aber sie wirkt auf politische Entscheidungen als mächtige Grösse. Sie bildet sich aus frühen Eindrücken, unser Verhältnis zu Tieren ist etwas, das „jedem in die Kindheit scheint“ ähnlich wie Blochs Heimatidee. Man erfährt die eigene Einstellung als Ausdruck ursprünglichen Verstehens, das dialogisch angelegt ist und deshalb prinzipiell empfänglich bleibt für allmähliche Veränderung und Entwicklung. Eva Meijers verfolgt diese Spur bewusst, indem sie es mit ihren Romanen unternimmt, die Attitüde des Einverständnisses mit Tieren zu verbreiten. Als Tierrechts-Aktivistin schreibt sie gleichzeitig wissenschaftliche Erörterungen und Romane. Eine womöglich ähnliche Spur kann durch Gedichte beschritten werden. Zwei Beispiele bringe ich hier ins Spiel.

Ein Gedicht des altchinesischen Philosophen Zhuangzi (369 – 286 v. u. Z.) ist in Form eines Streitgesprächs verfasst, bei dem es um die Möglichkeit geht, andere Spezies zu „verstehen“. Hier die Übersetzung von Thomas Merton (ins Deutsche von Johann Hoffmann-Herreros) aus „Sinfonie für einen Seevogel. Geschichten und Meditationen des Zhuangzi. Ostfildern: Patmos 2012, S. 76/77)

Die Freude der Fische

Zhuangzi und Hui-tse gingen über den Damm, der das Wasser des Hao staut.

Zhuang sagte: „Schau, wie frei die Fische sich tummeln und wie glücklich sie dabei sind.“

Hui erwiderte: „Da du kein Fisch bist, woher weisst du dann, was Fische glücklich macht?“

Zhuang sagte: „Da du nicht ich bist, wie kannst du da wissen, dass ich nicht weiss, was Fische glücklich macht?“

Hui entgegnete: „Wenn ich, der ich nicht du bin, nicht wissen kann, was du weisst, so folgt daraus, dass du, der du kein Fisch bist, nicht wissen kannst, was sie wissen.“

Zhuang sagt: „Nur sachte! Lass uns zu der ursprünglichen Frage zurückkehren. Du hast mich gefragt: Woher weisst du, was Fische glücklich macht? Den Worten deiner Frage zufolge weisst du ganz klar, dass ich weiss, was Fische glücklich macht.

Ich kenne die Freude der Fische im Fluss durch meine eigene Freude, wenn ich denselben Fluss entlanggehe.“

– Mir erscheint dieser 2200 Jahre alte Dialog vor allem als ein verkapptes Loblied auf den Sommer (Summertime when the living is easy. Fish are jumping: Wer von uns hätte die Melodie nicht im Ohr?) Mir fallen sogleich die jungen Mauersegler ein, deren Trupps mit schrillem Geschrei Anfang August in Häuserschluchten über parkende Autos jachtern: So lustvoll, denke ich, wer könnte da zweifeln, dass sie vom eigenen Flug wie berauscht sind? Es ist wohl eine leichte Übung, Beispiele zu sammeln dafür, wie wir die Freude von Tieren mit einem schon immer gegebenen spontanen Einverständnis erfassen, und eben so auch ihren Kummer, das Leiden der Kreatur, das uns anspricht.

Hui hat den schwierigeren Part des Streitgesprächs übernommen. Sein Bedenken, ob jemand wissen kann, was Fische glücklich macht, lässt sich ja ebenso auf Menschen übertragen. Es führt geradeswegs in bodenlose Skepsis hinein, was die Möglichkeit des Verstehens angeht. Wie kann ich sicher sein, dich überhaupt zu verstehen? Ist es nicht nur oberflächlich, in einem letztlich unbedeutenden Sinn möglich, zu begreifen, was das Andere meines Gegenüber aussagt? Ein Problem schon der Interaktion unter Menschen. Umso phantastischer das tiefe Einverständnis mit der Freude von Fischen, das Zhuang für sich beansprucht. Es entzieht sich vollständig dem Verhör des Verstandes.

Vielleicht öffnet aber gerade die Egalität, derzufolge es im Grunde gleich fraglich ist, ob ich einen Menschen oder ein Tier zu verstehen suche, den Zugang zum Dialog mit Tieren. Diese Möglichkeit tritt vor allem da in Erscheinung, wo ich zu einem Individuum einer nichtmenschlichen Spezies – einer Tierpersönlichkeit – ein vertrautes Verhältnis aufgebaut oder gewonnen habe. Diese besondere dialogische Gestalt schildert W.S. Merwin in einem Erinnerungs-Gedicht so, dass eine transzendente Erfahrung aufscheint. Die angesprochene Ausgangslage erscheint alltäglich und ist allen Lesenden zugänglich. Wer einen Hund zum Gefährten hatte, wird die Situation womöglich wiedererkennen: Man sitzt draussen an der gleichen Stelle, an der man oft zu sitzen pflegte, döst vor sich hin. Der Fluss ist da, man hört das glucksende Wasser, der Nachmittag ist da, man ist schläfrig, und unbewusst streckt man die Hand aus nach hinten, um in das langhaarige Fell zu greifen, als ob er da sei, der doch immer da war. Eine Art Traum, gewiss, der jedoch ein Moment der Gegenwart enthält, von der wir nicht wissen, ob sie Traum oder Realität ist. Der Augenblick, in dem die Hand über dem Fell schwebt, hält auch in Schwebe, ob es eher der Traum des Hundetiers oder des Menschentiers ist. Und dies Moment der Balance relativiert zugleich die Unterscheidung von Da-Sein und Nicht-Mehr-Da-Sein, und die zwischen Mensch und Tier. Alles ist ja im gegenwärtigen Augenblick aufgehoben und enthüllt sich als „egal“.

– So lese ich Merwins Gedicht. Er baut einen tao-trächtigen Gedankenkomplex mit schlichten Worten. Ich nehme an, es ist vertretbar, dies Gedicht im englischen Original wiederzugeben.

Dream of Koa Returning

Sitting on the steps of that cabin

that I had always known

with its porch and gray-painted floorboards

I looked out to the river

flowing beyond the big trees

and all at once you

were just behind me

lying watching me

as you did years ago

and not stirring at all

when I reached back slowly

hoping to touch

your long amber fur

and there we stayed without moving

listening to the river

and I wondered whether

it might be a dream

whether you might be a dream

whether we both were a dream

in which neither of us moved

(W.S. Merwin: The Shadow of Sirius. Port Townsend: Copper Canyon Press 2009, p. 53)

Solitude

1958 schrieb der Trappistenmönch Thomas Merton beim Vorwort zur japanischen Ausgabe seines Buches „Thoughts in Solitude“ den unvergesslichen Satz: „Kein Text über die einsamen, meditativen Dimensionen des Lebens kann etwas sagen, das vom Wind in den Kiefern nicht schon besser gesagt worden wäre.“ (Übers. aus Thomas Merton: Love and Living. New York: Farrar Straus Giroux 1976, p. 15)

Kiefernwald auf Sanddüne in Klein-Schmölen, Mecklenburg-Vorpommern. Foto H.S.

Die kühne Unterstellung, dass die Sprache der Bäume mit den Argumenten der Menschen auf einer Stufe stehe, führt ohne Umschweif in die Welt des Zen hinein, der sie hier auch entstammt. Thomas Merton war bei seinen Studien zur Mystik klar geworden, dass alle Ausprägungen des Religiösen – buddhistische wie christliche, hinduistische wie schamanistische – in ähnliche Formen solitärer Kontemplation münden. Und anhand der Texte seiner vielen Bücher fährt er damit fort, uns Lesende in seine eigenen Meditationen zu verwickeln. Ich finde die meisten seiner Schriften entwaffnend aufrichtig, da ist nichts von der öligen Doppelzüngigkeit, die mir das Lesen theologischer Texte sonst oft schwer erträglich macht. Manchmal erscheinen mir Mertons Texte wie Briefe des Bruders, den ich nie hatte.

Es fällt auf, dass die deutschen Übersetzungsvorschläge für das lateinische Wort solitudo alle einen negativen Touch haben: Alleinsein, Einsamkeit, Einöde, Verlassenheit. Ähnlich auch die Übersetzungen des englischen solitude: Einsamkeit, Abgeschiedenheit, Einöde, Abgelegenheit, Alleinsein. Demgegenüber stellen englischsprachige Wörterbücher den Unterschied zwischen solitude und loneliness heraus, – beim zweiten überwiegt die negative Seite des Verlassen-Seins, das erste bezeichnet den positiven Zustand des Für-Sich-Seins ohne verlassen zu sein, – eine konstruktive Befindlichkeit, bei der ich mich auf einen Dialog mit der gegebenen Wirklichkeit einlasse und dabei mein eigenes So-Sein erneuere. Für diese dialogische Einsamkeit haben wir im Deutschen wohl kein präzise treffendes Wort, könnten jedoch das den meisten geläufige „Solitude“ übernehmen, wie es die Sprachen unserer Nachbarländer getan haben, zumal das Rokokoschloss in Stuttgart diesen Namen in seiner durchaus gewollt positiven Bedeutung trägt (ähnlich wie das Potsdamer Sanssouci).

Ich schreibe diesen Text während der zweiten Welle der Corona-Virus Pandemie, zu Zeiten amtlich vorgeschriebener Absonderung und Kontaktlosigkeit, in der Absicht, den Horizont nach Möglichkeiten abzusuchen, vor allem auch, um die Natur als Quelle wichtiger Erfahrungen ins Spiel zu bringen oder in Erinnerung zu rufen. Um die konstruktiven Potentiale der sozialen Isolation herauszustellen, finde ich keine treffende deutsche Bezeichnung und entnehme kurzerhand dem sprachlich erweiterten Diskurs das Fremdwort „Solitude“ mit der Hoffnung auf Verständnis.

Vor langer Zeit in Vietnam traf ich einen Australier meines Alters, der seit fünfzehn Jahren im Mekong-Delta lebte. Er war, wie er sagte, mit seiner Entscheidung zufrieden. Neugierig fragte ich, ob es irgendetwas gäbe, das er – im Vergleich zu seinem urbanen Leben in Sidney – hier manchmal vermissen würde, und er antwortete ohne einen Augenblick zu zögern: „Solitude“. Er erklärte, dass er ab und zu allein in der Natur sein müsse. Beides, das Alleinsein und das In der Natur Sein, sei in Australien kein Problem, aber Alleinsein sei in Vietnam kaum vorstellbar. Was hier aufblitzt, und auch bei Merton stets mit der Solitude erscheint, ist die entscheidende Rolle der Natur. Natur als Gegenstück zur Gesellschaft, als das, was da hervortritt, wo die Interaktion mit Menschen aufhört. Man ist ja genau betrachtet nicht allein, die anderen Lebewesen sind da, Bäume und Vögel und auch grüne Hänge und graue Felsen, Wasserfälle und Seen und Wind und Sterne – dies ganze Gewebe aus Lebewesen und den das Leben ermöglichenden Gegebenheiten. Alexander von Humboldt hatte dies alles bereits als einen einzigen zusammenhängenden Organismus gelesen, bevor noch das Wort „Ökologie“ aufgetaucht und die Gaia-Hypothese formuliert war, derzufolge die Erde als eigenes Lebewesen wahrzunehmen sei.

Wer sich auf die Begegnung mit Eichensolitären oder Kreidefelsen einlässt, kann ein Botanik- oder Geologiestudium anfangen, oder so genaue Artenkenntnisse aufbauen, dass der Ruf jedes Singvogels und das Muster jedes Falterflügels zur Namensermittlung genügen. Es kann aber auch geschehen, dass die Welt der Natur sich – „aus Willen und Gnade in einem“ (Martin Buber) – in eine Art Spiegel der Menschenwelt verwandelt. Was da nach ihrem Modell zum Vorschein kommt, ist eine Art Utopie, ein Ideal, ein Traum, der zeigt, was mir selbst und was der Gesellschaft fehlt. Ich nehme den Zusammenhang der Natur wahr und tauche in diese Ökologie ein, um ein Bild zu finden, das mir weiterhilft dabei, das eigene Leben zu führen, und vielleicht sogar einen Fingerzeig gibt für das soziale Leben.

Die Spannung zwischen den beiden Ansprüchen – die Natur für sich zu verstehen oder als Vorlage für Menschenwünsche und Menschenwollen – macht unbehaglich. Der Widerspruch ist logisch nicht zu lösen. Hier stehen zwei Disziplinen mit ihren unterschiedlichen Perspektiven und Gesetzen einander gegenüber, und jede verlangt meinen absoluten und vollkommenen Gehorsam. Der Versuch, eine Brücke zu schlagen, beiden Ansprüchen gerecht zu werden und auf höherer Ebene nach einer gangbaren Verbindung zu suchen, oder sich einfach sowohl dem einen als auch dem andern zu widmen, als ob es gar keinen Widerspruch gäbe – erschiene aussichtslos, wenn er nicht fortwährend und von Anfang an unternommen worden wäre. Tatsächlich gibt es derart viele Belege für die Denkfigur, die ein Stück Natur beschreibt und daraus einen Rat für das soziale Leben ableitet, dass man sich fragt, wie weit Philosophie und Literatur ohne diese eigentlich unzulässige Schlussfolgerung gekommen wären.

Tagebucheintrag 25.4.2000: Foto und Naturdruck einer Schwarzen Iris (Iris nigricans) aus der Wüste bei Mu’tah, Jordanien

Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. (Matthäus 6, 28-29, Übers. nach Martin Luther) – Ein Beispiel bietet die komplexe Schlussfolgerung Jesu beim allerdings überwältigenden Anblick etwa der „Schwarzen Iris“, die auf dem felsigen Wüstengelände des Heiligen Landes immer noch (mein Foto stammt aus dem Jahre 2000 n. Chr.) wie ein dunkles, purpurfarbenes Wunder erscheinen. Komplex wegen der offensichtlichen Übertreibung: Man muss spinnen und weben und schneidern, oder eine ganze Kette von Arbeiterinnen bezahlen oder ausbeuten, um sich in Kleidern kleiden zu können. Was will er mit dem „Sorge dich nicht“ sagen? Es bleibt ein Rätsel, auch wenn ich nicht ausschliessen kann, dass Theologen womöglich eine ganz andere und plausible Deutung des Gleichnisses formulieren.

Ohne Theologie kommt Henry David Thoreau (1817 – 1862) aus, der den Erhalt der Welt in der wilden Natur findet: In wildness is the preservation of the world, verkündet er, der in einer winzigen Hütte an einem See beim Städtchen Concord lebt, und sehr viel Zeit draussen verbringt, spazierend, wandernd, flanierend. „Flanierend“ ist meine Übersetzung seines „sauntering“: Er erinnert an jene Müssiggänger und Herumtreiber in den Städten des mittelalterlichen Europa, die behaupteten, sie seien unterwegs „a la sainte terre“ – „ins heilige Land“. In seinem schönen Essay „Walking“ bekennt er, dass auch er sauntering ins heilige Land unterwegs ist. Er findet es überall. Zum Beispiel trifft er in einer Passage durch ein Waldstück namens Spauldings Farm auf eine Familie von Elfen und Lichtgestalten, die ihm ihre zauberhafte Nachbarschaftlichkeit vor Augen führen.

Kürzlich unternahm ich eines Nachmittags einen Spaziergang über Spauldings Farm und sah, wie die untergehende Sonne einen stattlichen Fichtenwald beleuchtete. Ihre goldenen Strahlen wanderten über den Boden des Waldes, als wäre es die Halle eines Edelmanns. Ich war beeindruckt – es war, als hätte sich eine uralte, bewundernswerte, illustre Familie in diesem zu Concord gehörenden Landstrich niedergelassen, eine Familie, die ich nicht kannte, deren Dienerin die Sonne war und die sich weder in die Gesellschaft des Städtchens hatte einführen lassen noch Besuch empfing. Ich sah ihren Park, ihren Lustgarten, durch den Wald schimmern. Es war Spauldings Preiselbeerwiese. Die Fichten reckten sich wie Giebel in den Himmel. Das Haus war nicht leicht zu erkennen, denn die Bäume wuchsen durch es hindurch. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Geräusche gedämpfter Heiterkeit vernahm. Die Bewohner schienen es sich auf den Sonnenstrahlen bequem gemacht zu haben. Sie haben Söhne und Töchter. Es geht ihnen sehr gut. Der Feldweg des Farmers, der geradenwegs durch ihre Halle führt, stört sie nicht im mindesten – er ist wie der schlammige Boden eines Teichs, den man manchmal hinter dem Spiegelbild des Himmels erkennen kann. Sie haben nie von Spaulding gehört und wissen nicht, dass er ihr Nachbar ist – obgleich ich ihn vor sich hin pfeifen hörte, als er auf seinem Fuhrwerk durch ihr Haus fuhr. Nichts kommt der heiteren Gelassenheit ihres Lebens gleich. Ihr Wappen ist eine Flechte. Ich sah es auf den Stämmen von Fichten und Eichen. Ihr Dachboden sind die Baumwipfel. Politik ist ihnen fremd. Es erklang kein Geräusch, das auf Arbeit hindeutete. Keiner von ihnen schien zu weben oder zu spinnen. Und doch: Als der Wind sich legte und alle anderen Laute verstummt waren, vernahm ich ein feines, kaum wahrnehmbares melodisches Summen – es glich einem entfernten Bienenstock im Mai. Möglicherweise war das der Klang ihrer Gedanken. Sie stellten keine müssigen Betrachtungen an, und kein Aussenstehender konnte ihre Arbeit sehen, denn ihr Fleiss äusserte sich nicht in Knoten und Auswüchsen. Ich finde es jedoch schwierig, mich an sie zu erinnern. Ihr Bild vor meinem inneren Auge verblasst sogar jetzt, da ich davon spreche und versuche, es heraufzubeschwören. Nur nach langen und ernsthaften Anstrengungen, meine besten Gedanken erneut verfügbar zu machen, bin ich mir meiner Nachbarn wieder bewusst. Wenn es Familien wie diese nicht gäbe, würde ich wohl aus Concord fortziehen. (zitiert nach: Henry David Thoreau: Vom Spazieren. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Zürich: Diogenes 2001, S. 101-104)

Zwischen den Zeilen des Geländes mit seinen Wäldern und Wiesen und Feldern von Spauldings Farm liegt ein verborgener Text. Weder der Botanik noch der Forstwissenschaft noch der Physik zuzurechnen, erzählt dieser Text vielmehr die heimliche Geschichte einer glücklichen Familie. Wenn jemand zeigen wollte, wie die Betrachtung des im Walde so für sich hin gehenden Flaneurs sich vom Naturkundlichen loslöst und sich zur Phantasie menschlichen Wohlergehens wendet: Welcher Text wäre dazu besser geeignet als dieser? Zumal Thoreau ein intimer Kenner der Natur war und kein Phantast, der überall nur das Gesellschaftlich-Politische gefunden hätte. „Er kannte das Land wie ein Fuchs oder ein Vogel“, sagte sein Freund Emerson.

Interessant ist der Vergleich eines solchen Waldgänger-Daseins mit dem, was als „Waldbaden“ in diesen Monaten allenthalben angepriesen wird. Selbst auf dem Lande, wo wir Pilze sammelnd und Tiere belauschend zwischen Wäldern leben, wird im Anzeigenteil der Zeitung „Shinrin-Yoku“ als Lehrgang angeboten, dem japanischen Namen für „Waldbaden“, als ob es hierzulande keine lange Tradition von Waldspaziergängen gäbe, die all das, was als medizinischer Gewinn des Waldbadens gepriesen wird, längst schon immer erbracht hat. Das ruhige Atmen der zuträglichen Waldluft, die Harmonisierung des Pulsschlags, die Verminderung von Aggressionshormonen im Speichel und die Abnahme von Krebs begünstigenden Substanzen im Blut – das Sanatorium, das dies bietet, ist schon seit ewigen Zeiten zugänglich und mit der deutschen Kultur, so sollte man meinen, bestens vernetzt. Vielleicht erfordert die marktwirtschaftliche Zurichtung der Wirklichkeit, dass dieser Reichtum als Ware verpackt und als Produkt verkauft wird, um überhaupt sichtbar zu sein. Vielleicht wird ein Reichtum, dem kein Preisschild anhaftet, gar nicht mehr wahrgenommen.

Das Thema Solitude berührt das Thema Waldbaden nur punktuell, und rückt beim Thema Gesundheit die psychische Dimension eher in den Vordergrund als die physische, auch wenn beides miteinander zusammenhängt. Allein in der Natur zu sein ist zuerst ein Anspruch auf Selbstvergessenheit: Du musst den inneren Monolog beenden, der mit deinen Problemen befasst ist und deine Verwicklung in die Transaktionen mit anderen weiter spinnt. Erst, wenn es dir gelungen ist, die Invasion dieser Bilder zu vertreiben, bist du in der Gegenwart angekommen. Der Wald, die Wüste, das Meer sind gegenwärtig und werden dir vernehmbar. Hör gut zu, was sie sagen! Womöglich hilft dir ihre Botschaft dabei, die Hindernisse auf deinem eigenen Weg zu überwinden. Wenn du Glück hast („aus Willen und Gnade in einem“) sogar dabei, das Richtige zu tun.

Im Internet finde ich die Reproduktion des Bildes eines chinesischen Malers namens Ma Ling mit dem Titel „Stilles Lauschen auf den Wind in den Kiefern“. Im Jahr 1246 habe Ma Ling das Bild mit Tusche und Farbe auf ein Seitentuch gemalt.

Ma-Ling: Stilles Lauschen auf den Wind in den Kiefern. 1246 A.D. Tinte und Farbe auf Seide (Wikimedia Commons)

Es bräuchte ein intensives Studium, um darzustellen, was die alte chinesische Kultur mit ihren in Solitude lebenden Philosophen vom Wind in den Kiefern gelernt hat. Wir kennen das Brecht-Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ und haben vielleicht in einer der vielen Ausgaben dieses Buches Taoteking herumgelesen und dabei mitbekommen, dass Laotse oder (in moderner Schreibweise) Laozi im 6. Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung gelebt hat. Der Sinn der meisten Verse blieb mir oft verschlossen, ihr Sinn war mir rätselhaft.

Ganz anders bei Mengzi (372 – 289 v. u. Z.), der unter dem latinisierten Namen Mencius auch im philosophischen Diskurs des Westens eine Rolle spielt als der Schüler des Konfuzius, der einen wohlwollend-freundlichen Begriff vom Menschen vertrat. Seine Schüler wiederum fassten seine Lehre in einem Buch zusammen, das im Jahr 300 v. u. Z. erschien. Thomas Merton übersetzte aus diesem Buch die „Ochsenberg-Parabel“, als er sich 1967 mit den mystischen Bezügen der klassischen chinesischen Philosophie befasste. Und ich übersetze hier Mertons Übersetzung. Ganz abgesehen von den wahrscheinlich unausweichlichen Stille-Post-Effekten ist dies Weiterreichen vielleicht auch als eine Kette von Verneigungen zu lesen, die immerhin eine über mehr als 2300 Jahre fortgesetzte Überlieferung umschliesst.

Die Parabel vom Ochsenberg

Meister Meng sagte: Einst war ein schöner Wald auf dem Ochsenberg, nah der Hauptstadt eines volkreichen Landes. Die Leute kamen mit Äxten und schlugen die Bäume ab. Wo blieb da der Wald? Aber im Wechsel von Tag und Nacht, in der Feuchte des Taus trieben die Stümpfe Sprossen, und die Bäume wuchsen nach. Da kamen Ziegen und Rinder, die jungen Triebe zu fressen, der Ochsenberg wurde vollkommen abgeweidet.  Und die Leute, die ihn vollkommen abgeweidet sehen, denken dass der Ochsenberg niemals bewaldet war.

Auch unser Sinn ist, wie der Berg, abgeweidet, und doch kann er nicht ohne eine tiefe Neigung zur Liebe sein. Aber so wie die Männer, die mit Äxten jeden Morgen Bäume fällen, die Schönheit des Waldes zerstören, so zerstören wir durch unser alltägliches Tun unseren rechten Sinn. Auf den Tag folgt die Nacht, die dem ermordeten Wald Ruhe gewährt, die Feuchte des Geistes vom Morgen weckt in uns die rechte Liebe, die rechte Abneigung. Mit den Taten eines einzigen Morgens bringen wir diese Liebe zu Fall, und zerstören sie wieder. Am Ende kann der Nachtwind unseren rechten Sinn nicht mehr wiederbeleben.  Und wo ist dann der Unterschied zwischen unseren Neigungen und Abneigungen und denen von Tieren? Es gibt kaum einen. Man sieht uns und sagt, wir hatten nie etwas anderes in uns als das Böse. Ist das die Natur der Menschen?

Was wir richtig pflegen, wird wachsen. Was wir nicht pflegen, wird sicherlich verderben. Meister Kung (Konfuzius) sagte: Halt es fest und du wirst es haben. Halt es lose, und es wird aus deiner Hand entschwinden. Sein Kommen und Gehen hat keine festen Zeiten: Keiner kennt seine Heimat! Vom rechten Sinn des Menschen, nur davon spricht er hier!

(Meng Tzu, China, 4. – 3. Jh. v. u. Z.. übers. aus dem Englischen H.S. nach Thomas Merton: Mystics and Zen Masters. New York: Farrar, Straus and Giroux 1967, pp. 66 – 68)

Pakt mit dem Feuer

An dem alten Kamin in meinem alten Haus hab ich viel Freude. Das Feuer – meist verbrenne ich Kiefernholz aus den benachbarten Wäldern – ist ein Hingucker und bietet mit Flammenmustern, Glut-Teppichen und changierenden Funkenbildern auf dem Russ an der Wand der Kaminkammer so viel Abwechslung, dass ich aufs Fernsehen leicht verzichten kann, zumal es in den Flammen auch knistert und knackt oder flüstert. Schornsteinfeger und andere Fachleute versuchen, mir das Kaminfeuer auszureden. Der Heizwert sei minimal, die Feinstaubbelastung der Umwelt enorm, sagen sie. Wenn es ein passendes Verbot gäbe, würden sie mir das Feuer verbieten, in dessen wohltuenden Wärmestrahlen ich mich suhle, zumal im Winter, nach einem Gang draussen durch den eisigen Wind. In seiner auf Kniehöhe in die Wand gemauerten Kaminkammer haust es wie ein Tier in seinem Käfig. Ein wildes Tier, – es ist ja der letzte Rest authentischer Wildheit, der in den Wohnungen einiger Glücklicher noch gestattet ist. Zu diesen gehöre ich, weil ich vor einem Dutzend Jahren bereit war, in einem 250 Jahre alten Haus zu wohnen, .

Kinder beobachten das Verbrennen der Holzscheite in den Flammen mit Ausdauer. Meist wollen sie Holz nachlegen, und die Art und Weise, wie sie das tun, sagt einiges über ihre Art, in der Welt zu sein: Vorsichtig, zögerlich, oder beherzt zupackend. Manchen ist die Flamme nicht geheuer, und sie füttern sie wie ein wildes Tier, das nach dem Holzscheit schnappen könnte, das sie aus sicherer Entfernung in den Kamin werfen. Andere gehen tastend versuchend vor, sie ergänzen den Scheiterhaufen mit einem neuen Scheit so, dass die Flamme gleich darauf übergreifen kann. Zwei zehnjährige Jungen verbringen einen Teil des Abends damit, einen Haufen Anmachholz Stab für Stab in das Feuer zu füttern – fasziniert von der der Verwandlung des Holzes in Licht und Wärme, studieren sie den Umgang mit diesem gefährlich wilden Wesen und ergötzen sich an dessen Reaktionen. Die meisten Kinder sind begierig zu lernen, wie man Papier und Stöckchen und Scheite so aufstapelt, dass das Feuer rasch brennt. Sie vernehmen den Anspruch in dem Satz „Ich kann Feuer machen“. Anscheinend taucht hier bruchstückhaft ein Lehrplan auf, der zurückreicht in die lange lange Phase der Entwicklung unserer Spezies, bevor Schulen erfunden waren, aber das Überleben vom Feuermachen-Können abhing.

Australopithecus africanus ist der Name eines fernen Vorfahren, der vor dreieinhalb bis zwei Millionen Jahren in Südafrika lebte und dann abgelöst wurde von Paranthropus robustus, der bis vor einer halben Million Jahren da war, und dem Homo erectus, der im Lauf der Zeit mit ihren Herausforderungen womöglich mutierte zum Homo sapiens, der hoffentlich nicht das Schlusslicht dieser Entwicklung darstellt, die unsere eigene Familiengeschichte ist. Dies alles ist an und für sich nicht gerade von dringender Aktualität, ich würde die Geschichte gar nicht erwähnen, wenn darin dem Feuer keine entscheidende Rolle zufiele. Denn die Arbeit der Forscher, die in den Höhlen der Dolomitlandschaft des Transvaal den harten Breccien-Boden über Jahrzehnte hin zerlegten und jedes winzige Knochenteilchen aussiebten und bestimmten, zählten und ordneten und die Puzzleteile zu einem Gesamtbild fügten, das die Gegend nordwestlich von Johannesburg heute offiziell als „Wiege der Menschheit“ („cradle of humankind“) bekannt gemacht hat, – diese Arbeit war langweilig, und die meisten Vermutungen, die dabei diskutiert wurden, konnten nicht einmal überprüft werden. Zum Glück gibt es das Buch „Traumpfade“ von Bruce Chatwin („Songlines“ 1987). Anscheinend haben es alle, die ich darauf anspreche, gelesen. Gegen Ende des Buchs, das hauptsächlich das Verhältnis der australischen Ureinwohner zu ihrem Land beschreibt, schüttet Chatwin bekanntlich einen ganzen Sack voller Argumente für die nomadische (und gegen die sesshafte) Lebensweise vor uns Lesenden aus. Eines dieser Argumente vertieft sich in das Leben der Australopithezinen vor 2 Mio. Jahren (S. 320 ff.). Die Nächte in der Steppe waren kalt, kälter als heute, die Nahrung war knapp, man musste dauernd unterwegs sein, um etwas zu finden. Und es gab ein Ungeheuer, auf Affen und Menschenähnliche als Hauptnahrung spezialisiert. Dies Untier hauste tief im Innern der Höhlen, in denen Paviane und Australopithezine Schutz suchten, es tauchte aus dem Dunkel auf, um das nächstbeste Opfer mit extrem langen, dolchartigen Zähnen am Kopf abzugreifen, ins Höhleninnere fortzuzerren und dort zu fressen.

Chatwin bezieht viele Informationen aus einem Buch von C. K. Brain, „The Hunters or the Hunted?“ (1981), und der nennt den Namen einer Raubkatzenart, Dinofelis („Schreckenskatze“), die wie der Säbelzahntiger ausgestorben ist. Chatwin zitiert Brain: „Die Hypothese, dass Dinofelis ein auf Primaten spezialisierter Mörder war, hat einiges für sich“, und fährt fort: „Könnte es sein, so möchte man fragen, dass der Dinofelis unser ‚wildes Tier‘ war? Ein wildes Tier, das sich von allen anderen Inkarnationen der Hölle unterschied? Das Tier aus der Apokalypse, der Erzfeind, der uns heimlich und hinterlistig folgte, wohin immer wir gingen? Den wir am Ende jedoch zu Fall brachten?“ (S. 344)

Reste von Tierarten aus den Höhlen im Sterkfontein-Tal, Horizont 4 (in der Nähe von Pretoria). Die Nummern hinter den lat. Namen geben die Zahl der jeweils gefundenen Individuen an

Zu meinem Glück stellt sich heraus, dass mein Freund Ulrich Vollmers die Geschichte vom Kampf gegen den Dinofelis ebenso aufregend findet wie ich, und dass er auch noch ein Exemplar des Buches von C.K. Brain besitzt, und es mir überlässt. Es ist ein wunderbares Buch, Ganzleinen, teures Papier, aufwändig illustriert, mit Hunderten von Graphiken und Tabellen und verfasst im Stil eines Experten auf der Höhe des Wissens seiner Zeit, der verschiedene Hypothesen vorträgt und vorsichtig abwägt: Totales Understatement. All das gibts heut nicht mehr, und ich geniesse den Luxus, dies Buch immer wieder in den Händen und vor Augen zu haben: Charles Kimberlin Brain: The Hunters or the Hunted? An Introduction to African Cave Taphonomy. Chicago and London: The University of Chicago Press 1981

Die Schattenrisse der Tiergestalten auf der Tabelle geben einen ungefähren Eindruck von unserem Vorfahren, dem Australopithecus africanus (links oben der erste), und informieren darüber, dass die Knochenfunde zu mindestens 45 verschiedenen Individuen gehörten. Wir sehen, dass der Dinofelis (zweite Reihe, erster) von relativ plumper Gestalt war mit Fangzähnen fast so lang wie die des neben ihm abgebildeten Säbelzahntigers (Megantereon), aber eher dolch- als säbelförmig.

Die sorgfältige Analyse der Knochenreste aus den Breccienschichten der Höhlen auf dem Gebiet namens „Wiege der Menschheit“ bringt eine überraschende Wende ans Licht, die um etwa zwei Millionen Jahre zurückliegt und mit einer Klimaänderung hin zur trockenen Kälte zusammengeht. Der Australopithecus verschwindet, und der Mensch taucht auf in Gestalt des Homo erectus mit einem viel grösseren Hirnvolumen und einer irgendwie veränderten Ernährungsweise, – nicht nur Wurzeln und Blätter und Früchte, sondern auch Reste von Tieren. Und etwa gleichzeitig mit dem Erscheinen des Menschen verschwinden Dinofelis und Megantereon aus dem Fossilienbestand.

Und dann, wenige Jahr später, wird ein weiterer Beleg entdeckt, der Licht wirft auf das für den Fortgang der Geschichte entscheidende Moment: Im Jahre 1988 analysiert Brain 59488 Knochenteile aus dem dritten Horizont der Swartkrans-Höhle und findet, dass 270 davon Brandspuren zeigten. Die verbrannten Knochen sind über die gesamte Tiefe des Horizonts verstreut, Feuer war also ein „regelmässiges Ereignis“, und Brain zog den Schluss, dass hier „der früheste direkte Beweis für den Gebrauch von Feuer in der gesamten fossilen Überlieferung“ vorliegt.

Kurz vorher – 1981 – hatte Brain hatte seine Untersuchung „The Hunters or the Hunted?“ mit einer wunderbar einleuchtenden Auflösung des Rätsels abgeschlossen, die lediglich einem Punkte vage geblieben war:

Die Gejagten werden zu Jägern Der Überschneidungsbereich zwischen dem oberen Horizont 4 und dem unteren Horizont 5 in Sterkfontein repräsentiert eine für die menschliche Entwicklung entscheidende Zeitspanne. Während dieser Zeit verschwanden die grazilen Australopithezinen aus Transvaal und die ersten Menschen tauchten auf. Und im gleichen Zeitraum bewältigten die Menschen jene Bedrohung ihrer Sicherheit, die von grossen Höhlenkatzen über zahllose Generationen hin ausgegangen war. In den Horizont 4 Zeiten hatten die Katzen offensichtlich die Sterkfontein Höhle unter ihrer Kontrolle gehabt und ihre australopithezinen Opfer in die dunklen Hinterkammern gezerrt. In Horizont 5 Tagen jedoch hatten die neuen Menschen nicht nur die Killer vertrieben, sondern selber genau in den Kammern Wohnung bezogen, in denen ihre Vorfahren gefressen worden waren. Wie die Leute das geschafft haben, ist nicht überliefert, aber erreicht werden konnte es nur durch zunehmende Intelligenz, die sich in Form neuer Techniken niederschlug. Es liegt nahe anzunehmen, dass die Herrschaft über das Feuer bereits erworben war und dass diese, zusammen mit der Entwicklung grobschlächtiger Waffen, das Machtgleichgewicht zu Gunsten der Menschen verschob. Diese Verschiebung des Gleichgewichts war ein entscheidender Schritt hin zur fortschreitenden Manipulation der Natur, die den Fortgang der Menschengeschichte kennzeichnet. Es war ein Schritt, den die robusten Australopithezinen (Paranthropus robustus) offenbar zu gehen versäumten, deren Aussterben zweifellos durch Raubtiere beschleunigt worden ist, die sie nicht zu kontrollieren vermochten.“ (p. 273, Übers. H.S.)

Menschen bewachen die Höhle, aus der sie den Dinofelis vertrieben haben, um dort selber Zuflucht zu finden und ein Feuer zu unterhalten. Zeichnung aus Brain, The Hunters or the Hunted?, S. 273 zur zitierten (übersetzt) Textpassage S. 273

Was 1981 noch ein wenig vage klang, nämlich die Annahme, dass die Menschen vor zwei Millionen Jahren bereits die Herrschaft über das Feuer erworben hatten, war 1988 nachgewiesen. Die Auflösung des Rätsels ohne Wenn und Aber hat im Lichte des sonst so vorsichtig argumentierenden Wissenschaftlers C.K. Brain fast etwas Überraschendes. Da ist es beruhigend, wenn er zum Schluss darauf besteht, dass diese ersten Menschen zwar das Feuer beherrschten, aber nicht auf die Jagd gingen. Sie waren noch keine professionellen Karnivoren, wie er formuliert. Wir müssen sie uns vorstellen als Aas-Sucher, die den Flug von Geiern zu lesen verstanden und mit einem Faustkeil umgehen, aber auch die ergatterten Fleischfetzen über dem Feuer grillen konnten.

Noch mal das Skript so weit, knapp zusammengefasst : Vor fast zwei Millionen Jahren erscheinen Homo erectus Menschen, grosse Hirne, Läufer und Wanderer, Hüter des Feuers. Dinofelis und Megantereon, dieser doppelte Fluch, diese Fürsten der Finsternis für unsere Vorfahren – die haben sie ausgerottet. Hallelujah!

Dies ist nur der Anfang einer Geschichte des Zusammenwirkens von Mensch und Feuer. Wir sehen unsere eigene Rolle gern als die des Werkzeugmachers und Problemlösers, der sich des Feuers (wie so vieler anderer Dinge) für seine Zwecke zu bedienen versteht. Gemäss dieser Vorstellung bleiben wir selbst im Umgang mit den Dingen, die wir als unsere Instrumente gebrauchen, in unserem Wesenskern unberührt. Wir sind ja die Manager unserer Transaktionen. Die Idee, dass wir beim Umgang mit dem Feuer selber als Erscheinung und Wesen in unserem Kern – sowohl beim Körperbau als auch bei dem von uns hoch verehrten Zugang zur geistigen Welt mit Hilfe unseres Grosshirns – gewissermassen erst erschaffen worden sein könnten, mutet erst einmal befremdlich an. Mir hat die Lektüre eines Buches des Harvard-Palöontologen Richard Wrangham die Augen geöffnet. (Wrangham: Feuer fangen. Wie uns Kochen zum Menschen machte – eine neue Theorie der menschlichen Evolution. München: Deutsche Verlags Anstalt 2009)

Vor der Lektüre war mir zwar bekannt, dass Menschen im ausdauernden und hingebungsvollen Umgang mit einem Gegenstand sich selber verändern. Ich hatte zum Beispiel gesehen, wie eine Cello-Spielerin mit ihrem Instrument beim Spielen derart verschmolz, dass es berechtigt schien, von einem einzigen Organismus zu sprechen. Aber Wranghams Argument geht weiter, so weit weiter, dass sich eine neue Dimension auftut, mit Möglichkeiten, die ich vorher nicht einmal geahnt hatte.

Der Schlüssel des Arguments ist das Kochen. Feuer bot an, alles Essbare zu kochen, und indem wir uns auf dies Angebot eingelassen haben, hat das Feuer unsere Körper gebildet: Unsere Münder und Rachen sind schmal geworden, unsere Zähne kleiner, unsere Därme sind geschrumpft, unsere Arme verkürzt, unsere Beine verlängert, unser Hirnvolumen vergrössert. Dass wir unbehaart sind, hängt mit dem Kochen zusammen (des Feuers wegen konnten wir es uns leisten, unsere dichte Behaarung zu verlieren, die uns bei langen Läufen im heissen Klima behinderte), und unser aufrechter Gang damit, dass wir die alte Lebensweise in den Bäumen wegen des Kochens abgelegt haben. Feuer ist so gesehen die Ursache für die besondere Eleganz unserer menschlichen Bewegungen, für die besondere Schönheit menschlicher Körper, aber auch für den besonderen Reichtum an Gedanken, Erinnerungen und Gefühle, den ein grosses Hirn bereit hält.

Wie erklärt Prof. Wrangham, dass Kochen diese Wirkungen erzielte? Wie sind die angedeuteten enormen Veränderungen unserer menschlichen Anatomie durch blosses Kochen zustande gekommen? Tiere wie wir können nicht alles restlos verdauen, und manches gar nicht. Die Verdauung gewinnt Energie für den Organismus, aber sie verbraucht auch Energie. Die Verdaubarkeit aller Nahrung wird durch Kochen erhöht. Manche neueren Untersuchungen belegen dies durch verblüffende Resultate. Wussten Sie, dass ein gekochtes Ei 40 Prozent mehr Energie liefert als ein rohes Ei? Der Unterschied ist „roh“ und „gekocht“, nicht „pflanzlich“ und „tierisch“. Kartoffel roh liefert weniger Energie als Kartoffel gekocht. „Wir sind eher Köche als Fleischfresser“, sagt Wrangham. Er erklärt: „Feuer übernimmt Arbeit, die wir sonst selbst zu leisten hätten.“ (S. 80) Im Vergleich zu uns verbringen Schimpansen am Tag vier Stunden mehr als wir mit dem Kauen der Nahrung. Sie haben sehr weite Münder und Rachen vom mehrfachen Volumen des unseren, um sie mit Früchten, Blättern und Wurzeln vollzustopfen, die sie dann (bei Tageslicht, nachts ist Schluss) sechs Stunden lang kauen. Besonders lange brauchen sie zum Kauen von rohem Fleisch, auch wenn sie nach Fleisch gieren. Wir dagegen sparen Kauzeit, kommen mit kleineren Zähnen aus und verdauen unsere gekochte Nahrung rascher und gleichzeitig effektiver (wir „holen mehr raus“).

Grosse Hirne sind ein besonderer Luxus, denn sie verbrauchen derart viel Energie, dass es Forschern lange ein Rätsel war, wie der menschliche Organismus sich überhaupt einen solchen Energiefresser leisten kann. Die Antwort: Der menschliche Organismus spart dafür an anderer Stelle. Der Verdauungsapparat ist (verglichen mit dem vergleichbar grosser Tiere) reduziert, der Dickdarm (Kolon) ist im Verlauf der menschlichen Evolution kürzer geworden. Dank der leichten Verdaubarkeit gekochter Nahrung liefert er trotzdem Bestleistung. Die kürzere Darmlänge gestattet dem Organismus ein grösseres Hirnvolumen.

Homo erectus Menschen, die Bezwinger des Dinofelis, hatten im Vergleich mit den Australopithecus und Homo habilis Leuten kleinere Zähne, einen engeren Rippenkäfig und ein schmaleres Becken (Resultat des kürzeren Dickdarms), und ein (um 42 Prozent) grösseres Hirnvolumen. Am auffälligsten war der Unterschied der Körpergrösse: Diese Menschen überragten die kindergrossen Australopithezinen und Habilinen um zwei Kopfeslängen. All das erläutert Wrangham ausführlich. Es fehlt nichts, was seine Hypothese plausibel werden lässt, auch wenn man neugierig etwas über die Funktion der auffälligen Augenwülste des Homo erectus erfahren hätte. Aber was Wrangham aufzählt, deutet gemäss seiner Argumentation darauf hin, dass die Homo erectus Menschen ihre Nahrung kochten. Es ist schwer, den ersten Gebrauch von Feuer nachzuweisen – die bei wikipedia aufgelisteten Fundstellen nennen z.B. als älteste die Wonderwerk-Höhle in Südafrika mit einer Million Jahren – und offenbar noch schwerer, sich vorzustellen, dass die ersten Feuernutzer das Feuer zum Kochen nutzten. Ich habe in einer Reihe von Quellen immer wieder die Behauptung gefunden, dass Kochen als letzte Anwendung (nach Schutz und Wärme) erst vor wenigen Zehntausenden von Jahren in Gebrauch gekommen sei.

Homo erectus. Rekonstruktion des Kopfes aus der Abteilung Human Origins des Smithsonian National Museum of Natural History in Washington D.C.

Kühn aber plausibel, wie Wrangham den Spiess umdreht und feststellt, dass der Anfang der Kochkompetenz vor den durch das Kochen verursachten anatomischen Veränderungen des Körpers der Köche liegen müsse. Nicht die Feuerstelle verrät den Koch, sondern dessen eigene Anatomie. Wir können uns dementsprechend vorstellen, dass die gleichen Menschen Dinofelis und Megantereon aus der Höhle vertrieben, in der sie anschliessend ein Festmahl kochten und tanzten.

Schimpansen schlafen auf Bäumen, und wahrscheinlich auch die Australopithezinen und Habilinen, – ihre langen Arme und die fürs Klettern geschaffene Einrichtung von Schulter, Arm und Leib deuten darauf hin. Die Homo erectus Leute waren zu gross, zu schwer, ihre Arme zu kurz, zu wenig angepasst, ihre Füsse zum Greifen völlig ungeeignet. Sie mussten auf dem Boden schlafen. Aber das Feuer, an dem sie – wohl in Familien oder Gruppen – übernachteten, bot ihnen Schutz.

Das Hirnvolumen des Homo erectus (zwischen 1100 und 1200 Kubikzentimeter) stieg im Lauf der ihnen gegebenen Zeit weiter an, was nach Wrangham auf zunehmende Kochkompetenz zurückzuführen ist: Man habe gelernt, Verdaubarkeit der Nahrung, Energiegehalt und Wohlgeschmack zu verbessern. Neuesten Daten zufolge sind die Homo erectus Menschen erst vor etwa 100 000 Jahren ausgestorben. Ob wir ihre direkten Nachfahren sind, ist eine noch offene Frage. Sie haben neun Mal so lang die Erde bewohnt wie wir seit unserem ersten Auftauchen bis heute. Das Hirnvolumen von Homo sapiens liegt meist zwischen 1400 und 1500 Kubikzentimetern. Wrangham meint, dass es sich mit der Fortentwicklung der Kochkunst weiter steigern lasse. Eine sympathische Vorstellung, obzwar der Fortschritt der Kochkunst wie die Idee des Fortschritts an sich nicht immer leicht zu verdauen ist.

Wrangham selbst berichtet von einer alten Art der Speisenzubereitung, die unter sog. Naturvölkern auf verschiedenen Kontinenten immer noch bekannt, aber aus den vorherrschenden Küchen verschwunden ist. (Ein Bekannter aus Texas erzählt, dass seine mexikanischen Landarbeiter Fleisch auf diese Weise zubereiten, und dass er niemals etwas Besseres gegessen habe.) Man hebt eine Grube aus, füllt sie mit Brennholz und zündet es an; ist das Holz herabgebrannt, legt man grosse runde Kieselsteine (vom Ufer des Flusses oder der See) hinein bis sie glühen; sie werden mit einer Schicht Blätter abgedeckt, auf denen man Wurzeln, Zwiebeln und Gewürzpflanzen ausbreitet, und darüber in Blätter gewickelte Fleischpakete; das Ganze wird mit Wasser begossen und dann mit Erde bedeckt. Man lässt den Speisen einen ganzen Tag Zeit, in der abgedeckten Grube zu garen.

Ich frage mich: Wäre es nicht interessant, sich auch einmal so viel Zeit zu gönnen und diese uralte Zubereitung auszuprobieren? Draussen ist es schon jetzt um halb fünf wieder dunkel geworden. Der November eignet sich bestens zum Pläneschmieden für Projekte des Sommers.

„Wie früher“: Drei magische Orte im Heideland

Breeser Grund

Am 7. November beleuchtet die Sonne den gesamten kurzen Tag mit ihrem besonderen Novemberschein, reich und zart wie ein volltönender Moll-Akkord. Elisabeth und ich fahren mit dem Auto in das Drawehner Waldland zur Ortschaft Göhrde, wo der Gebäudekomplex um das ehemalige Jagdschloss des Hannoverschen Königs (nach 1871 des Kaisers) wie im Dornröschenschlaf liegt: Sieben attraktive Fachwerkbauten, länger bereits als ein Jahrzehnt leerstehend und ungenutzt, dem Verfall preisgegeben. Womöglich belegt dieser Zustand die mächtig weite Entfernung der Göhrde von den an anderen Orten vorherrschenden Kräften mit ihrem ausgeprägtem Falkenblick für Immobiliengeschäfte. Man ist hier ebenso weit weg von den Hotspots der Politik wie von denen der Corona-Pandemie.

Wir folgen der Strasse nach Westen, parken das Auto und wandern auf einem schnurgeraden Weg in den dunklen Wald hinein. Der Weg gehört zu einem Gitternetz von Wegen, das der Idee der Strassenzüge Manhattans entspricht, aber durch einen finsteren Forst aus Kiefernplantagen führt. Es ist feucht und klamm, der Schatten verdrängt den milden Sonnenschein und umschliesst auch die vereinzelten Eichen, Buchen, Lärchen am Wegesrand. Aber nach einer halben Stunde lichtet sich linkerhand die Kiefernwand, wir erreichen den Breeser Grund und finden uns plötzlich in einem offenen weiten Heidetal von Licht überschüttet.

Der Breeser Grund am 7. November 2020 (Foto H.S.)

Mitten in der seit wenigstens 150 Jahren forstwirtschaftlich geprägten Göhrde ist hier ein gutes Stück Wald in etwa so geblieben, wie es vor der Aufforstung war, mit einzeln stehenden mächtigen Eichen und offenen Grasböden, seinerzeit von Bauern als Viehweide genutzt und zur allherbstlichen Eichelmast ihrer Schweine. („Die besten Schinken wachsen auf Eichbäumen“, hiess es.) Der Blätterfall wurde damals gesammelt und als Laubstreu den Winter über in die Ställe gebracht, und die Mischung aus Laubstreu und Tierkot kam anschliessend als Dünger aufs Feld. In der Zeit vor den Phosphat- und Nitratdüngern, vor Pestiziden, Herbiziden, Fungiziden und grossen Maschinen mit Dieselmotoren war der Landbau harte körperliche Plackerei bei meist recht magerem Ertrag. Das Bild vom Breeser Grund, das wir heute sehen, entspricht allerdings nicht ganz dem Bild früherer Zeiten.

So könnte der Wald ausgesehen haben, bevor die planmässige Forstwirtschaft einsetzte (Foto H.S.) Die Eichen im Breeser Grund sind Traubeneichen (Quercus petraea, Eicheln häufchenweise fast ohne Stiele), nicht die sonst im sumpfigen Boden häufigen Stieleichen (Quercus robur) mit ihren eher wie verknotet und weniger wie bei der Traubeneiche gestreckt erscheinenden Ästen.

Dass hier auffällig viele umgestürzte Eichenstämme mitsamt den Ästen liegen bleiben, wäre früheren Generationen als Verschwendung von bestem Bau- und Brennholz erschienen. Wir aber geniessen heute das Privileg, die interessanten Skulpturen der dicken Stämme und der aufgetürmten Bruchstücke ihrer Äste als Naturkunstwerke zu besichtigen, und wir erfreuen uns an der ökologisch begründeten Absicht, den auf Totholz angewiesenen Käferlarven damit einen Lebensraum zu lassen. Es gibt hier fast 400 Käferarten, so verkündet es eine Informationstafel. Ich stelle mir vor, dass vielleicht auch die Hirschkäfer meiner Kindheit hier wieder auftauchen.

Die Reste toter Eichen wie Skulpturen im Breeser Grund

Fraglich ist, ob die kräftigen Heidebüsche (Calluna vulgaris) auf den Hängen zu beiden Seiten des Weges früher schon da waren. Heide erscheint auf diesen Sandböden zwar überall, wo weder Weiden noch Wälder sind, von sich aus, hält sich aber nur vorübergehend so lange, bis die auflaufenden Birken, Kiefern, Eichen und Buchen und Beerensträucher sie überwuchern. Das Heideland, wie es die Küstenregionen Europas einst von Norwegen bis Portugal prägte, ist eine von Menschen gepflegte Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte hin erhalten wurde, teils durch alljährliches Abbrennen der Vegetation, teils durch eine eigene Form der Landbewirtschaftung (mit Buchweizenanbau, Schäferei und Imkerei). Auch im Breeser Grund muss die Decke der aufstrebenden Vegetation immer wieder gekürzt werden, die in Gestalt von Blaubeerkraut, Birkenbäumchen und Kiefernschösslingen ins Licht empor drängt, sonst wäre das offene Heidegelände im Lauf einer einzigen Generation unter einem buschförmigen Wald verschwunden. Die Herde aus Heidschnucken und Ziegen, die uns entgegenzieht, begleitet von Schäferin und Schäfer mit Hund, versteht sich bestens darauf, dies Problem zu lösen. Die Tiere ziehen weiter, und die Blaubeersträucher bleiben kahl zurück.

Ziegen und Heidschnucken (rechts im Bild) bei der Heidepflege oberhalb des Breeser Grundes (Foto H.S.)

Die Forstverwaltung erklärt auf einem Schild am Eingang ins Tal, weshalb dies Stück Land dem forstwirtschaftlichen Zugriff entkommen ist: „Die Forstverwaltung hat die Besonderheit des Breeser Grundes schon frühzeitig erkannt und diesen Landschaftsteil als einzigartigen Lebensraum und geschichtliches Kulturgut erhalten. Seit 1985 steht das Gebiet mit seinen angrenzenden Waldflächen unter Naturschutz.“ Welche Motive es im einzelnen auch immer waren, die zum Erhalt geführt haben, welche Kämpfe es vermutlich gekostet hat, das Gelände mit seinen vielen Traubeneichen vor dem Abholzen zu bewahren – man empfindet eine unadressierte aber tiefe Dankbarkeit beim Umhergehen auf diesem wunderbaren Grund im Licht dieses wunderbaren Novembertags.

Als ich Freund Axel Kahrs, dem Literaturwissenschaftler, von unserem Ausflug erzähle, greift er aus den endlos langen Reihen seiner Bibliothek ein Buch mit Schüttelreimen heraus und trägt vor:

Zwar zirpt mal eine Grille stündlich Sonst aber bleibt die Stille gründlich. Kurzum, hier ist es eben ländlich. In Frieden kann man leben. Endlich!

Das Buch hat den Titel „Ferien in der Köhlerei“ und ist voll von Schüttelreimen, die meisten zum Lobe des Landlebens. Der Clou: Es handelt sich dabei um Erinnerungen an glückliche Tage im Breeser Grund. (Wie wärs mit „Gräser bunt im Breeser Grund“?) Axel Kahrs: „In die alte Köhlerei bei Riebrau verschlug es nach dem Krieg eine pommersche Flüchtlingsfamilie, die im Sommer regelmässig die Tochter samt Familie zu Besuch hatte in der Idylle ohne Strom und fliessend Wasser.“ Dass der Schwiegersohn Hans von Mosch die Ferienerlebnisse als Schüttelreime formulierte und im Jahre 1979 im Selbstverlag veröffentlichte, erscheint rührend, wenn man bedenkt, wie lange die Erlebnisse aus der Nachkriegszeit damals wohl schon zurück lagen. Der Brennturm der Köhlerei, die nach dem Kriege bewohnt war, steht immer noch neben einem verwahrlosten Gebäude am oberen Ausgang des Breeser Grundes Richtung Riebrau, dem Verfall preisgegeben. Beim Lesen der Schüttelreime bricht manchmal der nostalgische Schimmer der Erinnerung an Versunkenes zwischen den witzigen Wort-Batterien hindurch. Axel Kahrs zeigt einen Vers, den er von Hans von Mosch selber erhielt:

Nicht zum Süden übern Brenner, nein! nach Norden ziehts den Kenner! Wer florenzt, romt und venedigt, ist nach kurzem schon erledigt. Doch wer in die Göhrde fährt, dem wird höchstes Glück beschert.

Wir sind froh darüber, dass dies Land nicht zu einem Magneten des Massentourismus geworden ist. Es hätte dann wohl viel von seinem Zauber verloren. Möge es noch lange ein Geheimtip bleiben!

Nemitzer Heide

Im Gegensatz zum verwunschenen Charakter des Breeser Grundes erscheint die Nemitzer Heide auf den ersten Blick vor allem als Vermarktungs-Produkt. Beworben durch publikumswirksame Aktionen – Heideblütenfest mit Kür der Heidekönigin – tourismusfördernder Infrastruktur – Parkplätze für PKW, Busse, Wohnmobile, Neubau des Cafés Heidehaus, Ferienwohnungen und Hotels, reetgedeckte Unterstände an den Wegen, Sitzbänke auf den Aussichtspunkten – und Begleitangeboten – Plan- und Kutschwagenfahrten, Eseltouren – hat das Heidegelände von 550 Hektar ein ziemlich auffallendes Profil. Dazu passt auch, dass dies Gebiet als Heide nach einem Waldbrand im Jahre 1975, bei dem 2000 Hektar vernichtet wurden, erst entstand oder erfunden wurde. Dass die Besitzer des Waldes auf eine Wiederaufforstung eines Teils des verbrannten Landes verzichteten, könnte bereits einem Seitenblick auf Profitgelegenheiten im Tourismusgeschäft geschuldet sein. Denn den Sandboden bedeckten alsbald die spontan erscheinenden Büsche der Besenheide, als ob sich das Land an den Zustand vor der Bepflanzung mit Kiefern (im 19. Jahrhundert) erinnern würde. Da bot es sich an, eine neue Attraktion aus der Taufe zu heben.

Die Nemitzer Heide ist so genommen nicht erst nach 1975 entstanden, sondern gewissermassen aufs Neue wieder erstanden. Wahrscheinlich war sie vor der Aufforstung in einem öderen und struppigeren Zustand gewesen als heute nach ihrer gepflegten Wiederauferstehung. Die Dauerpflege der Heide hat ein Schäfer (in traditionell-phantastischer Schäfertracht samt Hut und Stab) mit einer Herde von 350 Heidschnucken übernommen. Die Heide erscheint mit ihren kontrolliert überschaubaren Birkenbeständen, prächtigen Kiefernsolitären und den anscheinend immer häufiger werdenden Wacholdersträuchern, vor allem aber mit den weiten von Calluna vulgaris dichtgedrängt bestandenen Flächen, aus denen weisse Sandbunker aufscheinen, und schliesslich mit den mehr oder weniger dramatisch gestalteten Wolkenlandschaften obendrüber am wendländischen Himmel, als exemplarische Bilderbuchlandschaft.

In der Nemitzer Heide August 2020 (Foto E.v. Maltzahn)

Vor zwölf Jahren war ich in Trebel, ganz in der Nähe, verzichtete damals aber auf den Besuch der Heide, um die nach meinem Geschmack zu viel Rummel gemacht wurde. Inzwischen, nach Dutzenden von Spaziergängen zu jeder Jahreszeit, ist dies Gelände zur Daueroption für unsere Rundgänge gerade auch mit Besuchern geworden. Aber wir finden uns auch zu unserer Freude häufig ganz allein in dem Areal, das wir in kürzeren oder längeren Schleifen auf Sandpfaden durchwandern. Manchmal allerdings wimmelt es von Spaziergängern. Einmal – zur Heideblüte im August – waren zwei Reisebusse angekommen. Wir vermuteten einen Betriebsausflug. Lauter junge Leute schlenderten in kleinen Gruppen durch die Heide. Diese Art Landschaft, so schien es, war ihnen unbekannt. Begeistert blickten sie umher und grüssten uns lachend. Wir sahen über die verlegenen Gesten hinweg, mit denen sie abgepflückte blühende Heidestängel zu verbergen suchten.

Ein andermal, später im Herbst, wir waren die einzigen Besucher, beschritt ich die Rundwege zusammen mit meinem Schwager, der in Norddeutschland aufgewachsen war, sein Leben aber in Süddeutschland verbracht hatte, und sah, wie ihn das Land berührte. Die Heide liegt ja der Landschaft mit ihren Kartoffeläckern, Maisfeldern und Kiefernwäldern zugrunde als eine Art Palimpsest oder wie eine ältere Haut unter der jüngsten Oberfläche der Organismus. Wo die alte Fläche hindurch bricht und wieder zum Vorschein kommt, ist es, als ob das Land fragt: Kennst du mich noch? Und unsere Füsse antworten „Ich erkenne dich wieder“ indem sie auf dem Sand der Sandwege ihre Spuren eintragen.

Inzwischen, so heisst es, sollen die alten Heidebewohner unter den Tieren sich dort wieder einfinden. Ein Mann vom NABU erzählt begeistert, man habe einen Triel beobachtet. (Ein Triel ist ein Vogel, der dem Rennkuckuck der Sonora Wüste ähnelt; auf Fotos erinnert er allerdings ein wenig an ein Blechspielzeug, wie mir scheint.) Und der Ziegenmelker, lese ich, habe sich in der Nemitzer Heide aufs Neue angesiedelt. Wie gern ich den wieder einmal hören, seinen Schaukelflug in der Dämmerung verfolgen möchte: Grund genug, wiederzukommen!

Nemitzer Heide, August 2020 (Foto: E.v.Maltzahn)

Totengrund bei Wilsede

Es hat womöglich was Spiessiges, aber jedes Jahr an einem der Sonntage Ende August/Anfang September wandern Elisabeth und ich vom Parkplatz in Döhle durch den Wald und über die blühenden Heidefächen nach Wilsede. Jahr zu Jahr sind mehr Autos auf dem Parkplatz und mehr Leute unterwegs auf Fahrrädern, in Pferdewagen oder zu Fuss wie wir, und den ganzen Pastor-Bode-Weg entlang hört man Kinderstimmen, Lachen und das Getrappel von Pferdehufen.

Ich fand den Namen amüsant, als ich ihn vor 18 Jahren zum ersten Mal auf dem Wegschild las: Das gebräuchliche Wort für „Ungläubige“ – „Heiden“ – spielt ja auf die Bewohner der Heide an, die fern von Zivilisation und Christentum hausen. Welche Fügung da doch ein Heidepastor oder Heidenpastor verkörpert! Inzwischen weiss ich es besser, und ich stelle mir vor, dass ich und Sie, verehrte Lesende, genug Gesprächsstoff für die zwei Stunden hätten, die unsere kleine Wanderung nach Wilsede dauert, nur um über Dinge zu diskutieren, die Wilhelm Bode (1860 – 1927) begründet hat. Die Kreditgenossenschaften, die landwirtschaftlichen Bezugs- und Absatzgenossenschaften, die zentrale Wasserversorgung auf genossenschaftlicher Grundlage in Egestorf und das Krankenhaus Salzhausen, das bis heute als Krankenpflegeverein betrieben wird – dies alles brachte er zustande und trommelte in ganz Deutschland für den Genossenschaftsgedanken. (Eine aktuelle Frage, über die man ins Gespräch kommen könnte, wäre beispielsweise die Finanzierung des Gesundheitswesens durch alternative gemeinnützig betriebene Einrichtungen.)

Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatte die Plackerei der Heidebauern ein Ende. Der Kunstdünger erschloss dem Feldbau neue Flächen, und der Rest der Heide wurde fast überall mit Kiefernforsten zugepflanzt. Mit der Landschaft verschwand die althergebrachte Lebensweise, und die Schönheit der Natur kam umgemünzt als Anreiz für wohlhabende Städter heraus, ein Ferienhaus in der Heide zu bauen. Wilhelm Bode suchte Teile der verschwindenden Heide vor diesen Entwicklungen zu retten. Der Naturschutz war Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts noch nicht Sache der Öffentlichkeit, sondern allein Sache von Liebhabern. Bode kaufte 1906 den Totengrund für 6000 Goldmark, die der Münsteraner Rechtswissenschaftler Thomsen spendiert hatte, gründete 1910 den Verein Naturschutzpark, der den Wilseder Berg aufkaufte und vor der bereits geplanten Aufforstung bewahrte. Durch eine Lotterie gelangte der Verein zu derart viel Geld, dass Bode als „Generalbeauftragter“ grosse Heideflächen um den Berg herum erwerben und unter Naturschutz bringen konnte. Man kann diese Erfolge wohl als Anwendung des Genossenschaftsgedankens auf den Naturschutz verstehen. Auch das wäre ja heutzutage ein interessantes und aktuelles Gesprächsthema. Ich denke, eine alte Redewendung tut Bode nicht unrecht: Er war ein Hansdampf in allen Gassen, konnte es mit den Heidebauern und verstand es vortrefflich, Naturliebhaber zu mobilisieren. Nicht immer sind Feindseligkeiten da zu vermeiden.

Die mächtigen Steinbuchen am Ortseingang von Wilsede (Foto H.S.)

Inzwischen sind wir bei den alten Steinbuchen am Ortseingang von Wilsede angekommen, dem Dörfchen mitten im Naturschutzgebiet, in dem Bode seine letzten Jahre verbrachte, nach dem Jahr 1923, in dem ihm die Kirche als Pastor gekündigt und ihn wegen „Pflichtverletzung“ entlassen hatte. Es gab ein Gerücht, dass er ein aussereheliches Verhältnis mit der Wirtin vom Gasthaus zum Heidemuseum habe. Vielleicht war was dran, vielleicht war es aber von Leuten gestreut worden, deren Geschäfte er gestört hatte, vielleicht hatte das Konsistorium der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche einfach genug vom übermässigen weltlichen Engagement dieses Pastoren.

Er starb 1927. Es gibt kein Grab auf einem Kirchhof, in dem er auf den Tag der Auferstehung warten würde. Seinem letzten Wunsch entsprechend hat sein Sohn seine Asche auf dem Wilseder Berg verstreut. Beim Aufstieg auf diesen mächtigen Hügel kommen wir an uralten Wacholderstämmen vorüber, die ineinander verwoben erscheinen. Der Blick von der Kuppe geht ringsum weit hinaus. Man erkennt das Flimmern der Städte und die über ihnen liegenden Dunstglocken, die Wälder und Felder, Strassen und Windräder. Um den Berg herum sind, ähnlich wie früher, Heideflächen. Man begreift, wie viel Glück dies Land damit hatte, dass Wilhelm Bode hier sein Leben verbrachte.

Der Totengrund bei Wilsede an einem Nachmittag im August (Foto HS)

Die am vernünftigsten erscheinende Erklärung des Namens „Totengrund“ erinnert an die Unfruchtbarkeit des Bodens dieses wasser- und sumpflosen Talkessels. Seit der Eiszeit wächst da nichts ausser Besenheide und Wacholder. Die Geschichten vom Totentransport und vom Riesenfriedhof – Spoekenkiekereien! Und der Eindruck, dass die Farben der Heide im Kessel intensiver sind als anderswo, dass die Gestalten der Wacholderbäume menschenähnlicher aussehen, dass man sich, wenn diese Gestalten aus dem Nebel herausragen, eines Fröstelns kaum erwehren kann – alles Illusionen!

Und doch liegt die verbreitete Rede von der „schönsten Stelle der Lüneburger Heide“ als Kennzeichnung irgendwie daneben. Dass dieser Ort aus dem Rahmen fällt, ist offensichtlich, auch wenn seine Besonderheit sich nicht auf Anhieb fassen lässt. Manchmal scheint es mir, als ob hier eine Theaterbühne für Träume neuer Utopien angeboten werde. Diese Anmutung hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass die Farbe des Grundes so total von grün zu lila changiert, – denn das, was man als Wirklichkeit zu sehen gewohnt ist, mutiert dabei zur Kulisse einer Science-Fiction Geschichte.

Einmal stiessen Elisabeth und ich am Rand des Rundwegs auf eine Brieftaube mit grauweiss geflecktem Gefieder. Sie hockte auf dem Boden wie ein Ziegenmelker und schaute uns aufmerksam und ruhig an. Vielleicht war sie erschöpft und legte hier am Rande des Totengrunds eine Zwischenrast auf einem Flug ein, der sich vielleicht über Tage erstrecken würde. Ihre langen Flügel waren über dem Rücken gekreuzt, sie zuckte mit keiner Feder und zeigte auf keine Weise Furcht. Vielleicht war ihr die auffallend gefärbte Geländemulde aus der Luft friedlich genug für eine Rast erschienen, vielleicht hielt sie den Ort für sicher. Es war ein warmer, sonniger Nachmittag, und wir spannen den Phantasie-Faden weiter: Stell dir vor, der Totengrund ist ein Sanktuarium, also ein Zufluchtsort für alle Lebewesen. Wir liessen uns ein paar Meter weiter auf dem Boden nieder und versuchten, den Vogel nur am Rande im Auge zu behalten. Es war die Stunde, von der die alten Heiden in Griechenland sagten, dass Pan schläft, und für kurze Zeit fielen wir drei wohl selber in einen kurzen Schlaf und verwandelten den Totengrund ein paar Minuten lang in ein Sanktuar.

Schattenzeiten

Spätherbst ist eine gute Zeit, um sich mit Schatten zu befassen: Die Tage werden spürbar immer kürzer, die Mittags-Schatten dagegen werden länger und laufen auf den Punkt am Ende des Jahres zu, an dem die Sonnenbahn in derart flachem Bogen über dem Horizont führt, dass wir die Vorherrschaft der Dunkelheit in den Knochen spüren: Kaum, dass uns die Nacht entlassen hat, holt sie uns schon wieder ein. Und die Strahlen, die als Kostbarkeiten in den kurzen Tagen auftauchen, schenken keine Wärme mehr – sie fallen viel zu schräg ein, mittags ähnlich tief überm Horizont wie im Sommer die der untergehenden Sonne. Im Winter wird die Welt draussen zum Schattenland, und unser Leben verlagert sich nach drinnen, aber das Lampenlicht erzeugt seine eigenen Schattengestalten. Schwer, dem Angebot zu entkommen. Hier ein paar Ansichten des Schattens als Appetithappen, denn dies ist wieder ein Thema, das uns als Fass ohne Boden begegnet.

Der Winter ist die Zeit der langen Schatten

Schattentheater zu Haus

Alles drängt nach innen. Man ist auf einmal genötigt, sich wieder um Licht und Lampen in der Wohnung zu kümmern, und dabei tritt der Schatten in vielerlei phantastischen Gestalten um die Lichtfelder herum ins Blickfeld. Ich sitze am Kaminfeuer und meine Augen folgen den Bewegungen der Flammenzungen auf dem Hintergrund der russdunklen Mauer, – und auch in diesen Feuertanz mischen sich im Innern der Brandkammer huschende Schatten. Zur Zeit unserer Ururgrosseltern waren die meisten Wohnungen mit Kerzen, Fackeln und Kienspan beleuchtet, das gab im Vergleich mit unserem heutigen Lampen-Luxus nur einen spärlicheren Lichtschein, der das Dunkel nur teilweise aufhellte, und die flackernden Lichter warfen tanzende Schatten. Der stillstehende, genau bemessene Schattenkreis unter den Lampen unserer Wohnungen ist eine ziemlich neue Zivilisations-Erfahrung. Vielleicht hängen mir die alten Impressionen noch immer im ererbten kollektiven Gedächtnis, so dass ich die vollständige grelle Ausleuchtung einer Wohnung, wie sie mir bisweilen begegnet, als aggressiv erlebe als eine Art visuellen Faustschlag. Vielleicht hat sich mir die Schattenerfahrung meiner Vorfahren über Jahrtausende als Zeichen einer nichtbedrohlichen Situation und als Voraussetzung für Wohlbefinden eingeprägt. Nun, die Geschmäcker sind verschieden, man muss es vermeiden, allzu bestimmte Urteile zu fällen. Wer sich im gleissenden Licht eines vollkommen schattenfrei bestrahlten Raumes am wohlsten fühlt, hat dazu jedes Recht. Allerdings gibt es unterschiedliche Traditionen, und es ist doch interessant, sich ein Bild von ihnen zu machen und probeweise die Gründe anzuhören, die für einen anderen Umgang mit Licht und Schatten genannt werden. Möglicherweise hilft das, den eigenen Geschmack fortzubilden.

Tanizaki Jun’ichiro hat in seinem Entwurf einer japanischen Ästhetik mit dem Titel „Lob des Schattens“ schon 1933 die planvolle Verdunkelung als Hauptstilmittel der traditionellen Einrichtung japanischer Wohnungen betont. Man verstand sich einst darauf, so versichert er, verschiedene Schattierungen des Dunkels durch Lichtakzente mit Hilfe von Kerzen zu schaffen, aber auch durch die schiere Grösse der Räume Abstufungen und Tiefen zu erzielen, die eine ganz eigene Wirkung hinterliessen. „Heute herrscht allgemein die Tendenz vor, die Raumgrösse zu beschränken… Selbst wenn man immer noch Kerzen anzünden würde, wäre darin eine so beschaffene Dunkelheit nicht zu sehen. Früher aber, als es in Residenzen, in Häusern der Vergnügungsviertel und ähnlichen Orten üblich war, hohe Decken, weite Korridore und riesige Zimmer von Dutzenden von tatami-Einheiten einzubauen, waren wohl die Innenräume ständig von einem solchen nebelartigen Dunkel erfüllt, und die edlen Damen sassen darin, eingetaucht in diese Lauge von Düsternis… Die Menschen von heute sind längst an die Helligkeit des elektrischen Lichts gewöhnt und haben vergessen, dass es je eine solche Dunkelheit gegeben hat. Insbesondere jene ’sichtbare Dunkelheit‘ der Innenräume hatte, so scheint mir, etwas Glitzerndes, Flimmerndes an sich, erzeugte leicht Halluzinationen und wirkte in gewissen Fällen unheimlicher als das Dunkel im Freien. Kobolde und Geistererscheinungen traten wohl vorzugsweise aus dieser Art Dunkelheit hervor…“ (Tanizaki Jun’ichiro: Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik. Zürich: Manesse, 4. Aufl, 1989, S. 61/62; das Büchlein war in Tokio 1933 erschienen)

Interessant ist der Gegensatz, den der japanische Verfasser zur westlichen Ästhetik konstruiert, die, so meint er, dabei sei, die Lebensweise des alten Japan, der er selbst anhängt, zu verdrängen, was inzwischen, wie wir wissen, ja längst passiert ist. Er unterstellt, dass es uns Europäern nicht möglich sei, die Ästhetik des Schattens nachzuvollziehen, und formuliert: „Tatsächlich gründet die Schönheit eines japanischen Raumes rein in der Abstufung der Schatten. Sonst ist überhaupt nichts vorhanden. Abendländer wundern sich, wenn sie japanische Räume anschauen, über ihre Einfachheit und haben den Eindruck, es gebe da nur graue Wände ohne die geringste Ausschmückung. Das ist von ihrem Standpunkt gesehen durchaus plausibel, aber es zeigt, dass sie das Rätsel des Schattens nicht begriffen haben.“ (S. 33/34)

Vielleicht überwiegt in unseren westlichen Augen indes einfach eine anders akzentuierte Schatten-Idee. Ich selbst bin immer wieder aufs Neue von rätselhaften Schattenfiguren fasziniert, die an den Wänden vor allem morgens und abends auftauchen, wenn die Sonnenstrahlen fast waagerecht durch die Fenster auf der Ost- oder abends der Westseite fallen. Dann entsteht ein Lichtspiel mit Schatten unterschiedlicher Gestalten und Dichtegrade, und es ist mir ein herausfordernder Zeitvertreib, diesen Spuren zur Quelle zu folgen. Viele sind überraschend komplex, und ihr Weg ist schwierig zu ermitteln.

Schattenwurf an der Wand: Wie kommen die verschiedenen Bahnen zustande?
Noch habe ich Herkunft und Weg dieser Schattenbahnen unterschiedlicher Dichte nicht ermitteln können

Im Fokus dessen, was ich unter „Schatten“ verstehe, erblicke ich jedenfalls ein Zusammenspiel zwischen beleuchteten und beschatteten Flächen. Der Schatten bleibt gewissermassen eine Funktion des Lichts. Die Schattenästhetik Jun’ichiros bewegt sich dagegen, so scheint es mir, vollkommen innerhalb einer Schattenwelt, auch wenn sie in sich abgestuft ist und ein Spektrum von vorherrschender tiefster Dunkelheit hin zu wenigen sanften Schattentönen umfasst. Während ich hierzulande in mehr oder weniger beleuchteten Räumen das Theater der Schattenfiguren an den Wänden verfolge, fände ich mich im alten Japan wohl in einer so weit verdunkelten Umwelt, dass die Schattengebilde, die ich hier wahrnehme, dort von der Dunkelheit aufgesogen wären. Ein Freund, mit dem ich über diesen Unterschied spreche, zitiert zur Illustration die Frankfurter Redewendung über einen Politiker konservativer Gesinnung: “Der wor so schwazz, de hat im Kohlekellee koi Schatte geschmisse.” (Das bringt mich zum Grübeln: Müsste der schwarze Mann nicht vielmehr sogar im Kohlenkeller einen Schatten werfen?)

Lichtschatten der Morgensonne durchs Doppelfenster auf die Wand.
Die Lichtbahn quert eine zwischen den Fensterflügeln aufgestellte gläserne Vase

Mondschatten

Die beleuchtete Westseite es Mondes, aufgenommen am 8. Dezember 1995 vom Galileo Raumschiff der Nasa beim Anflug auf die Erde. Aus dem Kommentar zur Aufnahme: „Die kleinsten sichtbaren Geländeteile sind 8 Kilometer gross. Erkennbar die dunklen Flächen des Mare Imbrium im oberen Teil des Bildes, der helle Krater Copernicus (1200 km Durchmesser) in der Mitte, und die von Kratern übersäten lunaren Hochländer am unteren Rande der beleuchteten Landschaft.“

Leicht auf dem Foto zu erkennen, wie der Rand des Himmelskörpers im Spotlight der von irgendwo linkerhand hinten strahlenden Sonne aufleuchtet, während der Rest seiner Kugelform im Schatten bleibt und mit dem schwarzen Hintergrund des Alls verschmilzt. Klar sichtbar dagegen im Lichtkegel die weiten Ebenen („Meere“) aus dunklem und hellerem Gestein und die mit Kratern zunehmend stärker übersäten Landschaften im unteren Bereich der Sichel des abnehmenden Mondes. Man hat dies alles schon hundert Mal und mehr aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen, aufgenommen durch stark vergrössernde Teleskoplinsen oder ganz aus der Nähe, von der Oberfläche des Trabanten selbst. Das Apollo 8-Foto von Heiligabend 1968 an der Wand neben meinem Schreibtisch etwa ist eine wohl zehntausendfach geteilte Ikone: Der Erdaufgang über dem Mond mit seinem staubigen Ödland und der halb (von oben) durch die Sonne beleuchteten Erde in ihrer Pracht mit den weissen Wirbeln über blauem Grund und dem hier und da beigefarben durchscheinenden Gelände.

Erdaufgang über dem Mond, aufgenommen von dem Astronauten William Anders aus der Raumkapsel Apollo 8 am 24. Dezember 1968 (NASA)

Die den Wörtern Mondaufgang und Sonnenaufgang innewohnende Ignoranz – wir Erdbewohner haben Tribünenplätze beim Schauspiel der um uns herum laufenden Himmelskörper – wird durch das Wort „Erdaufgang“ hinterfragt: Alle diese Körper laufen umeinander, und des Nachts taucht die sonnenabgewandte Seite der Erde auf ihre Weise im gleichen Schatten unter, der das Mondbild auf eine schmale Sichel reduziert hat. Ich übe, mir bei Sonnenuntergang vorzustellen, dass nicht die Sonnenkugel hinterm Horizont wegtaucht wie ein sinkendes Schiff, sondern dass ich mich mitsamt der Brücke, auf der ich stehe, und dem Gelände ringsum mit den Feldern und Strassen, nach hinten wegdrehe wie auf einem rückwärts fliegenden Teppich, hinein in den Bereich der Schattenzone, die für mich ihre eigene nächtliche Weise mit sich bringt, in der Welt zu sein. Den Sonnenuntergang so zu verstehen und mit zu erleben, fällt mir nicht besonders schwer. Vielleicht ist es eine Option, die schon immer verfügbar war, und früher nur deshalb nicht wahrgenommen wurde, weil die Idee vorherrschte, dass die Erde die feststehende Mitte der Welt sein müsse. Morgens allerdings ist es nicht leicht, ein irdisches Triumphgefühl zu unterdrücken. Der Sonnenaufgang macht, dass man sich zutiefst privilegiert fühlt, als Zeuge auf diesem wunderbaren Planeten zu sein und mit der ganzen irdischen Welt sich in den breiten Lichtkegel der Sonne hinein zu wälzen.

Bei einer anderen Himmelsschatten-Übung versuche ich, Sonne und Mond so zu sehen wie die alten Griechen: Nackten Auges und kühnen Blicks drauf zu kommen, dass der Mond sein Licht von der Sonne erhält, und dass die Mondphasen durch den Winkel zustandekommen, in dem das Sonnenlicht den Mond anstrahlt. Dies heute wohl allen geläufige Wissen ging bald nach der Antike verloren und blieb dann bis in die Neuzeit hinein umstritten. Erst der Einsatz des neu erfundenen Teleskops Anfang der sechzehnhunderter Jahre brachte Klarheit. Wie aber ist es möglich, das Zusammenspiel von Sonne und Mond einfach so – ohne Fernrohr – zu verfolgen? Die wichtigste Voraussetzung ist der schlichte Blick auf den Tagesmond, wie er an den meisten Tagen am Himmel erscheint. Ich habe nach Jahren der Gewohnheit Freude daran, den Mond am Taghimmel aufzuspüren. Als abnehmende Sichel ist er morgens, als zunehmende abends zu sehen, und weil dabei auch gleichzeitig die Sonne am Himmel steht und oft genug ebenfalls klar sichtbar (falls nicht von Wolken verborgen) erscheint, kann man die beiden Himmelskörper auf einmal in den Blick nehmen und miteinander vergleichen. Oft bietet der Mond bei Tag ein besonders zartes und poetisch anmutendes Bild, und um die Zeit des Neumondes herum, vorher oder nachher – erscheint die Sichel – also der Rest des abnehmenden oder der Beginn des zunehmenden – hauchdünn. Wenn ihn die Sonne dann in seinem Rücken anstrahlt, bildet sich bisweilen ein schwach leuchtender Lichtkranz um die gesamte Kugel, so dass er als feiner Ring aufscheint.

Der Versuch, Sonne und Mond so zusammen zu sehen, dass die Mondsichel vom Strahl der Sonnenkugel beleuchtet ist, wollte mir zuerst nicht gelingen: Die Linie, die ich von der Sonne zur angeleuchteten Mondseite über den Himmel legte, lief oberhalb an dem Trabanten vorbei, meine Vorstellung verfehlte den Mond. Die Griechen, die den Zusammenhang besser zu erblicken vermochten, so stellte ich mir vor, verstanden sich darauf, weitere räumliche Dimensionen einzubeziehen, womöglich wegen ihres durch die Schifffahrt geschärften Blick. Und tatsächlich ist auch mir diese Einblick in das raumzeitliche Kontinuum möglich: Wenn ich mir den Raum, in dem ich die Sonne verorte, als unendlich weit ausgedehnt vorstelle, komme ich in eine Dimension, in der die Linie des Lichts den Mond trifft und ihn als zunehmenden oder abnehmenden aus dieser oder jener Richtung beleuchtet. Es braucht ein wenig Übung, dies Zusammenspiel zu sehen, ist aber auch unserem unbewehrten Blick zugänglich. Es hilft, dabei das Verhältnis der beiden Strecken im Kopf zu behalten: Die Sonne ist etwa vierzig Mal so weit von uns entfernt wie der Mond (Mittlere Entfernung Erde-Sonne etwa 150 Millionen Kilometer, Erde- Mond etwa 385 Tausend Kilometer).

Der erste Mensch, der die Oberfläche des Mondes durch ein Teleskop erblickt und die Schatten auf der Mondoberfläche als Landschaft mit Höhen und Tiefen, mit Tälern und Kratern erkannt hatte, war Galileo Galilei (1564 – 1642) im Jahr 1609. Als geschickter Zeichner skizzierte er verschiedene Mondphasen gekonnt mit Sepiatinten und löste die Grenzlinien zwischen beleuchteten und unbeleuchteten Zonen auf, indem er im dunklen Bereich weisse Stellen liess (Täler, Krater), und im hellen Bereich dunkle Punkte setzte (Berge). Indem er diese Schatten in die Skizze eintrug, verkündete er den Astronomen jener Zeit eine unerhörte Neuigkeit.

Galileos Sepia-Zeichnungen von verschiedenen Mondphasen und einer Mondoberfläche voller Krater, Gebirge und Täler, wie sie der Anblick durch das Teleskop im Jahre 1609 zum ersten Mal offenbarte

Sein Buch „Sidereus Nuncius“ („Botschafter der Sterne“) wurde mitsamt den auf Kupferstiche übertragenen Zeichnungen 1610 veröffentlicht und löste einen Kritik-Sturm aus. Die Kritiker mühten sich zu zeigen, dass die Schattenwürfe von Bergen und Kratern auch das blosse Spiegelbild anderer Erscheinungen unter einer vollkommen glatten Oberfläche sein könnten. Aus heutiger Sicht erscheint diese Suche nach einer alternativen Realität verblüffend, aber vor 400 Jahren waren die Vorstellungen der Gelehrten noch beherrscht von der Idee, dass die irdische und die himmlische Sphäre jeweils durch und durch anderer Art seien. Von der Forschung erwartete man Bestätigung und hielt Resultate für dubios, die den Himmelskörper Mond gewissermassen mit einer irdischen Landschaft ausstatteten. Wahrscheinlich wäre ein Mond aus reinem Gold eher durchgegangen, und wer weiss, vielleicht hätte sogar einer aus grünem Käse wie im Kinderlied eine Chance gehabt. Aber ein Mond mit erdartiger Landschaft, deren Berge und Meere womöglich auch noch auf ähnliche Weise zustande gekommen sein sollten wie die der Erde, drohte die sauber voneinander getrennten Kategorien zu vermischen. Tonangebende Wissenschaftler versuchten damals, das überlieferte Weltbild des Ptolemäus mit der Erde als Zentrum des Universums zu retten, das durch die neue Theorie des Kopernikus in Frage gestellt war. Galileo ergriff Partei für Kopernikus und hatte Glück, bei dem darauf hin gegen ihn angezettelten Prozess vor der Inquisition mit dem Leben davon zu kommen. Aber seine Mondstudien trugen zur Zunahme der Zweifel bei, die sich unaufhaltsam ausbreiteten. Noch folgenreicher war es womöglich, dass er das Fernrohr für astronomische Beobachtungen verfügbar gemacht hatte. Damit fiel neben den Schatten auf dem Mond, die der Blick durchs Teleskop vor Augen führte, auch ein Schatten auf die überlieferte Idee der himmlischen Welt als einer völlig separaten Sphäre – ein Schatten, der sich nicht wegdiskutieren liess, weil ihn jeder mit Hilfe eines Fernrohrs selbst sehen konnte, und weil Fernrohre – anfangs als Statussymbol der Reichen und als Instrumente der Militärs, bald aber auch als Haushaltsgegenstand in Bürgerwohnungen – mehr und mehr allen zugänglich waren.

Finsternisse

Totale Sonnenfinsternis am 2. Juli 2019 durchs Fenster eines Flugzeugs über Argentinien Foto: Aerolines Argentinas/telam/dpa

Bei einer Mondfinsternis fällt der Schatten der Erde auf den Mond. Der Schatten ist rund, er bestätigt die Kugelgestalt der Erde, die wir von tausend Fotos kennen, die aber in der Kulturgeschichte über die längste Zeit bloss Annahme oder Vermutung gewesen war. Das rote Licht, das sich bei einer totalen Finsternis über den Mond ausbreitet, ein Widerschein des Lichts von der Erde, behält sogar für uns aufgeklärte Zuschauer immer noch einen leicht unheimlichen Touch.

Diese Anmutung scheint sich für manche angesichts einer totalen Sonnenfinsternis zu einer aus dem Rahmen fallenden spirituellen Erfahrung mit spirituellen Zügen zu steigern. Ich selber habe das Glück eines solchen Eklipsen-Erlebens noch nicht gehabt, erinnere mich nur an drei partielle Sonnenfinsternisse, die alle lehrreich und interessant waren, aber nichts von einer Epiphanie an sich hatten. Die letzte ist mir noch klar in Erinnerung. Durch eine dünn berusste Glasscheibe und, noch genauer, durch die Negativ-Folien einer Röntgen-Aufnahme sahen Elisabeth und ich am 20. März 2015, wie ein Teil der Sonne abgedeckt wurde, als ob ein Puzzlestück der Sonnenscheibe herausgeschnitten worden war. Wir lernten, dass die Ausrüstung für Zuschauer – irgendjemand hatte auch Papierbrillen verteilt – nicht nur das Augenlicht schont. Im Spiegelbild der Sonne auf der stillen dunklen Wasseroberfläche der Regentonne war von der Teil-Finsternis kaum etwas zu erkennen, – das Sonnenlicht war weniger grell, erschien unseren Augen aber weiter als Kugelform. Die schönste Ansicht würde wohl eine lichtdurchbrochene Schattenstelle unter Bäumen mit vielen Sonnentalern bieten, denn während der partiellen Eklipse würden die alle wie angebissene Plätzchen aussehen. Das wäre doch ein hübsches und verblüffendes Bild, dazu geeignet, die ein wenig didaktische Show der teilweisen Sonnenfinsternis als Hingucker aufzuwerten.

Eine totale Eklipse ist im Vergleich dazu offenbar ein mitreissendes Ereignis ganz anderer Art, wie sämtliche Berichte übereinstimmend erklären, die ich kenne. Dafür kommt sie selten genug zustande, über dem Gebiet von Deutschland und Österreich sind für dies Jahrhundert nur vier Daten errechnet worden: der 13. Juli 2075, der 3. September 2081, der 27. Februar 2082, und der 23. Juli 2093. Dabei wird der Mond die Sonnenscheibe so abdecken, dass nur der äussere Kranz des Sonnenlichts als Ring sichtbar bleibt, während der Schatten des Mondes, der für wenige Minuten das Licht blockiert, in einer Art Korridor über die Erdoberfläche hinweg fegt.

Annie Dillard hat über die Sonnenfinsternis vom 26. Februar 1979 an der Westküste Amerikas einen Text mit dem Titel „Total Eclipse“ verfasst, der in den USA durch Dutzende Nachdrucke bekannt wurde und in die Sammlung „The 100 Best American Essays of the Century“ (2001) aufgenommen worden ist.

Annie Dillard: Total Eclipse. In: Teaching a Stone to Talk. Expeditions and Encounters. New York: Harper&Row 1982, Seiten 84 – 103

Sie schildert ihre Beobachtungen – die totale Sonnenfinsternis, verfolgt von einem Hügel der Cascade Mountains im Staat Washington – und findet Worte für ihre dabei hervorgerufenen Visionen – die Finsternisse längst vergangener Zeiten, Babylon, Stonehenge und die Offenbarung des Untergangs unseres planetarischen Lebens. Ich versuche, eine kurze Passage zu übersetzen:

„Abrupt war es dunkle Nacht, über dem Land und am Himmel. Im Nachthimmel war ein winziger Ring aus Licht. Das Loch, in das die Sonne gehört, ist sehr klein. Nur ein dünner Ring aus Licht markierte die Stelle. Da war kein Laut. Die Augen trockneten, die Arterien liefen aus, die Lungen verstummten. Es gab keine Welt. Wir waren die toten Menschen der Welt, eingebettet in die Kruste des Planeten. Wir rotierten und liefen auf Umlaufbahnen, und die Erde rollte davon. Unsere Hirne waren Lichtjahre entfernt und hatten fast alles vergessen. Nur mit grösster Willensanstrengung riefen wir unser früheres, lebendes Selbst zurück und unsere Lage in Zeit und Raum. Wir hatten, wie es scheint, den Planeten geliebt und unsere Leben geliebt, aber konnten uns nicht mehr daran erinnern. Das Licht war falsch. Am Himmel war etwas, das dort nicht sein sollte. Am schwarzen Himmel war ein Ring aus Licht. Es war ein dünner Ring, ein alter dünner silberner Ehering, ein alter, abgetragener Ring. Da war ein alter Ehering am Himmel, oder ein Rest Knochen. Da waren Sterne. Es war vorbei.“ (S. 93)

Einige Studenten, die Annies Essay studiert haben, äussern sich darüber im Internet: Die meisten auf höflich-distanzierte Weise, einige enthusiastisch und dankbar, und einige ablehnend-kritisch; eine junge Frau schreibt, sie habe selbst eine totale Sonnenfinsternis verfolgt, aber nichts von dem gesehen, was Ms. Dillard beschreibe.

Die Netsilik-Eskimo, erfuhr ich vor fünfzig Jahren bei Bruners Projekt „Der Mensch – ein Studienkurs“, halten es für wahr, dass wir Menschen in zwei Welten gleichzeitig leben – der Aussenwelt und der Innenwelt. Beide Welten seien voneinander getrennt, aber auch miteinander verflochten. Wenn man sich auf dies einfache Weltbild einlässt, öffnen sich interessante Perspektiven. Man kann beispielsweise fragen, ob Aussenwelt-Erfahrungen stets mit Innenwelt-Erfahrungen verbunden sind. Wie weit kommt einer, der einzig in der Aussenwelt unterwegs ist? Was macht den Reichtum meines Lebens aus, wenn nicht Träume, Phantasien, Visionen?

Die Welt ist weit. Vielleicht schaffe ich es trotz meines Alters noch, irgendwo auf diesem Planeten eine totale Sonnenfinsternis zu erleben.

Die Kerzenflamme – eine Maschine zur Erzeugung von Träumen und Gedanken

George de la Tour (1593 – 1652): Die Erziehung der Jungfrau, ca. 1650: Wikimedia Commons

Das Licht von der Flamme einer Kerze fällt mit einem stillen Zauber auf die Dinge, die es erfasst und verwandelt. Ein Buch leuchtet in seinem Schein auf, um den Text hervorzuheben, und Kleiderstoffe wirken in seinem Widerschein warm und kostbar. Aber die stärksten und schönsten Wirkungen spiegeln sich auf der Haut der Frauen. Das Gesicht der kleinen Maria in George de la Tours Gemälde leuchtet weiss und makellos, und die Finger ihrer rechten Hand vor der Flamme sind von rötlichem Licht umhüllt. Der Halbschatten modelliert die Gesichtszüge ihrer Lehrerin zu einer eindrucksvollen Landschaft. Und alles, was hinter dem dramatisch beleuchteten Ausschnitt liegt, versinkt im Dunkel, als sei es nicht da.

De la Tours Bild ist ein Beispiel für viele künstlerische Versuche, die Magie des Kerzenlichts abzubilden, – eine Magie, die auch uns inmitten der Beleuchtungsüberflüsse unserer Zeit anspricht. Trotz aller funkelnden und blinkenden Leuchtmittel entzünden die Kellnerinnen in jedem Restaurant, das ich mit Elisabeth besuche, als erstes auf unserm Tisch eine Kerzenflamme. Und zu Hause bleibt das beim Abendessen üblich gewordene Kerzenlicht ein besonderes Zeichen, das den Alltag zum Festtag hebt.

Der französische Philosoph Gaston Bachelard (1884 – 1962) hat der Flamme einer Kerze ein Büchlein gewidmet (deutsch: Die Flamme einer Kerze. Hanser Verlag: München 1988), in dem er den alten Zeiten nachtrauert, in denen das Anzünden der Flamme noch zum täglichen Ritual gehörte, das den Übergang vom Tageslicht mit seinem Verstandes-Akzent zum Kerzenlicht mit seinen träumerischen Anmutungen markierte. Bachelard entwirft eine durch Träumereien gefüllte Philosophie, die sich auf das vom Kerzenschein ausgeleuchtete Universum beschränkt. Ich gebe zu, dass ich der Poetik seines Textes eher zu folgen vermochte als den vielen philosophischen Implikationen. Glücklicherweise fand ich als Lesehilfe den Kommentar von Ulrich Ebermann in der „taz“ (vom 11.11. 1988), der die folgende Darstellung einer Facette dieser träumerischen Philosophie gibt: „Und im Kerzenschein erscheinen die kleinen Wunder der Imagination. Ein mikrologisches Denken entzündet sich an den vertrauten Gegenständen in seinem kleinen, von der Flamme erleuchteten inneren Museum zu seinen kosmologischen Analogien, die einen beschaulichen und schönen Sinn des Universums offenbaren. Solches Denken verbleibt in der trauten Heimlichkeit seines von der Flamme erhellten Traums und erlebt ein Drinnen im Sein in seinem Sein im Drinnen.“ (Auch in diesen Zeilen übertönt in meinem Ohr die Feierlichkeit der Wörter die Substanz ihrer Aussage.)

Dass ich ausgerechnet die Kerzenflamme, dies Relikt einer vorindustriellen Zeit, als „Maschine“ bezeichne, verlangt eine Erklärung. Zumal mit der Redewendung „X ist eine Maschine zur Erzeugung von Assoziationen“ wenig gesagt ist. Denn „X“ könnte ebenso gut der Mond sein wie irgendein Text oder das Meer oder Venedig oder sonst eine Sache, die unsere Aufmerksamkeit erregt. Dass die Kerzenflamme den Verbrennungsprozess des Feuers so klar und still und auf eine für uns leicht beobachtbare Weise vorführt, liegt an der besonderen Konstruktion der Kerze, die ein Kunstprodukt ist und eine ziemlich raffinierte Maschine. Man könnte eine Kategorie ähnlicher alter Maschinerien zusammenstellen, die uns auf den ersten Blick fast als Naturprodukt erscheinen, tatsächlich aber Menschenwerk sind.

Beim Lesen des wunderbaren Gedichts von Conrad Ferdinand Meyer „Der römische Brunnen“ beispielsweise verstehen wir sofort, wie das von ihm beschworene Geben und Nehmen in fliessender Harmonie zusammenhängt:

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund, 
Die, sich verschleiernd, überfließt 
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich, 
Der dritten wallend ihre Flut, 
Und jede nimmt und gibt zugleich 
Und strömt und ruht.

(7. Fassung des Gedichts aus dem Jahre 1882.) Dass dies schöne Bild voller Bezüge zu den Bildern unserer eigenen Existenz ist, sehen wir sofort. Woran liegt es aber, dass wir dazu neigen, den ausgeklügelten Mechanismus des Pumpenwerks zu übersehen, das die Wasserströme des Brunnens am Laufen hält? Vielleicht hängt es mit der Untergründigkeit dieser Maschinerie zusammen, die im Verborgenen arbeitet. Im Unterschied dazu verbergen Kerzenflamme und Kerze nichts: Ihre Zusammenhänge liegen so vor Augen, dass die meisten schon vom Anblick fasziniert sind, sobald sie sich auf eine genauere Betrachtung einlassen.

Naturgeschichtliche Ermittlungen über Kerzen und Kerzenflammen

Kerzenflamme (Foto H.S.)

Man sieht, dass der Docht im Kerzenwachs steckt, und man erkennt, wie sich das feste Wachs verflüssigt und im Docht emporsteigt. Der Docht ist aus brennbaren Fäden mit einem „Drall“ so gesponnen, dass er sich krümmt, und dass ihn die Krümmung in den äusseren Kerzensaum führt, wo er – man erkennt den Glutfleck – verbrennt. Dies ist eine neuere Erfindung. Als die Dochte noch ohne Drall gesponnen wurden, blieben sie mitten in der Kerzenflamme, wo sie nicht verbrennen konnten, und bildeten rasch einen immer dicker werdenden russenden Klumpen aus, der die Flamme zum Blaken brachte und mit einer Lichtputzschere (einem eigens für den Kerzenbetrieb erfundenen Gerät) abgeschnitten wurde. Goethe klagte über die lästige Unterbrechung beim Schreiben: „Wenn die Kerls doch was Brauchbares erfinden würden, das die Lichtputzerei überflüssig machte!“ Voilà, Mr. Goethe, die Kerls sind tätig geworden.

Bei dem erst festen, dann flüssigen Kerzenwachs aus Paraffin oder Stearin oder einem anderen Fett handelt es sich in der Sprache der Chemiker stets um eine Substanz aus Kohlenwasserstoff, also um eine – manchmal ziemlich komplizierte – Verbindung von Kohlenstoff (C) und Wasserstoff (H). Die Kerze ist nun so raffiniert gebaut, dass sie über den Docht flüssiges Wachs in die Flammenzone hinaufführt. Der Docht regelt eine ununterbrochene, gleichmässige Zufuhr. Das läuft gewissermassen automatisch dank der Haarröhrchenwirkung, auch Kapillarität genannt: in den engen Öffnungen eines Schwamms, eines Gewebes (Handtuch), des Myzels der Pilze und des Wurzelwerks der Pflanzen oder eben dem Geflecht eines Dochts türmen sich die Moleküle der Flüssigkeiten übereinander, so dass sie entgegen der Schwerkraft emporsteigen. Man braucht weder die lateinischen Bezeichnungen noch die Kenntnis ihrer Funktionsweise, um die Kapillarität anzuwenden. Sie funktioniert mit Verlässlichkeit.

Was nun die Kerze betrifft, so entsteht aus dem erst festen, dann flüssigen Kerzenwachs in der Hitze der Flamme Wachsgas. Dies Gas stiebt in einer dunkel erscheinenden Zone im Innern der mandelförmigen Flamme auf. Als Gas ist es jedoch durchsichtig, und dies zeigt sich, wenn man die Kerzenflamme mit einem starken Lichtstrahl durchleuchtet.

Flammenschatten im Licht einer starken Lampe (Foto H.S.)

Die Flamme wirft einen Schatten, der ihrem Anblick zu widersprechen scheint. Die Flammenzone direkt oberhalb des Dochts, in der das Wachsgas aufwölkt, zeigt zwar einen dunklen Flammenkern, der wirft aber keinen Schatten, was darauf hindeutet, dass die zuvor feste und anschliessend flüssige Wachssubstanz nun tatsächlich zum Gas geworden ist. Genau umgekehrt wirft ausgerechnet der gelb leuchtende Bereich der Flamme ein deutliches zungenförmiges Schattenbild. Dieser Teil der Flamme besteht aus sehr vielen winzigen Russteilchen, dem Kohlenstoffteil des Wachsgases, das in der Hitze weiter zerlegt worden ist in Wasserstoff, das im unteren Bereich der Flamme als Wasserstoffgas mit einem bläulichen Licht erscheint, und in Kohlenstoff, der kein Gas bildet. Kohlenstoff erscheint stattdessen in Gestalt winziger fester Teilchen, die aufglühen und in der aufsteigenden Luftströmung eine Lichtfahne bilden, die paradoxer Weise einen Schatten wirft (nicht das Licht wirft Schatten, sondern die dichte Fahne aus Russteilchen, auch wenn diese glühen). Hält man einen weissen Porzellanteller in den Leuchtstrom, so schlagen sich die Russteilchen darauf nieder, und beim Versuch, einzelne davon mit Hilfe einer Lupe zu erkennen, beginnt man zu ahnen, wie unendlich winzig sie sein müssen.

Interessant ist auch der Schatten des Wulstes aus festem Wachs am oberen Rand der Kerze. Er bildet sich in dem kühlenden, von unten nach oben strömenden Lufthauch, den die Kerzenflamme erzeugt, eine so genannte Konvektionsströmung. Das heisse Gas der Flamme wird nach oben gerissen, weil sich alles nach der Schwerkraft sortiert. Da ist ein Gas, das plötzlich heiss wird, so dass die einzelnen Moleküle sich heftiger bewegen und mehr Platz verdrängen, so viel leichter geworden, dass es von den schwereren Gasanteilen der Luft nach oben hinaufgedrängt und -geschoben wird. Wir sehen: Im Innern des Wulstes den mit Flüssigwachs gefüllten Napf, das im Docht kontinuierlich nach oben steigt, und oben die Mandelform der Flamme selbst – und nehmen dies alles wahr als Ergebnis eines Arrangements, das, einmal in Gang gesetzt, von selbst läuft und uns eine derart ruhige Flamme schenkt, wie wir sie in der Natur sonst kaum je zu sehen bekämen. Wenn alles ganz still ist, kannst du das leise Summen des Windes hören, der die Flamme umspielt.

Drei auf der Oberseite eines Papiers eingebrannte Spuren vom Saum der Kerzenflamme, die auf der Unterseite des Papierbogens Russflecken hinterlassen hat (Foto H.S.)

Es wäre nicht recht, würde ich an dieser Stelle Michael Faraday nicht erwähnen, den grossen englischen Naturforscher, der sich selber als „Naturphilosophen“ bezeichnete und ein grandioser Lehrer war (1791 – 1867). Im Alter pflegte er zur Weihnachtszeit in der Royal Academy Vorträge zu halten, die jedesmal eine grosse Show boten. Die Menschen, unter ihnen Angehörige des Königshauses, erschienen zu Tausenden, auch viele Kinder, und sie waren ausdrücklich eingeladen. Faradays Vortragsreihe über die Naturgeschichte einer Kerze Ende 1860 war speziell für sie angelegt. Da führte er den Versuch mit der ringförmigen Brandspur (Scan-Aufnahme oben) vor, und inszenierte damit ein Beispiel für die Denkweise, die das Unternehmen der Naturwissenschaft trägt und prägt. Wie kann man herausfinden, an welcher Stelle die Flamme einer Kerze am heissesten ist? Ganz einfach: Man nehme einen Bogen weisses Papier und halte ihn so in die Flamme, dass sich die heisseste Stelle auf der Oberseite des Papiers einbrennt. Die Russwolken auf der Unterseite machen eine eindeutige Aussage schwer, aber wenn man eine ruhige Hand hat und einen Sinn für das perfekte Timing, um die drohende Brandkatastrophe zu vermeiden, dann gelingt es, auf der Oberseite jene kreisförmige Brandspur sichtbar zu machen, die jedem Detektiv das Indiz für die unwiderlegbare Richtigkeit des Verdachts bietet, dass die Kerzenflamme in dem äusseren Ring um die Flamme herum die höchste Temperatur hat: So heiss, dass sie sich in Sekundenbruchteilen in Papier einbrennt. Nicht ohne einen gewissen handwerklichen Stolz präsentiere ich hier drei mit eigener Hand eingebrannte Kerzenflammen-Ringe. (Das Ergebnis sorgfältigen Übens in der Nähe eines Waschbeckens.) Faraday freilich verstand sich darauf, chemische Experimente mit einem nicht nachvollziehbaren händischen Geschick vorzuführen, wie ein Zauberer.

Dass die Flamme aussenrum die höchste Temperatur hat, passt zum Gesamtbild des phasenweise ablaufenden Verbrennungsprozesses. Dieser ist eine schrittweise Verwandlung. Das feste Wachs mutiert beim Erhitzen in den flüssigem und dann in den gasförmigen Zustand, und zerlegt sich (im Innern der Flamme) dann weiter in die beiden Bestandteile Wasserstoff (blaues Gas) und Kohlenstoff (glühender Russ). Aber in der Atmosphäre draussen, ausserhalb der Flamme, lauert der Sauerstoff gleichsam darauf, mit dem Wasserstoff zu Wasser zu verschmelzen, und mit den winzigen Russteilchen zu Kohlendioxid zusammen zu schiessen. Es ist diese heftige Reaktion mit dem Sauerstoff, in der Energie freigesetzt und die enorme Hitze (im Flammenmantel 1400 Grad Celsius) erzeugt wird. Beide Produkte der Flamme, H2O und CO2, treiben in den Ozean der Luft hinein, emporgerissen vom Konvektionsstrom, den die Flamme erzeugt. Das Wasser ist anfangs gasförmig, es schlägt sich bei sinkender Temperatur an winzigen Staubteilchen, Sporen oder Bakterientrümmern, die in der Luft treiben, als flüssiges Wasser in Gestalt von Tröpfchen nieder. Das Kohlendioxid schwebt in der Atmosphäre. Da es bei jeder Verbrennung in Motoren und Triebwerken und Grossanlagen auf gleiche Weise entsteht, ist die Menge enorm. Nach der letzten abrufbaren Statistik betrug sie im Jahr 2018 weltweit rund 36,6 Milliarden Tonnen. Kohlendioxid ist ein „Treibhausgas“. Das Klima ändert sich in Richtung Unbewohnbarkeit der Erde.

Vergleich zwischen Kerzenflamme bei irdischer Schwerkraft links und bei Schwerelosigkeit im All (auf der Raumstation ISS) rechts.
Bild NASA mit folgendem Kommentar: „Auf der Erde treibt die Schwerkraft eine Konvektionsströmung, welche die Tränenform der Flamme bildet und (glühenden) Russ zur Flammenspitze emporträgt, wodurch sie gelb erscheint. Bei Schwerelosigkeit fehlen die Konvektionsströme, die Flamme ist kugelförmig, russfrei und blau.“

Die Schwerkraft sortiert die Dinge der Welt fortlaufend nach ihrem Gewicht und bildet den Verwandlungsprozess einer Flamme als verhuschte Zungengestalt ab, die im Arrangement der Kerzenflamme als stillstehende Mandelform erscheint. Die Frage, wie denn die Kerzenflamme unter Bedingungen der Schwerelosigkeit erscheinen mag, tauchte in Faradays Vorträgen noch nicht auf. Vielleicht verfolgt die Naturwissenschaft vor allem solche Fragen, die mit den jeweils verfügbaren Instrumenten geklärt werden können. Die Internationale Raumstation (ISS) bietet Gelegenheit, unsere Frage zu beantworten. Die Veröffentlichung der NASA zeigt, dass die Kerzenflamme in einer der irdischen ähnlichen Atmosphäre bei Schwerelosigkeit wie zu erwarten nicht mandel- und nicht tränenförmig ist, sondern eine Kugelgestalt bildet. Dass die Flamme im All keine Russpartikel produziert, fand ich überraschend. Ich lerne, dass auch das gelbe Licht der Kerzenflamme am Ende als Funktion der Schwerkraft zu verstehen ist: Der durch die Schwerkraft auf der Erde hervorgerufene Konvektionsstrom zieht gewissermassen die aufleuchtende Russfahne aus der Wasserstoffkugel empor. Im All bleibt nur das blaue Lichtkügelchen, und dies nur für kurze Zeit, weil das Flämmchen in seinen eigenen Produkten, die nicht von einem Luftstrom abgeführt werden, erstickt.

Vom Flammentod des Schmetterlings oder vom aufleuchtenden Sinn der Kerzenflamme

Mitte der 1970er Jahre lebte Annie Dillard ein paar Jahre lang auf Lummi Island, einem Inselchen im Puget Sound an der amerikanischen Westküste, in einer Hütte, allein (mit einer Katze). Sie hat die spirituellen Erfahrungen dieser Zeit in einem Büchlein von 80 Seiten mit dem Titel „Holy the Firm“ komponiert, mit dem Flammentod eines Schmetterlings als Hauptmotiv. (Annie Dillard: Holy the Firm. A journey into the beauty and violence of life. New York: Harper & Row 1977) Darin berichtet sie von dem Vorgang mit schrecklicher Genauigkeit, als eine Art Vorspiel zur Schilderung eines Flugzeugabsturzes, bei dem ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft fast verbrennt. Thema ist die Grausamkeit Gottes, verflochten mit der Herrlichkeit des Lebens. Dies ist nun eine ganz andere Ansicht unseres Gegenstands als die Faradaysche, aber auch dieser Blickwinkel ist ja im Anblick der Kerzenflamme eingeschlossen. „Holy the Firm“ ist noch nicht ins Deutsche übersetzt, ich versuche die Wiedergabe der Schlüsselszene:

„Eines Abends flog ein Falter in die Flamme, wurde erfasst, brannte aus, und sass fest. Ich muss in die Kerze gestarrt haben, oder vielleicht habe ich aufgeschaut, als ein Schatten auf mein Buch fiel. Jedenfalls sah ich alles. Ein goldener weiblicher Falter, gross mit einer Spannweite von fünf Zentimetern, flatterte ins Feuer, fiel mit dem Bauch ins flüssige Wachs, blieb stecken, brannte, brutzelte und briet innerhalb einer Sekunde. Die flatternden Flügel fingen Feuer wie dünne Servietten und weiteten den Lichtkegel aus, so dass aus dem Dunkel plötzlich die blauen Bündchen meines Pullovers erschienen, die grünen Blätter des Perlgrases neben mir, der zerfurchte rote Stamm einer Kiefer. Sogleich zog sich das Lichtfeld wieder zusammen und die Flügel des Falters verschwanden in einem feinen, übel riechenden Rauch. Gleichzeitig verkrallten sich die sechs Beine, wurden schwarz und waren völlig verschwunden. Der Kopf zuckte spasmisch mit einem knisternden Geräusch, die Antennen kräuselten sich und brannten ab, und die zuckenden Mundteile knallten wie Pistolenschüsse. Als alles vorbei war, war auch der Kopf, so weit ich sehen konnte, verschwunden, verschwunden wie Flügel und Beine. War dies Weibchen jung oder alt gewesen? Hatte sie sich mit einem Männchen gepaart und Eier gelegt, hatte sie ihren Auftrag erfüllt? Alles, was übrig war von ihr, war die glühende Schale von Bauch und Brust – eine ausgefranste, zusammengerutschte Goldhülse, die aufrecht im runden Napf der Kerze steckte.

Und dann begann diese Falter-Essenz, dieses spektakuläre Skelett, die Rolle eines Dochts zu übernehmen. Sie brannte weiter. Das Wachs stieg im Falterkörper vom vollgesogenen Bauch zum Brustkorb zu dem offenen Loch empor, wo der Kopf sein sollte, und weitete sich aus als Flamme, eine safrangelbe Flamme, die alles mit ihrer Robe umschloss wie ein sich selbst verbrennender Mönch. Diese Kerze hatte zwei Dochte, zwei Flammen gleicher Höhe Seite an Seite. Der Falterkopf war Feuer. Sie brannte zwei Stunden lang, bis ich sie ausblies.“ (Seite 9 – 11)

Annie hat diese Szene so eingerichtet, dass davon gewissermassen ein Licht auf die anschliessende Schilderung des Flugzeugabsturzes fällt, bei dem die kleine Julie in die Flammen gerät. Wahrscheinlich bietet das Wort „Opfer“ einen geeigneten Schlüssel, um dem sinnlosen Leiden wenigstens einen Anflug von Sinn zu geben. Annie vermeidet Erklärungen und erzählt stattdessen Geschichten oder zitiert Anekdoten. Manchmal gibt ihr Text die Andeutung einer mystischen Sichtweise, die mich anspricht, gegen Ende etwa auf S. 76:

„Wenn die Kerze brennt, wer achtet schon auf den Docht? Wenn die Kerze erloschen ist, wen kümmert das schon? Aber die Welt ohne Licht ist wüst und chaotisch, und ein Leben ohne Opfer ist abscheulich.“

Goethes Deutung zum Flammentod des Schmetterlings im Gedicht „Selige Sehnsucht“ (1814), das uns Deutschen sogleich in den Sinn kommt, wird von Annie Dillard nicht erwähnt. Wahrscheinlich kannte sie es nicht, und sie hätte damit womöglich auch kaum etwas anfangen können, denn die vermeintlichen Überschneidungen zwischen ihrer mystischen Opfer-Idee und dem Goetheschen „Selbstopfer“-Motiv stellen sich rasch als unhaltbar heraus.

Goethe hatte 1814 in einer Übersetzung folgende Verse des persischen Dichters Hafis gelesen: „Wie die Kerze brennt die Seele, / Hell an Liebesflammen / Und mit reinem Sinne hab´ ich / Meinen Leib geopfert. / Bis du nicht wie Schmetterlinge / Aus Begier verbrennest, / Kannst du nimmer Rettung finden / Von dem Gram der Liebe.“ (übers. Joseph von Hammer-Purgstall, zitiert nach wikipedia, „Selige Sehnsucht“) In dieser Vorlage sind bereits alle wichtigen Bilder und Motive des Goethe-Gedichts enthalten: Die Kerze, der Schmetterling, das Opfer des Leibes zum Zweck der Rettung „von dem Gram der Liebe“. Man kann die innere Form dieser Rede als Ermutigung deuten, sich ganz der Liebe hinzugeben, statt zu zögern, aufzuschieben, oder sich im Kalkül zu verlieren. Wesentlich ist das Versprechen der Rettung vom Liebeskummer. Man versteht: Das Verbrennen ist Auferstehung oder vielleicht genauer eine Art Häutung, mit der man ein neues Ich zu bewohnen anfängt. Ich finde diese persische Vorstellung als Leitmotiv in Goethes Gedicht wieder:

Sagt es niemand, nur den Weisen, 
Weil die Menge gleich verhöhnet, 
Das Lebend’ge will ich preisen, 
Das nach Flammentod sich sehnet. 

In der Liebesnächte Kühlung, 
Die dich zeugte, wo du zeugtest, 
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet. 

Nicht mehr bleibest du umfangen 
In der Finsternis Beschattung, 
Und dich reißet neu Verlangen 
Auf zu höherer Begattung. 

Keine Ferne macht dich schwierig, 
Kommst geflogen und gebannt, 
Und zuletzt, des Lichts begierig, 
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast, 
Dieses: Stirb und werde! 
Bist du nur ein trüber Gast 
Auf der dunklen Erde.

Die letzte grandiose Strophe scheint mir über das Liebesereignis hinauszuweisen auf ein umfassenderes Lebensprinzip, das in der Gedankenlyrik öfters in ermutigender Gestalt auftaucht, etwa in Hermann Hesses „Stufen“. Nun ist die Interpretation des Goethe-Gedichts „Selige Sehnsucht“ vermutlich ein eigener Zweig des Literaturbetriebes. Da wird ein Diskurs gepflegt, der eine ganz eigene Hingabe erfordert. Ich bleibe bei meinen eher laienhaften Beobachtungen. Mir geht es schlicht um einen weiteren Beleg für die Vielfalt der von einer Kerzenflamme hervorgerufenen Assoziationen. Zu dieser Vielfalt möchte ich schliesslich noch eine letzte Überlegung beisteuern:

Wenn die Flamme das Wachs des Kerzenkörpers in Wasser und Kohlendioxid umgewandelt hat, kommt es zu einer Art Rückumwandlung der Substanzen durch Pflanzen, die das Kohlendioxid aus der Luft entnehmen und mittels Photosynthese wiederum Kohlenwasserstoffe bilden. Diese liefern die Grundlage des Lebens für die allermeisten nichtpflanzlichen Organismen auf der Erde. Wir Tiere profitieren davon, und wir atmen ausserdem auch den von Pflanzen frei gesetzten Sauerstoff ein, den unsere Körper beim Stoffwechsel ganz ähnlich einbringen wie die umgebende Luft der Kerzenflamme bei der Reaktion im Kerzensaum, wo H und C zu H2O und CO2 mutieren. – Diese Skizze liesse sich ins Detail fortführen und zu einem schönen Gemälde mit dem Titel „Die Harmonie der Welt“ ausmalen. Aber die Harmonie des Gebens und Nehmens besteht nur so lange, wie es in einem einigermassen ausgewogenen Verhältnis bleibt. Im gegenwärtigen Anthropozän hat die menschliche Zivilisation die Welt aus der Balance geworfen. Zu viele Feuerstellen sind entfacht worden. Sie zerstören das Gleichgewicht der Atmosphäre und des Klimas und rufen das Unheil gigantischer und massenhafter Feuer auf die Erde herab.

Könnte es sein, dass da der ruhige, harmonische Anblick der Kerzenflamme eine Lüge abbildet? Oder sind wir vielleicht selber als Zerstörer wie eine Art Lüge in der Welt, und die Flamme ruft nur eine Erinnerung an die Unschuld vergangener Zeiten hervor?

Der Planet Venus: Elne Welt aus Feuer (Foto NASA)

„Trost der Natur“ – drei Spielarten einer endlosen Melodie

Wir Alten beglückwünschen einander gern zu dem privilegierten Leben ohne Kriege, das wir leben durften. Unsere Eltern, unsere Grosseltern haben die Arschkarte gezogen, sagen wir. Wir wünschen den Generationen unserer Kinder und Enkel, dass sie davonkommen wie wir davongekommen sind vor dem, was uns bedrohlich in die Kindheit schien und in manchen dunklen Nächten ab und zu als Alptraum noch auftaucht. Ich frage mich, wie hättest du es ausgehalten an der Front im Ersten, wo dein Grossvater David ums Leben kam, oder in Russland im Zweiten Weltkrieg, wo dein Vater war, oder in einem der Lager? Weshalb liest du alles, was die Überlebenden berichten, wie unter Zwang, obwohl es dich viel zu sehr mitnimmt?

Und unausweichlich die bange Frage: Ob dir, wenn alles verloren wäre, als letztes ein Lichtblick aus der Natur bliebe? Ob sie uns am Ende tröstete mit ihrer seltsamen Schönheit, die weit über unseren Wunsch-Horizont hinaus reicht? Vielleicht hilft die Literatur dabei, eine Antwort zu finden. Tagebücher und Autobiographien kluger Menschen könnten beispielhaft zeigen, wovon wir sprechen, wenn von „Trost der Natur“ die Rede ist. Aus Dutzenden einschlägiger Passagen wähle ich drei, die mich besonders berührt haben.

Hermann Löns

Hermann Löns am Schreibtisch 1909, Gemälde von Wilhelm Kricheldorff (Foto: Wikimedia Commons)

Bei Gesprächen auf einer Heidewanderung erklärt Freund Claus-Peter, dass es den Nazis nicht gelungen sei, den toten Hermann Löns für ihre abstrusen Vorstellungen zu reklamieren. Das macht mich neugierig, und in Elisabeths Bibliothek finde ich Löns‘ Kriegstagebuch. Es ist kurz, deckt nur die paar Wochen in Stichworten ab, die er während des Krieges im August und September 1914 überlebte. Es ist erst 1986 in einem amerikanischen Archiv entdeckt worden. Weshalb Löns als 48jähriger kränkelnder Mann freiwillig in den Krieg zog und darauf bestand, an der Front eingesetzt zu werden, ist den Notizen nicht zu entnehmen. Aber darüber, dass er an ein auswegloses Ende gelangt war, gibt es Aufschluss. Und es wirft auch ein Licht auf die vielfältige Rolle der Natur im Leben des Dichters. Sie lieferte die Kulisse für sein Drama, schenkte ihm sein Habit (keine Uniform) und gab ihm seine Stichworte.

Hier ein Auszug, der allerletzte Eintrag. Löns wurde am folgenden Tag, dem 26. September 1914 bei Loivre (etwa 10 km nördlich von Reims) erschossen. Der kurze Text braucht Zeit. Jedes Wort fällt ins Gewicht.

Pontvigart, 25. 9. 1914

1/2 7 Prachtvoller ruhiger Sonnenuntergang. Blasse Mondsichel am Himmel. Deutsche Sprengpunkte hinter den Bergen. Granatwolken mit Explosionsblitzen hoch am Himmel (Gegen unseren Flieger, der eben vorbei kam). Der übliche Abendsegen. Es bullert lebhafter. Küche kommt. Ich wage einen Teller Suppe. Himmel taubenfarbig mit goldener Mondsichel. Regenpfeifer fliegt ängstlich rufend. Kanonendonner und Kochgeschirrgeklapper und Menschenstimmen. (Ich denke an den lieben Brief und an die hässliche Karte.) Durch die Fuhren in den goldroten Abendhimmel starrend. Gegenüber ein silberner Stern. Schlafe mit Fw. Uhlmann und Lenow in grossem Zelt. Muss siebenmal zur Latrine. Maus knabbert im Stroh. Charadrius (Bröer Dirk), Feldhahn (petite Marguerite), Kanonendonner in Nord und Süd. Ab und zu Flintenschuss. Muss mich draussen umziehen, weil Hemd voll. Nacht mild. Trotzdem habe ich eiskalte Füsse im dicken Stroh. Sehe von meinem Lager den Sternschnuppen zu. Denke an die Leichen, an den erschossenen Spion. Droben am Firmament dieselbe Not. Leben ist Sterben, Werden, Verderben.

(Hermann Löns: Leben ist Sterben Werden Verderben. Das verschollene Kriegstagebuch. Hrsg. Karl-Heinz Janßen/Georg Stein. Kiel: Verlag Orion-Heimreiter 1986, S. 47) „Charadrius“ ist der Regenpfeifer, der ein paar Zeilen vorher ängstlich rufend davonflog, und „petite Marguerite“ das Gänseblümchen. Das Tagebuch erwähnt durchweg viele Tiere und Pflanzen, vielleicht ist es Zufall, dass in diesem letzten Eintrag der Abend- und Nachthimmel in den Vordergrund rückt, von taubenfarbig zu goldrot, mit goldener Mondsichel, silbernem Stern und schliesslich mit Sternschnuppen, und dass diese Bilder die Bilder vom Tage ergänzen, die Leichen, den erschossenen Spion, und miteinander eine Summe bilden. Die erscheint in der Reim-Gestalt des letzten Satzes. Dessen Hoffnungslosigkeit spiegelt die erbärmliche Lage des Dichters.

Da ist kein Trost, jedenfalls nicht in dem allgemein zugänglichen Sinn eines Ausblicks auf Licht und Weiterleben. Die metaphysische Möglichkeit einer heimlichen Übereinstimmung zwischen unseren Idealen und dem Zusammenhang der Natur – die der Philosoph Ernst Bloch „Naturallianz“ nannte – ist geschrumpft auf eine Analogie des Leidens: „Droben am Firmament dieselbe Not“. Aber könnte man nicht genau hier, in der Übereinstimmung der persönlichen Verzweiflung mit dem übergreifenden, universalen Muster auch ein subtiles Aufgehobensein des eigenen Leides herauslesen? Wo die Sinnlosigkeit der eigenen Existenz die Sinnlosigkeit des Universums spiegelt, finden wir Nachgeborenen uns auf dem bekannten Terrain der Existenzphilosophie und des absurden Theaters. Doch die Würde des Sisyphos war zu Löns‘ Zeiten noch nicht erfunden. Man wird sich damit abfinden müssen, dass das Trostlose seiner letzten Notizen vor allem die Angst im Rufen des fliehenden Regenpfeifers spiegelt, sonst wohl nichts.

Jorge Semprun

Irgendwann in den Neunzigerjahren las ich zum ersten Mal „Was für ein schöner Sonntag!“, Sempruns Bericht über seine Gefangenschaft als politischer Häftling im Konzentrationslager Buchenwald von 1944 bis zur Befreiung 1945. (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1981) Das Buch erschüttert wie alle Holocaust-Bücher, aber es ist auch extrem spannend und gleichzeitig literarisch und philosophisch so ansprechend, dass ich es gern wieder und wieder zur Hand nehme. Eine von Sempruns Geschichten – seine Begegnung mit einer Buche – gewinnt emblematische Bedeutung. Ich habe sie in meinem „Bäume“-Buch nacherzählt und als Beleg für Sempruns damals zunehmende Distanz zum Stalinismus zu deuten versucht. (Bäume. Streifzüge durch eine unbekannte Welt. Hamburg: Rogner&Bernhard 2004, S. 55 – 63) Aber diese Geschichte handelt ja zuallererst von der tröstlichen und tröstenden Wirkung der Gegenwart des Baumes auf einen in seiner Existenz bedrohten Menschen.

Jorge Semprun in Montpellier am 23. Mai 2009. Er starb 2011 im Alter von 87 Jahren.
Foto: Wikimedia Commons

Semprun erzählt, wie er Ende Dezember 1944 den tief verschneiten Weg zwischen Mibau und Lager entlang geht. Er sieht die graue Rauchsäule vom Krematorium vor dem blassblauen Himmel und nimmt sie als Erinnerung an das ihm selbst wahrscheinlich bevorstehende Ende wahr. Da fällt sein Blick auf eine schöne Buche an der Böschung. Er stapft durch den frisch gefallenen Schnee hinauf zum Baum und berührt den Stamm mit seiner Hand.

„Ich berühre ihn. Dieser Baum ist keine Halluzination. Ich bleibe in der Sonne stehen und betrachte selig diesen Baum. Ich habe Lust zu lachen, ich lache. Das währt Jahrhunderte, einen Sekundenbruchteil. Ich lasse mich von der Schönheit dieses Baumes durchdringen. Von seiner heutigen verschneiten Schönheit. Aber auch von der Gewissheit seiner nahen strahlendgrünen unvermeidlichen Schönheit, die meinen Tod überlebt. Das ist das Glück, irgendein stechendes und heftiges Glück.“ (S. 175)

Nachdem er geschldert hat, wie er von einem SS-Mann überrascht, festgenommen und abgeführt wird, und wie er beim Verhör mit einer Verwarnung davonkommt, wendet er sich dem kostbaren Augenblick wieder zu, um die Dialektik von Tod und Leben herauszustellen: „Er selber würde vielleicht schon tot sein. Die Knospe würde hervorbrechen und die tiefe Wahrheit des Winters vollenden. Und er würde tot sein. Nein, nicht einmal tot: verflüchtigt. Er würde verschwunden, in Rauch aufgegangen sein, und die Knospe würde hervorbrechen, eine Kugel prall von Saft.“ (S. 394)

Und noch einmal dreht er das Juwel dieses Augenblicks in seinen Händen und entdeckt eine weitere Facette: „Einen kurzen Moment der Ewigkeit hatte ich diesen Baum mit dem Blick von jenseits des Todes, mit dem Blick meines eigenen Todes betrachtet. Und der Baum war immer noch genau so schön. Mein Tod entstellte nicht die Schönheit dieses Baumes.“ (ibid.)

Der Moment, den er festzuhalten und auszudeuten unternimmt, ist eher das Aufflammen einer Epiphanie als die warme Umarmung des Trosts. In seiner Vision erblickt er den Triumph des Lebens über den Tod angesichts der Knospe des Buchenzweiges mitten im Winter. Dass er den eigenen Tod denkt, dass er aus dem Schornstein des Krematoriums die eigene Existenz als Rauch aufsteigen sieht, vermehrt das Gewicht der weiter lebenden und anfassbaren Dinge, Knospe und Baum, und macht deren abstrakte Bezüge – Schönheit und Wahrheit – so konkret wie sie selber sind.

Jorge Semprun war damals 21, im Konzentrationslager der Willkür bösartiger Aufpasser ausgeliefert. Ende 1944 lag der Untergang des Hitlerreichs schon in der Luft, und alle erwarteten einen schrecklichen Untergang. Das Krematorium war in Betrieb. Vielleicht suchte der junge Häftling unbewusst nach einem Zeichen. Dass er, der Kosmopolit und Stadtbewohner, ausgerechnet von der Schönheit eines Baumes überwältigt werden sollte, ist vielleicht symptomatisch: Die Natur ist auf selbstverständliche Weise gegenwärtig. Die Chancen darauf, auch ganz am Ende des Weges den Sternhimmel sehen zu können oder einen Baum, stehen nicht schlecht.

Marie Luise Kaschnitz

Marie Luise Kaschnitz 1965. Foto: arsmondo-online.de

Klug und so distanziert wie sensibel schreibt Marie Luise Kaschnitz. Ich höre mich selber beim Lesen ihrer Tagebücher „genau!“ sagen, wenn sie das Gefühl der Erleichterung am Ende des Krieges beschreibt, oder ihre widersprüchlichen Eindrücke beim Besuch ihrer Schwester in der reichen Schweiz in jenen Jahren, und schlucke beim Lesen der Worte, die sie für ihre starke Liebe zum kranken Mann, zum fragilen Sohn findet. Und wie ungewohnt und radikal beschreibt sie ihre familiäre Beziehung zur organischen Gestalt des geliebten Parks!

Die Katastrophen und Kalamitäten ihres Lebens sind, anders als bei Löns, anders als bei Semprun, nicht plötzlich auftauchende Grenzerfahrungen des Seins, sondern Krankheiten und Verluste, die sich ins alltägliche Leben einnisten und den Tag allmählich zur Nacht verwandeln können. Wahrscheinlich eine Erfahrung, die viele kennen. Marie Luise Kaschnitz erinnert daran, dass selbst der Park den Malaisen des Lebens unterworfen ist und ähnlich zu leiden scheint wie wir Menschen, wie vor allem der Herbst offenbart, auch wenn sein Leiden der Art nach sich als eine ganz und gar andere Sache herausstellt als das unsere. Ihr mütterlicher Trost erscheint überraschend, eine Art Umkehrung des gleichen dialektischen Verhältnisses zur Natur, das Semprun angesichts der winterlichen Rotbuche formuliert hat. Ist also der Trost der Dichterin für ihren geliebten Park blosse Illusion? Vielleicht zahlt uns das Gegenüber der natürlichen Welt, der wir spontan unseren Trost zollen, eine Gabe in ganz ähnlicher Münze zurück. Und warum sollte dies nicht auch dann gelten, wenn es uns als psychologische Spiegelwirkung bewusst wäre: Einer der vielen Tricks, die wir erlernen, um uns über Wasser zu halten?

Ganz plötzlich ist der Park gestorben, streckt kahle Äste in den windigen Himmel, zeigt auf den Staudenbeeten graues Gestachel und Gewöll. Als ich vor kurzem, die letzten Rosen blühten noch, Ingeborg Bachmann den Park zeigte, da sieh doch, die alte Eibe, da sieh doch, die Kronenreiher, da sieh doch, die Wiese voll blauer Liegestühle, sagte sie grosszügig, man sollte dir den Park schenken, und ich antwortete erstaunt, aber es braucht ihn mir doch niemand zu schenken, er gehört mir doch, die wenigen Leute, die da umhergehen, würde ich ohnehin hereinlassen, er gehört mir. 

Er gehört mir auch heute in all seiner Schäbigkeit, ich kann ihn nicht verleugnen, obwohl ich ihm gern den Rücken zugedreht hätte, bis an den Weiden das erste junge Grün erscheint. Ich muss ihm beistehen wie einem Kranken. Die fahle Rasenhaut, die blinden Teiche, dass wir das jedes Jahr wieder erleben müssen, dieses jämmerliche Sterben, und nicht ausweichen können in die heissen Länder oder in lauter Stein und Asphalt. Weil er mir gehört, der Park, kann ich nicht ausweichen, muss bleiben, den ganzen November, Dezember und die Schneemonate, und auf ihn achtgeben und auf das wachsende Licht. Ja, das bilde ich mir ein, obwohl ich weiss, dass seine Krankheit eine zum Tode nicht ist, dass jetzt seine Knospen schon vorgebildet werden, während mich, seine Trösterin, vor dem endgültigen Untergehen niemand retten kann. 

Marie Luise Kaschnitz: Orte. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1973 (zitiert nach suhrkamp taschenbuch 2185 aus 1992), S. 240

Kein Ergebnis der Befragung, aber die klingende Einladung, der Melodie zuzuhören

„Trost der Natur“: Drei Zeugnisse kluger Menschen, die darüber Genaueres wissen könnten, belegen, dass jeder seine eigene Spielart findet. Schwierig, vielleicht sogar unmöglich, ein Muster herauszulesen, das für uns alle gilt. Es gibt so viele potentielle Muster, wie es Menschen gibt und Situationen: Beide wiederholen sich nicht. Ich stelle mir Menschen, die der Natur in ihren jeweils nur für sie gegebenen Situationen begegnen, glocken- und gläserartig vor, als eine Art einzigartiges Klangbild. Da gibt es eine Unzahl von Zwischentönen und Nuancen. Ich selbst vernehme immer wieder eine Art Blues. Aber ich bin nur ein Kind meiner Zeit, und neige deshalb dazu, auch aus Beethovens Violinkonzert Bluestöne herauszuhören.